mini|Siegesparade der Roten Armee in Chișinău kurz nach dem Einmarsch in Bessarabien, stehend im Auto der sowjetische Oberkommandierende Georgi Schukow, 4. Juli 1940 mini|Die rot markierten Gebiete wurden im Juni/Juli 1940 von der Roten Armee besetzt mini|Sowjetische Offiziere der Besatzungstruppen. Zu sehen sind unter anderem Nikita Chruschtschow und Lew Mechlis. Die sowjetische Besetzung Bessarabiens und der Nordbukowina bezeichnet die Besetzung mehrerer Landstriche des Königreichs Rumänien durch die Rote Armee der Sowjetunion zwischen dem 28. Juni und dem 3. Juli 1940. Die Besetzung war einem Ultimatum am 26. Juni 1940 gefolgt. Die Gebiete Bessarabien, Nordbukowina und das kleine Herza-Gebiet wurden dauerhaft von Rumänien abgetrennt, durch die UdSSR annektiert und der Ukrainischen SSR sowie der kurz darauf gegründeten Moldauischen SSR zugeteilt. Die Abtrennungen von Rumänien wurden nie rückgängig gemacht; heute sind die Nordbukowina und das Herza-Gebiet Teil der Ukraine, Bessarabien ist zwischen der Ukraine und der Republik Moldau geteilt.

Hintergrund Die Bessarabienfrage mini|Ethnische Gruppen im Königreich Rumänien, 1930 Die „Bessarabienfrage“ war das politische Problem der politischen Zugehörigkeit der seit dem 15./16. Jahrhundert an das Osmanische Reich gefallenen geographischen Region Bessarabien, welche im Jahr 1812 infolge des 6. Russischen Türkenkrieges vom Russischen Kaiserreich annektiert worden war und deren Volksversammlung sich am 27. März 1918, in den Wirren der Russischen Revolution und des Russischen Bürgerkriegs (1917–22) für eine Union mit Rumänien ausgesprochen hatte. Das im Jahr 1917 gegründete Sowjetrussland sowie die im Jahr 1922 ausgerufene Sowjetunion beanspruchten (solange keine anderslautenden Verträge geschlossen wurden) die Grenzen des ehemaligen Zarenreiches, was die Beziehungen zu Rumänien erschwerte.

Rumänisch-sowjetische Beziehungen in der Zwischenkriegszeit Die rumänische Außenpolitik der Zwischenkriegszeit war gegen die revisionistischen Mächte gerichtet, die den Ersten Weltkrieg (1914–18) verloren hatten und Territorialansprüche gegen Rumänien hegten: Ungarn, Bulgarien und die Sowjetunion. Im Jahr 1921 begründete Rumänien zusammen mit der Tschechoslowakei und Jugoslawien die „Kleine Entente“, um sich verteidigungspolitisch abzusichern.

Dennoch war die rumänische Außenpolitik an einer Aufgabe der sowjetischen Ansprüche auf Bessarabien interessiert; der Außenminister Nicolae Titulescu arbeitete sogar an dem Projekt einer Allianz zwischen Rumänien und der Sowjetunion, deren Abschluss aber wiederum an der ungelösten Bessarabienfrage scheiterte. Titulescu unterstützte mit Nachdruck die Annäherung der Sowjetunion mit Frankreich und bewarb die Idee eines Systems der kontinentalen Kollektiven Sicherheit auf der Basis einer französisch-sowjetischen Militärallianz. Im Jahr 1934 nahmen Rumänien und die Tschechoslowakei einerseits und die Sowjetunion andererseits erstmals formelle diplomatische Beziehungen auf, was für den sowjetischen Außenkommissar Maxim M. Litwinow, einen Fürsprecher einer Westbindung der Sowjetunion gegen die faschistischen Mächte, einen frühen Erfolg darstellte.

Der deutsch-sowjetische Pakt und der Zweite Weltkrieg

mini|Die Verhandlungen zwischen Molotow und von Ribbentrop führen zum deutsch-sowjetischen Pakt. Deutschland stimmt den sowjetischen Ansprüchen gegenüber Rumänien zu. Am 23. August 1939 wurde, für die Weltöffentlichkeit überraschend, der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt unterzeichnet. Neben Vereinbarungen über Rohstoff- und Waffenlieferungen gab es auch ein Geheimes Zusatzprotokoll, in welchem die beiden Staaten Einflusssphären in Nord-, Mittelost- und Osteuropa vereinbarten. Der Sowjetunion wurde es freigestellt, Finnland, Ostpolen, das Baltikum und das zu Rumänien gehörige Bessarabien als Einflussgebiet zu behandeln. Im Gegenzug erklärte die deutsche Seite ihr „völliges politisches Desinteressement an diesen Gebieten“. mini|König Karl II. von Rumänien versuchte im Jahr 1939, einen Frieden im Weltkrieg zu vermitteln. Später musste er nach mehreren Territorialforderungen, unter anderen durch die UdSSR, abdanken. Deutschland nutzte die Rückendeckung der Sowjetunion wiederum, um am 1. September 1939 mit dem Überfall auf Polen zu beginnen, der nach den britisch-französischen Kriegserklärungen des 3. September in den Zweiten Weltkrieg mündete. Rumänien setzte sich (auch aus Sorge vor opportunistischen Aktionen der Sowjetunion) schon während der Phase des Sitzkrieges für ein baldiges Kriegsende ein; am 9. November 1939 schickte König Karl II. Telegramme nach Berlin, Paris und London und bot sich als ein neutraler Friedensvermittler an. Der schnelle deutsche Sieg im Westfeldzug im Mai und Juni 1940 erhöhte den Druck auf alle Beteiligten.

Expansion der Sowjetunion

Unter dem Schutz des deutsch-sowjetischen Pakts und der Ablenkung der Westmächte durch den Weltkrieg schickte sich die Sowjetunion an, ihren Machtbereich in Osteuropa auszudehnen. Der Winterkrieg gegen Finnland (30. November 1939 – 13. März 1940) endete mit dem Frieden von Moskau (12. März 1940), durch den sich die Sowjetunion die Karelische Landenge, die Halbinsel Hanko und mehrere Inseln im Finnischen Meerbusen einverleibte.

Dem Sieg über Finnland folgte eine diplomatische Aggression gegen die drei baltischen Staaten. Am 14. Juni 1940 stellte die Sowjetunion ein Ultimatum an Litauen, gefolgt von ähnlichen Ultimaten an Lettland und Estland am 16. Juni. Alle drei Staaten waren gezwungen, die Präsenz von Rotarmisten in hoher fünfstelliger Zahl in den eigenen Grenzen hinzunehmen. Etwas über einen Monat später folgten am 21. Juli erzwungene Annexionen der drei baltischen Staaten und ihre Eingliederungen in die Union (Estnische SSR, Lettische SSR, Litauische SSR), die durch verfälschte Volksabstimmungen legitimiert wurden.

Sowjetische Vorbereitungen gegen Rumänien mini|Sowjetische operative Planungen für den Fall eines Kriegsausbruchs gegen Rumänien im Jahr 1940 Das Ultimatum der Sowjetführung an Rumänien folgte weniger als zwei Wochen nach den Ultimaten an die baltischen Staaten. Hierfür waren von sowjetischer Seite umfangreiche und mehrmonatige militärische Vorbereitungen getroffen worden und es fanden mehrfach Grenzzwischenfälle statt.

Am Tag des Ultimatums, dem 26. Juni 1940, wurde umfangreiche Angriffsbefehle an die Einheiten der Roten Armee entlang der rumänischen Grenze ausgegeben, die von den zuständigen Kommandobehörden (wie etwa der 12. Armee) ausgearbeitet worden waren.

Deutsch-sowjetische Kontakte vor dem sowjetischen Ultimatum Am 23. Juni 1940 (dem Tag nach dem deutsch-französischen Waffenstillstandsvertrag) setzte die sowjetische Regierung die deutsche Seite formell von ihrem bevorstehenden Vorgehen gegen Rumänien in Kenntnis.

Deutschland hatte im Zuge des deutsch-sowjetischen Pakts den sowjetischen Ansprüchen auf Bessarabien zugestimmt, war aber mit den sowjetischen Ansprüchen auf die gesamte Bukowina sehr unzufrieden. Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop ließ den deutschen Botschafter in Moskau Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg am 25. Juni 1940 ausrichten, dass der Status der Bukowina als ehemaliges österreichisches Kronland und die Anwesenheit einer deutschen Volksgruppe in der Bukowina das deutsche Interesse an diesem Gebiet erhöhe (dass auch im von Deutschland nicht beanstandeten Bessarabien eine deutsche Volksgruppe existierte, wurde hierbei ausgespart).

Als Kompromiss kürzte die Sowjetunion das eigene Ultimatum. Der südliche Teil der Bukowina wurde ausgespart, wodurch die meisten Rumänen und auch ein Teil der Bessarabiendeutschen bei Rumänien verbleiben würden, und die UdSSR begnügte sich mit der Nordbukowina.

Verlauf Ultimatum der Sowjetunion an Rumänien Am 26. Juni 1940 forderte die Sowjetunion in einem Ultimatum die Abtretung Bessarabiens und der Bukowina. Das sowjetische Ultimatum verlangte eine rumänische Antwort innerhalb von 24 Stunden. Zeitgleich erhielten die Truppen der Roten Armee entlang der Grenze ihre Angriffsbefehle für den Fall einer rumänischen Ablehnung des Ultimatums.

Nachdem ein schnelles rumänisches Hilfegesuch in Richtung Deutschland ohne Ergebnis geblieben war (und stattdessen der deutsche Ratschlag erfolgte, den sowjetischen Forderungen nachzukommen), hatte die Regierung Karls II. die Wahl zwischen einem Krieg gegen die Sowjetunion und einer Kapitulation. Mit den jüngsten Beispielen deutsch-sowjetischer Aggression in Polen und Finnland entschied sich der rumänische König auf Anraten seiner Minister, dem sowjetischen Ultimatum kampflos zuzustimmen.

Am 27. Juni wurde den rumänischen Garnisonen gegen 7:00 Uhr morgens die baldige Ankunft der sowjetischen Truppen mitgeteilt. Viele Angehörige der rumänischen Minderheit in den Besatzungsgebieten versuchten fluchtartig, die Bahnhöfe zu erreichen, um die Gebiete mit den letzten Zügen in Richtung Rumänien zu verlassen. Um 14:00 Uhr begann der Einmarsch der Roten Armee nach Bessarabien und in die Nordbukowina.

Annexion

Am 2. August verabschiedete der Oberste Sowjet der UdSSR ein Gesetz zur Errichtung der Moldauischen SSR, welche aus sechs Bezirken in Nord- und Zentralbessarabien sowie aus sechs Rajons der bereits zuvor existenten Moldauischen ASSR bestand. Die anderen acht Rajons der Moldauischen ASSR sowie die vormalig rumänischen Gebiete Akkerman und Ismajil (Südbessarabien) und Chotyn (Nordbukowina) wurden der Ukrainischen SSR zugeschlagen; heute sind diese Gebiete noch immer Teil der unabhängigen Ukraine.

Nachspiel Reaktionen der lokalen Bevölkerung mini|Zwischen 1939 und 1941 versuchte die deutsche Regierung, die Bewohner von Gebieten, auf welche das Deutsche Reich selbst offiziell verzichtete, zur Emigration nach Deutschland zu bewegen („Heim ins Reich“). Dazu zählten auch die Bessarabiendeutschen und Bukowinadeutschen. Die Reaktionen der Bewohner der durch die Sowjetunion besetzten Gebiete waren gemischt. Die Russen, denen in Chișinău seit 1938 die öffentliche Nutzung ihrer eigenen Sprachen verboten gewesen war, feierten die Ankunft der Roten Armee als Befreiung. Die Juden und Ukrainer waren seit den 1920er-Jahren ebenfalls wiederholt kulturellen und linguistischen Repressalien durch die rumänische Staatsführung ausgesetzt gewesen und standen der Eingliederung in die Sowjetunion positiver gegenüber als die Rumänen, die ihre Zugehörigkeit zum eigenen Nationalstaat verloren hatten. Die Ukrainer Galiziens (bis September 1939 Zweite Polnische Republik) und der Nordbukowina waren noch nie zuvor in ihrer Geschichte unter der Herrschaft eines von Moskau aus dominierten Staates gewesen. Mit der Eingliederung dieser Landstriche hatte sich die Sowjetunion alle mehrheitlich ukrainischen Gebiete Europas (je nach Zählung mit Ausnahme der Russinen in der Karpatenukraine) einverleibt. (Die Karpatenukraine geriet in der Folge des Zweiten Weltkriegs 1945/46 unter direkte sowjetische Herrschaft.)

Die Deutschen, unterteilt in die Bukowinadeutschen und Bessarabiendeutschen, bildeten einen Sonderfall; die Möglichkeit ihrer Umsiedlung war im Pakt von 1939 zwischen Deutschland und der Sowjetunion vereinbart worden. Unter der Parole „Heim ins Reich“ warb die deutsche Regierung (mit beträchtlichem Erfolg) um die freiwillige Aussiedlung der deutschen Volksgruppe aus den neugewonnenen Gebieten der Sowjetunion.

Die Aufteilung Rumäniens

mini|Gebietsverluste Rumäniens im Jahr 1940 Der Gebietsgewinn der UdSSR erregte auch in anderen revisionistischen Nachbarstaaten Rumäniens Hoffnungen auf eine Gebietsrevision, insbesondere im Königreich Ungarn, aber auch im Königreich Bulgarien. Die Gebietskonflikte wurden von Deutschland und auch von Italien besorgt verfolgt (und letztendlich gelenkt), um alle drei Staaten – Ungarn, Bulgarien und auch Rumänien – als potenzielle Verbündete der Achsenmächte zu erhalten.