alternativtext=Schwarz-Weiß-Porträt von Linda Hazzard. Sie trägt einen dunklen Mantel mit einem Knopf unter dem Kragen und zwei Knöpfen an den Brustseiten. Ihre Haare trägt sie als bis zu den Ohren reichende, flache Hochsteckfrisur.|mini|hochkant|Linda Hazzard, 1912 Linda Laura Hazzard (geb. Burfield; * 18. Dezember 1867 in Carver, Minnesota; † 24. Juni 1938 in Olalla, Washington) war eine US-amerikanische Alternativmedizinerin. Sie unterzog ihre Patienten einer Behandlung, während der sie kaum oder nicht aßen. Deswegen war sie in der Öffentlichkeit unter dem Spitznamen Starvation Doctor (Hunger-Doktor) bekannt. Mindestens ein Dutzend ihrer Patienten verhungerten, wofür sie jedoch zunächst nicht strafrechtlich belangt wurde, da sie gegen keine Gesetze verstoßen hatte. Erst 1911 kam es auf Initiative der Hinterbliebenen einer Patientin zu ihrer Verhaftung. Im Prozess stellte sich heraus, dass Hazzard die Frau absichtlich hatte sterben lassen, um an deren Besitztümer zu gelangen.
Hazzard trat erst nach einer fast zweijährigen Berufungsphase ihre Haftstrafe an, von der sie bis zur Bewilligung ihrer Bewährung ebenfalls zwei Jahre absaß, und wurde gut sechs Monate darauf begnadigt. Anschließend nahm sie ihre Tätigkeit als Alternativmedizinerin wieder auf, zunächst in Neuseeland und vier Jahre später erneut in den USA.
Wegen der zahlreichen Todesfälle unter ihrer Obhut galt Hazzard bereits zu Lebzeiten als Betrügerin und Quacksalberin. Da sie mehrere verstorbene Patienten um den Besitz brachte, wird sie in der Gegenwart häufig als Serienmörderin bezeichnet, die ihre Opfer aus Profitgier tötete. Das Grundstück, auf dem sie wohnte und praktizierte, wurde in den 1990er Jahren zu einer Touristenattraktion.
Frühe Jahre Linda Burfield wurde als ältestes von sieben Kindern in der Stadt Carver in Minnesota geboren. Als sie zehn Jahre alt war, zog ihre Familie in die Kleinstadt Star Lake Township im selben Staat. Eines Tages stellte ein Arzt bei ihr und ihren Geschwistern angebliche, potentiell tödliche Darmparasitosen fest. Er verschrieb den Kindern blue mass, ein quecksilberhaltiges Medikament.Deborah Hayden: Pox: Genius, Madness, And The Mysteries Of Syphilis. Hachette, New York 2008, ISBN 978-0-7867-2413-0, Kapitel Mary Todd and Abraham Lincoln (1818–1882) and (1809–1865). Infolge der damals noch nicht bekannten Giftigkeit des Inhaltsstoffs litt Burfield unter chronischem schwerem Brechdurchfall. Als Jugendliche war sie deshalb stark untergewichtig und bekam dagegen das ebenfalls Quecksilber enthaltende Kalomel. Wie Burfield später sagte, habe sie durch die beiden Medikamente irreparable Darmschäden erlitten und viele Zähne verloren, weshalb sie sich seitdem für Alternativmedizin interessierte.
Im Alter von 18 Jahren heiratete Burfield den Unternehmer Erwin Perry aus Fergus Falls. Sie zog dorthin und bekam zwei Kinder. 1898 brachte sie die beiden nach der Trennung von ihrem Ehemann bei der Großmutter unter. Im selben Jahr begann Burfield, sich intensiv mit den Lehren des bekannten Arztes Edward H. Dewey auseinanderzusetzen. Nach seiner Ansicht wurden alle Krankheiten durch übermäßiges Essen ausgelöst, außerdem konnten psychische Störungen mit lang anhaltendem Fasten geheilt werden. Hazzard stellte darauf basierend eigene Thesen auf. Sie bezeichnete Appetit als ein „nie zu befriedigendes Verlangen“, Hunger hingegen als „stillbares Begehren“. Wahre Gesundheit könne nur durch eine „Ausspülung“ des Körpers, also eine Erholung des Verdauungssystems durch vollständiges regelmäßiges Fasten erreicht werden. Zudem führe diese Heilmethode nie zum Tod der Patienten. Vielmehr sei der Tod die unvermeidliche Folge „organischer Unvollkommenheiten“ einiger Betroffener.
Karriere
Anfänge in Minneapolis Burfield eröffnete 1898 in Minneapolis eine Osteopathie-Praxis. Sie behauptete in Annoncen, verschiedene Krankheiten sowie andere (körperliche) Leiden, beispielsweise Nierenentzündungen, Syphilis, Verstopfung und Zahnschmerzen, heilen zu können. Die Therapie beinhaltete harte Schläge, die Burfield als Massage bezeichnete, mehrere Stunden andauernde Einläufe und kochend heiße Bäder. Als Verpflegung erhielten die Patienten nur dünne Brühen und Orangensaft. Für die Zubereitung der Ersteren verwendete Burfield Spargel oder Tomaten, die sie ohne weitere Zutaten in Wasser kochte und nach kurzer Zeit wieder herausnahm.Teresa Nordheim: Murder & Mayhem in Seattle. Arcadia Publishing, Charleston 2016, ISBN 978-1-4671-3660-0, S. 55.
Eine von Burfields Patientinnen war die – seit einem Schlaganfall – halbseitig gelähmte Gertrude Young. Sie sollte 40 Tage lang fasten und wurde in dieser Zeit von einer Freundin sowie mehreren Krankenschwestern betreut. Sie trank pro Tag eine halbe Tasse Tomatenbrühe oder Orangensaft. Nach einem Monat bekam Young Schweißausbrüche sowie Zitteranfälle und erbrach eine dunkle Substanz. Ihr Zustand verschlechterte sich nach Burfields Rat, die Fenster in ihrer Wohnung trotz der niedrigen Außentemperaturen geöffnet zu lassen. Ein von ihren Betreuerinnen kontaktierter Arzt wies Young an, sofort mit dem Fasten aufzuhören. Sie weigerte sich, da sie weiterhin von der Effektivität der Behandlung überzeugt war, und starb kurz darauf.
Der zuvor gerufene Mediziner ordnete eine Obduktion an der University of Minnesota an. Es wurde ein Gewicht von knapp 48 Kilogramm, eine schwere Anämie sowie Verhungern als Todesursache festgestellt. Burfield wurde von den Angehörigen der Verstorbenen beschuldigt, deren Schmuck gestohlen zu haben, was sie bestritt. Gegenüber der Presse behauptete sie, dass ihre Behandlung erfolgreich gewesen sei und Young ihrer letztlich unheilbaren Lähmung erlegen war. Trotz des Todesfalls hatte Burfield weiterhin Patienten, da ihre Methoden gelegentlich effektiv waren. Sie wurde außerdem nicht strafrechtlich belangt, weil sie keine zugelassene Ärztin war und daher gegen kein geltendes Gesetz verstoßen hatte.Steven Chermak, Frankie Y. Bailey: Crimes of the Centuries: Notorious Crimes, Criminals, and Criminal Trials in American History. ABC-CLIO, Santa Barbara 2016, ISBN 978-1-61069-594-7.
In dieser Zeit lernte Burfield Samuel Hazzard kennen. Nachdem sie 1904 geheiratet hatten, kam er wegen Bigamie vor Gericht, da er bereits eine Ehefrau in Iowa hatte. Nach Verbüßung seiner Haftstrafe kehrte er zu Linda zurück. Weil sowohl über Youngs Tod als auch über das Bigamie-Verfahren in der örtlichen Presse intensiv berichtet worden war, beschloss das Ehepaar, Minneapolis zu verlassen. Die Hazzards entschieden sich für Seattle als Wohnort, da Personen, die kein Medizinstudium absolviert hatten, im Bundesstaat Washington aufgrund einer Bestandsschutz-Regelung als Alternativmediziner zugelassen werden konnten.
Todesfälle in Seattle Nachdem Hazzard ihre offizielle Zulassung erhalten hatte, eröffnete sie 1906 eine Praxis in Seattle und erwarb im nahegelegenen, wenig bewohnten gemeindefreien Gebiet Olalla ein knapp 162.000 Quadratmeter großes Grundstück. Sie nannte es Wilderness Heights und lebte nicht nur dort, sondern wollte auch ein Sanatorium bauen, wofür ihr Geld aber nicht ausreichte. Deswegen wohnten die Patienten während der Therapie in städtischen Hotels oder kleinen Hütten auf ihrem Grund.
Lenora Wilcox verstarb im September 1907 als erste Patientin von Hazzard in Seattle. Sie hatte 47 Tage gefastet. Im Februar 1908 verhungerte Daisey Maud Heglund nach 50 Tagen, konnte jedoch laut der Autopsie wegen ihrer Magenkrebserkrankung ohnehin nicht mehr essen.Al Cimino: Monsters Who Murder: True Stories of the World’s Most Evil Serial Killers. Arcturus Publishing, London 2023, ISBN 978-1-398-83200-8, Kapitel Linda Hazzard: Fasting Specialist. Im selben Monat wäre ein acht Monate altes Mädchen beinahe gestorben, weil seine Mutter Hazzards Fastenmethode bei ihm anwandte. Laut einem Mitarbeiter einer städtischen Jugendschutzorganisation, der den abgemagerten Säugling ins Krankenhaus brachte, sei die Mutter durch das Fasten „dem Wahnsinn verfallen“. Hazzard wurde im Zuge dieser Vorfälle wegen unerlaubten Praktizierens verhaftet, kam jedoch wenig später wieder frei. alternativtext=Foto des Sachbuchs Fasting for the Cure of Disease. Auf dessen schwarzen Einband stehen oben über drei Zeilen verteilt der Titel, weiter unten der Name der Autorin (Dr. Linda Burfield Hazzard) in weißen Großbuchstaben. Der Einband ist von einem weißen Rahmen umgeben, dessen obere Ecken S-förmig geschwungen sind, während die unteren Rahmenränder klingenförmig und in den Ecken Dreiecksformen mit runden Abschweifungen ähneln.|mini|1912 veröffentlichte Nachdruck-Ausgabe von Fasting for the Cure of Disease Im Juni 1909 erlag Blanche B. Tindall während Hazzards Therapie einer tödlichen Bakteriämie. Im Herbst des Vorjahres war bereits ihr Baby in Hazzards Obhut gestorben. Im selben Monat verhungerte mit Viola F. Heaton eine weitere Patientin. Zudem wurde Eugene Stanley Wakelin, der Sohn eines britischen Aristokraten, auf dem Grundstück in Olalla tot aufgefunden. Die Polizei ging von einem Suizid durch einen Kopfschuss aus. Da Hazzard Wakelins Nachlassverwaltung übernahm, vermutete Lucien Agassiz, der Vize-Chef des britischen Konsulats von Tacoma, einen Mord aus Habgier, konnte das aber nicht beweisen.Joshua A. Perper, Stephen J. Cina: When Doctors Kill: Who, Why, and How. Springer Science+Business Media, Berlin 2010, ISBN 978-1-4419-1369-2, S. 35. Im selben Jahr veröffentlichte Hazzard das Sachbuch Fasting for the Cure of Disease. Darin schrieb sie, dass in ihrer bisherigen Karriere nur elf ihrer über 1000 Patienten gestorben seien, zumal alle Autopsien einen natürlichen Tod bestätigt hätten.
Earl Edward Erdman führte während seiner Behandlung ab Anfang Februar 1910 ein Tagebuch, in dem er seinen Essensplan detailliert beschrieb. Zunächst aß er zum Mittag- und Abendessen je eine Schüssel Suppe. Am zweiten Tag kam als Frühstücksmahlzeit eine Orange dazu. Ab der zweiten Woche verringerte Hazzard die Tagesration zunächst auf eine Orange und ersetzte schließlich die Suppen durch die Gemüsebrühen. Erdman litt ab Mitte Februar unter anderem an Schwindel, Schlafstörungen und Rückenschmerzen. Am 28. März wurde er in eine Klinik eingeliefert und starb kurz vor einer geplanten Bluttransfusion. Die anderen in dem Jahr verstorbenen Patienten waren der Politiker L. E. Rader und Maude Whitney. Hazzard führte die Autopsien selbst durch und benannte einen Magenprolaps beziehungsweise eine chronische Bauchspeicheldrüsenentzündung als Todesursachen.