mini|hochkant=1.5|Reste der beiden Arkaden, die bei Agios Georgios den Louros queren Der Aquädukt von Nikopolis () ist eine rund 50 Kilometer lange antike römische Wasserleitung, die die Bewohner des antiken Nikopolis ( ) in Nordwestgriechenland mit frischem Trinkwasser versorgte. mini|Karte des Verlaufs der Wasserleitung

Geschichte Die Stadt Nikopolis, 31 v. Chr. von Octavian gegründet, entwickelte sich rasch zu einer großen Metropole. Man schätzt, dass zu Blütezeiten 100.000 bis 150.000 Menschen in Nikopolis lebten – nach älteren Quellen sogar bis zu 300.000 Menschen. Nikopolis liegt auf einer Halbinsel, rund sechs Kilometer nördlich des heutigen Preveza. Die Versorgung der Großstadt mit sauberem Trinkwasser gestaltete sich schwierig, da mangels Flüssen in der Nähe nur kleine Quellen und Brunnen zur Verfügung standen. Zeitgenössische Texte beklagten die schlechte Wasserversorgung der Bäder in der Stadt.

Es gibt keine Quellen, die eine genaue Datierung des Baus des Aquädukts erlauben. Ursprünglich wurde davon ausgegangen, dass der Aquädukt mit Gründung der Stadt errichtet wurde. Später ging man davon aus, dass der Aquädukt von Nikopolis aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. stammt, vielleicht unter der Regierungszeit von Kaiser Nero angelegt wurde und unter Hadrian im 2. Jahrhundert Restaurationsarbeiten ausgeführt wurden. Neuere Quelle datieren die Vollendung des Aquädukts aber erst ins 2. Jahrhundert.Informationstafel „Roman Aqueduct of Nicopolis“ in Ag. Georgios neben der Straße. Dokumentiert am 14. September 2023.

Unterschiedliche Bautechniken verweisen auf verschiedene Phasen des Baus, wobei nach Abschluss der ersten Bauphase noch kein Wasser bis Nikopolis floss. Es ist wahrscheinlich, dass die Wasserleitung erst unter der Herrschaft von Hadrian vollendet wurde. Für diese These sprechen neben den Bautechniken auch die Zeiten, wann an den Aquädukt angeschlossene Bauten in Nikopolis vollendet und sie auf dort geprägten Münzen dargestellt wurden. Eine erste Bauphase dürfte im 1. Jahrhundert gelegen haben. Es ist anzunehmen, dass die Bauphasen sich über mehrere Jahrzehnte erstreckten und Tausende von Sklaven beteiligt waren.

Nach der Vollendung des Aquädukts folgten mehrere weitere Bauphasen, während derer verschiedene Abschnitte erneuert und restauriert wurden.

Bereits im 4. Jahrhundert war der Aquädukt nicht mehr funktionstüchtig. Im Jahr 362 wurde der Aquädukt erstmals erwähnt: Unter Julian wurden damals in Nikopolis umfangreiche Arbeiten zur Erneuerung der Stadt durchgeführt, wozu auch die Wiederinbetriebnahme des Aquädukts gehörte. Im 5. Jahrhundert war der Aquädukt – mit dem Niedergang der Stadt – wieder verfallen. Im byzantinischen Nikopolis, das längst nicht mehr so bevölkerungsreich war und ein stark reduziertes Stadtgebiet umfasste, diente wohl vor allem eine kleine lokale Quelle, die heute noch vorhanden ist, der Wasserversorgung.

In der Neuzeit besuchten verschiedene Reisende die Reste des Aquädukts. Eine erste Beschreibung stammt von Evliya Çelebi aus dem Jahr 1668. Im 19. Jahrhundert untersuchten François Pouqueville und William Martin Leake die Stätten, gefolgt von weiteren Archäologen, die Nikopolis erforschten.

Untersuchungen am Aquädukt in den 1960er Jahren führten zu seiner Eintragung als Kulturdenkmal. An den großen Brücken am Beginn des Aquädukts wurden von 1978 bis 1980 Unterhaltsarbeiten durchgeführt. Später wurde der Verlauf der Wasserleitung genauer studiert und an verschiedenen Stellen ausgegraben. In den Jahren 2011 bis 2015 zielte ein Projekt darauf ab, die Bekanntheit des Aquädukts von Nikopolis zu fördern. Hierzu wurden an sechs Stellen Grabungen durchgeführt und Arbeiten zur Erhaltung der antiken Stätten ausgeführt, die meist in schlechtem Zustand waren. Zudem wurden die Stätten touristisch erschlossen und der Aquädukt dokumentiert.

Verlauf und einzelne Bauwerke Der Aquädukt von Nikopolis hatte eine Länge von ungefähr 50 Kilometern. Überreste finden sich an verschiedenen Stellen im Regionalbezirk Preveza.

Das Gefälle (Höhenunterschied) zwischen Anfang und Endpunkt der Wasserleitung beträgt 81 Meter. Luftlinie sind die beiden Punkte 30 Kilometer voneinander entfernt.

Auch die nördliche Vorstadt (suburbium) Proasteion, wo sich Theater und Stadion von Nikopolis befanden und wo alle vier Jahre die Aktischen Spiele stattfanden, wurde von einer abzweigenden Nebenleitung durch den Aquädukt mit Wasser versorgt.

Ausführung der Wasserleitung mini|hochkant|Erhaltene Reste des Kanals mit originaler Überdeckung bei Agios Georgios Die gedeckte Wasserleitung war vorwiegend als Rinne in den Hang gegraben und folgte dem Gelände – größere Kunstbauten waren die Ausnahme. Immer wieder verläuft die Leitung auch unterirdisch.

Die Rinne () hatte eine Breite von 75–90 Zentimeter. Die talseitige Wand war aus Schutt und Mörtel errichtet. Die senkrechten Wände und der Boden waren mit wasserundurchlässigem Mörtel (caementicium) verkleidet; Reste davon finden sich noch heute an vielen Stellen. Der Kanal war von einem Gewölbe oder gegossenem Beton überdacht, so dass ein rund 1,2 Meter hoher Innenraum entstand.Informationstafeln „Roman Aqueduct of Nicopolis. Site of Agios Georgios“ in Ag. Georgios am Hang bei der Wasserleitung. Dokumentiert am 14. September 2023. Dieser war in regelmäßigen Abständen von Belüftungs- und Zugangsschächten (putei) erschlossen.

Quelle in Agios Georgios Die Wasserleitung wurde mit Quellwasser gespeist, das in Agios Georgios () aus dem Berg tritt. Dieses Dorf liegt sieben Kilometer nördlich von Filippiada () im Tal des Louros: Über 80 Kilometer windet er sich von Norden nach Süden durch das gebirgige Epirus und mündet bei Nikopolis in den Ambrakischen Golf.

Die „Quelle des Louros“ bei Agios Georgios ist das Ende eines mächtigen Aquifers, der am nordwestlichen Dorfeingang aus dem karstigen Berg tritt. Ihre Schüttung beträgt rund 2,8 m³/s. Die Quelle versorgt noch heute Orte im weiteren Umland: Ihr Wasser wird bis Arta, Preveza und Lefkada geleitet.

mini|Kirchhof der Kirche Agios Georgios – antike Mauern wurden links der Kirche entdeckt Bei der Quelle steht eine dem heiligen Georg gewidmete Kirche (Ιερός Ναός Αγίου Γεωργίου). An dieser Stelle befand sich in der Antike ein Sammelbecken, von dem aus das Wasser in die Leitung geführt wurde. François Pouqueville will zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch Reste des Beckens gesehen haben. Während gewisse Quellen das Sammelbecken am Hang hinter der Kirche vermuten, lokalisieren sie andere unter der Kirche. Griechische Archäologen erwähnen, dass Reste unter dem Pflaster des Kirchhofs gefunden worden seien; eine archäologische Untersuchung der Stelle habe aber nicht stattgefunden. Die Größe des Beckens wird auf etwa neun mal zehn Meter geschätzt. In der Antike dürfte der Quellaustritt noch etwas höher gelegen haben als heute.

Reste des Kanals in Agios Georgios mini|links|hochkant|Die erhaltene Kanalrinne bei Agios Georgios Rund 80 Meter nordwestlich der Kirche beginnt ein erhaltenes Stück der Wasserleitung. Es ist Teil eines rund 230 Meter langen Abschnitts, der den Osthang des Louros-Tals nordwärts (talaufwärts) entlang zu den Brücken über den Louros führt. Auf ein paar Metern blieb die Abdeckung des Kanals erhalten, das einzige noch vorhandene Gewölbe der einst 50 Kilometer langen Leitung. Bei der nördlichen Brücke führt ein kleines Stück des Kanals über die Brücken hinaus, vermutlich ein Überlauf an diesem Ende, mit dem auch der Wasserdruck reguliert werden konnte.

Aquädukt-Brücken über den Louros mini|Pfeiler der nördlichen Brücke („Arkade“) am Westufer vorne rechts, die südliche dahinter Etwas mehr als 200 Meter nordwestlich der Kirche wurde bei Agios Georgios das Wasser mit Bogenbrücken (Aquädukt-Brücken) – oft als „Arkaden“ bezeichnete Bogenstellungen – über den Fluss auf die andere Talseite geführt. Von diesen beiden nebeneinander verlaufenden Brücken stehen heute noch große Teile mit Bögen, ein eindrücklicher Überrest der langen Leitung.

Die Brücken führen in südwestliche Richtung, praktisch rechtwinklig zum Flusslauf über das Tal. Die nördliche Brücke ist 140 Meter lang. Die südliche Brücke ist mit 120 Metern etwas kürzer. Beide Bauten haben eine erhaltene Höhe von maximal 14 Metern.

Es wird vermutet, dass die nördliche Brücke der ursprünglichen Wasserführung diente und die südliche Brücke eine nachträgliche Änderung oder Ergänzung ist. Die Bauweisen unterscheiden sich leicht. Erstellt wurden die Brücken aus Ziegeln, die Innenräume wurden mit Schutt und Mörtel gefüllt.

mini|Pfeiler der Nordbrücke auf der Ostseite des Tals Die ältere nördliche Brücke ist im Bereich des Flusses zerstört. Es sind lediglich zwei Pfeiler am Beginn im Osten und vier Pfeiler auf der Westseite erhalten. Pläne zeigen einen leichten Knick nach Süden an einem etwas breiteren, nicht mehr erhaltenen Pfeiler in der Mitte des Tals. Die nördliche Brücke musste wohl schon in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts unter Hadrian verstärkt werden. Möglicher Grund für die Instabilität könnte die Bauausführung mit nur einer Bogenreihe gewesen sein. An verschiedenen Orten ist erkennbar, dass die Konstruktion nachträglich verstärkt werden musste. Die statischen Probleme waren wohl so groß, dass man sie als unlösbar erachtete und eine neue Talquerung notwendig wurde. Vielleicht brach die Nordbrücke schon zu römischer Zeit ein.

mini|Die Südbrücke ist noch weitgehend erhalten Die südliche Brücke ist noch deutlich besser erhalten, nur einige Bögen sind zerfallen. Ihr Verlauf weicht rund 35° von der nördlichen Brücke ab. Diese Brücke bestand aus 15 Pfeilern. Die oberen Bögen sind deutlich höher ausgelegt als die unteren. Am Ostrand ist die harmonische Verteilung der Pfeiler durch größere Abstände gestört: Wo heute die querende Straße nach Agios Georgios verläuft, war früher der Fluss, der mit zwei großen Bögen überwunden wurde. Der Flusslauf war in der Antike anders als heute: Der Louros machte einen deutlich weiteren Bogen nach Osten. Bautechniken weisen auf eine Errichtung im späten 2. oder frühen 3. Jahrhundert unter Commodus oder der Severer-Dynastie hin.

Die beiden Brücken laufen im Südwesten aufeinander zu. Von ihrem Ende an der Westseite des Tals ist nichts mehr erhalten, dieser Abschnitt wurde beim Bau der Nationalstraße von Arta nach Ioannina zerstört. Gleiches gilt für den weiteren Verlauf der Wasserleitung nach Süden an der westlichen Talseite, der nicht mehr erhalten ist. Heute verläuft in diesem Bereich die Nationalstraße.

ohne|mini|450x450px|Die beiden Brücken auf einer Zeichnung von William Martin Leake (1824); die Nordbrücke B–C links; rechts oben ist als Zufluss in den Louros der Abfluss der Quelle eingezeichnet

Tunnel von Kokkinopilos

Rund anderthalb Kilometer südlich der Brücken – direkt an der Nationalstraße – befindet sich der Eingang eines Tunnels. Hier wurde der Aquädukt von Nikopolis durch den Hügel nach Westen ins nächste Tal geführt. Der westliche Tunnelausgang konnte bisher noch nicht identifiziert werden. Die Länge des Tunnels wird auf 400 bis 500 Meter geschätzt.

Der Tunneleingang ist etwa vier Meter hoch. Die Decke fällt aber rasch auf rund anderthalb Meter ab. Spuren von Grabungswerkzeugen sind an den Tunnelwänden erkennbar. Der Verlauf ist nicht gerade, sondern windet sich s-förmig gleich nach dem östlichen Eingang.

Im Abstand von 40 bis 50 Metern wurden Belüftungsschächte von der Oberfläche zum Tunnel gegraben, die teilweise noch erkennbar sind. Diese Schächte dienten auch als Zugang für Instandhaltungsarbeiten, waren aber auch wichtig beim Bau, um das Gefälle bestimmen zu können.

Ein Teil des Tunnels ist mit Mauerwerk ausgekleidet, entweder ein Versuch, die Strömungsgeschwindigkeit durch Verengung zu erhöhen, oder ein Stützwerk für den Schacht darüber.