mini|Die Titanic in Southampton (Südengland) am 10. April 1912
Über die Titanic gibt es eine Vielzahl an Streitfragen, Irrtümer, Legenden und Verschwörungserzählungen. Der Transatlantikliner Titanic sank am 15. April 1912 im Nordatlantik und nahm über 1500 Menschen mit in den Tod. Sofort sah man in den Medien das große Interesse der Öffentlichkeit am Unglück, das auch heutzutage nicht völlig verschwunden ist.
Umstritten war schon kurz nach dem Untergang das Verhalten einzelner Personen wie der Offiziere der Titanic oder von Männern, die es trotz der Losung „Frauen und Kinder zuerst“ in die Rettungsboote geschafft haben. Man interessierte sich auch für technische Fragen wie das Auseinanderbrechen des Schiffes, das erst durch die Entdeckung des Wracks 1985 bestätigt werden konnte. Hinzu kommen Verschwörungserzählungen, denen zufolge zum Beispiel das Schiff mit Absicht versenkt worden sei.
Hintergründe Die Titanic war ein Schiff der britischen White Star Line, das im Mai 1911 in Belfast vom Stapel lief. Am 10. April 1912 begann ihre Jungfernfahrt in Southampton (Süd-England). Nach Zwischenstopps fuhr sie am 11. April in den Nordatlantik. Am 14. April um 23:40 Uhr stieß das Schiff mit einem Eisberg zusammen. Dadurch entstanden auf so unglückliche Weise Lecks, dass in fünf voneinander abtrennbare Abteilungen des Rumpfes Wasser eindrang. Bei nur vier Abteilungen hätte das Schiff, laut Plan, weiterschwimmen können. So aber führten die Lecks dazu, dass die Titanic innerhalb von zwei Stunden und vierzig Minuten sank.
In dieser Zeit wurden die Rettungsboote der Titanic zu Wasser gelassen; aus verschiedenen Gründen waren viele unterbesetzt. Außerdem funkten die Funker der Titanic Notrufe. Zu den Schiffen, die einen Notruf empfingen, gehörte die Carpathia, die sich sofort auf den Weg machte. Als sie am frühen Morgen die Unglücksstelle erreichte, war die Titanic längst gesunken. Die Carpathia brachte die Überlebenden aus den Rettungsbooten zum Zielhafen der Titanic, nach New York. Aufgrund der niedrigen Wassertemperatur des Nordatlantiks konnten nur die Passagiere das Unglück überleben, die es in ein Rettungsboot geschafft hatten. So wurden etwa 700 Menschen gerettet, während 1500 im eiskalten Wasser umkamen.
Über die Titanic gibt es eine große Menge an Sachliteratur, Bildern, Filmmaterial und fiktionalen Darstellungen. Sowohl in fiktionalen wie auch in nichtfiktionalen Werken finden sich neben sachlichen Fehlern oder Irrtümern der Autoren immer wieder auch sensationslüsterne Übertreibungen oder Legenden. Zudem änderte sich im Laufe der Zeit durch die Gewinnung neuer Forschungserkenntnisse auch die Faktenlage, so dass einige Literatur mittlerweile als überholt angesehen werden muss. Die Komplexität der zahlreichen verschiedenen Vorgänge im Rahmen des Unglücks bringt es zudem mit sich, dass einige strittige Fragen zum Untergang der Titanic bis heute nicht abschließend geklärt sind.
Eine Quelle für Fehler und Übertreibungen waren bereits die Zeitungsartikel, die unmittelbar nach dem Untergang entstanden. Sie beruhten teilweise auf Gerüchten oder der Fantasie von Überlebenden oder auch nur der Journalisten. Ein sehr offensichtliches Beispiel hierfür waren Schlagzeilen wie „No lives lost“ oder „All saved from Titanic“ wie sie unter anderem von der Detroit News oder der Evening Sun gedruckt wurden. Andere Irrtümer wurden von Romanen und Filmen (weiter) verbreitet.mini|alt=Titelseite der Zeitung “The Evening Sun” vom 15. April 1912, auf der fälschlicherweise von der Rettung aller Passagiere und des Abschleppens der beschädigten Titanic nach Halifax berichtet wird.|Titelseite der Zeitung “The Evening Sun” vom 15. April 1912, auf der fälschlicherweise von der Rettung aller Passagiere und des Abschleppens der beschädigten Titanic nach Halifax berichtet wird.
Auch historisches und nachträglich entstandenes Bildmaterial kann problematisch sein. Auf Zeichnungen wurde der Untergang oftmals besonders spektakulär dargestellt. In Fernsehdokumentationen werden oft andere Schiffe als die Titanic gezeigt: Manchmal handelt es sich um das Schwesterschiff Olympic, nicht selten aber um einen beliebigen anderen Dampfer mit vier Schornsteinen, zum Beispiel die Lusitania. Gerade Spielfilme können falsche Vorstellungen vermitteln, weil sie reale Ereignisse mit fiktionalen Elementen vermischen. Diese Mischung und auch die Unsicherheit mancher Erkenntnisse wird im Film nicht thematisiert und bleibt durch die Eindrücklichkeit des Mediums Film in der Erinnerung der Zuschauer.
Allgemeine Aussagen Größtes Schiff der Welt lang=de|hochkant=1.5|mini|Die Titanic, hier in dunkelblau, im Größenvergleich. Das große, graue Schiff im Hintergrund ist die Queen Mary 2.
Es ist durchaus korrekt zu sagen, dass die Titanic zu ihrer (kurzen) Zeit das größte Schiff der Welt war. Damit löste sie ihr Schwesterschiff ab, die Olympic aus dem Jahr 1911. Zwar waren beide Schiffe baugleich und daher gleich lang, breit und hoch. Jedoch war bei der Titanic das A-Promenadendeck nicht offen, sondern zur Hälfte verglast, und ein Bereich des B-Decks wurde mit größeren Kabinen versehen. Folglich war bei der Titanic etwas mehr Raum umbaut und das Gesamtgewicht etwas höher, so dass sie rechnerisch als das größere Schiff galt. Sie wirkte aber zum Beispiel aus der Ferne nicht größer als ihr Schwesterschiff. Nach dem Untergang der Titanic war dann die Olympic wieder das größte Schiff der Welt.
Die Größenangaben können sich je nach Quelle unterscheiden. Die Verdrängung (displacement) wird meist mit 53.310 Tonnen bei 34 Fuß angegeben, in manchen Werken aber auch mit 66.000 Tonnen. Dazu hätte man das Schiff aber exzessiv beladen müssen. Die Berechnung hängt sowieso von einigen Faktoren ab. In Sachen Verdrängung gab es keinen Unterschied zwischen Olympic und Titanic, wohl aber bei der gross registered tonnage, einem heute veralteten Maß. Dabei geht es um den umschlossenen Raum. Die Titanic (46.328,54 Tonnen) war wegen einiger Anpassungen um 1.004 Tonnen größer als die Olympic. Allerdings: Später wurde wiederum die Olympic verändert, so dass sie die bereits versunkene Titanic um 111 Tonnen übertraf. (Zum Vergleich der Stolz der Cunard-Linie: Lusitania 31.440,47 Tonnen, Mauretania 31.937,69 Tonnen.)Tad Fitch, J. Kent Layton, Bill Wormstedt: On a Sea of Glass. The Life & Loss of the RMS Titanic. Amberley, Stroud 2015, S. 283.
mini|Ein Vergleich aus dem Jahr 1912. Ganz oben sieht man die Imperator, damals das größte Schiff, und darunter die Olympic, das Schwesterschiff der Titanic. Als die Titanic in See stach, war bereits bekannt, dass die deutsche Imperator am 23. Mai 1912 vom Stapel laufen würde. Ein Jahr später nahm sie den Dienst auf und war dann das größte Schiff mit 52.117 Tonnen. Schon 1914 wurde sie von ihrem Schwesterschiff Vaterland abgelöst: Dieses Schiff hatte eine Tonnage von 59.956 Tonnen.
Heutzutage ist die Titanic weit von den größten Schiffen der Welt entfernt: Ein Kreuzfahrtschiff wie die Wonder of the Seas (von 2022) ist der Vermessung nach etwa fünfmal so groß wie die Titanic. In Bezug auf die Länge über alles übertrifft sie die Länge der Titanic (269 Meter) mit nochmals rund 100 Metern.
Größtes Schiffsunglück der Geschichte Beim Untergang der Titanic im April 1912 starben etwas mehr als 1500 Menschen – von etwa 2200, die sich an Bord befanden. Diese Zahlen werden zuweilen mit anderen Schiffsunglücken verglichen, zum Beispiel: 1822: Tek Sing, vermutlich 1600 Todesopfer April 1865, gegen Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs: Sultana, vermutlich 1167 Todesopfer bei einer Kesselexplosion 1904: General Slocum, 1021 Todesopfer September 1912: Kiche Maru, über tausend Todesopfer beim Sinken in einem Sturm. Von diesem Taifun waren hunderte Schiffe betroffen. Mai 1914: Empress of Ireland, 1012 Todesopfer, gesunken durch einen Zusammenstoß auf dem Sankt-Lorenz-Strom 1948: Kiang Ya, 2750 Todesopfer 20. Dezember 1987: Doña Paz, 4386 Todesopfer 26. September 2002: Le Joola, 1863 Todesopfer
Wesentlich mehr Menschen sind bei Schiffskatastrophen im Zweiten Weltkrieg umgekommen. Die Schiffe hatten Truppen transportiert oder Flüchtlinge aufgenommen. Zu erwähnen ist hier etwa das sowjetische Schiff Armenija, das am 7. November 1941 von deutschen Flugzeugen versenkt wurde (5000 bis 7000 Tote). Gegen Ende des Krieges starben unter anderem Flüchtlinge auf den deutschen Schiffen Wilhelm Gustloff (30. Januar 1945, bis zu 9300 Tote), Goya (16. April 1945, bis zu 7000 Tote), Cap Arcona, 3. Mai 1945 (bis zu 4500 Tote).
Gemessen an der Gesamtzahl der Toten oder an der Gesamtzahl der Menschen an Bord war der Untergang der Titanic also nicht die größte Schiffskatastrophe. Bei der Einschätzung und Einordnung werden oft zum Beispiel nur Katastrophen der zivilen Schiffsfahrt hinzugezogen. Passagierschiffe werden mit Blick auf mögliche Kollisionen oder das Auflaufen auf Grund gebaut. Gegen Explosivgeschosse wie Torpedos oder Bomben aus Flugzeugen sind sie jedoch weitgehend schutzlos. Der Untergang der Titanic war jedoch auch nicht die größte Schiffskatastrophe nur in Friedenszeiten oder etwa nur im 20. Jahrhundert. Bezieht man sich beispielsweise nur auf Passagiere und nicht auf Besatzungsmitglieder, dann sind beim Untergang der Empress of Ireland mehr Passagiere umgekommen als bei der Titanic.
Unsinkbarkeit In Darstellungen nach der Katastrophe wird oftmals betont, dass die Titanic als unsinkbar bezeichnet worden sei. Diese Bezeichnung wirkt wie ein starker Kontrast zur bekannten Tatsache, dass das Schiff schon auf der ersten Fahrt untergegangen ist. Das Wort wird daher auch mehr oder weniger ironisierend verwendet, etwa im Musical-Titel The Unsinkable Molly Brown über eine Überlebende. Die angebliche Behauptung von der Unsinkbarkeit passt in ein Bild, nach welchem die Eigner und Schiffsführer der Titanic sich hochmütig auf die Technik verlassen haben – so etwa im Titanic-Roman von Josef Pelz von Felinau.
Tatsächlich spielte eine angebliche Unsinkbarkeit in der offiziellen Werbung der White Star Line keine große Rolle. Dieser Ausdruck wurde nur zweimal in Artikeln über das Schiff verwendet. Eingeschränkt wurde die Aussage mit „praktisch“ oder „so weit wie möglich“.Richard Howells: The Myth of the Titanic. ISBN 0-333-72597-2. In Anzeigen oder in Gesprächen zwischen Personal und Passagieren mögen die Einschränkungen weggefallen sein. Aber es war damals durchaus normal, dass Schiffe als (praktisch) unsinkbar bezeichnet wurden. Das gilt auch für die Cunard-Schiffe Lusitania und Mauretania. Nach der Titanic-Katastrophe wurde die Olympic verbessert, und die Presse meinte, das Schiff habe die Unsinkbarkeit realisiert. Ähnlich wurde über das dritte Schwesterschiff gesprochen, die Britannic.Tad Fitch, J. Kent Layton, Bill Wormstedt: On a Sea of Glass. The Life & Loss of the RMS Titanic. Amberley, Stroud 2015, S. 284.
Unabhängig von Aussagen der Eigner oder der Schiffsführung galt ein Schiff wie die Titanic durchaus als sehr sicher. Das lag vor allem am System der Schotten, das heißt, der Unterteilung des Schiffes in voneinander getrennte Abschnitte. Der Glaube an die (praktische) Unsinkbarkeit der Titanic mag dazu beigetragen haben, dass manche Passagiere in der Unglücksnacht den Ernst der Lage nicht erkannten und es ablehnten, ein Rettungsboot zu besteigen. Außerdem hieß es in den ersten Berichten vom Unglück noch nicht, dass die Titanic gesunken sei, denn viele Journalisten und Zeitungsleser konnten das nicht glauben – vielleicht der „Unsinkbarkeit“ wegen.
Ausstattung des Schiffs Beim Bau verwendete Materialien Bei der Ermittlung möglicher Unglücksursachen standen auch Untersuchungen der beim Bau verwendeten Materialien im Mittelpunkt. Werkstoffkundliche Untersuchungen an geborgenem Stahl der Titanic zeigten eine bei der zum Kollisionszeitpunkt herrschenden Temperatur sehr geringe Zähigkeit. Diese Sprödigkeit des Materials könnte ein höheres Ausmaß des Schadens bewirkt haben, als es mit heutigen Werkstoffen eingetreten wäre.