mini|Cartaphilus in einem Manuskript von Matthaeus Parisiensis, um 1240/1250 (Cambridge, Corpus Christi College, MS 16 II, fol. 74v) Cartaphilus ist die Hauptfigur in einer an die Bibel angelehnten Exempelgeschichte aus dem 13. Jahrhundert, die von Roger von Wendover († 1236), einem Mönch der englischen Benediktinerabtei St Albans, in lateinischer Sprache verfasst wurde. Die Geschichte findet sich in der Chronik Flores Historiarum unter dem Titel De Joseph, qui ultimum Christi adventum adhuc vivus exspectat („Von Joseph, der die Wiederkunft Christi noch lebend erwartet“).Im Titel der englischen Übersetzung von J. A. Giles (London 1849) ist das Wort Jew („Jude“) eingefügt: Of the Jew Joseph who is still alive awaiting the last coming of Christ (englischer Text). Im lateinischen Original steht nichts dergleichen (lateinischer Text, herausgegeben von H. O. Coxe, London 1842). Sie wird in der heutigen Forschung für eine der zentralen Vorgeschichten der Sage vom Ewigen Juden gehalten, die 1602 in der Kurtzen Beschreibung und Erzehlung von einem Juden mit Namen Ahasverus niedergeschrieben wurde.
Gemäß der Analyse von Michael Tilly (1995) ist die Geschichte von Cartaphilus in drei verschiedene Erzählebenen unterteilt:Michael Tilly: Der „Ewige Jude“ in England. Die mittelalterliche Cartaphilus-Legende in ihrem historischen Kontext. In: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte. Band 47, Nr. 4, 1995, S. 294–296. Rahmenerzählung, Binnenerzählung und Cartaphilus-Legende.
Rahmenerzählung und kurze Binnenerzählung mini|400px|Mit roter Tinte schrieb Matthaeus den Titel: De Jo-seph, qui ultim-um Christi (xṗi) ad-ventum adhuc vivus expectat – „Von Joseph, der die ‚letzte Ankunft‘ Christi noch lebend erwartet“. Roger von Wendover berichtet von einem Besuch des Erzbischofs von Großarmenien (Armenia major) in St Albans im Jahre 1228. Der Erzbischof wird freundlich empfangen; es kommt zu einem regen Austausch zwischen den Angehörigen der Abtei, die über ihre Lebensweise in England berichten, und dem Bischof sowie seinen Gefolgsleuten, die im Gegenzug viel über den Orient zu erzählen wissen. Die Gastgeber erkundigen sich, ob der Bischof einen Mann namens Joseph kenne, der mit Christus vor dessen Kreuzigung gesprochen habe und immer noch lebe, als Zeuge des christlichen Glaubens; von ihm sei ‚unter den Menschen oft die Rede‘. Für den armenischen Bischof antwortet ein Französisch sprechender Dolmetscher.Roger von Wendover: Flores Historiarum (herausgegeben von H. O. Coxe 1842), Band 4, S. 176. / Englische Übersetzung von J. A. Giles (1849), Band 2, S. 512–513.
Die relativ kurze erste Antwort des Dolmetschers bildet die zweite Ebene der Geschichte: Ja, sein Herr kenne Joseph gut; er habe ihn schon oft gesehen und mit ihm gesprochen. Erst kürzlich sei Joseph Gast an der Tafel des Bischofs gewesen.
Die Engländer wollen natürlich mehr erfahren über das, was sich zwischen Christus und diesem Joseph zugetragen habe. Auf der dritten Erzählebene gibt nun der Dolmetscher die eigentliche Legende von Cartaphilus wieder.
Legende von Cartaphilus mini|400px|Blau unterstrichen: carta-philus praetorii ostiarius & pontii pilati – Cartaphilus, Türhüter des Prätoriums und des Pontius Pilatus. Orange die Worte des Cartaphilus: Vade Jesu citius. vade quid moraris? – „Geh schneller, Jesus. Geh, warum zögerst du?“ Rot die Entgegnung Jesu: Ego vado. & expectabis donec veniam. – „Ich gehe. Und du wirst warten, bis ich komme.“ (Der Originaltext von Roger von Wendover lautet: … et tu exspectabis donec redeam.)
Joseph, der damals noch Cartaphilus geheißen habe, sei Türhüter im Prätorium des Pontius Pilatus gewesen und habe am Tag der Verurteilung Jesu Dienst geleistet. Als die Juden Jesus aus dem Prätorium zerrten, habe er ihm unter der Türe einen Faustschlag in den Rücken versetzt und ihn mit den Worten „Geh schneller, Jesus! Geh! Warum zögerst du?“ zur Eile getrieben. Jesus habe entgegnet, ‚mit ernstem Gesichtsausdruck und den Blick auf ihn gerichtet‘: „Ich gehe, und du wirst warten, bis ich wiederkomme.“Tilly 1995, S. 293.Im lateinischen Original lautet der Wortwechsel so: „Vade Jesu citius, vade, quid moraris?“ Et Jesus severo vultu et oculo respiciens in eum dixit, „Ego,“ inquit, „vado, et tu exspectabis donec redeam.“ (Roger von Wendover, Flores Historiarum, Band 4, S. 177.)
Also warte Cartaphilus, der zum Zeitpunkt der Kreuzigung Jesu etwa dreißig Jahre alt gewesen sei, gemäß dem Wort des Herrn immer noch. Jedes Mal, wenn er das hundertste Lebensjahr erreiche, werde er in sein damaliges Alter zurückversetzt. Nach der Hinrichtung Jesu sei er durch Hananias getauft worden und habe den Namen Joseph angenommen. Er halte sich oft in Armenien und in anderen Gebieten des Morgenlandes auf, verkehre mit geistlichen Würdenträgern und führe ein bescheidenes, vorbildlich christliches Leben. Wenn er danach gefragt werde, erzähle er von der Auferstehung Jesu und von den Aposteln. Er sei immer sehr ernst und fürchte sich, dass Christus ihm bei der letzten Prüfung noch zürne. Er hoffe aber, dass ihm vergeben werde, weil er unwissend gesündigt habe. Denn Christus habe am Kreuz gebetet: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.“Roger von Wendover: Flores Historiarum, Band 4, S. 177–178. / Übersetzung von J. A. Giles, Band 2, S. 513–514.
Erklärung des Namens Der latinisierte Name Cartaphilus ist vermutlich zusammengesetzt aus den altgriechischen Wörtern κάρτα kárta, ‚sehr‘ und φίλος phílos, ‚liebend‘, ‚geliebt‘ oder ‚Freund‘. So könnte die Legendengestalt Cartaphilus in Verbindung stehen mit Johannes, dem Lieblingsjünger Jesu.Tilly 1995, S. 296–297. Von diesem wurde nämlich behauptet, er werde nicht sterben, weil Jesus über ihn gesagt hatte: „Wenn ich will, dass er so lange lebt, bis ich wiederkomme, was geht es dich an?“Johannes 21, 20–23. Zu dieser Deutung passt der Name Johannes Buddeus oder Johannes Buttadeus (‚Schlage-Gott‘), der dem ‚ewig Lebenden‘ in mehreren anderen Berichten gegeben wird.Burchard von Straßburg gegen 1200, Guido Bonatti gegen 1300 und Sigismondo Tizio um 1500; vgl. im Artikel „Ewiger Jude“ die Abschnitte Burchard von Straßburg und Berichte über ‚Wanderer‘ in Europa. Wahrscheinlich wurde in der Legende das biblische Motiv vom Weiterleben des Johannes bis zur Wiederkunft Christi vermischt mit demjenigen von Spott und Gewalt gegenüber Christus während seiner Passion. (Als biblisches Beispiel eines Mannes, der Jesus schlug, kommt vor allem der Diener des Hohepriesters in Johannes 18,22 in Betracht, der später mit Malchus identifiziert wurde.)Tilly 1995, S. 296. / Leonhard Neubaur: Die Sage vom ewigen Juden. 2. Auflage. Hinrichs, Leipzig 1893, S. 6 (online).
Rein sprachlich betrachtet könnte der vordere Bestandteil des Namens auch als lateinisch c(h)arta (abgeleitet von altgriechisch χάρτης chártēs) verstanden werden: ‚Papier, Schriftstück, Buch‘. Cartaphilus wäre dann ein ‚Freund der Schriften‘ – wie der Chronist, der seine Legende niederschrieb.
Betont wird nach den Regeln der lateinischen Sprache die zweite Silbe des Namens, Cartáphilus, denn der Vokal i in φίλος bzw. -philus ist kurz.Wilhelm Gemoll: Griechisch-deutsches Schul- und Handwörterbuch. 9. Auflage. G. Freytag Verlag, München/Wien 1965, S. 786.
Der Name Joseph, den Cartaphilus nach seiner Taufe annahm, könnte auf Joseph von Arimathäa zurückgehen,J. Ja.: Jew, The Wandering. In: Encyclopædia Britannica. 1911. dem Legenden ebenfalls Unsterblichkeit nachsagten. Besonders in England war die Legendengestalt beliebt;Joseph of Arimathea auf glastonburyabbey.com, abgerufen am 25. Juli 2025 (englisch). das Interesse der Mönche könnte also zunächst ihr gegolten haben.
Deutung der Figur Gemäß den Ausführungen von Bernd Appel (2022) weist die Geschichte von Cartaphilus zahlreiche Merkmale auf, die typisch sind für eine durch Autoritäten authentifizierte Exempelgeschichte. Ähnlich wie andere Legendenerzählungen ist sie auf Gewährsmann-Strukturen aufgebaut, die den Wahrheitsgehalt des Erzählten untermauern sollen.Bernd Appel: Antisemitismus und Ahasver (= Hamburger Beiträge zur Germanistik. Nr. 69). Peter Lang Verlag, Berlin/Bern/Bruxelles 2022, S. 129–130. Fraglich ist, ob Cartaphilus wie der spätere Ewige Jude Ahasver aus der Kurzen Beschreibung bereits als jüdische Figur konzipiert wurde. Appel meint, eine zeitgenössische Deutung der Figur in diese Richtung sei aus mehreren Gründen anzunehmen: So sei Cartaphilus zunächst eine „typisierte jüdische Mitläuferfigur“, die gemeinsam mit anderen Juden im Prätorium gegen die Freilassung Jesu und für seine Hinrichtung protestiert habe.Appel 2022, S. 131. Dagegen ist allerdings einzuwenden, dass Roger von Wendover Cartaphilus selbst nicht als Juden bezeichnet, sondern als „Türhüter des Prätoriums und des Pontius Pilatus“praetorii ostiarius et Pontii Pilati; in der englischen Übersetzung von J. A. Giles: a porter of the hall in Pilate's service. Er tritt erst in Aktion, als die Juden Jesus aus dem Prätorium zerren und mit ihm den Ausgang erreichen, bei dem Cartaphilus steht: When therefore the Jews were dragging Jesus forth, and had reached the door, Cartaphilus, a porter of the hall in Pilate's service, as Jesus was going out of the door, impiously struck him on the back with his hand, and said in mockery, "Go quicker, Jesus, go quicker, why do you loiter?" und ihm einen griechisch-römischen Namen gibt.
Den bekehrten und durch 1200 Jahre Lebenserfahrung geläuterten Cartaphilus beschreibt Roger von Wendover als tief religiösen Menschen. Joseph scheint nun geradezu das Leben eines Mönchs zu führen, denn sein Verhalten stimmt in fünf Punkten mit der Regula Benedicti überein: Schweigsamkeit, Demut, Zurückweisung von Geschenken, schlichte Kleidung und maßvolle Speise. Den Lesern der Chronik kann er also als Vorbild dienen.Tilly 1995, S. 301. Er hält sich zwar nicht nur „in beiden Teilen Armeniens“, sondern auch „in anderen Regionen des Orients“ auf, aber von ruheloser Wanderschaft ist nicht die Rede. Er „lebt unter Bischöfen und anderen Würdenträgern der Kirche“; der armenische Erzbischof hat sich schon oft mit ihm unterhalten.Roger von Wendover: Flores Historiarum, Band 4, S. 177. / Übersetzung von J. A. Giles, Band 2, S. 513. Besonders hervorgehoben wird seine Bedeutung als Zeuge des Passionsgeschehens: Wenn er von Bischöfen und anderen Geistlichen danach gefragt wird, „berichtet er von den Geschehnissen der alten Zeit und von dem, was geschah während der Passion des Herrn und bei seiner Auferstehung, und von den Zeugen der Auferstehung … Viele kommen zu ihm aus entfernten Teilen der Welt und freuen sich, ihn zu sehen und sich mit ihm zu unterhalten. Wenn ihr Interesse echt ist, beantwortet er kurz ihre Fragen.“… et tunc refert de rebus antiquitatis, et de iis quae gesta fuerant in passione Domini et resurrectione, et de testibus resurrectionis … Veniunt ad eum multi de remotis mundi partibus, delectantes in ejus visione et confabulatione, quibus, si sint viri authentici, de rebus interrogatis breviter quaestiones absolvit. (S. 178.) Die durchwegs positive, ja ehrerbietige Darstellung des geläuterten Joseph könnte durch seine Verknüpfung mit Legenden um Joseph von Arimathäa beeinflusst worden sein (siehe oben, „Erklärung des Namens“).
Anders als alle früheren Vorläuferfiguren des Ahasver wie etwa Kain, Johannes oder Malchus stellt Cartaphilus gemäß Appel die erste vollständig literarisch gestaltete Figur dar, die nur noch vage an die Evangelien und die biblische Leidensgeschichte Jesu angebunden ist. Der Bericht über Cartaphilus bildet somit die erste tatsächliche ‚Erzählung‘ über einen ‚ewig Lebenden‘, die mit rein fiktiven Elementen ausgestaltet ist.Appel 2022, S. 127. Anders als Malchus oder Johannes erhält die Figur eine persönliche Vita, Charaktereigenschaften und Emotionen, namentlich die Furcht vor der Wiederkehr des Heilands und die Hoffnung, dass dieser ihm schließlich vergeben werde.Tilly 1995, S. 294.
Bearbeitung durch Matthaeus Parisiensis