Die Amphiktyonie im Alten Israel war eine sehr fruchtbare Hypothese der alttestamentlichen Bibelwissenschaft. Sie postulierte einen sakralen Bund der israelitischen Stämme um ein Zentralheiligtum bzw. um das zentrale Kultobjekt der Bundeslade. Diese Hypothese wurde von Martin Noth 1930 vorgestellt, der dabei Anregungen von Albrecht Alt aufgriff.

Die Amphiktyonie-Hypothese erklärte, warum die Stämme Israels sich in vorstaatlicher Zeit als zusammengehörig verstanden und wie sie gemeinsam ihren Gott JHWH verehrten. Das hatte nicht nur eine kultische, sondern auch eine rechtlich-ethische Komponente. Die Mitglieder der Amphiktyonie teilten religiöse Traditionen wie die Rettung aus Ägypten, die Verheißungen an die Erzväter und den Bund zwischen JHWH und Israel am Berg Sinai.

In der Forschungsgeschichte stellte die Amphiktyonie-Hypothese ein stimmiges Gesamtbild der Frühgeschichte Israels bereit, mit dem sich Einzelinformationen, sowohl soziologischer als auch religionsgeschichtlicher Art, erklären ließen. Sehr praktisch war sie für die Formgeschichtliche Methode, denn mit den Einrichtungen der Amphiktyonie gab es einen institutionellen Sitz im Leben in der Frühzeit Israels.

Die Amphiktyonie-Hypothese steht und fällt mit Noths Frühdatierung einzelner Zwölfstämmelisten. Diese wurde seit den 1970er Jahren bestritten. Hinzu kommt ein veränderter, stärker von der Archäologie geprägter Zugang zur Frühgeschichte Israels. Deshalb ist die Amphiktyonie-Hypothese seit den 1980er Jahren weithin aufgegeben.

Erste Verwendungen des Amphiktyonie-Begriffs mit Bezug auf Israel Nach dem Vorbild griechischer Amphiktyonien wurden vergleichbare Organisationsformen Anfang des 20. Jahrhunderts auch für die vorstaatliche Zeit Israels erwogen. Dieses Erklärungsmodell hatte aber in der alttestamentlichen Wissenschaft zunächst kein besonderes Gewicht.

Der Althistoriker Emil Szanto vermutete 1901, dass die Zwölfzahl der Stämme Israels einen praktischen Grund habe „in der Existenz von entweder 12 Verwaltungsbezirken oder 12 zu sakralen Zwecken abgegrenzten Bezirken, die auf Grund monatlicher Abwechslung der Leistung entstanden sind“.Emil Szanto: Die griechischen Phylen (= Sitzungsberichte der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. Phil.-hist. Klasse, 144/5), Wien 1901, hier zitiert nach: Emil Szanto: Ausgewählte Abhandlungen, hrsg. von Heinrich Swoboda. Mohr Siebeck, Tübingen 1906, S. 255. (Digitalisat) Hermann Gunkel erwähnte diesen Vorschlag knapp in seinem Genesis-Kommentar: „Gewiß sehr plausibel. Also doch ein Zentralheiligtum in Israels Urzeit!“Hermann Gunkel: Genesis, übersetzt und erklärt. 5. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1922, S. 332. (Digitalisat)

Johannes Hehn sprach 1913 von einer „Amphiktyonie der Jahweverehrer“ und betonte: „Der Bund ist nicht bloß ein Bund mit Jahwe, sondern durch Jahwe wurden die Stämme unter sich zusammengeschlossen.“Johannes Hehn: Die biblische und die babylonische Gottesidee: Die israelitische Gottesauffassung im Lichte der altorientalischen Religionsgeschichte. Hinrichs, Leipzig 1913, S. 277. (Digitalisat). Das waren Überlegungen, die Max Weber aufnahm.Vgl. Max Weber-Gesamtausgabe I/21, 2. Halbband. Mohr Siebeck, Tübingen 2005, S. 369 Anm. 79.

Weber nutzte als Gesamtmodell für das vorstaatliche Israel den politischen Begriff Eidgenossenschaft, den er seinerseits von Julius Wellhausen übernommen hatte. Beiläufig ist bei ihm von „amphiktyonische[n] Ritualakte[n]“ dieser Eidgenossenschaft die Rede: „Eine gemeinsame, formell maßgebliche Rechtsweisungsstätte Israels gab es in der alten Bundeszeit nach alledem nicht. Sondern nur die intermittierende, verschieden weit reichende Macht der charismatischen Kriegshelden, das Ansehen bewährter Orakelgeber und alter Kultstätten des Bundeskriegsgottes (vor allem: Silo), endlich vielleicht (aber unsicher) auch einige periodische amphiktyonische Ritualakte, wie möglicherweise jene sichemitische Segens- und Fluchzeremonie und die mehrfach (Jud. 21, 19 und 1. Sam. 1, 3) erwähnten jährlichen Jahwefeste in Silo.“Max Weber-Gesamtausgabe I/21, 2. Halbband. Mohr Siebeck, Tübingen 2005, S. 368 f.Auf die Erwähnungen bei Szanto, Gunkel und Weber weist Martin Noth hin: Das System der zwölf Stämme Israels, Stuttgart 1930, S. 47.

Albrecht Alt hochkant|mini|Albrecht Alt, Alttestamentler in Leipzig (1925) Im Jahr 1927 erwog Albrecht Alt, dass es eine Amphiktyonie um ein Heiligtum auf dem Berg Tabor gegeben habe.Albrecht Alt: Eine galiläische Ortsliste in Jos. 19. In: Zeitschrift für die Alttestamentliche Wissenschaft 45 (1927).

Alt schrieb den Artikel Israel, politische Geschichte in der Enzyklopädie RGG2. Darin skizzierte er knapp, dass man sich den ältesten Zusammenschluss der israelitischen Stämme nach dem Vorbild griechischer und italischer Amphiktyonien denken könne. Das System der zwölf Stämme Israels weise auf einen solchen Zusammenschluss aus sehr früher Zeit hin, da Stämme gleichberechtigt nebeneinander stehen, von denen einige „nach der Einwanderung in Palästina schnell gesunken sind.“ Das Konzept Amphiktyonie erfordert ein Zentralheiligtum. Alt erwog, ob der israelitische Zwölferbund „wenigstens mit seinen Anfängen noch in I[sraels]s vorpalästinische Zeit und zu einem Heiligtum außerhalb des Kulturlandes gehört.“RGG2, Band 3, 1929, Sp. 438 f. Dieser Band der RGG wurde 1929 veröffentlicht, und hier waren bereits die Grundlinien vorgezeichnet für das, was Noth 1930 in viel differenzierterer Weise darlegte.Otto Bächli: Amphiktyonie im Alten Testament. Forschungsgeschichtliche Studie zur Hypothese von Martin Noth, Basel 1977, S. 18.

Martin Noth war seit 1928 Alts Assistent und sprach seine 1930 erschienene Studie Das System der zwölf Stämme Israels mit ihm durch.Vgl. das Vorwort: „Bei dem weiteren Ausbau hatte ich das Glück, die meisten sich erhebenden Fragen mit Herrn Professor Alt in Leipzig durchsprechen zu können.“ Ebenfalls 1930 veröffentlichte Alt eine verfassungsgeschichtliche Studie: Die Staatenbildung der Israeliten in Palästina. Alt fragte, inwiefern das Königtum Sauls an ältere Traditionen anknüpfen konnte und bestimmte den sakralen Zwölfstämmebund zur Verehrung JHWHs als „Heimat des israelitischen Nationalbewußtseins“. Er sei eine alte Organisation gewesen, die zum Aufbau des neuen Staatswesens beigetragen habe.Albrecht Alt: Kleine Schriften, Band II, München 1953, S. 1–65, hier S. 21.

Martin Noth Das System der zwölf Stämme Israels (1930) Martin Noth stellte grundsätzlich fest: „Die Überlieferung über die zwölf Israelsöhne ist nicht aus einer Kombination von zwölf voneinander unabhängigen Traditionselementen entstanden, sondern sie stellt ein einziges Traditionselement dar,“Martin Noth: Das System der zwölf Stämme Israels, Stuttgart 1930, S. 4. nämlich die Zwölfzahl der Stämme. Das Deboralied, welches zehn Stämme nennt, sei keine systematische Aufstellung eines alten Zehnstämmesystems, sondern eine Auswahl in dichterischer Freiheit und bleibt damit für Noths Untersuchung außer Betracht. Ebenso wenig könne das Zwölf-Stämme-System auf die Verwaltungsgliederung des salomonischen Reiches zurückgeführt werden.

Noth unterteilte die Zwölferlisten in eine Gruppe, die Levi mitzählt, und eine Gruppe, die Levi nicht als einen der zwölf Stämme zählt. Die Erwähnung des „weltlichen“ Stamms Levi, den es später nicht mehr gab, weist für Noth in sehr frühe Zeit; die Beziehung dieses Stammes Levi zu den späteren Leviten (etwa als „Priesterstamm“) bleibt für ihn unsicher.Martin Noth: Das System der zwölf Stämme Israels, Stuttgart 1930, S. 33–35.

Zwölfergruppe mit Levi: Der Jakobssegen ist nach Noths Analyse das literarisch älteste Zeugnis für die Zwölfergruppe mit Levi: ein Text, „der in seiner vorliegenden Form aus der Zeit Davids oder Salomos stammt und das Ergebnis einer Sammlung von einzelnen, ursprünglich voneinander unabhängigen Sprüchen über die israelitischen Stämme ist.“Martin Noth: Das System der zwölf Stämme Israels, Stuttgart 1930, S. 7 f. Am Anfang stehen sechs Stämme, die später der Erzmutter Lea zugeordnet werden, am Ende zwei Stämme, die ebenfalls später der Erzmutter Rachel zugeordnet werden, dazwischen vier Stämme (Dan, Gad, Ascher, Naftali), die später den Mägden von Lea bzw. Rachel zugeordnet werden. Die Erzählungen, die Jahwist und Elohist über die Geburt der zwölf Jakobssöhne bieten (Gen 29,31–30,24), gehen nach Noth auf eine gemeinsame Quelle zurück, einen Erzähler, der aus seinem trocknen Stoff durch verschiedene Kunstgriffe „mit Hilfe der Namenetymologie eine nach Möglichkeit dramatisch bewegte Geschichte“ herausspinntMartin Noth: Das System der zwölf Stämme Israels, Stuttgart 1930, S. 10. und zu diesem Zweck auch die Reihenfolge der Namen gegenüber dem Jakobssegen ändert. Ursprünglich war die Geburt des jüngsten Sohns Benjamin Teil dieser Erzählung. Die Details der Erzählung von der Geburt der Jakobssöhne sind als erzählerische Einfälle nicht auf die politischen Verhältnisse der Stämme auszuwerten.

Zwölfergruppe ohne Levi: „Die älteste und wichtigste Urkunde, die das … zweite System darbietet, ist die nach den zwölf Stämmen gegliederte große Liste der israelitischen Geschlechter in , die ich ihrer Herkunft nach mit voller Sicherheit der zweiten Hälfte der sogen. Richterzeit glaube zuweisen zu können.“Martin Noth: Das System der zwölf Stämme Israels, Stuttgart 1930, S. 14. Noth nahm an, dass die Lücke in der Gruppe der sechs Lea-Stämmen nach Ausfall Levis durch Einfügen von Gad geschlossen wurde, da die Vierergruppe Dan, Gad, Ascher, Naftali noch nicht fest gefügt, geschweige den zwei Müttern Bilha und Silpa zugeordnet gewesen sei. Auf die sechs Lea-Stämme folgen drei Rachel-Stämme Manasse, Ephraim und Benjamin. Am Ende folgen drei Stämme, die durch ihr Siedlungsgebiet im Norden verbunden sind: Dan, Ascher und Naphthali. Eine etwa ebenso alte und von Num 26 unabhängige Gruppierung der zwölf Stämme identifizierte Noth in der Liste israelitischer Stammeshäupter ; die hier genannten Personennamen seien auch besonders altertümlich.Martin Noth: Das System der zwölf Stämme Israels, Stuttgart 1930, S. 17.

Mit der Identifikation dieser drei alten Listen in Gen 49, Num 26 und Num 1 legte Noth die Grundlage für seine Amphiktyonie–Hypothese. Das Zwölfersystem mit Levi (Gen 49) datierte Noth in die früheste Richterzeit (vor der Abfassung des Deboralieds), das Zwölfersystem ohne Levi, welches die ältere Liste ablöste, in die späte Richterzeit.Martin Noth: Das System der zwölf Stämme Israels, Stuttgart 1930, S. 39.

Noth wandte sich nun der Krise in den Philisterkriegen zu, die die Stämme veranlasste, gemeinsam zu handeln und Saul als König zu proklamieren. Offenbar gab es unter ihnen schon ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Das speiste sich aber laut Noth nicht aus einem abstrakten „Jahwismus“, sondern aus der Erfahrung der Kultgemeinschaft an einem gemeinsamen Heiligtum.Martin Noth: Das System der zwölf Stämme Israels, Stuttgart 1930, S. 63.

Geschichte Israels (1950) Zwölf-Stämme-System Zwanzig Jahre später präsentierte Martin Noth eine Form der Amphiktyonie-Hypothese, in der besonders das amphiktyonische Recht stark ausgebaut worden war. Hier, im Recht Israels, manifestierte sich die Amphiktyonie demnach in besonderem Maße, und unter allen amphiktyonischen Traditionen sei die Überlieferung, die zum Alten Testament hinführte, gerade daran besonders interessiert gewesen.Otto Bächli: Amphiktyonie im Alten Testament. Forschungsgeschichtliche Studie zur Hypothese von Martin Noth, Basel 1977, S. 130.

Er verwies zunächst auf Heinrich Ewalds Beobachtung, dass Zwölferverbände im Alten Testament auch abgesehen von Israel mehrfach genannt werden: zwölf Aramäerstämme (), zwölf Ismaeliterstämme (), zwölf Edomiterstämme ().Vgl. Heinrich Ewald: Geschichte des Volkes Israel. Band 1: Einleitung in die Geschichte des Volkes Israel. 3. Auflage, Dieterich, Göttingen 1864.