Atlas eines ängstlichen Mannes ist eine 2012 im S. Fischer Verlag erschienene Sammlung autofiktiver oder autobiografischer Reise-ErzählungenClaus Telge: Erste Sätze. Christoph Ransmayrs zyklisch-serielle Ursprünglichkeit. In: Variations. Literaturzeitschrift der Universität Zürich. Nr. 24, 2016, , S. 165–174. Hier S. 165. (pdf). des österreichischen Schriftstellers Christoph Ransmayr. Kurzbeschreibung „In 70 Episoden erzählt ein angeblich autobiografisches Ich von seinen Eindrücken und Erlebnissen, von Personen und Schicksalen aus den entlegensten Orten auf der ganzen Welt.“Henrike Serfas: Erzählen als Aufklärungsbedarf in „Atlas eines ängstlichen Mannes“. In: Henrike Serfas: Aufklärung zwischen Kritik und Bedarf. Zum kritischen Potential von Christoph Ransmayrs journalistischem und literarischem Werk. Transcript, Bielefeld 2023. ISBN 978-3-8376-6819-3. S. 211–239. Hier S. 211. Auf diese Weise entsteht „eine Art erzählendes Fotoalbum“.„a kind of narrative photo album“ – Monika Shafi: Around the world in seventy stories. Christoph Ransmayr’s „Atlas eines ängstlichen Mannes“. In: Karin Baumgartner, Monika Shafi (Hrsg.): Anxious journeys. Twenty-first-century travel writing in German. Camden House, Rochester NY 2019. ISBN 978-1-64014-011-0. S. 59–74. Hier S. 59. Inhalt „Der Ich-Erzähler beschreibt Mitreisende oder Einheimische, Landschaften, Denkmäler, den Nachthimmel und Tiere und schließt oft mit einer zusammenfassenden Reflexion ab, die die besondere Begegnung mit Themen wie Vergänglichkeit, Tod, Erinnerung und Heimat verknüpft. Der Schlüssel zu jeder Episode ist etwas Außergewöhnliches“.„The first-person narrator describes fellow travelers or locals, landscapes, monuments, the night sky, and animals, an he often ends with a summary reflection linking the distinctive encounter to topics such as transience, death, memory, and home. Key to each episode is something out of the ordinary“ – Shafi, Around the world in seventy stories, S. 59. Die einzelnen Episoden „informieren auch über geschichtliche und kulturelle Fakten, über geologische und klimatische Besonderheiten, und sie verknüpfen persönliche Erfahrungen mit Informationen aus anderen Quellen. Überdies erzählen sie Geschichten von Personen nach, denen der Reisende am jeweiligen Ort begegnet ist.“Rolf-Peter Janz: Utopische Gegenwelten. Christoph Ransmayr, „Atlas eines ängstlichen Mannes“. In: Berta Raposo, Christian Prado-Wohlwend (Hrsg.): Reisen in der Deutschen Literatur. Realität und Phantasie. Lang, Berlin 2021. ISBN 978-3-631-80848-1. S. 265–274. Hier S. 265–266. Teilweise stellt die Sekundärliteratur dabei eine „thematische Isoliertheit der einzelnen Erzählungen“ fest,Thomas Pattinger: Atlas eines ängstlichen Mannes. In: Thomas Pattinger: Die Vergänglichkeit der Zeit in Romanen und Erzählungen Christoph Ransmayrs. Gegenwartsbezogene Ansätze zur Behandlung von Vanitas-Motivik im Unterricht. (Diplomarbeit.) Leopold-Franzens-Universität, Innsbruck 2018. S. 64–73. Hier S. 64. (pdf). teilweise sieht man „eine gewisse Logik in der Anordnung der Episoden […], die thematisch, motivisch oder manchmal rein assoziativ begründet ist.“Sabina Zieglgänsberger: Atlas eines ängstlichen Mannes. In: Sabine Zieglgänsberger: Die Welt plausibel erzählen. Metamorphose und Entwicklung im literarischen Werk Christoph Ransmayrs. (=Regensburger Beiträge zur deutschen Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaft, Band 104.) Lang, Berlin 2020. ISBN 978-3-631-80113-0. S. 189–194. Hier S. 189. Unabhängig von der Reihenfolge im Text unterteilt der Germanist Arsim Rexhepi (* 1972) die 70 Episoden hinsichtlich „der Thematik und des Inhalts“ in drei Gruppen: persönliche Geschichten, gesellschafts- und zeitkritische Erzählungen sowie deskriptive Geschichten.Arsim Rexhepi: Atlas eines ängstlichen Mannes. In: Arsim Rexhepi: Raumdarstellung im Werk von Christoph Ransmayr. Zur Funktion der Topographie in „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“, „Die letzte Welt“, „Morbus Kitahara“ und „Altas eines ängstlichen Mannes“. (Dissertation.) Ruhr-Universität, Bochum 2014. S. 137–163. Hier S. 143. (pdf). Persönliche Episoden Die kleinste Gruppe innerhalb des Atlas eines ängstlichen Mannes ist die der persönlichen Episoden, „in denen das Gedächtnis subjektiv und biographisch Selbsterfahrung reflektiert; dazu gehören auch Reisen zu Erinnerungsstätten, die direkt in Verbindung mit der Literaturentstehung zu setzten [sic] sind“. Zu diesen biografisch gefärbten Episoden gehören beispielsweise: Blut: Ein vom minderjährigen Ich-Erzähler bewunderterChristoph Ransmayr: Atlas eines ängstlichen Mannes. 5. Auflage. S. Fischer, Frankfurt am Main 2013. ISBN 978-3-10-062951-7. S. 261. siebzehnjähriger, „wilder junger Mensch“ namens Adi (Diminutiv von Adolf) hat „betrunken seine Notdurft auf den Stufen des Kriegerdenkmals verrichtet und geschrien, ein Kranz aus Scheiße sei alles, was vor solchen Denkmälern abgelegt werden sollte. In der Schlägerei, die dieser Schändung folgte, mußte er allerdings vor der Übermacht empörter Zeugen […] flüchten. Nach dem Davonrennen versprach er wiederzukommen, schrie, er werde ein Messer holen und wiederkommen.“ Diese Drohung wird der Bundesgendarmerie angezeigt, welche Adi daheim aufsucht. Adi verschanzt sich im Schlafzimmer seiner Eltern, droht den zwei Gendarmen mit Messer, Axt oder Prügel, wenn sie ihn nicht schlafen ließen. „Er hatte aber weder eine Axt noch ein Messer, noch einen Prügel bei sich, als einer der Gendarmen […] ein ganzes Magazin aus seiner Dienstpistole durch die geschlossene Tür feuerte“ und Adi dadurch tötet.Ransmayr, Atlas eines ängstlichen Mannes, S. 263–264. Sturmschaden: Der Ich-Erzähler darf mit seiner Mutter auf den Dachboden des Mehrparteienhauses, um dort Weißwäsche zum Trocknen aufzuhängen. In einer Ecke des Dachbodens befindet sich „ein Märchenreich, eine magische Ritterwelt“ mit einem Schatz.Ransmayr, Atlas eines ängstlichen Mannes, S. 386. Ein Sturm kommt auf, beginnt das Dach aufzureißen. „In der tosenden Helligkeit, in der es jetzt auch noch zu hageln begann, wurde ich […] hinabgezerrt, während der Südsturm den riesigen Dachstuhl weiter und weiter hochhob, donnernd aufklappte und dann in den Hof […] hinabschleuderte.“Ransmayr, Atlas eines ängstlichen Mannes, S. 385. Die Weißwäsche wird in den Hof gewirbelt, ebenso die Bestandteile des vermeintlichen Ritterschatzes. „Und ich sollte im Verlauf der Aufräumarbeiten […] zum erstenmal die Namen der für immer verlorenen Kostbarkeiten hören: Das Zeichen, das die rot-weißen Fahnen trugen, hieß Hakenkreuz, der goldene Adler auf seinem Sockel war ein Reichsadler aus Gips, die Lanzen waren Standarten einer Wehrmacht und die kurzen Schwerter in ihren schwarzen Scheiden Zierdolche der SS. Der Ritter in der silbernen Rüstung [auf einem Bild] hieß Adolf Hitler.“ Während der Instandsetzung des Dachstuhls wird „an jener Leerstelle, an der einmal ein [Nazi-]Schatz in der Finsternis schimmerte, eine Luke in die Dachschräge“ eingebaut, durch die man nun auf das Höllengebirge und das Tote Gebirge schauen kann.Ransmayr, Atlas eines ängstlichen Mannes, S. 387. Mädchen im Wintergewitter: Die siebenjährige Schwester eines drei Jahre älteren Schuljungen und der Schuljunge selbst gehen am „ersten Morgen nach den Weihnachtsferien auf dem langen Fußweg vom elterlichen Hof zur Dorfschule“Ransmayr, Atlas eines ängstlichen Mannes, S. 441. durch den Schneefall eines Wintergewitters. Die Laune des Schuljungen ist unter anderem aufgrund eines Familienzwistes am Vorabend schlecht. Die Schwester sucht versöhnungsheischend die Hand des Bruders, der ihr sie immer wieder entzieht und die schwesterliche Hand irgendwann sogar schlägt. „Der war wütend. Der wollte nicht mehr länger gehorchen und wollte auch kein Schwestern- und Mädchenbeschützer mehr sein. Der hatte genug. Der begann plötzlich, schneller und schneller zu gehen und schließlich zu laufen, lief … ja lief ihr davon in dieses Weiß“, lässt seine Schwester im Schneegestöber zurück. „Im Wintergewitter dieses Morgens mußte das Mädchen zum erstenmal in seinem Leben erfahren, daß das Entsetzliche weder an Jahreszeiten noch an Orte gefesselt war, sondern seine Opfer in jedem Augenblick und an jedem Ort überfiel.“Ransmayr, Atlas eines ängstlichen Mannes, S. 448.
Gesellschafts- und zeitkritische Episoden Über die Hälfte der Episoden gehören dieser Gruppe an: „kulturkritische Diskurse, in denen das Verhältnis des Menschen zur Natur und zu sich selbst thematisiert wird.“ Beispiele aus dieser Gruppe sind: Fernstes Land und Im Schatten des Vogelmannes: Diese beiden Episoden spielen im Kulturbereich des Rapanui-Volkes, „das um den Preis des eigenen Untergangs die Osterinsel mit nahezu tausend Steinstatuen geschmückt hatte“.Ransmayr, Atlas eines ängstlichen Mannes, S. 12–13. Im Schatten des Vogelmannes thematisiert die „idiotischen Ritualkämpfe“, in denen die Steinstatuen „nach und nach zu Herrschafts- und Machtsymbolen verkamen, die, wie eben alle Symbole in Männerwelten, groß, möglichst groß, immer größer werden mußten, immer noch größer“, so dass ihnen alle Ressourcen der Osterinsel, „alle Kraft und Energie geopfert“ wurden, „bis die Insel eine Wüste war, in der es keine Bäume mehr gab, kaum noch Tiere, keine Felder und die fluguntauglichen Vogelmänner endlich erkannten, daß man Steine nicht essen konnte“.Ransmayr, Atlas eines ängstlichen Mannes, S. 408. Das hinderte sie, sobald sie „sich gegenseitig nicht mehr mit immer größeren Steinmonstern übertrumpfen konnten“, jedoch nicht daran, die „Monster des Nachbarclans zu stürzen und ihnen die Köpfe abzuschlagen“ und auch die Mitmenschen zu erschlagen und manchmal aufzuessen, „bis man selber erschlagen und gefressen wurde.“Ransmayr, Atlas eines ängstlichen Mannes, S. 409. Da das Rapanui-Volk glaubte, „daß es außer ihnen keine Menschen auf dieser Welt gab und in einem unendlichen Ozean unter einem unendlichen Himmel kein Land neben ihrer eigenen Insel“,Ransmayr, Atlas eines ängstlichen Mannes, S. 13. war es für das Rapanui-Volk ein Schock, als sie „auf einem ihrer ausgedehnten Fischzüge, vielleicht auch bloß nach einer durch Strömungen und Stürme erzwungenen Irrfahrt“ auf eine weitere Insel stießen: „Ein Schock, der sie am Ende glauben ließ, die Heimat eines Gottes gefunden zu haben. Denn wenn es in dieser Unendlichkeit tatsächlich noch ein zweites Land gab, dann mußte dort, sichtbar oder unsichtbar, der wohnen, dem das Dasein der fernen Heimat und von Himmel und Erde und allem, was im Wasser oder an der Luft lebte, zu verdanken war – ein Allmächtiger, den sie make-make nannten.“Ransmayr, Atlas eines ängstlichen Mannes, S. 13–14. Zum Zeitpunkt des Besuchs des Ich-Erzählers auf der dem Allmächtigen zugedachten „Insel, hinter der die Unendlichkeit begann“,Ransmayr, Atlas eines ängstlichen Mannes, S. 18. ist jene Insel ein glühendes, wüstes Stück Land,Ransmayr, Atlas eines ängstlichen Mannes, S. 11. und auf der Ursprungsinsel des Rapanui-Volks „kroch die Wildnis gnädig über alle Beweise menschlicher Gewalt und Zerstörungswut hinweg, bedeckte sie mit Blättern und Flechten und ließ Gesichtszüge von der Erosion abschleifen, bis ein [Stein-]Kopf vom nackten Fels nicht mehr zu unterscheiden war.“Ransmayr, Atlas eines ängstlichen Mannes, S. 411.