Kraniomandibuläre Dysfunktion oder Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) ist ein Überbegriff für strukturelle, funktionelle, biochemische und psychische Fehlregulationen der Muskel- oder Gelenkfunktion der Kiefergelenke. Diese Fehlregulationen können schmerzhaft sein oder Ursache für Schwindelgefühle, Kopfschmerzen, Lichtempfindlichkeit, Panikattacken (Herzrasen) und Stress im Alltag. Die kraniomandibuläre Dysfunktion kann sowohl Ursache als auch Folge von Stress sein. Die Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und Therapie definiert CMD als Sammelbegriff für eine Reihe klinischer Symptome der Kaumuskulatur und/oder des Kiefergelenks sowie der dazugehörenden Strukturen im Mund- und Kopfbereich. Die genaue Diagnose unterscheidet: Störung der Kauflächen (Okklusopathie), Störung der Kaumuskulatur (Myopathie) und Störung des Kiefergelenkes (Arthropathie).M. Oliver Ahlers: In: zm. 2/2004.Lange, Ahlers, Ottl: Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie Im engeren Sinne handelt es sich dabei um Schmerzen der Kaumuskulatur („myofaszialer Schmerz“), Verlagerungen der Knorpelscheibe im Kiefergelenk („Diskusverlagerung“) und entzündliche oder degenerative Veränderungen des Kiefergelenks („Arthralgie, Arthritis und Arthrose“).
Terminologie In Deutschland hat sich der Begriff Kraniomandibuläre Dysfunktion eingebürgert, ein Sammelname für diverse muskuloskelettale Beschwerden im Craniomandibulärsystem (Kausystem), daneben auch Cranio-Cervicale Dysfunktion (CCD). In der Schweiz wird der Begriff Myoarthropathie bevorzugt, im englischen Sprachraum Temporomandibular Disorders oder temporo-mandibular-Joint-Disease (TMDs, TMJ). Die alte Bezeichnung Costen-Syndrom ist überholt. Hauptansprechpartner bei diesem Beschwerdebild ist der Zahnarzt beziehungsweise der Kieferorthopäde, betroffen sind aber viele medizinische Fachrichtungen von Kopf und Hals.
Klassifikationssysteme Es gibt verschiedene Klassifikationssysteme, wobei international die Research Diagnostic Criteria for Temporomandibular Disorders (RDC/TMD) aus dem Jahre 1992 die größte internationale Verbreitung gefunden haben. Demnach unterscheidet man folgende zwei Bereiche („Achsen“):
mini|Achse I und Achse II; Patient A: starke somatische Beschwerden; Patient B: starke psychische Beschwerden bei geringen somatischen Beschwerden
ACHSE I (körperliche Diagnosen)
Bereich I: Schmerzhafte Beschwerden im Bereich der Kaumuskulatur (vor allem Mundöffner- und Mundschließermuskeln) Ia: Myofaszialer Schmerz Ib: Myofaszialer Schmerz mit eingeschränkter Kieferöffnung
Bereich II: Anteriore Verlagerung des Discus articularis IIa: Anteriore Diskusverlagerung mit Reposition bei Kieferöffnung IIb: Anteriore Diskusverlagerung ohne Reposition bei Kieferöffnung, mit eingeschränkter Kieferöffnung. IIc: Anteriore Diskusverlagerung ohne Reposition bei Kieferöffnung, ohne eingeschränkte Kieferöffnung.
Bereich III: Arthralgie, aktivierte Arthrose, Arthrose IIIa: Arthralgie IIIb: aktivierte Arthrose des Kiefergelenks IIIc: Arthrose des Kiefergelenks
ACHSE II (psychosoziale Diagnosen) Schmerzbezogene Beeinträchtigungen täglicher Aktivitäten Depressive Verstimmung Unspezifische somatische Symptome
Im Januar 2014 veröffentlichte eine internationale Expertengruppe eine erweiterte Klassifikation der kraniomandibulären Dysfunktionen.C. C. Peck, J. P. Goulet u. a.: Expanding the taxonomy of the diagnostic criteria for temporomandibular disorders. In: Journal of oral rehabilitation. Band 41, Nummer 1, Januar 2014, S. 2–23, . doi:10.1111/joor.12132. PMID 24443898. Diese schließt die 12 Diagnosen der Diagnostischen Kriterien für Craniomandibuläre Dysfunktion ein und umfasst darüber hinaus 25 seltenere Diagnosen.E. Schiffman, R. Ohrbach u. a.: Diagnostic Criteria for Temporomandibular Disorders (DC/TMD) for Clinical and Research Applications: recommendations of the International RDC/TMD Consortium Network* and Orofacial Pain Special Interest Group? In: Journal of oral & facial pain and headache. Band 28, Nummer 1, 2014, S. 6–27, . PMID 24482784.
Epidemiologie Die Häufigkeit der CMD liegt bei etwa 34 % der gesamten Bevölkerung, wobei nur rund 3 % wegen dieser Beschwerden behandlungsbedürftig sind. Im Kleinkindalter sind CMD-Symptome selten anzutreffen, die Häufigkeit steigt aber bis zur Pubertät an. Frauen im gebärfähigen Alter sind wie bei anderen Schmerzerkrankungen deutlich häufiger betroffen als Männer. Nach den Wechseljahren lassen die Beschwerden häufig nach und im Alter ist die CMD relativ selten. Laut den im Jahr 2025 veröffentlichten Prognosen könnte CMD im Jahr 2050 44 % der Weltbevölkerung betreffen.
Symptomatik Eine Vielzahl von Symptomen kann die Diagnose schwierig machen. Häufig schmerzen die Kiefermuskulatur oder die Kiefergelenke beim Kauen. Andere Symptome können sein: Eingeschränkte Kieferöffnung Knacken oder Reiben der Kiefergelenke beim Öffnen oder Schließen der Kiefer Ausstrahlende Schmerzen in Zähnen,D. Raab: Durch craniomandibuläre Dysfunktionen vorgetäuschte Zahnschmerzen und Tubenfunktionsstörungen – ein Fallbericht. In: Wehrmedizinische Monatsschrift. 59(12), 2015, S. 396–401. (online) Mund, Gesicht, Kopf-, Nacken, Schulter oder Rücken, Hals-Wirbelsäulen-Schulter-Probleme, eingeschränkte Kopfdrehung, Kopfschmerzen und Neuralgien Plötzlich auftretende Probleme mit der Passung der Zähne aufeinander. unangenehme stechende Ohrenschmerzen und Druck auf den Ohren (Wattegefühl) Tinnitus (auch pulssynchron), Hörsturz Brustschmerzen (Stechen in der Brust, verursacht durch die Verspannung im Rücken) Schluckbeschwerden Migräne Neuromuskuläre Störungen Arteria Vertebralis Syndrom Kopfgelenkstörung/Atlasfehlstellung/HWS-Dysfunktion/segmentale Blockierungen Konzentrationsstörungen und Leistungsabfall/Burn out neuropathische Schmerzen und Taubheitsgefühle Vagusreizung
Pathogenese Da in den meisten Fällen die Ursachen unklar sind, wird eine multifaktorielle Genese vermutet. Prädisponierende, auslösende und unterhaltende Faktoren umfassen biologische, psychische und soziale Elemente. Anbei sind einige davon aufgelistet, wobei sich immer neue Aspekte in Klinik und Forschung ergeben werden: Gene Hormone Entwicklungsstörungen der Kiefer Haltungsstörungen (etwa vorgestreckte Kopfhaltung) Verlust der Vertikalen Kieferrelation Emotionaler Stress Frühere Schmerzerfahrungen Hypervigilanz durch Sympathikusaktivierung Makrotrauma durch Unfälle Mikrotrauma durch Störungen der Bisslage Zähneknirschen Exzessiver Kaugummikonsum Schlafstörungen, z. B. beim Obstruktiven Schlafapnoe-Syndrom Reduzierung der Aktivität des Deszendierenden Inhibitorischen Nozizeptiven Systems Depression Posttraumatische Belastungsstörung ZahnextraktionGreg J. Huang, Tessa C. Rue: Third-molar extraction as a risk factor for temporomandibular disorder. In: Journal of the American Dental Association. Vol 137, No 11, Nov 2006, S. 1547–1554. Okklusionsstörungen durch prothetische Versorgung (z. B. zu hohe Kronen, Füllungen o. Ä.) Kieferorthopädische Behandlungen Während früher okklusale Faktoren als Auslöser für eine CMD angesehen wurden, ziehen aktuelle Studien dies in Zweifel. Von einem direkten kausalen Zusammenhang wird nicht mehr ausgegangen.
Diagnose
Zur Diagnose der CMD wird aktuell folgende Vorgehensweise empfohlen: Ein ausführliches Arztgespräch mit Einsatz standardisierter Fragebögen. Eine somatische Untersuchung von Kieferöffnung, Kaumuskulatur und Kiefergelenken (Funktionsstatus). Eine Röntgenaufnahme des gesamten Kiefers (Panoramaschichtaufnahme) zum Ausschluss zahnärztlicher und kieferchirurgischer Krankheitsursachen. Fragebögen zur Erkennung von psychosozialen Beeinträchtigungen.
Bei komplexen Krankheitsbildern können aufwändige apparativeWolfgang Boisserée, Werner Schupp: Die Anwendung der digitalen Volumentomografie bei craniomandibulärer Dysfunktion. Thieme, 2020 [PDF; abgerufen am 18. Februar 2023]., radiologische oder psychologische Verfahren in Diagnostik und Therapie Anwendung finden sowie andere Fachrichtungen hinzugezogen werden. Zusätzlich kann eine instrumentelle Funktionsanalyse (axis position indicator API / condylar position indicator CPI) durchgeführt werden.
Differentialdiagnostik Aufgrund einer Vielzahl von Schmerzursachen im Kopfbereich ist bei unklarer Diagnose eine fachübergreifende Diagnostik sinnvoll. Auszuschließen sind Erkrankungen aus den verschiedensten medizinischen Fachgebieten, und eine intensive konsiliarische Beurteilung ist dann unerlässlich.
Therapie mini|Aufbissschiene für den Oberkiefer zur Behandlung der CMD (Craniomandibulären Dysfunktion)
Grundgedanke bei der Behandlung von CMD ist eine schonende und reversible Vorgehensweise. Dabei werden wissenschaftlich anerkannte Therapiekonzepte je nach Schweregrad eingesetzt und individuell auf den Patienten abgestimmt.
Eine Aufklärung des Patienten über die Krankheitszusammenhänge und eine korrekte Diagnosestellung ist der erste und wichtigste Schritt für eine positive Beeinflussung des Krankheitsgeschehens. Kiefergelenkknacken führte im Untersuchungszeitraum nach einer Studie mit 454 Patienten nicht zu Schmerzen im Kiefergelenk.D. R. Reissmann, M. T. John: Ist Kiefergelenkknacken ein Risikofaktor für Schmerzen im Kiefergelenk? In: Schmerz. Volume 21, Number 2, S. 131–138. (online) Hinweise zur Selbstbehandlung, wie weiche Nahrung, Dehnübungen, Wärme- oder Kälteanwendungen, Entspannungsübungen oder Stressmanagement, können helfen. Eine Okklusionsschiene (Aufbissbehelf) wird vom Zahnarzt häufig eingesetzt und kann zu einer Entspannung der Kau- und Kopfmuskulatur sowie zu einer Entlastung der Kiefergelenke führen. Allerdings ist der Nutzen der Okklusionsschiene bei einer CMD-Behandlung wissenschaftlich nicht belegt. Je nach Studie wird die Wirksamkeit belegt oder widerlegt.H. Forssell, E. Kalso, P. Koskela, R. Vehmanen, P. Puukka, P. Alanen: Occlusal treatments in temporomandibular disorders: a qualitative systematic review of randomized controlled trials. In: Pain. Volume 83, Issue 3, S. 549–560. (online) Manchmal sind schmerzlindernde, entzündungshemmende, muskelrelaxierende oder schlaffördernde Medikamente notwendig, um einer Chronifizierung des Schmerzgeschehens Einhalt zu gebieten und die Lebensqualität zu verbessern. Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) kann durch eine Entspannung der Muskulatur und eine Reduktion der Schmerzen helfen. Es wird diskutiert, ob Triggerpunkt-Infiltrationen der Muskulatur mit verschiedenen Substanzen sinnvoll sind und dauerhaft Linderung bringen können. Umfangreiche Zahnsanierungen, kieferorthopädische oder chirurgische Maßnahmen sollten nur unter strengster Indikationsstellung Anwendung finden und sind kritisch zu sehen. Gezielte Physiotherapie dient zur Regulation des Muskeltonus in der Kiefer- sowie der Schulter-/Nackenmuskulatur. Auswirkung von Haltungsdefiziten auf das Kiefergelenk werden korrigiert. Der Patient erlernt Eigenübungen zur Entspannung und Vorbeugung des erhöhten Muskeltonus.
Siehe auch Dysgnathie, Eugnathie Balance-Schiene
Literatur
Herpel, C., Becher, H., Aarabi, G., Borof, K., Castell, S., Ciardo, A., Finke, H., Hellmann, D., Hertrampf, K., Holtfreter, B., Karch, A., Keil, T., Kemmling, Y., Kim, T.-S., Leitzmann, M., Pischon, N., Pischon, T., Reckelkamm, S., Rupf, S., … Rammelsberg, P. (2026). Temporomandibuläre störungen: Prävalenz und assoziierte biopsychosoziale faktoren. Deutsches Ärzteblatt, 123(3), 63–70. https://doi.org/10.3238/arztebl.m2025.0219 Jürgen Dapprich: Funktionstherapie in der zahnärztlichen Praxis, Quintessenz Berlin 2004, ISBN 3-87652-348-6
Dr. Georg Risse: Kopf und Hals als Funktionseinheit "Die medizinische Neuausrichtung der "Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde 2024, ISBN 978-3-9824922-1-6 Hülse, Neuhuber, Wolff "Die obere Halswirbelsäule" Pathophysiologie und Klinik. Springer, 2005. ISBN 978-3540-25605-2