mini|Martinskirche in Ebingen mini|hochkant|Innenansicht mini|hochkant|Orgel Die evangelische Martinskirche steht in Ebingen, einem Stadtteil von Albstadt im Zollernalbkreis in Baden-Württemberg. Die Kirchengemeinde gehört zum Kirchenbezirk Balingen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Sie steht unter Denkmalschutz und ist beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg als Baudenkmal eingetragen.

Geschichte Eine Kirche und Pfarrei wurde in Ebingen 1270 erstmals erwähnt. Doch stand bereits im 7. Jahrhundert über einem alamannischen Gräberfeld ein Gotteshaus, an dessen Stelle später eine frühgotische Rundpfeilerbasilika trat. 1342 wurde sie Martinskirche genannt. Neben Kirche und Friedhof gab es von 1344 bis 1534/1605 eine Klause, ein Kleinkloster von Franziskaner-Terziarinnen, die großes Ansehen in der Bevölkerung genossen.Datenbank Klöster in Baden-Württemberg des Landesarchivs Baden-Württemberg, Franziskanerinnen Ebingen . Der Kirchensatz kam über die Grafen von Hohenberg, die Herren von Schilteck und die Herren von Tierberg an Württemberg, das die Reformation einführte. Es darf angenommen werden, dass die alte Martinskirche und ihre (unbekannten) Vorläufer inmitten des Dorfs Ebingen standen. Als die Stadt ostwärts neben das Dorf gesetzt wurde, blieb die Kirche außerhalb des Mauerrings (1397: „St. Martins Gotteshaus zu Ebingen vor der Stadt gelegen“). Das ist dann bis ins 19. und 20. Jahrhundert so geblieben. Der Chor soll 1473 fertig gewesen sein, die Erneuerung des maroden Turms erfolgte 1670 bis 1672. An seiner Nordseite hatte sich ein gotisches Portal mit einem als Maßwerk gearbeiteten Reiterbild des Kirchenpatrons Martin von Tours im Bogenfeld erhalten. Sich über Jahrhunderte verteilende Mauerwerksschäden, Dachreparaturen, Instandsetzungspannen, die „Engräumigkeit“, die „geradezu häßliche Verunstaltung innen und außen“ und vor allem die wiederkehrenden Erdbebenschäden, in diesem Teil der Schwäbischen Alb nicht ungewöhnlich, machten nach langen Diskussionen in der Gemeinde den Abriss eines Großteils der St.-Martins-Kirche 1905 aus baulichen Gründen und den Neubau einer repräsentativen Jugendstilkirche sinnvoll. Dabei wurden der alte, spätgotische Chor von 1473 wie auch der 1670 erneuerte Turm in das neue Gebäude mit einbezogen.Walter Stettner: Zur Baugeschichte der Ebinger Stadtkirche. In: Heimatkundliche Blätter Balingen, Jg. 26 Nr. 12, Balingen 1979 S. 237–239 . Bereits mehr als ein Jahrzehnt zuvor war Baurat Heinrich Dolmetsch um Planungen „zur Abänderung der Mißstände“ gebeten worden und hatte 1893 drei verschiedene Pläne zum Kirchenumbau vorgelegt, die auch aus Kostengründen für den Kirchengemeinderat nicht infrage gekommen waren. Stattdessen kamen die Architekten Schmohl & Staehelin zum Auftrag, der mit der Kircheneinweihung am 16. Dezember 1905 abgeschlossen werden konnte.Ellen Pietrus: Heinrich Dolmetsch. Die Kirchenrestaurierungen des württembergischen Baumeisters. Stuttgart 2008, S. 380.

Beschreibung Die Martinskirche wurde 1905–1906 nach Entwürfen der Stuttgarter Architekten Paul Schmohl und Georg Stähelin in einer Kombination von Jugendstil- und Neobarock-Formen erbaut. Sie besteht aus einem tonnengewölbtem Langhaus, das durch ein ebenso gewölbtes Querschiff geteilt und dreiseitig von geräumigen Emporen umgeben wird, einem eingezogenen, dreiseitig geschlossenen Chor im Osten, der vom Vorgängerbau von 1473 erhalten blieb und einbezogen wurde, und einem Kirchturm an der Nordostecke des nördlichen Querarms, der mit einer Glockenhaube bedeckt ist, die von einer Laterne bekrönt wird. Sein oberstes, achteckiges Geschoss mit Umgang beherbergt die Turmuhr. Die alte Sakristei zwischen Turm und Chor ist der älteste Bauteil der Kirche und zugleich das älteste noch bestehende Mauerwerk in Ebingen. Die mit plastischem Schmuck verzierte Fassade des südlichen Querhauses, die in einen hohen Schweifgiebel mündet, beherbergt das Hauptportal.

Ausstattung Kanzel und Luthergemälde Die reichlich goldfarben gefasste Renaissancekanzel aus der alten Martinskirche stammt von 1682.Ellen Pietrus: Heinrich Dolmetsch. Die Kirchenrestaurierungen des württembergischen Baumeisters. Stuttgart 2008, S. 379. Der achteckige Kanzelkorb steht auf einem Vierkantfuß mit auf der Schauseite vorgesetzter Wendelsäule, umwunden mit einer Weinrebenranke. Die sichtbaren Brüstungsfelder tragen zwischen gedrehten Säulchen auf Volutenkonsolen und mit Volutenkapitellen Muscheldekor und geflügelte Puttenköpfchen. Der auch achteckige Schalldeckel trägt mehrere Portiken zwischen Puttenköpfchen und wird bekrönt von der Skulptur des Auferstandenen mit Siegesfahne. Aus neuer Zeit, jedoch mit einer zur Kanzel passend nachempfundenen Gestaltung, steht ein Osterleuchter im Altarbereich.

Ebenfalls noch für die alte Kirche war von Jakob Grünenwald 1883 ein Lutherbildnis, ein Ölgemälde, geschaffen worden.Petra Scheible-Schober, Jürgen Helmbrecht: Jakob Grünenwald (1821-1896). Ein schwäbischer Genremaler. (Hrsg.) Karl-Heinz Rueß; Veröffentlichungen des Stadtarchivs Göppingen Band 35, Göppingen/Weißenhorn 1996, S. 138.

Bauplastik Das als Maßwerk gearbeitete Bogenfeld des alten nördlichen Turmportals mit dem Reiterbild des Kirchenpatrons Martin von Tours ist in ausgebautem Zustand innerhalb der Kirche erhalten – ein herausragendes und seltenes Beispiel für spätgotische Steinmetzkunst und -kreativität.

Für den plastischen Schmuck des südlichen Haupteingangs, des Nord- und des Westportals lieferten zum Neubau mehrere Stuttgarter Bildhauer Entwürfe und Modelle. Die Ausführung in Stein besorgten 1906 die Bildhauer Göhle, Rieble und vor allem Jakob Brüllmann, alle in Stuttgart. Der Portikus bzw. die Paradiesvorhalle im Süden ist im Schweifgiebel mit einem Bergpredigt-Relief, darunter die gerundete Laibung zwischen Jugendstilornamenten mit den Tierkreiszeichen versehen, die in der christlichen Ikonografie seit der Aufklärung und dem 19. Jahrhundert unbefangen auch für die Gesamtheit der Schöpfung verwendet wurden. Über dem Nordeingang ist eine Segnungsszene mit Jesus ins Bild gesetzt.

An einer Außenwand ist ein Denkmal „Zur Erinnerung an den ruhmreichen Krieg 1870/71“ angebracht, in Schrift und Skulptur wohl der Bauzeit der Martinskirche zuzuordnen. Aus sehr früher Zeit befindet sich in der Kirche noch der Grabstein des Ritters Heinrich Killer von Ringelstein, genannt Affenschmaltz, von 1413.

Wandgemälde Das bauzeitliche Gemälde im Innern der Kirche an der Wand zum Chor – eine den Chorbogen einfassende Dekorationsbordüre, darüber Christus in der Mandorla, und unten links und rechts je ein Figurenpaar – stammte vom württembergischen Pfarrersohn und Bruder des in Ebingen lebenden Textilfabrikanten Albert Gussmann, dem Kunstmaler Professor Otto Gussmann. Nach der Kriegsbeschädigung der Kirche wurde diese Wand 1954 im Rahmen der Renovierung neu gestaltet von Rudolf Yelin d. J. Dargestellt sind Szenen und Personen, die gemäß der Johannesapokalypse den Weltenherrscher Christus (Majestas Domini mit den vier Evangelistensymbolen über dem Chorbogen) beim Jüngsten Gerichts umgeben und begleiten: links der Erzengel Michael als Drachentöter, darunter das Reich der Toten, und rechts oben die 24 Ältesten, darunter die Posaunenengel, die zum Gericht blasen.Claudia Lamprecht: Rudolf Yelin (1902-1991): Werkverzeichnis der baugebundenen Arbeiten. o. O. (Stuttgart), o. J. (1991).

Glasgemälde Ebenfalls Otto Gussmann schuf die dann im Zweiten Weltkrieg zerstörten drei großformatigen Jugendstil-Chorfenster mit den großfigurigen Motiven Weihnachten, Ostern und Pfingsten. Zwei dann auch zerstörte Rundfenster oben in den beiden Querhäusern wurden von weiteren Künstlern gestaltet: das Südfenster mit sechs musizierenden Engeln von Rudolf Yelin d. Ä., das Nordfenster mit den vier Evangelisten von der Münchner Glaswerkstätte Franz Xaver Zettler.

Die zerstörten Glasgemälde im Chor wurden 1954 ersetzt durch vielscheibige und in der Darstellung kleinteilige Farbverglasungen von Adolf Valentin Saile.Ehrenfried Kluckert, Axel Zimmermann, (Bearb.): Adolf V. Saile - Städtische Galerie Filderstadt, Kleines Kunst-Kabinett Bernhausen; vom 13.10.1985 - 6.11.1985. (Hrsg.) Städtische Galerie Filderstadt; Band 1: Ausstellungskatalog, Band 2: Werkverzeichnis; Filderstadt 1985 (Werkverzeichnis Nr. 1a/54/2). Das zentrale Passionsfenster (dreibahnig) wird links (zweibahnig) flankiert von alttestamentlichen Motiven aus der Geschichte Gottes mit dem Menschen, rechts (zweibahnig) von neutestamentlichen Motiven aus dem Leben und Wirken Jesu. Im Einzelnen (jeweils von unten nach oben):

Linkes Chorfenster Vertreibung aus dem Paradies Kains Brudermord Flucht aus Sodom und Gomorrha, Arche Noah Tobias und der Erzengel Raphael (Buch Tobit), Jakobs Kampf am Jabbok Mose und die Eherne Schlange, Mose am Berg Sinai

Mittleres Chorfenster Gethsemane: Verrat des Judas Verhör vor Pilatus Kreuzigung Jesu Grablegung Jesu Auferstehung Christi Emmaus

Rechtes Chorfenster Geburt Jesu, Anbetung durch die drei Weisen Taufe Jesu, Berufung der Jünger Gleichnis vom verlorenen Schaf, Gleichnis vom Sämann Heilung eines Blindgeborenen, Heilung eines Gelähmten Jesus zu Gast bei einem Zöllner, die Vorhaltungen der Schriftgelehrten

Orgel Die Orgel auf der Empore wurde 2002 als Opus 216 von Richard Rensch errichtet. Sie verfügt über 53 Register auf drei Manualen und Pedal.Information zur Orgel

Literatur Dagmar Zimdars (Bearb.): Dehio-Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Baden-Württemberg II, Regierungsbezirke Freiburg und Tübingen. Deutscher Kunstverlag, München / Berlin 1997, ISBN 3-422-03030-1, S. 151. Walter Stettner: Zur Baugeschichte der Ebinger Stadtkirche. In: Heimatkundliche Blätter Balingen, Jg. 26 Nr. 12, Balingen 1979 S. 237–239. Walter Stettner: Zur Baugeschichte der Ebinger Stadtkirche. In: Heimatkundliche Blätter Balingen, Jg. 27 Nr. 1, Balingen 1980 S. 241 f.

Weblinks

Informationen zu den Kirchen auf der Website der Kirchengemeinde

Einzelnachweise

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