hochkant|mini|Porphyrios von Gaza, Fresko in Moni Dionysiou, Athos, 16. Jahrhundert Porphyrios von Gaza (* um 347 in Thessaloniki; † 26. Februar 420 in Gaza) war seit 395 Bischof der Stadt Gaza und wird als Heiliger verehrt. Seine Vita beansprucht, von Porphyrios’ Diakon Marcus als Zeitgenossen verfasst zu sein; diese Vita Porphyrii wurde aber erst nach 450, eventuell auch erst im 6. Jahrhundert niedergeschrieben. Trotz dieser Einschränkung wird sie von einigen Historikern, beispielsweise Johannes Hahn, als Quelle dafür herangezogen, wie sich das Christentum im 4./5. Jahrhundert gegen ein vitales städtisches Heidentum durchsetzte. Timothy D. Barnes hingegen beurteilt die Vita als Fälschung, die Person des Porphyrios als fiktiv und den dargestellten Konflikt zwischen Heiden und Christen in Gaza als dem Zeitgeschmack der Ära Justinians entsprechend.

Biografie Gaza vor Ankunft des Porphyrios Gaza gehörte in der Spätantike zu den wichtigsten städtischen Zentren Palästinas mit einer Einwohnerzahl, die auf 25.000 bis 30.000 Personen geschätzt wird. Die römische Kolonie hatte das Gepräge einer griechischen Polis, in der aber Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund lebten: Syrer, Ägypter, Juden, Samaritaner und Italiker. Diese Einwohnerschaft war mehrheitlich heidnisch, und erst recht galt das für das von Gaza beherrschte Umland mit Landstädten und Dörfern. Maiuma, der florierende Hafen von Gaza, strebte im frühen 4. Jahrhundert seine Loslösung von Gaza an, und um dies zu unterstreichen, konvertierten zahlreiche Einwohner zum Christentum. Wie gewünscht, gewährte Konstantin der Große dem nunmehr christlichen Maiuma das Stadtrecht unter dem Namen Constantia. Für die heidnische Oberschicht von Gaza war das eine Provokation. Sie hatte wirtschaftliche Nachteile, da sie beim Handel in Maiuma Gebühren entrichten musste. Der Antagonismus Christen/Heiden hatte dadurch über das ganze 4. Jahrhundert im Raum Gaza auch wirtschaftliche, kulturelle und soziale Aspekte. In Gaza konnte das Christentum nur sehr schwer Fuß fassen. Die Restaurationspolitik Kaiser Julians wurde von Gazas Oberschicht aktiv unterstützt. Einzelne Christen wurden zur Zeit Julians gefoltert und ermordet. Aber das war kein spontanes Pogrom, sondern Rache an Personen, die in der Vergangenheit Sakrilegien gegen heidnische Kultstätten verübt hatten.Johannes Hahn: Gewalt und religiöser Konflikt. Berlin 2004, S. 193–197; Detlev Quintern: Gaza im oströmischen Reich. In: Mamoun Fansa, Karen Aydin (Hrsg.): Gaza, Brücke zwischen Kulturen. 6000 Jahre Geschichte. Begleitschrift zur Sonderausstellung des Landesmuseums Natur und Mensch Oldenburg vom 31. Januar bis zum 5. April 2010. Philipp von Zabern, Mainz 2010, S. 95–106, hier S. 95–96.

Amtsantritt des Porphyrios Die mit etwa 280 Mitgliedern kleine christliche Gemeinde konnte sich nach dem Tod ihres Bischofs nicht auf einen Nachfolger unter dem örtlichen Klerus einigen und wandte sich ungewöhnlicherweise an den Metropoliten in Caesarea Maritima mit der Bitte, einen Auswärtigen als Bischof von Gaza zu benennen. Die Wahl fiel auf Porphyrios, der aus Thessalonike stammte und keinerlei familiäre Verbindungen in die städtische Gesellschaft von Gaza hatte. Aber nicht nur deshalb schlug ihm bei seinem Amtsantritt 395 die Ablehnung der nichtchristlichen Mehrheitsgesellschaft entgegen. Porphyrios hatte etliche Jahre in Ägypten und am Jordan als Mönch verbracht – eine mit ihrer Askese für Heiden eher abstoßende Lebensweise. Dann hatte er in der kaiserlich geförderten kirchlichen Hierarchie Jerusalems Karriere gemacht und das Amt eines Staurophylax („Wächter des Heiligen Kreuzes“) erlangt. Mit Rückendeckung aus Caesarea und Jerusalem trat er sein Bischofsamt an.Johannes Hahn: Gewalt und religiöser Konflikt, Berlin 2004, S. 202–204.

Maßnahmen zur Stärkung der Ortskirche Die Reise des neuen Bischofs nach Gaza verlief der Vita zufolge kläglich. Da die Dörfer am Weg heidnisch geprägt waren, hatten die Bewohner sich verabredet und „den ganzen Weg mit Dornen und spitzen Pfählen bestreut, … auch Kot ausgestreut und andere übelriechende Dinge angezündet.“Marcus Diaconus, Vita Sancti Porphyrii 17.

Der Süden Palästinas wurde bei Porphyrios’ Amtsantritt gerade von einer Trockenheit heimgesucht. Der Haupttempel von Gaza, das Marneion, war der Gottheit Marnas geweiht, der auch als „Zeus, Herr des Regens“ verehrt wurde. Aufgrund eines von Marnas erteilten Orakelspruchs machten die Bewohner Gazas den neuen Bischof für die Trockenheit verantwortlich. Im Marneion wurden Opfer dargebracht und Liturgien gefeiert, um Marnas umzustimmen. Aber es regnete nicht.Gerard Mussies: Marnas God of Gaza, Berlin 1990, S. 2415 f.

Porphyrius fand eine wohl eher bescheidene Kirche und ein Bischofshaus in Gaza vor. Seine ersten Maßnahmen galten der Stärkung der kleinen und verunsicherten christlichen Gemeinde. Die Religionsausübung war kein Problem, wohl aber die Diskriminierung im sozialen und wirtschaftlichen Bereich. Als Organisator gelang es Porphyrios, den Zusammenhalt der Gemeinde zu stärken, indem er häufige und bisher nicht übliche liturgische Nachtwachen anberaumte. Mit aufwändigen Prozessionen zeigte sich die christliche Gemeinde auf seine Initiative hin im öffentlichen Raum, was von heidnischer Seite auf Missbilligung stieß.Johannes Hahn: Gewalt und religiöser Konflikt. Berlin 2004, S. 208 f. Auf Bitten seiner Gemeinde hin leitete Porphyrios eine Prozession zu den christlichen Märtyrergräbern außerhalb von Gaza, bei der um Regen gebetet wurde. Sobald die Prozession wieder am Stadttor von Gaza anlangte, setzte ein mehrtägiger Starkregen ein, heißt es in der Vita Porphyrii. Daraufhin sei eine Gruppe von Einwohnern zum Christentum konvertiert.Gerard Mussies: Marnas God of Gaza, Berlin 1990, S. 2416.

Porphyrios begann, wie ein mächtiger Patron Klienten an sich zu binden. Infolgedessen waren bald Konversionen zum Christentum zu vermelden, und die Gemeinde wuchs. Anscheinend gab es Christen, die so wohlhabend waren, dass sie für den Stadtrat in Betracht kamen. Als Quelle dieses Wohlstands vermutet Johannes Hahn den südlich von Gaza vor allem von Mönchen betriebenen Weinbau. Der Wein aus Gaza (Gazeticum) wurde reichsweit gewinnbringend verkauft, und diese Vermarktung nutzte möglicherweise klösterliche und kirchliche Kontakte.Johannes Hahn: Gewalt und religiöser Konflikt. Berlin 2004, S. 207 f.

Zerstörung heidnischer Tempel Im Jahr 398 war Johannes Chrysostomos Patriarch von Konstantinopel. Marcus, ein Diakon des Porphyrios, wurde bei ihm vorstellig mit der Bitte, die kaiserliche Unterstützung für die Zerstörung der heidnischen Tempel in Gaza zu erwirken. Den ersten Versuch in diese Richtung konnte die Oberschicht von Gaza noch ins Leere laufen lassen, indem sie den damit beauftragten kaiserlichen Beamten bestach. Johannes Hahn bemerkt: „Dies spiegelt die in Gaza ebenso wie an anderen Orten problematische Umsetzung religionspolitischer Direktiven der Zentrale wider, welche die Fortsetzung der heidnischen Kultpraxis an vielen Orten ermöglichte.“Johannes Hahn: Gewalt und religiöser Konflikt. Berlin 2004, S. 210. Dass die Zukunft des Marnaskultes in Gaza unsicher war, geht aus dem um 400 verfassten Brief des Hieronymus an Laeta hervor: „Marnas von Gaza trauert eingeschlossen und befürchtet ständig die Zerstörung des Tempels.“Hieronymus: Epistula 107, hier zitiert nach: Vita Sancti Porphyrii – Leben des heiligen Porphyrius, ed. Adelheid Hübner, Freiburg 2013, S. 48 f.

Einerseits führte die Initiative des Porphyrios der christlichen Gemeinde in Gaza neue Konvertiten zu, andererseits verstärkte sich die aggressive Haltung der nichtchristlichen Mehrheit. In dieser bedrängten Lage reiste Porphyrios mit seinem Metropoliten persönlich nach Konstantinopel. Diese Reise fand der Vita zufolge in den Jahren 400 bis 402 statt. Das Antichambrieren am Kaiserhof wird in der Heiligenvita anschaulich geschildert, wobei allerdings nicht mehr aufzuhellen ist, ob der Hagiograph spannend erzählen oder auf das Wissen eines Augenzeugen zurückgreifen konnte. Demnach war Kaiser Arcadius zunächst nicht gewillt, die heidnischen Kultstätten in Gaza zerstören zu lassen und die Christen zu privilegieren. Gaza sei zwar eine pagane Stadt, aber eine, die ihre Steuern zahle und ihm damit reiche Einnahmen beschere. Dass fiskalische Stabilität ein Hauptmotiv kaiserlicher Politik war, dem sich religiöse Interessen unterzuordnen hatten, ist plausibel.Johannes Hahn: Gewalt und religiöser Konflikt. Berlin 2004, S. 211; vgl. auch Christa Frateantonio: Das Erbe des antiken Pluralismus. In: Christian Augustin, Johannes Wienand, Christiane Winkler (Hrsg.): Religiöser Pluralismus und Toleranz in Europa. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, S. 28–40, hier S. 38: Arcadius wollte das mächtige Gaza nicht unnötig provozieren und Unruhen in der städtischen Bevölkerung vermeiden. Der Vita zufolge schlug er der Kaiserin, die Porphyrios Anliegen unterstützte, vor: „Wenn du einverstanden bist, werden wir sie nach und nach einschränken, indem wir den Götzenanbetern die … öffentlichen Ämter nehmen, und befehlen, dass sie ihre Tempel schließen und nicht mehr betreiben.“Marcus Diaconus, Vita Sancti Porphyrii 41.

Porphyrios’ Unterstützern gelang es schließlich doch, den Kaiser umzustimmen. Wenn auch ungern, beauftragte Arcadius einen hohen Hofbeamten mit der Zerstörung heidnischer Kultstätten in Gaza und gab ihm militärische Begleitung mit, um dies durchsetzen zu können. Die Provinzverwaltung der Palaestina prima wurde übergangen. Die Nachricht von diesem kaiserlichen Beschluss kam schneller in Gaza an als der Exekutivbeamte aus Konstantinopel mit seiner militärischen Begleitung. Der heidnische Stadtrat kapitulierte. Die mittlerweile recht zahlreichen Christen, unterstützt durch ihre Glaubensgenossen aus Maiuma, kontrollierten den öffentlichen Raum. Erste Kultbilder wurden zerstört, prominente Heiden bedroht. Als Porphyrios in Begleitung seines Metropoliten in Gaza eintraf, wurde das zu einer Prozession. Ein Teil der alten Eliten konvertierten zum Christentum; andere Familien der städtischen Aristokratie verließen Gaza und zogen in die benachbarten Landstädte. Dort, wie auch im südlichen Palästina insgesamt, war das Christentum noch kaum präsent.Johannes Hahn: Gewalt und religiöser Konflikt. Berlin 2004, S. 212.

Auf einer Straßenkreuzung in Gaza befand sich eine Statue der Aphrodite, vor der vor allem Frauen in der Hoffnung auf eine harmonische Ehe Votivlampen aufstellten und Weihrauch verbrannten. Andererseits hegten aber auch einige Einwohner einen Groll gegen Aphrodite, weil diese ihre Erwartungen enttäuscht hatte und ihre Ehe unglücklich war. Aphrodite war für den Verfasser der Vita die typisch heidnische Gottheit, die je nach Laune die Wünsche ihrer Verehrer mal erfüllte, mal durchkreuzte. Just als Porphyrios mit seiner Begleitung in Gaza einzog, zersprang (so die Vita) die Aphroditestatue in viele Teile und tötete zwei Zuschauer, die die christliche Prozession verspottet hatten. Dies wurde als Sieg von Christus über Aphrodite in einer Art Götterduell interpretiert.Hagith Sivan: Palestine in Late Antiquity. Oxford University Press, New York 2008, S. 333 f.