Das Gästebuch Alfred u. Tekla Hess (Originaltitel gemäß Deckblatt-Gemälde von Erich Heckel) der Familie des Industriellen, Kunstsammlers und -mäzens Alfred Hess aus dem thüringischen Erfurt gilt als einzigartiges Zeugnis der expressionistischen Kunstszene im Deutschen Reich während der retrospektiv so bezeichneten Zwischenkriegszeit,Thekla Pauson (1884–1968) ist der standesamtlich eingetragene Geburtsname, Tekla wohl eine modernisierend gemeinte Schreibweise, die damit gleichzeitig an die englische Sprache angepasst ist, womit eine verfälschende Aussprache mit „th-Laut“ vermieden wird. Für Thekla Hess nachgewiesen ist die Schreibweise Tekla bereits 1908. Als Tekla Hess hat die Namensträgerin auch selbst unterzeichnet, so beispielsweise ein erhaltenes Schreiben aus dem Jahr 1936, das sie im oberfränkischen Lichtenfels verfasst hat. Das Exlibris des Ehepaars wiederum wurde um 1910 mit Alfred u. Thekla Hess bedruckt. In den jährlichen Geschäftsberichten des Unternehmens M. & L. Hess Schuhfabrik Akt.-Ges. wurde sie im Aufsichtsrat als Thekla Hess aufgeführt. – Zitiert nach: Geburtsanzeige für Hans Hess (1908–1975) durch seine Eltern Alfred Hess und Tekla, geb. Pauson. In: Erfurter Allgemeiner Anzeiger, 59. Jahrgang, Nr. 89, Sonntag, 29. März 1908. – Zitiert nach: Geschäftsberichte der M. & L. Hess Schuhfabrik Akt.-Ges. In: Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft (Hamburgisches Welt-Wirtschafts-Archiv), auf: zbw.eu insbesondere der 1920er Jahre.Bauhaus-Ausstellung in Berlin, auf: schoener-wohnen.de Das rote Deckblatt des Gästebuches gestaltete Erich Heckel mit einem Aquarell, das wohl um 1920 entstand.Pressefotos neu präsentiert – Die Sammlung Bauhaus (PDF-Datei; 1,2 MB), Bauhaus Archiv Museum für Gestaltung, Berlin. auf: bauhaus.deErich Heckel – Handzeichnungen und Druckgrafik aus der Sammlung des Angermuseums (siehe dort: Biografie Erich Heckel) In: Kunstmuseen Erfurt, auf: erfurt.de

Zweck und Inhalt Der Inhalt des Gästebuches ist ein bemerkenswerter Beleg großzügiger Gastfreundschaft und einer privaten Förderung der deutschen Kunstszene, insbesondere einer Kunstrichtung der Moderne,Thomas Lackmann: Irrfahrt einer Paradiesszene. In: Jüdische Allgemeine, 7. Dezember 2006, auf: juedische-allgemeine.deUlrike Sebert: Alfred Hess – Ein jüdischer Kunstmäzen aus Erfurt. In: Deutschlandfunk, 15. Dezember 2021, auf: deutschlandfunkkultur.de die zeitgenössisch äußerst umstritten war, heute aber international anerkannt und häufig im Millionenwert dotiert ist.phw/AP/dpa/ddp: Kirchner-Gemälde für 30 Millionen Euro versteigert. In: Der Spiegel, 9. November 2006, auf: spiegel.deSammlung Alfred Hess, auf: van-ham.com

Das im Bauhaus-Archiv in Berlin aufbewahrte zweibändige Original des Gästebuches enthält persönliche Eintragungen bzw. Widmungen von Künstlern und Autoren,Gästebuch Alfred u. Tekla Hess. In: Bauhaus-Archiv Berlin, Inventarnummer 3621, 3622. die sich in der heute unter Denkmalschutz stehenden Villa des Industriellen, Kunstsammlers und -mäzens Alfred Hess und dessen Ehefrau Thekla, geborene Pauson (1884–1968) sowie deren Sohnes Hans Hess in Erfurt-Brühlervorstadt, in der Richard-Breslau-Straße 14 an der Ecke zur Hohenzollernstraße (heute: Alfred-Hess-Straße), aufhielten.Patrick Siebert: Erfurt von 1900 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Thüringer Literaturrat e. V., auf: literaturland-thueringen.de

Die oft mehrtägig oder über Wochen beherbergten Gäste der Familie Hess trugen sich individuell in unterschiedlicher Weise in das Gästebuch ein, bei wiederholten Besuchsaufenthalten manchmal erneut. Dies geschah nicht immer chronologisch, da auch restliche Freiflächen auf bereits teils beschriebenen Seiten genutzt wurden. Teilweise hinterließen die Gäste darin monochrome oder mehrfarbige Zeichnungen und Gemälde. Einige der Künstler wohnten und arbeiteten temporär in der Villa Hess.

Aufgelegt wurde das Gästebuch bereits im Jahr 1907. Thekla Hess erhielt es von ihrem Cousin Siegfried Pauson (1876–1931), dem Neffen ihres Vaters Pankraz (1852–1910), geschenkt.Gunnar Schnabel, Monika Tatzkow: Alfred (1879–1931) and Tekla (1884–1968) Hess, Hans Hess (1908–1975), Erfurt. In: Melissa Müller, Monika Tatzkow: Lost lives, lost art. Jewish collectors, Nazi art theft, and the quest for justice. The Vendome Press New York City, NY. S. 44–59 (Zitatstelle: S. 44). Eintragungen erfolgten zunächst bis zum Jahr 1914, bis es durch den im August jenes Jahres beginnenden Ersten Weltkrieg vorläufig nicht weitergeführt wurde; der Hausherr Alfred Hess befand sich „im Felde“. Dieser kehrte nach Kriegsende äußerlich unversehrt, jedoch mental verändert heim und unterzog sein privates Umfeld einer Revision. Direkt nach der Novemberrevolution wurde das Gästebuch fortgeführt, am 23. Februar 1919 durch Johannes Molzahn.Hans Hess (Nachw.): Dank in Farben – Aus dem Künstlergästebuch von Alfred und Thekla Hess. Piper-Bücherei, München 1957, . Neuausgabe: 1987, ISBN 3-492-10606-4, S. 39–49.

Die Revision durch Alfred Hess beinhaltete in der Folge zahlreiche Veränderungen des Einrichtungsstils und der Dekoration der Villa Hess. Vom Mobiliar des Historismus der Gründerzeit wechselte das Ehepaar Hess zu echten Antiquitäten, von Kunstwerken des Jugendstils zur Moderne. Künstler des Bauhauses kamen aus Weimar und später aus Dessau in die Villa Hess, auch Mitglieder der Künstlergemeinschaften Die Brücke und Der Blaue Reiter sowie recht viele Kunsthistoriker, Autoren und mindestens ein bekannter Komponist.

Alphabetisches Verzeichnis der eingetragenen Besucher Hans Bethge, Martin Buber, Ludwig Curtius, Theodor Däubler, Mutzli Dix, Otto Dix, Herbert Eulenberg, Julie Feininger, Lyonel Feininger, Paul Frankl, Salomo Friedlaender, Werner Gilles, Richard Hamann, Gustav Friedrich Hartlaub, Walter Hasenclever, Erich Heckel, Carl Georg Heise, Hans Hildebrandt, Paul Hindemith, Fritz Huhnen, Johannes Jahn, Hans Jantzen, Jussuff, Ludwig Justi, Walter Kaesbach, Nina Kandinsky, Wassily Kandinsky, Felix Klee, Lily Klee, Paul Klee, Wilhelm Koehler, Else Lasker-Schüler, Lotte Lenya (siehe Kurt Weill), Franz Marc, Maria Marc, Gerhard Marcks, Georg Alexander Mathéy, Johannes Molzahn, Otto Mueller, Emil Nolde, Pan Jen-an, Max Pechstein, Wilhelm Pinder, Heinz Porep (* 1888),Porep, Heinz. In: Deutsche Nationalbibliothek, auf: d-nb.info Ernst Rathenau, Edwin Redslob, Karl Peter Röhl, Christian Rohlfs, Karl Schmidt-Rottluff, Paul Schubring, Georg Swarzenski, Wilhelm Uhde, Carl Maria Weber, Kurt Weill, Wilhelm Worringer.

Das Gästebuch erfasst jedoch bei weitem nicht alle Gäste der Villa Hess in Erfurt, belegt sind beispielsweise auch der Besuch von Alexej von Jawlensky im Jahr 1922,Biographie Alexej von Jawlensky. In: Alexej von Jawlensky-Archiv S.A. Muralto, Schweiz, auf: jawlensky.ch die Besuche der Söhne des Lyonel Feininger, Andreas, LaurenceLaurence Feininger war von 1926 bis 1929 Schüler der Freien Schulgemeinde in Wickersdorf bei Saalfeld im Thüringer Wald, während Hans Hess dieses Landerziehungsheim von 1923 bis 1925 besuchte und dann im Rahmen einer Sezession um Martin Luserke, Rudolf Aeschlimann und Paul Reiner zur neu eröffneten Schule am Meer auf die Nordseeinsel Juist wechselte und diese während des ersten Jahres ihres Bestehens mit aufbaute. – Zitiert nach: Schülerverzeichnis der Freien Schulgemeinde in Wickersdorf, Hess, Hans, an der FSG Schüler von 1923 bis 1925 (Mitglied der Kameradschaft von Alfred Ehrentreich), Wechsel zur Schule am Meer auf Juist. In: Archiv der deutschen Jugendbewegung, Burg Ludwigstein bei Witzenhausen in Hessen. – Zitiert nach: Schülerbuch der Schule am Meer, Blatt 11: Hess, Hans, Schüler der Unterprima (UI, Jahrgangsstufe 12), an der SaM vom 29. April 1925 bis 24. März 1926. In: Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Kiel, Handschriftenabteilung, Nachlass Luserke, Martin, Signatur Cb 37. und Theodor Lukas sowie Gruppen Studierender mit ihren Professoren von kunsthistorischen Instituten umliegender Hochschulen, zu denen beispielsweise Hans Junecke mit seinem Professor Paul Frankl zählte.Hans Junecke: Gegenwartskunde und Kunstgeschichte. In: Peter Labudde: Wissenschaft und Verantwortung. Walter de Gruyter, Berlin 1962. ISBN 978-3-11-087079-4 (Neuauflage 2020), S. 60–72 (Zitatstelle S. 60). Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit waren auch Alfred Hess’ Cousine Trude Krautheimer-Hess und deren Ehemann Richard Krautheimer zu Gast,Ingo Herklotz: Richard Krautheimer in Deutschland – Aus den Anfängen einer wissenschaftlichen Karriere 1925–1933. Waxmann Verlag, Münster / New York 2021, S. 33. denn dazu existiert ein Brief von Krautheimer an seinen Kollegen Harald Keller, der dies nahelegt.Richard Krautheimer schrieb an seinen Kollegen Harald Keller: „Weimar … da sind Trude und ich von Erfurt aus oft hingefahren, die Bauhäusler besuchen – Kandinsky, der wie ein Gymnasialprofessor aussah; Gropius, schon damals geheimrätlich; Feininger, aber ob der in Weimar war, dessen entsinne ich mich nicht mehr – wir hatten Einführungen zu all den Leuten durch Trude's Vetter, Alfred Hess, der Erfurter Mäzen der 1920er Jahre, und durch Käsbach, den Erfurter Museumsdirektor, Hausfreund im Hause Alfred H. und gerüchteweise Alfreds reizender und gescheiter Frau nahestehend.“ – Zitiert nach: Harald Keller Papers 1929–1990, Serie IV, Box 32/5. In: The Getty Research Institute, Research Library, Accession no. 920043. – Zitiert nach: Ingo Herklotz: Richard Krautheimer in Deutschland – Aus den Anfängen einer wissenschaftlichen Karriere 1925–1933. Waxmann Verlag, Münster / New York 2021, S. 33, FN 80.

Als interessant stellt sich der Abgleich der Namen mit den drei reformpädagogischen Landerziehungsheimen dar, die Alfred und Thekla Hess’ Sohn Hans besucht hat. In diesen Internaten (Odenwaldschule, Freie Schulgemeinde, Schule am Meer) waren einige Künstler und Kunsthistoriker aus dem Gästebuch als Eltern von Schülern registriert. Es erscheint daher denkbar, dass sich mindestens manche davon diese progressiven Reformschulen für den Besuch durch ihre Kinder gegenseitig empfohlen haben.Unter den Schülern der Odenwaldschule finden sich mindestens die Kinder des Kunsthistorikers Gustav Friedrich Hartlaub, der sich in das Gästebuch des Alfred und der Thekla Hess eingetragen hat.Stiftung Schule am Meer (Hrsg.): Blätter der Außengemeinde der Schule am Meer Juist. Dieses gedruckte Periodikum enthält ein Verzeichnis der Schülereltern (darunter Alfred und Thekla Hess), die zahlende Mitglieder der schulischen Außengemeinde waren sowie ehemalige Schüler und Lehrer.Schülerbuch der Schule am Meer. In: Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Kiel, Handschriftenabteilung, Nachlass Luserke, Martin, Signatur Cb 37. Bei dem Schülerbuch handelt es sich um die Registratur sämtlicher Schüler, deren Daten, Erziehungsberechtigte und die vorherige Schule jeweils aufgeführt werden. Darin findet sich neben Hans Hess ein Kind des Kunsthistorikers Walter Kaesbach, Künstlerkinder, ein Kind des Philosophen und Schriftstellers Salomo Friedlaender, ein Kind des Architekten und Bauhaus-Mitbegründers Otto Bartning. Der im Gästebuch verzeichnete Carl Maria Weber, Lehrer eines dieser Landerziehungsheime, stand dem Expressionismus nahe.

Publikation Mitte der 1950er Jahre entschlossen sich Thekla Hess und ihr Sohn Hans von Großbritannien aus dazu, den interessantesten Teil des Gästebuches der deutschsprachigen Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die kleine Broschüre wurde 1957 erstmals bei Piper veröffentlicht und mehrmals neu aufgelegt. Im Nachwort beschreibt Hans Hess u. a. den Eindruck, den einige der Hausgäste bei ihm hinterlassen haben und vermittelt Lesern ein Bild der damals in der Villa Hess herrschenden Atmosphäre.Hans Hess, Thekla Hess (Hrsg.), Hans Hess (Nachw.): Dank in Farben. Aus dem Gästebuch von Alfred und Thekla Hess (= Piper-Bücherei, 108). Piper Verlag, München 1957, 1962, . Neuaufl. (= Piper Galerie, Band 606), 1977, 1987, 1992, ISBN 3-492-10606-4, .

Auszug aus den Eintragungen der Hausgäste