Die Muʿtazila () war eine theologisch-rationalistische Strömung des Islam, die um die Mitte des 8. Jahrhunderts von Wāsil ibn ʿAtā' in Basra gegründet wurde und ihre Blütezeit vom 9. bis zum 11. Jahrhundert erlebte. Sie war stark von der griechischen Philosophie beeinflusst und trat besonders im Kalām hervor, einer Form des theologischen Streitgesprächs mit rationalen Argumenten. Anders als die traditionalistischen Muslime waren Muʿtaziliten der Auffassung, dass Gut und Böse nicht durch die Scharia begründet werden, sondern in der Natur der Dinge liegen, und die Scharia nur der Ausdruck dieser natürlichen Ordnung ist, die der Scharia vorausgeht. In der Nachfolge der Qadariten betonten die Muʿtaziliten außerdem die Willensfreiheit des Menschen und sprachen dem Menschen eine eigene „Macht“ (qudra) zu, die es ihm ermöglicht, absolut gesehen „Schöpfer“ seiner Handlungen zu sein. Weitere Lehrpunkte waren das Bekenntnis zur Erschaffenheit des Korans und die Ablehnung der Schau Gottes.Louis Gardet: “Philosophie et religion en Islam avant l'an 330 de l'hégire” in Claude Cahen: L'Élaboration de l'Islam. Colloque de Strasbourg 12-13-14 juin 1959. Presses Universitaires de France, Paris 1961. S. 39–60. Hier S. 47f.
Wegen der großen Bedeutung, die die Gerechtigkeit Gottes und der Tauhīd in ihrem Denken einnahm, wurden die Muʿtaziliten auch als aṣḥāb al-ʿadl wa-tauḥīd („Anhänger der Gerechtigkeit und des Einheitsbekenntnisses“) bezeichnet. Von Außenstehenden wurden sie auch als Qadariten bezeichnet, doch lehnten sie selbst diesen Namen für sich ab.Aš-Šahrastānī: al-Milal wa-n-Niḥal. 1846, S. 29f. – Deutsche Übers. Theodor Haarbrücker. Bd. I, S. 41f. Innerhalb der Muʿtazila gab es verschiedene Lehrrichtungen, die jeweils nach ihrem Haupttheologen benannt wurden. Die muʿtazilitische Theologie wurde über das 11. Jahrhundert hinaus in schiitischen Kreisen, insbesondere bei den Zaiditen, weiter gepflegt. In der Moderne gab es einige muslimische Theologen, die die Ideen der Muʿtazila wiederbelebt haben. Im Mittelalter hat die muʿtazilitische Theologie auch auf das Judentum ausgestrahlt, insbesondere auf die karäische Theologie.
Erklärungen für die Entstehung des Namens Der Name Muʿtazila ist von dem aktiven Partizip des arabischen Verbs iʿtazala („sich fernhalten, sich zurückziehen“)Hans Wehr: Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart. Otto Harrassowitz, Wiesbaden 1968, S. 549. abgeleitet. Dieses Verb kommt auch im Koran vor (Sure 19:49 und 2:222). Das Sich-Fernhalten und damit auch die Haltung der Muʿtazila wird mit dem zugehörigen Verbalsubstantiv als iʿtizāl bezeichnet. Warum man bei der Bezeichnung der Gruppe auf diese Begriffe zurückgriff, ist nicht völlig geklärt. Insgesamt gibt es drei verschiedene Erklärungen:
Iʿtizāl als Kompromissposition bei der Sündenlehre Die Muʿtaziliten selbst erklärten den Namen so, dass sie sich in der Sündenlehre von den Extrempositionen der Charidschiten und Murdschi'iten abgesetzt hätten.Ess: Theologie und Gesellschaft. 1992, Bd. II, S. 336. Während die Charidschiten Personen, die eine große Sünde begangen hatten, als Ungläubigen einstuften und die Murdschiʾiten ihn als Gläubigen betrachteten, meinten die Muʿtaziliten, dass er sich auf der Zwischenstufe (al-manzila baina l-manzilatain) des fāsiq befinde. Der Begriff fāsiq entstammt dem Koran und erscheint dort häufig als Gegenbegriff zu „gläubig“ (vgl. z. B. Sure 32:18). Üblicherweise übersetzt man das Wort mit „Frevler“. Ganz neu war das Konzept von der Zwischenstufe allerdings nicht, denn schon al-Hasan al-Basrī hatte den Todsünder als Munāfiq („Heuchler“) bezeichnet und ihn damit ebenfalls auf eine Zwischenstufe zwischen Gläubigen und Ungläubigen gestellt. Ein Unterschied bestand allerdings darin, dass Hasan dem Todsünder keine Möglichkeit der Tauba, also bußfertigen Umkehr, zubilligte, während eine solche beim fāsiq möglich ist.Vgl. Ess: Theologie und Gesellschaft. 1992, Bd. II, S. 260–266.
Als Begründer der muʿtazilitischen Lehre von der Zwischenstufe gilt der basrische Gelehrte Wāsil ibn ʿAtā' (gest. 748). In sunnitischen Kreisen erzählte man, dass Wāsil Schüler von al-Hasan al-Basrī gewesen sei und dieser auf seine Lehre von der Zwischenstufe mit dem Ausspruch reagiert habe: iʿtazala ʿannā Wāsil ibn ʿAtāʾ („Wāsil ibn ʿAtāʾ hat sich von uns getrennt“). Dieser Erzählung zufolge geht der Name also auf die Absonderung Wāsils von seinem Lehrer al-Hasan al-Basrī zurück.Ess: Theologie und Gesellschaft. 1992, Bd. II, S. 335. Allgemein wird diese Erklärung heute in der Forschung jedoch als spätere Erfindung betrachtet, da Wāsil nicht wirklich ein Schüler von al-Hasan al-Basrī war, sondern lediglich einmal eine Lehrsitzung bei ihm in Medina besucht hat.Vgl. Watt/Marmura S. 214. Bislang ist noch nicht einmal klar, ob zur Zeit von Wāsil ibn ʿAtāʾ dieser Name überhaupt schon für seine Anhänger verwendet wurde, da zeitgenössische Belege fehlen.Watt/Marmura: „Der Islam II. Politische Entwicklungen und theologische Konzepte“. 1985, S. 217.
Iʿtizāl als politische Neutralität Eine andere Theorie führt das Konzept des Iʿtizāl auf die islamische Frühzeit zurück und beschreibt es als eine Haltung der politischen Neutralität. So erklärt zum Beispiel der imamitische Doxograph al-Qummī in seinem vor 905 abgefassten „Buch der Lehren und Sekten“ (Kitāb al-Maqālāt wa-l-firaq), dass die ursprüngliche Muʿtazila diejenige Gruppe gewesen sei, die sich bei der Kamelschlacht von ʿAlī ibn Abī Tālib abgesetzt und dann weder gegen ihn noch mit ihm gekämpft habe. Diesem politisch neutralen Lager rechnet er Saʿd ibn Abī Waqqās, ʿAbdallāh, den Sohn von ʿUmar ibn al-Chattāb, Muhammad ibn Maslama al-Ansārī und Usāma ibn Zaid al-Kalbī zu. Sie seien als die Muʿtazila bezeichnet worden und somit die Vorgänger der späteren Muʿtaziliten.Vgl. Saʿd ibn ʿAbdallāh al-Ašʿarī al-Qummī: Kitāb al-Maqālāt wa-l-firaq. Ed. Muḥammad Ǧawād Maškūr. Maṭbaʿat-i Ḥaidarī, Teheran 1963, S. 4. An derartige Berichte anknüpfend, entwickelte Henrik Samuel Nyberg die Theorie, dass die Muʿtaziliten ursprünglich Vertreter einer Haltung der politischen Neutralität zwischen verschiedenen Lagern waren und mit dieser Position den Abbasiden die Legitimation für ihre Machtergreifung lieferten, weil sie ihnen in der Zeit der Polarisierung zwischen Umayyaden und Schiiten ermöglichten, sich als neutrale Mittler darzustellen.Gimaret: Muʿtazila. 1992, S. 783b–784a. Neuere Studien haben allerdings gezeigt, dass die Muʿtaziliten mehrfach nicht für die Abbasiden, sondern für die Aliden Partei ergriffen haben.Ess: Theologie und Gesellschaft. 1992, Bd. II, S. 248–253, 327–335. So ist auch diese Theorie hinfällig.Gimaret: Muʿtazila. 1992, S. 784a.
Iʿtizāl als Sich-Fernhalten von Irrlehren Nach ʿAbd al-Dschabbār ibn Ahmad (gest. 1024) war Muʿtazila eine Bezeichnung, die um die Mitte des 8. Jahrhunderts mehrere Gruppen für sich verwendeten. So soll Sufyān ath-Thaurī (gest. 778) seine Anhänger aufgefordert haben, sich so zu nennen, weil sie sich vom Irrtum (ḍalāla) fernhielten. Er führte auch einen Hadith an, wonach Mohammed vorausgesagt hatte, dass sich seine Gemeinschaft in 73 Sekten spalten werde, wobei die frömmste und gottesfürchtigste die Sekte sei, die sich fernhält (al-fiʾa al-muʿtazila). Unter Berufung auf ʿUthmān at-Tawīl, einen Schüler des Wāsil ibn ʿAtā', berichtet ʿAbd al-Dschabbār, dass schon Qatāda ibn Diʿāma (gest. 736) diesen Hadith überlieferte. Noch zu seiner Zeit sei dann Muʿtazila zur Selbstbezeichnung der Anhängerschaft von Wāsil ibn ʿAtā' geworden. Als man Sufyān davon erzählte, dass ʿAmr ibn ʿUbaid und seine Anhänger sich Muʿtazila nannten, habe er den Hadith von den 73 Sekten so umformuliert, dass das Wort Muʿtazila darin nicht mehr vorkam.ʿAbd al-Ǧabbār ibn Aḥmad: Faḍl al-iʿtizāl wa-ṭabaqāt al-Muʿtazila. 1974, S. 166, Zeile 3–11.
Josef van Ess weist darauf hin, dass die Selbstbezeichnung Muʿtazila deshalb für islamische Gruppen attraktiv gewesen sein könnte, weil das Verb iʿtazala im Koran die Bedeutung von „sich von Unreinem und Bösem fernhalten“ hat.Josef van Ess: Der Eine und das Andere: Beobachtungen an islamischen häresiographischen Texten. De Gruyter, Berlin 2011. S. 35. So heißt es in Sure 19:49, dass Gott dem Abraham Isaak und Jakob schenkte, nach dem er sich von seinen Verwandten und ihrem Götzendienst ferngehalten hatte (iʿtazalahum). Und in Sure 2:222 werden die Männer aufgefordert, sich während der Menstruation von den Frauen fernzuhalten (fa-ʿtazilu n-nisāʾa fi l-maḥīḍi) und ihnen nicht nahezukommen, bis sie wieder rein sind.
Doxographische Einordnung Der imamitische Doxograph al-Hasan ibn Mūsā an-Naubachtī (gest. zwischen 912 und 922) betrachtete die Muʿtazila als eine der vier islamischen „Grundsekten“ (uṣūl al-firaq). Die anderen drei Grundsekten waren ihm zufolge die Schia, die Murdschi'a und die Chawāridsch.an-Naubaḫtī: Kitāb Firaq aš-šīʿa. Ed. Hellmut Ritter. Maṭbaʿat ad-daula, Istanbul 1931. S. 15, Zeile 13f. Dasselbe Schema legt auch der Geograph Schams ad-Dīn al-Maqdisī (gest. Ende 10. Jhdt.) zugrunde, der in seinem geographischen Werk Aḥsan at-taqāsīm fī maʿrifat al-aqālīm einen Überblick über die verschiedenen islamischen Lehrrichtungen seiner Zeit bietet. Er erwähnt dort die Muʿtazila unter den Lehrrichtungen, die reine Kalām-Lehrrichtungen sind, und gibt an, dass die Muʿtazila die Qadarīya überlagert habe.Šams ad-Dīn al-Maqdisī: Kitāb Aḥsan at-taqāsīm fī maʿrifat al-aqālīm. Ed. M. J. de Goeje. 2. Aufl. Brill, Leiden 1906. S. 37f. Digitalisat
Nach asch-Schahrastānī (gest. 1153) steht die Muʿtazila in einem Gegensatz zur Sifātīya. Darunter verstand er alle dogmatischen Schulen, die Gott präexistente Attribute (ṣifāt) zuschrieben, wie die Aschʿariten, die Assimilationisten (mušabbiha) und die Karrāmiten.Aš-Šahrastānī: al-Milal wa-n-Niḥal. 1846, S. 29. – Deutsche Übers. Theodor Haarbrücker. Bd. I, S. 41. Gemeinsam ist den Muʿtazila nach ihm nämlich, dass sie allein das Wesen (ḏāt) Gottes als präexistent (qadīm) betrachten und den Attributen Präexistenz absprechen. Anders als die Muslime, die er der Sifātīya zuordnet, meinten sie, dass Gott durch sein eigenes Wesen wissend, mächtig und lebendig ist, und nicht durch ein Wissen, eine Macht und ein Leben, die als präexistente Attribute und Begriffe in ihm bestehen. Denn, so gibt asch-Schahrastānī die Argumentation der Muʿtazila wieder, wenn die Attribute mit Gott an der Präexistenz teilhätten, käme ihnen ebenfalls Göttlichkeit (ilāhīya) zu.Aš-Šahrastānī: al-Milal wa-n-Niḥal. 1846, S. 30. – Deutsche Übers. Theodor Haarbrücker. Bd. I, S. 42.
Die Hauptvertreter der frühen Muʿtazila und ihre Lehren Nach al-Qummī waren Wāsil ibn ʿAtā' (gest. 748), ʿAmr ibn ʿUbaid (gest. 761) und Dirār ibn ʿAmr (gest. 815) die eigentlichen Begründer der Muʿtazila (uṣūl al-muʿtazila).So al-Qummī: Kitāb al-Maqālāt wa-l-firaq. S. 10. Ein Gedicht des Dichters Safwān al-Ansārī, das al-Dschāhiz zitiert, berichtet davon, dass Wāsil in die verschiedenen Gebiete des islamischen Reiches (Kufa, Arabische Halbinsel, Jemen, Chorasan, Armenien und Maghreb) Missionare entsandte, um seine Lehre zu verbreiten.Vgl. Ess: Theologie und Gesellschaft. 1992, Bd. II, S. 310–316, 382–387, 1993, Bd. V, S. 183–186. Auf besonders fruchtbaren Boden fiel die muʿtazilitische Mission im Maghreb, wo ihr Anführer Ishāq ibn Mahmūd Ende des 8. Jahrhunderts Idris I. nach seiner Flucht aus dem Osten aufnahm und ihn zur Muʿtazila bekehrte.ʿAbd al-Ǧabbār ibn Aḥmad: Faḍl al-iʿtizāl wa-ṭabaqāt al-Muʿtazila. 1974, S. 110. So wurde der Iʿtizāl in der Zeit der frühen Idrisiden zur herrschenden Lehre in der Gegend von Tanger und Volubilis.Ibn al-Faqīh: Kitāb al-Buldān. Ed. M.J. de Goeje. Brill, Leiden 1885, S. 84. Nach al-Masʿūdī folgte auch Yazīd III., einer der letzten syrischen Umayyaden-Kalifen, der Lehre der Muʿtazila.Al-Masʿūdī: Murūǧ aḏ-ḏahab wa-maʿādin al-ǧauhar. 1871, Bd. VI, S. 20.