Die Rabenvögel – in der Vogelkunde auch oft (nach zoologischer Nomenklatur, lateinisch) oder (in der Mehrzahl, lediglich mit eingedeutschter Endung) Corviden genannt – sind eine Familie der Vögel aus der Ordnung der Sperlingsvögel (Passeriformes). Sie umfassen rund 135 lebende Arten in 25 Gattungen. Rabenvögel sind mittelgroße bis sehr große Singvögel mit meist kräftigem Schnabel und robustem Körperbau, die im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte eine Vielzahl verschiedener Lebensräume besiedelt haben und – mit Ausnahme des südlichen Südamerika und der Antarktis – weltweit verbreitet sind.
In ihrer Ernährung sind Rabenvögel sehr vielseitig und fressen – je nach Verfügbarkeit – Früchte, Samen, Insekten, Weichtiere, kleinere Wirbeltiere oder auch Aas, wobei die meiste Nahrung auf dem Boden aufgenommen wird. Fast alle Arten legen Vorräte an, in denen sie überzähliges Futter verstecken und für später aufbewahren. Rabenvögel zeigen stark soziales Verhalten und im Vergleich mit fast allen anderen Vögeln überdurchschnittlich hohe kognitive Fähigkeiten. Einige Arten, allen voran die Raben und Krähen, sind ausgeprägte Kulturfolger und konnten sich erfolgreich in vom Menschen geschaffenen Lebensräumen etablieren. Die Intelligenz und Sprachbegabung der Rabenvögel, aber auch ihre Eigenschaft als Aas- und Erntevertilger führte zu einer ambivalenten Rolle in vielen Kulturen weltweit: Einerseits wurden ihnen Weisheit, biblisches Alter und Gewitztheit unterstellt, andererseits wurden sie als angebliche Unheilsbringer und Schädlinge verfolgt.
Merkmale
Körperbau und Physiologie mini|Der größte Rabenvogel neben einem der kleinsten: Kolkrabe () und Meisenhäher () im Größenvergleich (Zeichnung von Louis Agassiz Fuertes)|alt=Farbige Illustration zweier Vögel von Louis Agassiz Fuertes
Rabenvögel sind in der Regel sehr robust gebaut und gehören zu den größeren unter den Singvögeln. Innerhalb der Familie gibt es aber eine große Vielfalt an Formen und Größen. Der kleinste Rabenvogel ist der rund 40 g schwere und 20–23 cm große Zwerghäher (Cyanolyca nanus), die beiden größten Vertreter sind der Erzrabe () und der Kolkrabe (), die jeweils eine Körperlänge zwischen 60 und 70 cm aufweisen können und für die Körpergewichte von 1,5 kg festgestellt wurden. Beide Arten sind damit nicht nur die größten innerhalb ihrer Familie, sondern auch die größten Sperlingsvögel überhaupt. Ein ausgeprägter Geschlechtsdimorphismus in der Größe existiert bei keinem Vertreter der Familie. Zwar sind Weibchen einer Art meist etwas kleiner als die Männchen, zwischen weiblichen und männlichen Körpermaßen gibt es jedoch stets eine Überschneidung. Rabenvögel verfügen über kräftige Beine mit langem Laufknochen. Arten, die sich hauptsächlich am Boden bewegen, haben tendenziell längere Beine als vorwiegende Baumbewohner. Die Vorderseite ihrer Beine ist – außer bei den Bergkrähen (Pyrrhocorax) – getäfelt, das heißt mit breiten, rechteckigen Hornschuppen bedeckt; die Rückseite hat dagegen eine glatte Oberfläche.
mini|links|Beine einer Nebelkrähe () mit charakteristischer Täfelung|alt=Detailfotografie zweier Vogelbeine Bei vielen Arten der Familie sind die Nickhäute der Augen oder die Iris auffällig hell gefärbt und dienen im Sozialverhalten der Kommunikation, etwa um Aggression auszudrücken. Die Schnäbel der einzelnen Rabenvogelarten weisen eine große Formenvielfalt auf. Einige Vertreter wie die Saxaulhäher () oder die Alpenkrähe (Pyrrhocorax pyrrhocorax) besitzen lange, schlanke und gebogene Schnäbel, mit denen sie im Boden nach Insekten stochern. Die frugivoren Baumelstern (Dendrocitta) hingegen verfügen über relativ kurze und sehr kräftige Schnäbel. Unter den Raben und Krähen wiederum haben viele Arten sehr lange und hoch gewölbte Schnäbel entwickelt, unter denen der des Erzraben mit Abstand der größte ist. Auch innerhalb einer Art kann sich die Schnabelform deutlich unterscheiden: Haselnüsse fressende europäische Tannenhäher (Nucifraga caryocatactes) weisen kürzere und kräftigere Schnäbel als sibirische Populationen auf, die fast ausschließlich von Fichtensamen leben und lange, dünne Schnäbel haben. Die Schnäbel der meisten Arten bewegen sich aber zwischen diesen Extremen. Sie sind kräftig, länglich, relativ gerade und eher unspezialisiert. Ihre Farbe bewegt sich zwischen schwärzlich-grauen Tönen und kräftigen Gelb- und Rottönen. Der Schnabelfirst ist leicht gekrümmt und endet in einer Hakenspitze, ähnlich der der Würger, aber meist weniger stark ausgeprägt. In der Schnabelfarbe gibt es meist keinen Unterschied zwischen Jung- und Altvögeln. Bei den Arten, bei denen ein solcher Unterschied auftritt, haben die Jungvögel hellere Schnäbel als die geschlechtsreifen Altvögel, die dann dunkelgraue Schnäbel zeigen.
mini|Schädel einer Rabenkrähe (): In der Seitenansicht sind die Wölbung des Vorderschädels, der breite postorbitale Fortsatz über der Augenhöhle und der große Hirnschädelraum zu erkennen.|alt=Seitenansicht eines gebleichten Vogelschädels In Anpassung an ihre Ernährungsweise sind die oberen Verdauungstrakte – also Schnabel, Kehle und Hals – vieler Rabenvögel so geformt, dass sie die Zwischenlagerung von Nahrung ermöglichen. Tannenhäher besitzen beispielsweise einen sublingualen, die Echten Elstern () einen antelingualen Kehlsack, in dem sie Nüsse und Samen sammeln. Die Speiseröhren der Gattungen Gymnorhinus und Cyanolyca sind stark erweiterbar, sodass sie Platz für eine große Menge an Samen bieten.
Aufgrund der unterschiedlichen Ernährungsgewohnheiten innerhalb der Familie sind die Mägen der Corvidae-Arten untereinander sehr verschieden. Fleischfresser wie der Kolkrabe und Beerenfresser wie die Bergkrähen haben typische Weichfressermägen. Samenfresser wie die Unglückshäher (Perisoreus) und Allesfresser wie die europäischen Krähen der Gattung besitzen hingegen Körnerfressermägen mit starker Bemuskelung. Auch innerhalb dieser letzten Gruppe kann die Form des Magens stark variieren. So hat der Eichelhäher (Garrulus glandarius) in Anpassung an seine proteinarme Nahrung einen großen, eher schwach bemuskelten Magen. Der nahe verwandte und sympatrische Tannenhäher hingegen hat einen sehr kleinen, stark bemuskelten Magen, der zur Verdauung harter, proteinreicher Kiefernsamen dient. Der Brutfleck ist nur bei weiblichen Rabenvögeln ausgebildet. Einzige Ausnahme sind die Nussknacker, bei denen sich beide Geschlechter beim Brüten abwechseln.
Die Rabenvögel haben auch eine Reihe osteologischer Merkmale gemein: Der Oberarmknochen hat eine einzige Fossa. Der Vorderschädel ist deutlich gewölbt. Seine Seitenflächen werden von einfachen Jochbeinfortsätzen und breiten postorbitalen Fortsätzen eingegrenzt; der Gaumen ist weit gespalten. Dem mittelgroßen Siebbein steht ein großes Tränenbein gegenüber. Beide sind längsseitig an das Stirnbein angewachsen und bilden so ein langes, spaltartiges Foramen. Die Stirn und die Scheidewand zwischen den Augenhöhlen sind stark verknöchert. Der Hirnschädelraum und damit die Hirnmasse ist in Relation zu den restlichen Körpermaßen größer als bei den meisten anderen Vögeln. Er übertrifft auch viele andere Sperlingsvögel, obwohl die Arten dieser Ordnung ohnehin schon sehr große Gehirne besitzen. Die Hälften des Kleinhirns der Rabenvögel sind die größten unter allen lebenden Vögeln.
Gefieder mini|Wie bei der Wanderbaumelster () werden die Nasenlöcher der meisten Rabenvögel von dichten Federbüscheln bedeckt|alt=Portraitfoto einer Wanderelster
Rabenvögel zeichnen sich im Hinblick auf ihr Gefieder durch einige Gemeinsamkeiten aus. Der gesamte Körper mit Ausnahme des Schnabels und der Beine vom Laufknochen abwärts ist befiedert. Nur bei einigen Arten der Raben und Krähen, dem Akazienhäher (Zavattariornis stresemanni) und der Gelbschnabelelster (Pica nuttali) sind auch kleine Teile des Gesichts unbefiedert. Ein typisches Merkmal der Familie sind die Nasalfedern, die den Oberschnabel bedecken. Sie sind unter den Arten der Corvidae und oft auch innerhalb einer Gattung unterschiedlich stark ausgeprägt. So bedecken sie beim Weißhalsraben (Corvus cryptoleucus) mehr als die Hälfte des Schnabels, während die nahe verwandte Saatkrähe (Corvus frugilegus) im Alterskleid überhaupt keine Schnabelbefiederung mehr aufweist. Das teilweise oder vollständige Fehlen der Nasalfedern bei einigen Arten ist in der Regel auf eine Anpassung an den Nahrungserwerb zurückzuführen. Wenn der Schnabel etwa tief in Nadelbaumzapfen gesteckt werden muss, würden die Federn sonst zerzaust oder beschädigt. Auch moderat entwickelte Schnabelborsten sind bei den Rabenvögeln vorhanden.
mini|Ein fliegender Weißkehl-Elsternhäher (Cyanocorax formosus). Er zeigt mit einem gerundeten Handflügel aus zehn Handschwingen und einem Remicle sowie zwölf Steuerfedern die typische Großgefiederstruktur der Familie.|alt=Fotografie eines fliegenden Langschwanzhähers von unten
Die Schwanz- und Schwungfedern der Familie sind sehr steif. In der Regel haben alle Arten moderat gerundete, tief gefingerte Flügel mit zehn Handschwingen. Die äußerste Schwungfeder ist leicht zurückgebildet, einige Gruppen besitzen zusätzlich zu den eigentlichen Handschwingen auch ein Remicle. Üblich für den Schwanz der Rabenvögel sind zwölf Steuerfedern. Ausnahmen bilden der Piapia (Ptilostomus afer) und die Rakettschwanzelstern (Crypsirina) mit lediglich zehn Steuerfedern. Der Schwanz ist bei Arten, die offene Lebensräume bewohnen, meist eher kurz und gerundet; bei Baum- und Gestrüppbewohnern kann er dagegen sehr lang und gestuft ausfallen. Das mittlere Steuerfederpaar überragt die restlichen Schwanzfedern dann meist deutlich.
mini|links|Obwohl der Eichelhäher () grundsätzlich eher unauffällig gefärbt ist, besitzt er mit seinen blauen Arm- und Handdecken ein markantes Gefiedermerkmal. Solche Muster dienen bei den Rabenvögeln der gemäßigten Breiten häufig als soziales Signal oder aber der Tarnung, indem sie die Umrisse eines Vogels im Dickicht auflösen.|alt=Foto eines Eichelhähers Auch in der Gefiederfärbung unterscheiden sich Rabenvögel dichter Tropenwälder von den Arten der offenen und halboffenen Landschaften in gemäßigten Breiten. Erstere sind oft sehr bunt in Rot-, Grün- und Blautönen gefärbt, während das Gefieder letzterer eher unauffällig grau, braun oder schwarz gehalten ist. Viele Arten der gemäßigten Breiten besitzen dennoch kleinere Gefiederpartien mit auffälligen Mustern, denen eine Signalwirkung zugeschrieben wird. Sie sind oft nur von Nahem oder im Sonnenlicht zu erkennen oder wirken wie Lichtstrahlen, die durchs Geäst fallen, weil der Rest des Vogelkörpers mit der Umgebung verschmilzt. Neben ihrer sozialen Funktion erfüllen sie damit oft auch eine tarnende Wirkung. Beispiele für solche Gefiederzeichnungen zeigen etwa der Eichelhäher (Garrulus glandarius) mit leuchtend blauen Flügelabzeichen oder der Unglückshäher (Perisoreus infaustus) mit rötlichen Steuerfedern und Flügelbasen. Einen besonderen Fall stellen bei der Färbung die Neuwelthäher dar. Sie besitzen fast alle größere oder kleinere, intensiv gefärbte Blauanteile im Gefieder. Dabei handelt es sich wohl um ein ursprüngliches Merkmal ihres gemeinsamen Vorfahren, das auch die Arten in borealen und gemäßigten Zonen seitdem nicht verloren haben.