mini|Wilhelm Levison, um 1900. Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Handschriftenabteilung/Nachlass Althoff N. 7: Fotoalbum 1902 Ernst Dümmler Wilhelm Levison (* 27. Mai 1876 in Düsseldorf; † 17. Januar 1947 in Durham) war ein deutscher Historiker.

Wilhelm Levison lehrte als Professor für Geschichte an der Universität Bonn. Wegen seiner jüdischen Herkunft wurde er 1935 auf Druck der Nationalsozialisten aus der wissenschaftlichen Tätigkeit ausgegrenzt und als Hochschullehrer zwangspensioniert. Im Frühjahr 1939 gelang es ihm, nach England zu emigrieren, wo er an der Universität Durham weiter forschte. Levison war einer der besten Kenner des Frühmittelalters in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seit 1899 war er Mitarbeiter, seit 1925 Mitglied der Zentraldirektion der Monumenta Germaniae Historica, für die er vor allem Quellen aus der Merowingerzeit edierte.

Leben Herkunft und Jugend (1876–1894) Wilhelm Levison entstammte einer der ältesten jüdischen Familien Siegburgs, die von 1681 bis 1939 in Siegburg sicher nachweisbar ist.Paul Egon Hübinger: Wilhelm Levison. In: Bonner Gelehrte. Beiträge zur Geschichte der Wissenschaften in Bonn, Band 5: Geschichtswissenschaften (= 150 Jahre Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn 1818–1968, Band 2.5), Bonn 1968, S. 311–331, hier: S. 314. Das letzte Mitglied der Familie in Siegburg war Heinrich Levison (1873–1942), der Vetter von Wilhelm Levison und letzter Synagogenvorsteher der jüdischen Gemeinde in Siegburg. Er siedelte 1939 nach Köln über und wurde nach Theresienstadt deportiert, wo er 1942 mit seiner Ehefrau umkam.Wilhelm Levison: Die Siegburger Familie Levison und verwandte Familien, Bonn 1952, S. 44 und 48.

Die Vorfahren von Levison waren kleine Handelsleute. Sie führten den Namen Löwe, mundartlich Löw oder Leef, der sich vom Symboltier des biblischen Juda, dem Löwen, herleitete. Die Familie assimilierte sich der deutschen Kultur und Nation des 19. Jahrhunderts, was Schritt für Schritt deutlich wurde. Die rechtsrheinischen Juden mussten 1845 aufgrund einer preußischen Kabinettsordre einen Familiennamen annehmen. Mendel Levy, der Großvater von Wilhelm Levison, wählte als erstes von der neuen Vorschrift betroffenes Familienmitglied den Namen Levison. Von seinen vier Söhnen übernahm der älteste Sohn Levi Levison das väterliche Tuchgeschäft und erinnerte „in dem Umfang seiner hebräischen Studien an den Vater“ Wilhelm Levison, der hierin einer Haltung seines Vaters folgte, von dem es hieß, er habe „sein Leben mehr dem Studium der Thora und der hebräischen Literatur [gewidmet] als der Erlangung von Reichtum“.Wilhelm Levison: Die Siegburger Familie Levison und verwandte Familien, Bonn 1952, S. 43; Rudolf Schieffer: Der Mediävist Wilhelm Levison (1876–1947). In: Kurt Düwell u. a. (Hrsg.): Vertreibung jüdischer Künstler und Wissenschaftler aus Düsseldorf 1933–1945. Düsseldorf 1998, S. 165–175, hier: S. 166. Isaac ließ sich nach einem Medizinstudium in Bonn, Würzburg und Greifswald als Arzt in Siegburg nieder. Joseph betrieb eine Kolonialwaren-Großhandlung in Düsseldorf. Hermann hatte in Düsseldorf einen kleinen Textilbetrieb.

Wilhelm Levison kam 1876 als älterer von zwei Söhnen der Eheleute Hermann Levison (1839–1886) und Josephine geb. Goldschmidt (1845–1916) zur Welt. Die ersten 18 Jahre seines Lebens verbrachte er in Düsseldorf. Wie stark die jüdische Familie inzwischen in die deutsche Kultur assimiliert war, zeigt sich an Levisons Vorname Wilhelm, den er nach dem ersten deutschen Kaiser Wilhelm I. erhielt. Nachdem sein Vater bereits starb, als Wilhelm zehn Jahre alt war, wurden seine Mutter, sein Bruder und er selbst durch die Brüder des Verstorbenen unterstützt. Sein fünf Jahre jüngerer Bruder Arthur wurde Kaufmann und wanderte bereits Ende des 19. Jahrhunderts nach England aus. Dies ermöglichte Wilhelm, ab 1899 Familienbesuche mit häufigen Archiv- und Bibliotheksreisen nach England zu verbinden. Auf dem Städtischen Gymnasium lernte Levison Latein, Griechisch und Französisch sowie Englisch, was nicht selbstverständlich an deutschen Gymnasien der Kaiserzeit war. Zusätzlich besuchte Levison vom 8. bis zum 14. Lebensjahr die Synagogen-Gemeinde Düsseldorf und erhielt Unterricht in Hebräischer Sprachlehre, Hebräischer Bibellektüre, Übersetzung und Erklärung der Gebete. Welchen Einfluss die Religion der Familie auf Levison selbst hatte, ist jedoch nicht erkennbar. 1894 legte er das Abitur am Städtischen Gymnasium zu Düsseldorf ab. Das Abiturzeugnis weist mit Ausnahme für das Fach Turnen, in dem es lediglich für ein „gut“ reichte, die Note „sehr gut“ für die übrigen Fächer aus.Letha Böhringer: „… glaube ich durch Schrift und Tat der deutschen Sache mehrfach genützt zu haben“. Wilhelm Levison als politische Persönlichkeit. In: Matthias Becher und Yitzhak Hen (Hrsg.): Wilhelm Levison (1876–1947). Ein jüdisches Forscherleben zwischen wissenschaftlicher Anerkennung und politischem Exil. Siegburg 2010, S. 251–317, hier: S. 258.

Studium in Bonn und Berlin (1894–1898) Mit einem Stipendium der Düsseldorfer Aders-Tönnies-Stiftung konnte er an der Universität Bonn 1894 ein Studium der Geschichte und der Klassischen Philologie aufnehmen. Der Direktor des Gymnasiums, Adolf Matthias (1847–1917), hatte Levison an den Althistoriker Heinrich Nissen empfohlen. Daher nahmen im Studium zunächst altertumswissenschaftliche Vorlesungen den größten Platz ein. Geschichte war zunächst nur durch das an deutsche erzählende Quellen des 12. und 13. Jahrhunderts anknüpfende Proseminar bei Reinhold Koser und dessen Vorlesung über brandenburgisch-preußische Geschichte bis 1840 repräsentiert. Levison hörte aber auch Geographie und Psychologie. Das Sommersemester 1895 verbrachte Levison in Berlin, auch dort überwogen im Studium die althistorischen und philologischen Veranstaltungen bei Otto Hirschfeld, Johannes Vahlen, Paul Kretschmer, Bernhard Kübler und Hermann Dessau. Als einzigen Vertreter der Mittleren und Neueren Geschichte besuchte Levison Paul Scheffer-Boichorst und dessen Seminar über mittelalterliche Geschichte. Nach Bonn zurückgekehrt, nahmen nun historische Vorlesungen und Übungen größeren Raum ein. Er belegte Veranstaltungen bei Hermann Usener, Franz Bücheler, Anton Elter, Alfred Körte, Felix Solmsen und Georg Loeschcke. Bei Moriz Ritter absolvierte er im Sommersemester 1896 eine Übung über die Geschichtsquellen des 6. bis 9. Jahrhunderts, die ihn nachhaltig beeindruckte. Noch Jahrzehnte später rühmte er die „Erziehung zur gewissenhaften Arbeit im großen und kleinen“Paul Egon Hübinger: Wilhelm Levison. In: Bonner Gelehrte. Beiträge zur Geschichte der Wissenschaften in Bonn, Band 5: Geschichtswissenschaften (= 150 Jahre Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn 1818–1968, Band 2.5), Bonn 1968, S. 311–331, hier: S. 316., die er in dem Seminar erfahren hat. Auch bei einer Lehrveranstaltung von Karl Menzel kam er mit mittelalterlichen Quellen in Kontakt. Obwohl es ausreichend Angebote gab, besuchte Levison keine diplomatische Veranstaltung. Als Diplomatiker war Levison wohl Autodidakt.Theo Kölzer: Wilhelm Levison als Diplomatiker. In: Matthias Becher und Yitzhak Hen (Hrsg.): Wilhelm Levison (1876–1947). Ein jüdisches Forscherleben zwischen wissenschaftlicher Anerkennung und politischem Exil. Siegburg 2010, S. 211–223, hier: S. 213. Nach acht Semestern verfasste Levison mit der Arbeit Die Beurkundung des Civilstandes im Altertum seine Dissertation bei Heinrich Nissen.Wilhelm Levison: Die Beurkundung des Civilstandes im Altertum. Ein Beitrag zur Geschichte der Bevölkerungsstatistik. Georgi, Bonn 1898. Es war die erste Bonner Dissertation in Alter Geschichte, die in deutscher Sprache verfasst worden ist.Walther Holtzmann: Vorwort. In: Aus rheinischer und fränkischer Frühzeit. Ausgewählte Aufsätze zu Wilhelm Levison, Düsseldorf 1948, S. 3. Die Arbeit brachte ihm nach Rigorosum und Disputation am 19. Januar 1898 die Promotion summa cum laude zum Dr. phil. ein. Ebenfalls im Jahr 1898 qualifizierte sich Levison noch zusätzlich durch ein Staatsexamen für das Höhere Lehramt. Zu dieser Zeit strebte Levison aber den Beruf des Bibliothekars an.

Tätigkeit für die Monumenta Germaniae Historica (1899–1920) Im Jahr 1898 publizierte Levison seinen ersten Aufsatz „Zur Geschichte des Frankenkönigs Chlodwig“ in den Bonner Jahrbüchern, der Zeitschrift des Vereins für Altertumsfreunde im Rheinlande und des damaligen Provinzialmuseums in Bonn.Wilhelm Levison: Zur Geschichte des Frankenkönigs Chlodwig. In: Bonner Jahrbücher 103, 1898, S. 42–86. In diesem Aufsatz setzte sich Levison mit chronologischen Fragen und der Bekehrung Chlodwigs auseinander. Levison behandelte die vieldiskutierte Datierung der Taufe, aber auch Zeitumstände und die Motive Chlodwigs, zum Christentum überzutreten. Die knappen und nicht recht zueinander stimmenden Quellenzeugnisse über den Gründer des fränkischen Großreiches überprüfte Levison auf Glaubwürdigkeit und Vereinbarkeit. Der sich hierin zeigende Forschungsstil und die nüchterne Sachlichkeit der Darlegung kennzeichnen alle seine weiteren Arbeiten. Durch diesen Aufsatz wurde der Pionier der merowingischen Historiographie und Hagiographie Bruno Krusch, der für die Monumenta Germaniae Historica (MGH) an der Ausgabe von Quellen zur Geschichte der Merowingerzeit arbeitete, auf Levison aufmerksam. Durch seine Studie war Levison für Krusch eine geeignete Unterstützung. Im Anstellungsvertrag verpflichtete sich Levison, am Wohnsitz des Leiters seiner Arbeiten zu leben, und er erhielt für die ihm zugewiesenen Aufgaben ein Jahresgehalt von zunächst 1500 Mark. Am 1. Januar 1899 wurde Levison als Gehilfe in die MGH eingestellt und ging nach Hannover, wo Krusch als Archivrat beschäftigt war. Zwei Jahre später folgte Levison seinem Vorgesetzten Krusch nach Breslau. Ein Empfehlungsschreiben seines althistorischen Doktorvaters Nissen an den damaligen Vorsitzenden der Zentraldirektion, Ernst Dümmler, wurde erst nach der Entscheidung für Levisons Einstellung formuliert und drückt den leisen Vorbehalt gegen die Weltläufigkeit des fest im Rheinland verwurzelten Levison sowie die Sorge vor beruflicher Beeinträchtigung, die sich aus seinem Judentum hätte ergeben können, aus.Das Empfehlungsschreiben ist abgedruckt bei: Rudolf Schieffer: Wilhelm Levison und die Monumenta Germaniae Historica. In: Matthias Becher und Yitzhak Hen (Hrsg.): Wilhelm Levison (1876–1947). Ein jüdisches Forscherleben zwischen wissenschaftlicher Anerkennung und politischem Exil. Siegburg 2010, S. 199–210, hier: S. 201. Im Februar 1902 wurde der Wunsch von Levison deutlich, an die Universität Bonn zurückzukehren. Im April 1903 entschied die Zentraldirektion der MGH, Levison als Mitarbeiter weiter zu beschäftigen und sein Jahresgehalt auf 2100 Mark anzuheben. Davon waren jedoch nur 1800 Mark auszuzahlen, da er aufgrund seiner Vorlesungstätigkeit nicht voll für die Monumenta arbeitete. Levison hatte außerdem die Aufgabe, seine Arbeit am Liber Pontificalis fortzusetzen. Im Jahr 1908 wurde sein Monumenta-Gehalt auf 3000 Mark angehoben und damit gegenüber seinem Einstiegsgehalt verdoppelt. Levison war jedoch zu keiner Zeit ein wohlhabender Mann. Sein Gehalt bezog er bis zum Jahr 1920 hauptsächlich von den MGH, die für ihre geringe Besoldung bekannt waren.Letha Böhringer: „… glaube ich durch Schrift und Tat der deutschen Sache mehrfach genützt zu haben“. Wilhelm Levison als politische Persönlichkeit. In: Matthias Becher und Yitzhak Hen (Hrsg.): Wilhelm Levison (1876–1947). Ein jüdisches Forscherleben zwischen wissenschaftlicher Anerkennung und politischem Exil. Siegburg 2010, S. 251–317, hier: S. 280.

Lehrtätigkeit an der Universität Bonn (1903–1935)