mini|hochkant|Jenö Staehelin (2015) Jenö Charles Albert Staehelin (* 14. Januar 1940 in Basel) ist ein Schweizer Jurist und Diplomat.
Leben Staehelin wurde als Sohn von Charles Albert Staehelin (1899–1971) und der aus Debrecen in Ungarn stammenden Gabriella von Simon (1911–1996) geboren. Sein Vater war langjähriger Direktor und Mitglied des Geschäftsleitenden Ausschusses der J. R. Geigy AG. Jenö Staehelin hat eine ältere Schwester, Alexandra Nogawa-Staehelin (1938). Er besuchte das Humanistische Gymnasium am Münsterplatz in Basel und anschliessend das Lyceum Alpinum in Zuoz, wo er 1958 die Matura Typus B ablegte. Nach der Matura studierte er Rechtswissenschaften an der Universität Bern (1958–1962). Nach einem Kurs an der Faculté Internationale de Droit Comparé in Luxemburg studierte er am Institut des Hautes Études Internationales (1962/63). Es folgte eine Ausbildung an der Harvard Law School in Cambridge/USA (1964/65), die er mit dem Master of Law (LL.M.) abschloss. Im Anschluss absolvierte er eine Station in der Rechtsabteilung der UNO in New York. 1968 erwarb er mit der Dissertation über «Die gewohnheitsrechtliche Regelung der Gerichtsbarkeit über fremde Staaten im Völkerrecht: Versuch einer Reinterpretation der Praxis» den Doktortitel und das Patent als Zürcher Rechtsanwalt. Im Militär stieg er zum Kommandanten einer Festungseinheit auf.
Jenö Staehelin heiratete 1975 die Kulturanthropologin Irène M. Schindler (1945–2019).
Wirken Nach dem Eintritt in das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheit (EDA) in Bern 1969 absolvierte Staehelin Stationen in Bern, Stockholm und Genf (1969–1971). Danach arbeitete er bis 1976 als Mitarbeiter in der Völkerrechtsabteilung des EDA. In dieser Funktion nahm er unter anderem an den Verhandlungen über das Europäische Patentübereinkommen und die Errichtung des Europäischen Patentamts teil (1973).Jenö Staehelin Dodis - Diplomatische Dokumente der Schweiz. 1976/77 wirkte er als Botschaftssekretär an der Schweizer Delegation bei der OECD in Paris. 1977 wurde er zum Vizepräsidenten und Generaldirektor für Rechtsfragen, internationale Angelegenheiten und Öffentlichkeitsarbeit des neu errichteten Europäischen Patentamts (EPA) in München ernannt, wo er bis 1984 wirkte.
1984 entschied er sich zur Rückkehr ins EDA nach Bern. Er wurde zum Minister und Vizedirektor der Direktion für internationale Organisationen ernannt. 1986 wirkte er in der Kampagne zum vorgeschlagenen, aber vom Schweizer Volk abgelehnten UNO-Beitritt der Schweiz mit. Ebenfalls 1986 folgte seine Ernennung zum Leiter einer Arbeitsgruppe, die vom Bundesrat beauftragt worden war, die Schweizer Politik gegenüber Südafrika zu überdenken. Die von der Arbeitsgruppe als Ersatz für Sanktionen vorgeschlagenen sogenannten «positive Massnahmen» wurden anschliessend umgesetzt.
Staehelin war von 1987 bis 1993 als Botschafter und Chef der Politischen Abteilung I im EDA für Europa (inklusive damalige Sowjetunion) und Nordamerika zuständig. Als Reaktion auf die Umwälzungen in Mittel- und Osteuropa arbeitete er, zusammen mit Botschafter Silvio Arioli vom Bundesamt für Aussenwirtschaft ein von der Bundesversammlung gebilligtes Hilfspaket für Polen, die Tschechoslowakei und Ungarn (1990) sowie einen zweiten Rahmenkredit ausgedehnt auf Albanien, Bulgarien, Kroatien, Slowenien und die baltischen Staaten (1992) und schliesslich ein auf die Nachfolgestaaten der Sowjetunion erweitertes drittes Hilfspaket (1993) aus. 1991 leitete Staehelin eine in die baltischen Staaten entsandte Delegation zur Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und den neu wieder unabhängig gewordenen Staaten Estland, Lettland und Litauen. Der Bundesrat ernannte ihn 1991 zum ersten Schweizer Vertreter beim Heiligen Stuhl im Vatikan in der Funktion eines Botschafters in Sondermission mit Sitz in Bern.Jenö Staehelin; Ernennung einer Sondermission zum Heiligen Stuhl dodis, abgerufen am 27. Oktober 2023 Seine Funktion in Bern als Chef der PA I behielt er. Von 1993 bis 1997 wirkte er als Schweizer Botschafter in Japan und ab 1997 als Botschafter bei der UNO in New York.Ambassador Jenö Staehelin to Receive Commitment to the Institute and Alumni Association Award, Geneva Graduate Institute, abgerufen am 27. Oktober 2023 1998/1999 amtete er parallel als Vorsitzender der Humanitarian Liaison Working Group (HLWG) und 2003/2004 als Präsident der Verwaltungsrat des Kinderhilfsfonds der Vereinten Nationen UNICEF vor. 2004/2005 war er Vorsitzer der Mine Action Support Group (MASG). In dieser Funktion leitete er eine Mission nach Angola zur Förderung von Opferhilfe und Minenräumung.
2004 ernannte ihn die damalige Vorsteherin des EDA, Bundesrätin Micheline Calmy-Rey zu ihrem Sonderberater. In dieser Funktion wurde er beauftragt, ein der Schweiz von der UN-Generalversammlung übertragenes Mandat umzusetzen (2004/2005), das sich auf den Bau der Sperranlage entlang der Grenzlinie zwischen Israel und dem Westjordanland bezog. Parallel dazu war Staehelin Generalkommissar der Schweiz für die Weltausstellung in Aichi (Japan) 2005.
Verwaltungsrats- und Stiftungsratsmandate 1980 wurde Staehelin in den Verwaltungsrat der Schindler Holding AG in Hergiswil gewählt, dem er bis 2010 angehörte.Staehelin-Schindler, Jenö C. A. Élites suisses, abgerufen am 30. Oktober 2023 Von 2006 bis 2011 war er Mitglied des Stiftungsrates des Center for Humanitarian Dialogue (HD) in Genf.Advancing Development Goals: International Competition on Women Empowerment, Geneva Graduate Institute, abgerufen am 27. Oktober 2023 2011 amtete er als «Acting President». Von 1997 bis 2010 war er Mitglied des Beratergremiums des Dekans der Harvard Law School in Cambridge/USA. Der International Peace Academy / International Peace Institute in New York diente er ab 2000 während sechs Jahren als Vorstandsmitglied. 2005 erfolgte die Wahl zum Mitglied des Stiftungsrats des Institut Universitaire de Hautes Études Internationales (IUHEI) in Genf. In dieser Funktion wirkte er bei der Fusion des IUHEI mit dem Institut Universitaire d’Études du Developpement (IUED) zum Institut de Hautes Études Internationales et du Developpement (Geneva Graduate Institute) mit. Von 2006 bis 2010 war er Mitglied des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Genf und nahm an Missionen im Sudan (Darfur), Süd-Sudan, Ex-Jugoslawien und Ungarn teil. 2009/2010 sass er im Ausschuss des IKRK. Von 2007 bis 2019 gehörte Staehelin zudem dem Stiftungsrat der Kofi Annan Foundation an, die er nach dem Tod von Kofi Annan 2018/2019 interimistisch präsidierte.Members of the Board Kofi Annan Foundation, abgerufen am 27. Oktober 2023 Von 2008 bis 2018, ab 2009 als Präsident gehörte Staehelin zum Stiftungsrat der Teleki Téka Förderstiftung, die die Erhaltung und Förderung gleichnamigen Bibliothek in Târgu Mureș fördert. Ab 2011 war er als Schweizer Dekan des Mercator Fellowships on International Affairs, Schweiz/Deutschland tätig. In dieser Funktion wirkte er bis 2016 zusammen mit seinem Kollegen, Alt-Staatssekretär Klaus Scharioth, als Mentor von Mercator-Stipendiaten. 2020 wurde Staehelin in den Stiftungsrat der Ubuntu Stiftung Schweiz gewähltUbuntu Stiftung, abgerufen am 27. Oktober 2023 welche das Museum und Forschungszentrum «!Khwa ttu» in Südafrika betreibt.
Persönliche Initiativen 2006 errichtete Staehelin die Dr. Jenö Staehelin Stiftung.Dr. Jenö Staehelin Stiftung business-monitor.ch, abgerufen am 27. Oktober 2023 2014 gründete und lancierte er die Stiftung «The Geneva Challenge», einen weltweiten Studentenwettbewerb zur Sensibilisierung und Unterstützung der von der UNO definierten 17 globalen Entwicklungszielen. Der jährliche Wettbewerb wird in Zusammenarbeit mit dem Graduate Institute in Genf durchgeführt. 2021 lancierte er die Stiftung das «Kofi Annan Changemaker Programm» zur Förderung des Dialoges zwischen den Generationen.
Ehrungen 2001: Harvard Law School Association Distinguished Achievement Award.Staehelin and Redstone Receive HLSA Awards, Havard Law Today, l. Oktober 2001, abgerufen am 27. Oktober 2023 2019: Commitment to the Institute and Alumni Association Award.Ambassador Jenö Staehelin to Receive Commitment to the Institute and Alumni Association Award, Geneva Graduate Institute, abgerufen am 27. Oktober 2023
Publikationen Die gewohnheitsrechtliche Regelung der Gerichtsbarkeit über fremde Staaten im Völkerrecht. Versuch einer Reinterpretation der Praxis. Dissertation an der Juristischen Fakultät der Universität Bern. Bern 1969. Verhandlungsstil und Verhandlungstaktik als Problem interkultureller Verständigung. In: Mario Corti (Hrsg.): Diplomatische Negoziation. Festschrift zum 60. Geburtstag von Staatssekretär Franz Blankart. Bern 1996. Carl Bohny: Ein Basler prägt die Bewegung. Das Rote Kreuz im Ersten Weltkrieg. In: Schweizerisches Rotes Kreuz Basel-Stadt (Hrsg.): Die Basler und das Rote Kreuz – 125 Jahre SRK Basel. Basel 2013. Gute Dienste (2001). In: Max Schweizer (Hrsg.): Diplomatenleben. Akteure, Schauplätze, Zwischenrufe. Ein Lesebuch. Zürich 2014.
Weblinks
Jenö Staehelin Dodis – Diplomatische Dokumente der Schweiz A Conversaion with Jenö Staehelin. Interview. In: Harvard Law Bulletin vom 12. Juli 2001. Ein ungleiches Geschwisterpaar. In: Neue Zürcher Zeitung vom 18. August 2002. Gespräch mit dem Vetter: «Ich fühlte mich in eine Schablone gepresst». In: Aargauer Zeitung vom 27. Dezember 2012. «Ein Sitz im Sicherheitsrat ist riskant für die Schweiz». Interview mit Jenö Staehelin. In: Neue Zürcher Zeitung vom 18. September 2020. Luzi Bernet: Auch Umwege führen nach Rom. In: Neue Zürcher Zeitung vom 6. Mai 2022.
Einzelnachweise
Kategorie:Schweizer Botschafter beim Heiligen Stuhl Kategorie:Schweizer Botschafter in Japan Kategorie:Person (Internationales Komitee vom Roten Kreuz) Kategorie:Absolvent der Harvard University Kategorie:Jurist Kategorie:Schweizer Kategorie:Geboren 1940 Kategorie:Mann