mini|Die erste bildliche Darstellung Luthers als Mönch mit Doktorhut, die Hand im Redegestus erhoben. Die Figur ist nur durch die versehentlich spiegelverkehrt geschnittene Umschrift Doctor Martinus Lutter Augustiner Wittenb. und die Lutherrose identifizierbar.Birgit-Ulrike Münch, Andreas Tacke: Kunst. In: Helga Schnabel-Schüle (Hrsg.): Reformation: Historisch-kulturwissenschaftliches Handbuch, J.B.Metzler Verlag, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-476-02593-7, S. 346–353, hier S. 346. Detail vom Titelblatt der Predigt, die Luther während der Disputation hielt: Ein Sermon geprediget tzu Leipßgk. (Wolfgang Stöckel, Leipzig 1519)

Die Leipziger Disputation war ein akademisches Streitgespräch zwischen dem Ingolstädter Theologieprofessor Johannes Eck als Herausforderer und den Wittenberger Theologieprofessoren Andreas Bodenstein (genannt KarlstadtBodenstein folgte einem Brauch unter Akademikern und benannte sich nach seinem Herkunftsort. Gleiches gilt übrigens auch für Eck, der eigentlich Mayer hieß und aus Egg an der Günz stammte. Im Artikel werden die in der Fachliteratur üblichen Namen der beiden verwendet.) sowie Martin Luther als Verteidigern. Es fand vom 27. Juni bis zum 15. Juli 1519 in der Leipziger Pleißenburg statt. Herzog Georg von Sachsen hatte sich erfolgreich für die Ausrichtung der Disputation durch die Universität Leipzig eingesetzt.

Ursprünglich hatte Karlstadt Eck im Mai 1518 zu einer Disputation über die menschliche Willensfreiheit und die Gnade Gottes aufgefordert. Er hatte von Ecks Kritik an Luthers 95 Thesen erfahren und wollte die gemeinsame Wittenberger Theologie öffentlich verteidigen. Mit Lucas Cranach entwarf er das wahrscheinlich erste reformatorische Flugblatt.

Eck bezog sich mit seinen Thesen zur Vorbereitung der Disputation statt auf Karlstadt so deutlich auf Luther, dass dieser schriftlich reagierte und im Frühjahr 1519 eine eigene Teilnahme an der Leipziger Disputation anstrebte. Zugleich rückte Eck die Themen Kirche und Papstamt ins Zentrum der Auseinandersetzung mit Luther. Die Disputation von Karlstadt und Eck über die menschliche Willensfreiheit fand wie geplant in Leipzig statt, fand aber weniger Beachtung als die Disputation über den päpstlichen Primat, dessen Begründung aus göttlichem Recht von Luther verneint und von Eck verteidigt wurde.

Die Rollenverteilung bei einer Disputation war unsymmetrisch. Als Opponent hatte Eck die Möglichkeit, den Gang der Diskussion vorzugeben. Er nutzte dies, um Luther damit zu konfrontieren, dass ähnliche Aussagen zum Papsttum vom Konstanzer Konzil im Fall des Jan Hus als ketzerisch verurteilt worden waren. Luther erklärte, das Konzil habe geirrt, einige Sätze von Hus seien christlich und evangelisch. Damit relativierte Luther nicht nur die Autorität des Papstes, sondern auch die Autorität von Konzilien. Mit diesen Aussagen hatte er sich faktisch vom Kirchenverständnis seiner Zeit gelöst. Als Respondent konnte Luther Eck mit seinen Argumenten aus der Kirchengeschichte punktuell in Schwierigkeiten bringen. Aber auf den Gang der Gespräche gewann er wenig Einfluss.

Eck wurde nach dem Ende der Veranstaltung in Leipzig als Sieger der Disputation gefeiert. Auch Luther räumte ein, dass Eck gesiegt habe. Allerdings trat der von Eck erwartete Effekt nicht ein: Sympathien für einen Ketzer bekundet zu haben, schadete Luther nicht. Das akademische Urteil über die Disputation blieb aus, aber die öffentliche Meinungsbildung kam in Gang und fiel zugunsten Luthers aus. Luther begann, Jan Hus als seinen Vorläufer zu interpretieren.

Leipziger Disputation im Kontext Die Leipziger Disputation im Sommer 1519 fand in einem Zeitfenster statt, das sich Anfang 1520 wieder schloss: Nach dem Tod von Kaiser Maximilian (12. Januar 1519) hatte Luthers Landesherr Friedrich der Weise als Mitglied des Kurfürstenkollegiums eine wichtige Rolle bei der anstehenden Kaiserwahl. Friedrich schützte seinen Wittenberger Professor, als dieser durch seine 95 Thesen in den Konflikt mit der römischen Kurie geriet. Damit folgte er einem auch in anderen zeitgenössischen Konflikten zu beobachtenden Muster: Weltliche Obrigkeiten versuchten, die kirchliche Jurisdiktion auf ihrem Territorium zu kontrollieren.Irene Dingel: Reformation: Zentren – Akteure – Ereignisse. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016, ISBN 978-3-7887-3032-1, S. 173. Die Kurie war vor allem daran interessiert, dass Friedrich bei der Kaiserwahl in ihrem Sinn agierte. Um ihn nicht zu brüskieren, stellte sie Luthers Häresieprozess zurück. Das ermöglichte es Luther und seinem Kreis, ihre Reformideen ein Jahr lang ungehindert zu verbreiten.Irene Dingel: Reformation: Zentren – Akteure – Ereignisse. Göttingen 2016, S. 176. Parallel zur Leipziger Disputation fand in Frankfurt der Kaiserwahltag statt. Die Wahl des Habsburgers Karl erfolgte am 28. Juni 1519; am 3. Juli unterzeichnete er die von Friedrich dem Weisen entworfene Wahlkapitulation.

Seit Anfang des Jahrhunderts waren in den größeren Städten sowie an einigen Fürstenhöfen Kreise von Gebildeten entstanden, die eine Begeisterung für Wissenschaft und Literatur der Antike teilten. Sie befürworteten Reformen, z. B. eine Modernisierung des Universitätsbetriebs. „Es ist verständlich, daß man hier in Luthers Anläufen gegen Scholastik und Ablaßwesen verwandte Bestrebungen sah und in dem Wittenberger Professor einen Bundesgenossen begrüßte.“Bernd Moeller: Geschichte des Christentums in Grundzügen, 5. verb. und erw. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1992, ISBN 3-525-03280-3, S. 231. Diese neuen Freunde übersahen zunächst, dass Luther selbst vom Humanismus nicht tief geprägt worden war. Vorläufig fand Luther hier eine interessierte Öffentlichkeit, an die er sich wenden konnte, während die amtlichen kirchlichen Stellen und Teile der Theologenschaft mit Unverständnis und Ablehnung reagierten. Ihr Beharren auf dem Status quo und der gegen ihn in Gang gebrachte Häresieprozess bewirkten, dass Luther ein eigenes Verständnis der Kirche (Ekklesiologie) entwickelte – als Gemeinschaft der Gläubigen und nicht als Heilsanstalt. „Er trat immer weiter aus dem bisherigen Kirchenwesen heraus.“ Dies sind Entwicklungen, die die Reformationsgeschichte im Zeitraum von 1517 bis 1520 prägen und bei dem Ereignis der Leipziger Disputation wie in einem Brennglas betrachtet werden können.

Publizistischer Vorlauf mini|Medaille, Umschrift: Bildnis des Theologen, Protonotars und Inquisitors Johann Eck (1529), Staatliche Münzsammlung München|alternativtext=

Vor Beginn der Auseinandersetzungen standen Johannes Eck und Martin Luther in einem freundschaftlichen Briefwechsel.Erwin Iserloh: Johannes Eck, Münster 1981, S. 22 f. Der Nürnberger Diplomat und Humanist Christoph Scheurl hatte die beiden miteinander bekannt gemacht.Martin Brecht: Martin Luther, Band 1, Stuttgart 1983, S. 160. Die Freundschaft, auf die sich beide beriefen, war allerdings keine persönliche Beziehung, sondern ein unter Humanisten üblicher Kontakt.Anselm Schubert: Das Wort als Waffe bei Luther, München 2017, S. 252. Im Gegensatz zur Wettkampfmentalität scholastischer Theologen kultivierte man in Scheurls Freundeskreis und ähnlichen Netzwerken einen harmoniebetonten Austausch, indem man eigene und fremde Werke einander zur Lektüre zusandte und brieflich Kontakt hielt.Thomas Kaufmann: Die Mitte der Reformation. Tübingen 2019, S. 487. Johannes Eck übersandte an Martin Luther seine Wiener Disputationsthesen, und Luther ließ Eck seine Disputationsthesen gegen die scholastische Theologie und gegen den Ablass überbringen.Peter Fabisch, Erwin Iserloh (Hrsg.): Dokumente zur Causa Lutheri (1517–1521): Das Gutachten des Prierias und weitere Schriften gegen Luthers Ablassthesen (1517–1518) (Corpus Catholicorum) Aschendorff, Münster 1988, ISBN 978-3-402-03455-2, S. 376. Eck schrieb an Scheurl, er würde zehn Meilen weit gehen, um an der Disputation teilzunehmen, zu der Luther mit seinen 95 Thesen eingeladen hatte. Er liebe diese Form der akademischen Auseinandersetzung.Martin Brecht: Martin Luther, Band 1, Stuttgart 1983, S. 205. In einem Brief an den Wiener Humanisten Johannes Cuspinian beurteilte Eck die 95 Thesen so: „Ich leugne nicht die sehr großen Mißbräuche bezüglich des Ablasses. Darin lobe ich Luther. Was er aber über das Sakrament der Buße behauptet, bestreite ich entschieden.“Erwin Iserloh: Johannes Eck, Münster 1981, S. 23.

„Spießchen“ und „Sternchen“ Bei einem Besuch des Eichstätter Fürstbischofs Gabriel von Eyb, dem Kanzler der Universität Ingolstadt, äußerte sich Eck kritisch über Luthers Thesen. Der Bischof wünschte eine schriftliche Ausarbeitung dieser Kritik. Eck verfasste daraufhin Anmerkungen (Adnotationes) zu achtzehn von Luthers 95 Thesen, die für den persönlichen Gebrauch des Bischofs bestimmt waren.Erwin Iserloh: Johannes Eck, Münster 1981, S. 24. Der Augsburger Domherr Bernhard Adelmann ließ diesen Text im März 1518 auf Umwegen Luther zukommen.Martin Brecht: Martin Luther, Band 1, Stuttgart 1983, S. 285. Anknüpfend an eine Bemerkung Ecks betitelte Luther diese in polemischem Ton gehaltene Schrift Obelisci („Spießchen“, , latinisiert von ). Die antike Literaturwissenschaft benutzte den Obeliscus als Zeichen für unechte, auszumerzende Textstellen. Im Mittelalter wurden ketzerische Sätze auf diese Weise gekennzeichnet.Martin Brecht: Martin Luther, Band 1, Stuttgart 1983, S. 206. Ihrem privaten Charakter entsprechend ist nicht leicht nachzuvollziehen, wie sich die Anmerkungen Ecks genau auf Luthers 95 Thesen beziehen. Im Blick auf die spätere Auseinandersetzung ist interessant, dass Eck Luther vorwarf (wohl mit Blick auf die Thesen 48 und 57These 48: „Man muss die Christen lehren: Wie der Papst es stärker braucht, so wünscht er sich beim Gewähren von Ablässen lieber für sich ein frommes Gebet als bereitwillig gezahltes Geld.“ These 57: „Zeitliche Schätze sind es offenkundig nicht (erg. die beim Ablass verteilt werden), weil viele der Prediger sie nicht so leicht austeilen, sondern nur einsammeln.“ (Martin Luther: Disputation zur Klärung der Kraft der Ablässe. In: Lateinisch-deutsche Studienausgabe, Band 2: Christusglaube und Rechtfertigung. Hrsg. von Johannes Schilling. Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, Leipzig 2006, S. 1–15, hier S. 9 und 11.)), er lasse es an Ehrfurcht gegenüber dem Papst mangeln. Dem evangelischen Kirchenhistoriker Volker Leppin zufolge nahm Luther zu dieser Zeit eine Haltung des Gehorsams gegenüber dem Papst ein und hielt ihn zugleich für einen fehlbaren Menschen; damit sei er aber im Rahmen des damals Vertretbaren geblieben.Volker Leppin: Die Genese des reformatorischen Schriftprinzips. Beobachtungen zu Luthers Auseinandersetzung mit Johannes Eck bis zur Leipziger Disputation. In: Transformationen. Studien zu den Wandlungsprozessen in Theologie und Frömmigkeit zwischen Spätmittelalter und Reformation (= Spätmittelalter, Humanismus, Reformation. Band 86), Mohr Siebeck, Tübingen 2015, ISBN 978-3-16-152820-0, S. 355–398, hier S. 358 f. Eck bemerkte außerdem, Luthers Verständnis der Kirche verbreite „böhmisches Gift“. Der Verdacht Ecks, Luther stehe dem als Ketzer in Konstanz verbrannten böhmischen Theologen Jan Hus nahe, zieht sich als Leitmotiv durch die folgende Auseinandersetzung, bis das Thema beim Rededuell in Leipzig zwischen Eck und Luther öffentlich ausgetragen wurde.Thomas Kaufmann: Der Anfang der Reformation, Tübingen 2018, S. 37.