Elsa Sophia von Kamphoevener (* 14. Juni 1878 in Hameln; † 27. Juli 1963 in Marquartstein) war eine deutsche Schriftstellerin und Märchenerzählerin.

Leben In Hameln als Elsa Sophia Kamphövener geboren, wuchs sie ab Juni 1883 in Konstantinopel auf. Dort war ihr später nobilitierter Vater Louis von Kamphövener als Major und zudem ab 1895 als osmanischer Muschir (Marschall) mit dem Titel eines Paschas ein deutscher Reorganisator der osmanischen Armee.Helga Moericke: Die Märchenbaronin. Elsa Sophia von Kamphoevener. Dortmund / Zürich 1995, S. 46.Helga Moericke: Leben und Werk der Märchenerzählerin Elsa Sophia von Kamphoevener. Dissertation, Freie Universität Berlin, 1994, S. 6.

Das Kind wuchs in der Obhut seiner Mutter Anna, geb. von Werlhof, (1857–1932), umgeben von türkischem, griechischem und armenischem Personal sowie bewacht von einem türkischen Soldaten,Helga Moericke: Leben und Werk der Märchenerzählerin Elsa Sophia von Kamphoevener. Dissertation, Freie Universität Berlin, 1994, S. 23. im Verkehr mit den Familien preußischer und osmanischer Militärs, Diplomaten, Eisenbahn-Erbauer und Kaufleute auf und lernte dabei mehrere Sprachen.Helga Moericke: Die Märchenbaronin. Elsa Sophia von Kamphoevener. Dortmund / Zürich 1995, S. 33 f. Ihre Großeltern waren Toska von Einsiedel-Prießnitz und der Jurist August von Werlhof. Kurt von Kamphoevener war einer ihrer Geschwister.

Wie die kleine Elsa Sophia in diesem Umfeld mit türkischen Volksmärchen in Berührung kam, ist unsicher. Wahrscheinlich hörte sie orientalische Märchen erstmals bei den Bediensteten ihrer Familie.Helga Moericke: Die Märchenbaronin. Elsa Sophia von Kamphoevener. Dortmund / Zürich 1995, S. 32.

Ihren Türkeiaufenthalt musste die Zwölfjährige für mehrere Jahre unterbrechen, da sie auf eine Schule in Hildesheim geschickt wurde. Als knapp Sechzehnjährige kehrte sie zurück. Sie widmete sich dem gesellschaftlichen Leben und bekam Kontakt zu einer Tochter des Sultans Abdülhamid II., worüber allerdings widersprüchliche Angaben bestehen.Helga Moericke: Leben und Werk der Märchenerzählerin Elsa Sophia von Kamphoevener. Dissertation, Freie Universität Berlin, 1994, S. 31 ff.Helga Moericke: Die Märchenbaronin. Elsa Sophia von Kamphoevener. Dortmund / Zürich 1995, S. 71 f. Aus Briefen und den Lebenserinnerungen ihres Vaters weiß man, dass sie – vom Vater unterstütztHelga Moericke: Die Märchenbaronin. Elsa Sophia von Kamphoevener. Dortmund / Zürich 1995, S. 69. – gerne die Basare Konstantinopels besuchte und dort ihre Sprachenkenntnisse erweitern und festigen sowie den Erzählungen der Händler und Handwerker lauschen konnte.Helga Moericke: Leben und Werk der Märchenerzählerin Elsa Sophia von Kamphoevener. Dissertation, Freie Universität Berlin, 1994, S. 33.

Im Jahr der Erhebung der Familie in den Adelsstand, 1900, ging Elsa Sophia in Konstantinopel ihre erste Ehe mit dem Privatdozenten für Bergbau Adolph von Elterlein ein, der durch die Vermittlung ihres Vaters ein osmanisches Amt übernehmen konnte. Hier brachte sie einen Sohn (Uttmann von Elterlein, 1901–1945) zur Welt. 1906 verließ sie ohne ihr Kind die Türkei für immer.Helga Moericke: Leben und Werk der Märchenerzählerin Elsa Sophia von Kamphoevener. Dissertation, Freie Universität Berlin, 1994, S. 39–47.

KurzGothaisches Genealogisches Taschenbuch der Briefadeligen Häuser. 1915. Neunter Jahrgang, Justus Perthes, Gotha 1914, S. 460. nach der Scheidung 1908 heiratete sie in München den Arzt Ernst Marquardsen und zog nach Bad Kissingen, wo Marquardsen ein Sanatorium besaß.Helga Moericke: Leben und Werk der Märchenerzählerin Elsa Sophia von Kamphoevener. Dissertation, Freie Universität Berlin, 1994, S. 47. Als Else Marquardsen-Kamphövener publizierte sie zwischen 1915 und 1939 zahlreiche Artikel in Zeitschriften, 18 Romane, ein Sachbuch und eine Komödie. 1919 gründete sie ihren eigenen Verlag und 1920 eine Zeitschrift, die sie beide nach dem Tod ihres Mannes (1921) wieder aufgab. 1925 schloss sie mit dem Schriftsteller Alfred Balte ihre dritte Ehe, die im folgenden Jahr wieder geschieden wurde. 1927 heiratete sie den Bad Meinberger Kurdirektor Franz Kaub.Helga Moericke: Leben und Werk der Märchenerzählerin Elsa Sophia von Kamphoevener. Dissertation, Freie Universität Berlin, 1994, S. 58 ff.

Anfang 1933 trennte sie sich von ihrem Mann (Scheidung 1939) und zog allein nach Berlin.Helga Moericke: Leben und Werk der Märchenerzählerin Elsa Sophia von Kamphoevener. Dissertation, Freie Universität Berlin, 1994, S. 65. Sie trat dort zum 1. April 1933 in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 1.664.593),Bundesarchiv, R 9361-IX KARTEI/19500120. wurde aber nach zwei Monaten wieder aus der „Reichskartei“ gestrichen; ihre erneute Bewerbung 1935 wurde abgelehnt.Helga Moericke: Leben und Werk der Märchenerzählerin Elsa Sophia von Kamphoevener. Dissertation, Freie Universität Berlin, 1994, S. 66 ff. Im August trat sie dem „Reichsverband deutscher Schriftsteller“ bei und arbeitete nun für die Zeitschrift Fürs Haus, ab 1941 für Wir und die Welt sowie als Lektorin bei der Filmgesellschaft Europa, ab 1937 bei Tobis.Helga Moericke: Leben und Werk der Märchenerzählerin Elsa Sophia von Kamphoevener. Dissertation, Freie Universität Berlin, 1994, S. 73 ff u. 76 ff.

1942 meldete sie sich als Freiwillige an die Front, um den Soldaten als „Kamerad Märchen“ ihre orientalischen Märchen zu erzählen.Helga Moericke: Leben und Werk der Märchenerzählerin Elsa Sophia von Kamphoevener. Dissertation, Freie Universität Berlin, 1994, S. 80 ff. 1944 wurde ihr Berliner Wohnhaus total ausgebombt, ihr gesamter Besitz zerstört. Im März 1945 floh sie aus Berlin und versuchte sich an verschiedenen Orten in Süddeutschland eine neue Existenz als „Baronin von Kamphoevener“ aufzubauen.Helga Moericke: Leben und Werk der Märchenerzählerin Elsa Sophia von Kamphoevener. Dissertation, Freie Universität Berlin, 1994, S. 85–87.

1951 wurde sie vom Süddeutschen Rundfunk als Märchenerzählerin entdeckt.Helga Moericke: Leben und Werk der Märchenerzählerin Elsa Sophia von Kamphoevener. Dissertation, Freie Universität Berlin, 1994, S. 89 f. Mit zahlreichen Märchensendungen, auch bei nahezu allen anderen deutschsprachigen Rundfunkanstalten, begründete sie ihren Ruf als einmalige Interpretin ihrer orientalischen Geschichten, die sie dazu ab 1956 auch in Buchform veröffentlichte. Einige dieser Radioaufnahmen gelangten auf Sprechplatten des von Ernst Ginsberg gegründeten „literarischen Archivs“ bei der Deutschen Grammophon. 2004 wurden annähernd alle erhaltenen Radiosendungen auf 10 Audio-CDs veröffentlicht, doch musste die Sammlung aus urheberrechtlichen Gründen zurückgezogen werden.Kurt Kreiler: Das Lachen der Scheherazade. Die Erzählkunst der Elsa Sophia von Kamphoevener. In: Elsa Sophia von Kamphoevener: Das Lachen der Scheherazade. Das Hörwerk. Zweitausendeins, Frankfurt 2008, ISBN 978-3-86150-699-7, S. 39. 2008 wurden die erhaltenen Rundfunkaufnahmen aus den 1950er Jahren erstmals vollständig auf MP3-CDs veröffentlicht.

1952 zog Elsa Sophia von Kamphoevener zu ihrer Freundin Ilse Wilbrandt (1897–1978) nach Marquartstein. Dort starb sie am 27. Juli 1963, als Märchenerzählerin hochverehrt, kurz nachdem sie 85 Jahre alt geworden war.Helga Moericke: Leben und Werk der Märchenerzählerin Elsa Sophia von Kamphoevener. Dissertation, Freie Universität Berlin, 1994, S. 87 f.

Das Grab der Elsa Sophia von Kamphoevener befand sich im kirchlichen Teil des Marquartsteiner Friedhofs.

Selbstdarstellung und Selbsterfindung In Interviews zu ihren Rundfunksendungen nach 1951 und in den Vorworten zu den zwei Folgen der 1956/57 veröffentlichten Märchensammlung An Nachtfeuern der Karawan-Serail legte Elsa Sophia von Kamphoevener die entscheidenden, bereits in den 1920er Jahren angedeuteten Aussagen über ihre Jugend und ihren Zugang zu den türkischen Märchen endgültig fest.Hans-Volkmar Findeisen: Orientalische Lügen. Die märchenhafte Welt der Elsa Sophia von Kamphoevener. (RTF) swr.deElsa Sophia von Kamphoevener: An Nachtfeuern der Karawan-Serail. Märchen und Geschichten alttürkischer Nomaden. 1. Folge. Hamburg 1956, S. 7–12 und 2. Folge, Hamburg 1957 S. 7–9. Danach hatte sie etwa 400 Märchen im Gedächtnis, die sie hauptsächlich, als junger Mann verkleidet, auf Ritten durch Anatolien gehört habe. Der Märchenerzähler Mazarlyk-dji Fehim Bey habe sich ab und zu von ihr vertreten lassen. Sie habe in den Karawan-Serail selbst Märchen erzählen dürfen und einen eigenen, unverwechselbaren Erzählstil entwickelt. Schließlich habe ihr Fehim Bey alle Rechte eines Maddha (in heutigem Türkisch Meddah, Märchenerzähler) zugebilligt. Das ihm in Anatolien gegebene Versprechen, die dort gelernten Märchen nie aufzuschreiben, habe sie aufgegeben, weil sie deren Erhalt in der mündlichen Tradition für gefährdet und nur in der schriftlichen Form als überlebensfähig ansah.Elsa Sophia von Kamphoevener: An Nachtfeuern der Karawan-Serail. Märchen und Geschichten alttürkischer Nomaden. 1. Folge. Hamburg 1956, S. 7–12.Vorwort. In: Else Marquardsen-Kamphövener: Der Smaragd des Scheich. Eine Erzählung aus dem Erwachen der Türkei. München / Berlin 1916.

Diese Aussagen können heute zum größten Teil falsifiziert werden. Ob Elsa Sophia von Kamphoevener den Unterschied von Sein und Schein selbst erkannt und reflektiert hat, bleibt allerdings ungewiss.Helga Moericke: Die Märchenbaronin. Elsa Sophia von Kamphoevener. Dortmund / Zürich 1995, S. 180 f. Ihr eigenes Leben sah sie möglicherweise mehr „mit dem Träumerblick der Dichterin“ und weniger „mit dem scharfen Auge der Denkerin“.Die Zitate als Selbstdarstellung gehen zurück auf eine autobiographisch gefärbte Erzählung von 1934. Siehe Helga Moericke: Die Märchenbaronin. Elsa Sophia von Kamphoevener. Dortmund / Zürich 1995, S. 40.

Keinesfalls war die jugendliche Elsa Sophia als selbstständige, von Beschützern begleitete Reiterin in Anatolien unterwegs. Ein Reitunterricht im Jahre 1896 endete nach Aussage des Bruders kläglich.Helga Moericke: Leben und Werk der Märchenerzählerin Elsa Sophia von Kamphoevener. Dissertation, Freie Universität Berlin, 1994, S. 32. Für danach ist kein einziger Ritt der jungen Frau nachzuweisen. Allerdings schrieb der Vater im Juli 1898: Die Pferdefrage wird in diesen Tagen zu Elles Zufriedenheit beendigt. Die Bedeutung dieser Notiz lässt sich freilich nicht abschätzen.Helga Moericke: Die Märchenbaronin. Elsa Sophia von Kamphoevener. Dortmund / Zürich 1995, S. 67. Der Märchenerzähler Fehim Bey konnte bisher nicht identifiziert werden.