Moordorf ist seit der Gemeindegebietsreform von 1972 der größte Ortsteil der Gemeinde Südbrookmerland im Landkreis Aurich in Ostfriesland. Der Ort hat 6366 Einwohner (Stand: 1. Juli 2024) und liegt auf einer Höhe von etwa . Ursprünglich war Moordorf ein Straßendorf, entwickelte sich jedoch durch die Ausweisung neuer Baugebiete zu einer Streusiedlung.

Geografie Geografische Lage und Naturraum Moordorf liegt im Osten der Gemeinde Südbrookmerland beidseitig der B 72. Der Verwaltungssitz der Gemeinde, Victorbur, befindet sich etwa drei Kilometer nordwestlich des Dorfes. Unmittelbar angrenzende Ortschaften im Uhrzeigersinn, beginnend im Nordosten: Georgsfeld, Walle, Extum (alle Stadt Aurich), Theene und Victorbur (alle Gemeinde Südbrookmerland).

Der Ort liegt etwa sechs Kilometer westlich der Stadt Aurich und 18 Kilometer nordöstlich der Stadt Emden. Er entstand entlang eines alten Handels- und Postweges von Aurich nach Marienhafe am so genannten Schwarzen Weg inmitten des ehemaligen großen Hochmoorkomplexes des Münkeboe-Tannenhauser Moores. Dieser erstreckte sich noch bis in das 18. Jahrhundert nordwestlich von Aurich. Die ersten Siedler erschlossen das Moorgebiet durch Brandrodung mit anschließendem Anbau von Buchweizen sowie Viehhaltung. Inzwischen ist das Moor nahezu vollständig abgetragen worden. Im Ort selbst gibt es heute kein Hochmoor mehr. Reste dieses Moores haben sich unmittelbar an der Ortsgrenze erhalten, zählen aber zum Ortsteil Victorbur.

Der Ort ist heute von vielen Gräben durchzogen, die alle in den Abelitz-Moordorf-Kanal und den Ringkanal münden. Dieses Entwässerungssystem erbaute man jedoch erst am Ende des 19. Jahrhunderts in den Jahren 1870–1877. Zuvor hatten die Bewohner große Problem mit dem Wasser des Hochmoores, das von Norden ungehindert auf die Felder und in den Ort drückte, was die landwirtschaftliche Nutzung der minderwertigen Böden schwierig machte.

Klima mini|Bodennebel in Moordorf Moordorf liegt in der gemäßigten Klimazone. Das Gemeindegebiet steht hauptsächlich im direkten Einfluss der Nordsee. Im Sommer sind die Tagestemperaturen tiefer, im Winter häufig höher als im weiteren Inland. Das Klima ist insgesamt von der mitteleuropäischen Westwindzone geprägt.

Nach der effektiven Klimaklassifikation von Köppen befindet sich Norden in der Einteilung Cfb.

Klimazone C: Warm-Gemäßigtes Klima Klimatyp Cf: Feucht-Gemäßigtes Klima Klimauntertyp b: warme Sommer

Die nächstgelegene Wetterstation befindet sich in Aurich (siehe dort für weitere Informationen).

Geschichte Die Goldscheibe von Moordorf aus der Bronzezeit mini|hochkant|Die Goldscheibe von Moordorf Die Anwesenheit von Menschen auf dem Gebiet des Ortes lässt sich erstmals für die Nordische Bronzezeit belegen. Eine dauerhafte Besiedlung der Moorflächen setzte jedoch nicht ein. Die Goldscheibe von Moordorf, auch Sonnenscheibe genannt, ist eine Skulptur, die in die zweite Periode der Bronzezeit (etwa 1500 bis 1300 v. Chr.) datiert wird. Ein Bewohner Moordorfs entdeckte sie 1910 beim Torfgraben. Heute gehört die Skulptur zum Bestand des Niedersächsischen Landesmuseums in Hannover. In den vergangenen Jahren kamen Zweifel daran auf, dass die Goldscheibe tatsächlich aus der Bronzezeit stamme. Während sich Archäologen weitgehend sicher sind, führten Naturwissenschaftler an, dass das Material der Scheibe typisch für Gold aus dem 20. Jahrhundert sei. Abschließend geklärt wurde die Sache bis heute nicht. Die Goldscheibe von Moordorf ist Teil des Wappens der Gemeinde Südbrookmerland.

Von der Moorkolonisation bis 1933 mini|hochkant|Urbarmachungsedikt von 1765 mini|Plan von Moordorf aus dem Jahr 1808 Nach dem Erlass des Urbarmachungsediktes durch König Friedrich II., der 1744 die Herrschaft über Ostfriesland angetreten hatte, begann 1767 in der Südbrookmer Vogtei die Besiedlung von Moordorf. Die preußische Verwaltung teilte die wüsten unbebauten Heidefelder und Moore auf und vergab sie zwecks Kultivierung an Siedlungswillige. Im Gegensatz zu anderen Projekten der Binnenkolonisation der Preußen geschah die Besiedelung in Moordorf sehr unvorbereitet. Während etwa in den Fehnsiedlungen die Gründer durch die Anlage von Kanälen für eine Entwässerung sorgten und damit eine wichtige Voraussetzung für eine zügige Kultivierung schufen, überließ die preußische Verwaltung die ersten Siedler in Moordorf ihrem Schicksal.

Auch für die Auswahl der Siedler zeigten die staatlichen Stellen kein großes Interesse. Unter den ersten Kolonisten fanden sich viele mittellose Tagelöhner oder Heuerleute aus dem Umland, die der dortigen Überbevölkerung zu entkommen versuchten. Die Mehrheit der Siedler (70 Prozent) stammte aus Ostfriesland, die anderen aus den Provinzen Oldenburg und Hannover sowie dem übrigen Deutschland. Hinzu kamen ausgediente Soldaten aus dem Heer des Königs, von denen nur zwei dauerhaft in Moordorf verblieben. Die Preußen lockten sie mit der Hoffnung auf eine eigene Landstelle nach Moordorf.

Die ersten Siedler erhielten Grundstücke von 50 Ruten Breite (etwa 188 m) entlang des sogenannten Schwarzen Weges, einem Teilstück der von Aurich nach Norden führenden Heerstraße, zugewiesen. Diese sollten sie in Richtung Moor verbreitern. Durchschnittlich waren die Kolonate zwischen 2 und 6 Diemat (etwa zwischen 11.400 und 34.200 m²) groß. Damit waren die Parzellen viel zu klein, um die Siedler zu ernähren.

Hinzu kam, dass der unergiebige Boden durch die Moorbrandkultur schnell erschöpft war. So konnte die Bewohner die Erbpacht häufig nicht mehr zahlen. Viele Kolonisten versanken in Armut. Als Hauptursachen des Elends gelten die weitgehend planlose Besiedlung ohne staatliche Kontrolle, die viel zu kleinen Kolonate, der Mangel an Infrastrukturmaßnahmen, wie die Anlage von Kanälen im Moor (siehe auch Fehnsiedlungen), die fehlende Siedlerauswahl und der unaufhörliche Zustrom mittelloser Siedler. Dennoch war die innere Kolonisation des moorreichen Ostfrieslands im 18./19. Jahrhundert ein lohnendes Projekt des preußischen Staates. Die jährlichen Einnahmen beliefen sich in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts auf stattliche 200.000 Taler bei nur geringen Investitionen. So vergab die Verwaltung weiterhin Kolonate in Moordorf. Dazu kam die wilde Besiedlung und die häufig praktizierte Teilung der ohnehin schon zu kleinen Grundstücke. Infolge von Geburtenüberschüssen und der nicht nachlassenden Zuwanderung nahm die Bevölkerung schnell sehr stark zu. Moordorf gehörte so zu den bevölkerungsreichsten Moorkolonien in Ostfriesland, war aber gleichzeitig deren ärmste. Die Verfasser einer Untersuchung aus dem Jahre 1869 stuften 49 Prozent der Einwohner als arm ein. Durchschnittlich lag diese Zahl in den Moorkolonien bei acht Prozent.Andreas Wojak: Moordorf. Dichtungen und Wahrheiten über ein ungewöhnliches Dorf in Ostfriesland. Temmen, Bremen 1992, ISBN 3-926958-83-9. S. 33 mini|Lehmhütte im Moormuseum Moordorf In Moordorf spitzte sich die soziale Situation weiter zu. Der Ort gehörte zu den kinderreichsten und gleichzeitig ärmsten Dörfern Deutschlands. Die Siedler lebten in armseligen Lehmkaten, die oftmals aus nur zwei Räumen bestanden: einem Wohnraum und einem Stall. In diesen Hütten übernachteten nicht selten drei bis vier Kinder in einem Bett. Die große Armut des Ortes drückte sich auch in der Bekleidung aus, sodass die Moordorfer sofort erkennbar waren. Bis weit in den Herbst liefen die Kinder barfuß herum, und das, obwohl es im Moor wesentlich früher als in anderen Landstrichen friert. An schulische Bildung war bei den meisten Kindern nicht zu denken. Sie mussten schon früh zum Lebensunterhalt der Familien beitragen. Die Jungen und Mädchen landeten vielfach als Knechte oder Mägde beim Bauern, mussten bei den Eltern mitarbeiten oder betteln.

Die große Armut und die dadurch auftretenden Begleiterscheinungen, wie das Betteln und der Verkauf von selbstgeflochtenen Weidekörben und Trödel, führten zu vielen Gerüchten, welche von Historikern längst widerlegt sind. So hieß es lange Zeit, der Ort sei von Zigeunern – seinerzeit ein Schimpfwort – besiedelt worden oder eine Strafkolonie gewesen.

Die große Auswanderungswelle in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfasste auch Moordorf. Mindestens 35 Personen verließen den Ort und suchten ihr Glück in den Vereinigten Staaten von Amerika. Dass dies nicht immer freiwillig geschah, lässt sich für Moordorf in mindestens einem Fall belegen, in dem eine unerwünschte Person von der Armenverwaltung abgeschoben wurde.

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde begonnen, die Moorflächen im Ort zu entwässern. 1870 bis 1877 wurde dafür der 19,1 Kilometer lange Abelitz-Moordorf-Kanal angelegt, der von 1886 bis 1894 noch einmal vertieft wurde. 1885 wurde zudem noch der Ringkanal ausgehoben, der in Münkeboe beginnt und im Süden in den Ems-Jade-Kanal einmündet.

1883 wurde Moordorf über die Bahnstrecke Abelitz–Aurich an das Schienennetz angeschlossen. Diese entstand als Zweigstrecke der Bahnstrecke Emden–Jever, um die damalige Provinzhauptstadt Aurich nicht ohne Bahnanschluss zu lassen. Im Jahre 1914 musste die Kirchengemeinde eine der beiden Glocken zum Einschmelzen für Rüstungszwecke abgeben.Christine Günnel: 250 Jahre Moordorf – Geschichte und Geschichten. Moordorf 2017. S. 33

In der Weimarer Republik gehörte Moordorf zu den Hochburgen der Kommunisten, die bei den Reichs- und Landtagswahlen über die Hälfte der Stimmen erhielten.Biographisches Lexikon für Ostfriesland: Biographie Albert Meyer (PDF). 1928 entfielen bei den Wahlen zum Preußischen Landtag 59 Prozent der Stimmen auf die KPD. Abgesehen von Emden war in Moordorf das aktivste und kämpferischste Potential der radikalen Linken in Ostfriesland konzentriert. Der KPD-Ortsverband von Moordorf war der zweitgrößte in Ostfriesland nach Emden. Bei den Reichstagswahlen am 6. November 1932 erhielt die KPD 48 Prozent der Stimmen im Ort.

Zeit des Nationalsozialismus Bei den Wahlen zum Gemeinderat am 12. März 1933 erhielt die KPD nochmals fünf von zwölf Sitzen, und der Vorsitzende der KPD-Ortsgruppe in Moordorf, Albert Meyer, wurde in den Kreistag gewählt. Ihre Mandate konnten die Abgeordneten jedoch nicht wahrnehmen. Das Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 31. März 1933 vermerkt dazu: „Es wird bekanntgegeben, daß Mitglieder der K.P.D. nicht eingeladen werden dürfen.“Andreas Wojak: Moordorf. Dichtungen und Wahrheiten über ein ungewöhnliches Dorf in Ostfriesland. Temmen, Bremen 1992, ISBN 3-926958-83-9. S. 75

Vor der Machtübergabe hatte die NSDAP in Moordorf zwei Mitglieder. Bis Ende 1933 traten etwa 50 ein. Bis 1938 hatte die NSDAP-Ortsgruppe 115 Mitglieder, was einem Anteil von unter 10 Prozent der Dorfbevölkerung entsprach. Der langjährige Bürgermeister trat der Partei erst 1937 bei. So hatte der Ort nach 1933 für vier Jahre einen parteilosen Amtsträger an seiner Spitze.Andreas Wojak: Moordorf. Dichtungen und Wahrheiten über ein ungewöhnliches Dorf in Ostfriesland. Temmen, Bremen 1992, ISBN 3-926958-83-9. S. 76

Im Jahr 1934 wurden 24 Kommunisten verhaftet und 1937 noch einmal zehn ins Konzentrationslager eingeliefert. Im selben Jahr wurde in Moordorf im Gemeindehaus (dem früheren Armenhaus) ein Lager des nationalsozialistischen weiblichen Arbeitsdienstes eingerichtet, das erste Lager im Kreis Aurich (später RAD-Lager 8/81).