mini|hochkant|Titelblatt der Erstauflage

Aufgaben für Schachspieler nebst ihren Lösungen ist eine Sammlung von Schachkompositionen des deutschen Schachspielers Adolf Anderssen, die dieser in zwei Auflagen 1842 und 1852 herausbrachte. Es ist eine der ersten Sammlungen moderner Schachkompositionen, die nicht mehr dem klassischen Stil von Philipp Stamma folgen.

Vorgeschichte

Bereits 1832 war ein Buch mit dem Titel Aufgaben für Schachspieler nebst Auflösungen erschienen. Autor war Julius Mendheim, einer der bekanntesten deutschen Schachspieler dieser Zeit. Hier waren die Schachaufgaben noch bunt gemischt: Es überwogen schon direkte Schachprobleme im heute üblichen Sinn, also mit der Forderung „Weiß setzt in 2, 3, n Zügen matt“ als kürzestem Weg zum Sieg, aber es gab auch sogenannte Bedingungsaufgaben mit zusätzlichen Restriktionen, etwa dass Weiß mit einer bestimmten Figur mattsetzen müsse, ohne eine schwarze Figur zu schlagen, Aufgaben, die heute als Studien bezeichnet würden (Weiß gewinnt oder hält remis), und partienahe Endspielübungen (etwa: „Der Weiße soll in wenigen Zügen die Partie für sich entscheiden“).Julius Mendheim: Aufgaben für Schachspieler nebst Auflösungen. Als Fortsetzung des Taschenbuchs für Schachfreunde. T. Trautwein, Berlin 1832. Vgl. dazu Johannes Kohtz: Stamma und seine Nachfolger (1737–1845). In: Paul Rudolf von Bilguer (Hrsg.): Handbuch des Schachspiels. 8. Auflage. Veit & Comp., Leipzig 1916, S. 77–85, hier: S. 82.

Als der 24-jährige Adolf Anderssen 1842 seine Sammlung gleichen Haupttitels veröffentlichte, war er noch ein relativ unbekannter Schachspieler aus der deutschen Provinz, nämlich in Breslau. Sein Ruhm als Partiespieler etablierte sich erst neun Jahre später mit seinem Sieg im Schachturnier zu London 1851. Mit der stark patriotisch gefärbten Begeisterung für Anderssen ab 1851 geriet weitgehend in Vergessenheit, dass er zuerst, und dies recht erfolgreich, als Schachkomponist an eine größere Öffentlichkeit getreten war.Johannes Kohtz, Carl Kockelkorn: Das Indische Problem. Eine Schachstudie. Stein, Berlin 1903, S. 26.

Die erste Auflage

Anderssens Sammlung erschien zuerst 1842 in dem Breslauer Verlag J. Urban Kern. Sie enthält 60 Schachprobleme, die ein Matt in drei bis neun Zügen fordern. Es handelt sich fast durchweg um direkte Mattprobleme, wie sie auch heute üblich sind, mit einer einzigen Ausnahme (in dieser wird ein Matt mit dem Bauern gefordert). Die Ausgangsstellungen sind nicht durch Diagramme repräsentiert, sondern in algebraischer Notation aufgeführt. Auf den rechten Seiten des Buchs finden sich die Kompositionen, auf den folgenden linken jeweils die Lösungen.

Eine Besonderheit dieser Auflage ist Anderssens Vorrede. Sie zeigt, dass die Schachregeln damals noch nicht bis ins Detail festgeschrieben waren: Anderssen verweigerte sich der in England und Frankreich geltenden und später international anerkannten Regel, dass Bauern auch in Figuren umgewandelt werden durften, die noch nicht geschlagen worden waren, sodass eine Partei nach der Bauernumwandlung etwa zwei Damen oder drei Türme haben kann.Siehe etwa Conrad von Orelli: Leichtfassliche Anleitung zum Schachspiele in stufenweise fortschreitenden Abteilungen. Höhr, Zürich 1852, S. 8–9. Orelli stellt den Stand der Diskussion sowie die Gegenstimmen dar, unter anderem die Anderssens. Ähnlich J. H. Murray, History of Chess, 1913, S. 1314f.: „In 1842, Adolf Anderssen was still arguing against the plurality of queens in his Aufgaben für Schachspieler. It was owing to Karl Schorn that Bledow and the Berliner Schachgesellschaft, and as a result all Germany, finally abandoned the restrictions for free pawn promotion.“ Er meinte, dies sei in Deutschland nicht üblich und „überhaupt mit den positiven Grundbestimmungen des Schachspiels unvereinbar“, diese „Anomalie“ sei daher bei seinen Schachaufgaben nicht zu berücksichtigen. Für einige der in der Sammlung enthaltenen Probleme hatte das zur Konsequenz, dass sie als inkorrekt angesehen wurden. 1852 war diese Frage auch in Deutschland geklärt, und zwar nicht in Anderssens Sinn. Er nahm die Aufgaben auch nicht mehr in die zweite Auflage auf.

Ein Beispiel:

Lösung:

Hier wäre ein triviales vierzügiges Matt möglich, wenn man die geltenden Schachregeln zugrunde legt:

1. h8D+ Ke7 2. De8+ Kd6 3. Dd7+ Kc5 4. Dc6 matt. Doch zufolge Anderssens Interpretation, die in Deutschland damals noch ziemlich geläufig war, kann sich Weiß keine neue Dame holen, solange die alte noch auf dem Brett ist. Also muss man die zuerst loswerden.

1. Df1–f6! droht doppelt 2. Dd6 matt und 2. h8T matt. Auf 1. … Lxh7 folgt 2. Dd6+ Kg8 3. Db8+ Dd8 4. Dxd8 matt. Also 1. … g7xf6, aber nun ist die Dame vom Brett und eine neue kann erstehen: 2. h7-h8D+ Kf8–e7 3. Dh8–e8+ Ke7–d6 4. De8–d7+ Kd6–c5 5. Dd7–c6 matt.

Nach dem Damenopfer erfüllt der schwarze Bauer f6 als Blockstein denselben Zweck wie zuvor die weiße Dame: Er verhindert die Flucht des Königs über f6.

Nach den damals bereits in England und Frankreich unumstrittenen und bald auch in Deutschland anerkannten Regeln war das Problem damit inkorrekt, weil es unter diesen Bedingungen bereits in vier Zügen lösbar ist. Für die englische Übersetzung fügte R. Kuiper daher einen schwarzen Springer f6 ein, der auf 1. h8D+ Sg8! ermöglicht. Damit lässt sich der Schlüsselzug 1. Dxf6 motivieren, alles Weitere kann bleiben.

Die Sammlung war international erfolgreich. Eine Reihe von Problemen wurde in den führenden englischen und französischen Schachzeitschriften nachgedruckt, so in Howard Stauntons The Chess Player’s Chronicle und in Pierre Saint-Amants Le Palamède. In Deutschland erschienen ebenfalls Nachdrucke, unter anderem in der Berliner Schachzeitung und in der Leipziger Illustrirten Zeitung, ebenso in Polen (Gazeta codzienna) und den USA (Spirit of the Times). 1845 brachte R. Kuiper eine englische Fassung heraus, die in der im englischen Sprachraum üblichen beschreibenden Notation abgefasst war; er vermehrte die „60 gefeierten Positionen Anderssens“ (sixty celebrated positions of Anderssen) um 60 weitere, von ihm selbst stammende Probleme.Johannes Kohtz, Carl Kockelkorn: Das Indische Problem. Eine Schachstudie. Stein, Berlin 1903, S. 26; vgl. auch die Angaben auf dem PDB-Server.

Die zweite Auflage

Zehn Jahre nach der ersten Auflage, 1852, brachte Anderssen eine Neuauflage heraus, die, wie der Titel verriet, „gänzlich umgearbeitet“ war. Sie erschien wiederum bei J. Urban Kern in Breslau. Zwar enthielt sie ebenfalls 60 Probleme, doch Anderssen wechselte etwa ein Drittel der Kompositionen aus, änderte die Reihenfolge und korrigierte eine Reihe weiterer Probleme gegenüber der ersten Auflage.Laut Eduard Mazel waren 19 Probleme neu, 16 verändert und nur 25 blieben gleich. Vgl. Eduard Mazel: Galerie der Problemmeister: Adolf Anderssen. In: Wiener Schachzeitung, Nr. 5/6 1906, S. 195. Drucktechnisch änderte sich ebenfalls Einiges, insbesondere wurden die Probleme nun als Diagramme gedruckt, was der Lese- und Lösefreundlichkeit sehr entgegenkam. Dies war die letzte Problemsammlung Anderssens. Er hatte 1851 mit seinem Sieg im Schachturnier zu London 1851 anlässlich der Great Exhibition einen großen Erfolg errungen und dabei unter anderem Staunton mit 4:1 geschlagen. Seitdem widmete er sich nur noch dem Partieschach.Johannes Kohtz, Carl Kockelkorn: Das Indische Problem. Eine Schachstudie. Stein, Berlin 1903, S. 32.

Auch in der zweiten Auflage findet sich ein Problem, das auf Unklarheiten der Schachregeln hinwies. Es war die Nr. 10, ein Nachdruck aus der Illustrirten Zeitung, wo die Aufgabe bereits 1846 publiziert worden war. Hier geht es um die Frage, ob ein En-passant-Schlag erzwungen werden kann, wenn dies der einzige Zug ist, den der Schwarze zur Verfügung hat.

Lösung:

1. Ta1–e1! Zieht nun der schwarze Springer, folgt 2. Td3 matt bzw. nach 1. … Sxf3 2. exf3 matt.

Bleibt 1. … Ke3xd4 2. e2–e4! Der Springer ist gefesselt, der König steht patt. Der einzige legale Zug ist das Schlagen en passant:

2. … f4xe3 e. p. 3. Te1–d1 matt.

Der schwarze Bauer nimmt auf dem Zielfeld e3 seinem König das letzte Fluchtfeld.

Gemäß dem Problemkomponisten Valery Liskovets ist dies „sehr wahrscheinlich das älteste korrekte Problem mit einem e. p.-Schlag überhaupt“, jedenfalls aber das erste Problem mit erzwungenem En-passant-Schlag.Valery Liskovets: Eine historische Bemerkung zum erzwungenen En-Passant-Schlag. In: Die Schwalbe, Heft 233, Oktober 2008, S. 585–586. dieschwalbe.de. Alain Campbell White hat die Geschichte des Themas und der Komposition in seiner Studie über den En-passant-Schlag in Schachproblemen erzählt.Alain C. White: Running the Gauntlet. A Study of the Capture of Pawns en passant in Chess Problems. Office of the Chess Amateur, Stroud 1911, S. 18–21 und S. 180f. Ausgelöst durch Anderssens Problem, gab es 1846 in zahlreichen Schachzeitschriften und Schachspalten, unter anderem dem Chess Player’s Chronicle, dem Palamède und der Schachzeitung, eine lebhafte Debatte darüber, ob der ansonsten freiwillige En-passant-Schlag dann zur Verpflichtung werde, wenn der Spieler überhaupt keinen anderen Zug zur Verfügung habe. Mit anderen Worten: Kann ein Spieler in dieser Situation ein Patt reklamieren oder muss er en passant schlagen? Anderssens Darstellung brachte diese Frage auf den Punkt und wurde darum „mit einem Schlage berühmt“, so White, denn ohne die Verpflichtung zum En-passant-Schlag wäre sein Problem unlösbar. White meint daher sogar: „Wahrscheinlich hat kein anderes Problem eine so herausgehobene Rolle in der Geschichte des Schachs gespielt.“Alain C. White: Running the Gauntlet. A Study of the Capture of Pawns en passant in Chess Problems. Office of the Chess Amateur, Stroud 1911, S. 21 und S. 181. „Probably no other problem has had so distinguished a role in the history of the game of chess.“ Die damals heftig umstrittene Frage ist längst entschieden, diesmal in Anderssens Sinn.

Die Anderssen-Verstellung

Eines der am meisten nachgedruckten und diskutierten Probleme zeigte die nach dem Autor benannte Anderssen-Verstellung.Siehe Anderssen Interference, in: Velimirović/Valtonen: Encyclopedia of Chess Problems, S. 25. Diese Komposition, die in beiden Auflagen unverändert gebracht wurde, hat eine Verstellung der Linie eines weißen Langschrittlers zum Zweck der Pattvermeidung zum Inhalt, die im nächsten Zug mit einem Matt durch Abzugschach wieder aufgehoben wird. Über 60 Jahre nach dem ersten Erscheinen widmeten Johannes Kohtz und Carl Kockelkorn diesem Problem eine detaillierte Analyse und arbeiteten besonders die Unterschiede zum Indischen Problem heraus. Kohtz und Kockelkorn würdigten in ihrer „Schachstudie“ Das Indische Problem zudem auf mehreren Seiten die Bedeutung Anderssens in der Geschichte des Problemschachs.

Lösung:

1. Le8–h5! hebt mit einem Läuferopfer das schwarze Patt auf. Es bleibt nur noch ein Läufer zum Mattsetzen.

1. … Kh6xh5 2. Kh8-g7 h7–h6 3. Kg7-f6! Die Anderssen-Verstellung. Der weiße König stellt sich in die Wirkungslinie seines eigenen Läufers und hebt das Patt auf, indem er dem schwarzen König das Mattfeld h4 zugänglich macht.

3. … Kh5-h4 4. Kf6-g6 matt. Der weiße König macht die Verstellung rückgängig und setzt mit einem Abzugschach matt.