mini|Logo britischer Nationalanarchisten Als Nationalanarchismus wird eine ideologische Randströmung bezeichnet, die seit etwa 1997 vor allem im Internet auftritt und Nationalismus und Anarchismus zu verbinden angibt. Er gilt in der Extremismusforschung als Teil des Rechtsextremismus und als Querfrontstrategie von Personen mit Bezügen zum Neonazismus.
Vertreter Großbritannien und Frankreich Troy Southgate in Großbritannien gilt als Gründer des Nationalanarchismus. Er gehörte in den 1990er Jahren zur rechtsextremen British National Front und gründete eine britische National Revolutionary Faction.John E. Richardson, Nigel Copsey: Cultures of Post-War British Fascism. Taylor & Francis, London 2015, ISBN 978-1-317-53937-7, S. 179 Er bestreitet, ein Faschist zu sein, bezieht sich aber auf Werke von Faschisten wie Julius Evola und Otto Strasser. In seinem „Nationalanarchistischen Manifest“ (2011) betonte er die faschistische Idee der Palingenese oder „Wiedergeburt“ von kleinen, ethnisch homogenen, ländlich-agrarischen Dorfgemeinschaften, die fernab von Massenmedien, Internet und kapitalistischer Konsumgesellschaft „traditionelle Werte“ ihrer eigenen Art pflegen. Darin sah er verwirklichte Selbstbestimmung. Er befürwortete eine „natürliche Autorität“ oder „natürliche Meritokratie“ in diesen Kleingruppen und die Rassentrennung.Leonard Williams, Benjamin Franks: Hybridity and Ideology. Taylor & Francis, London 2024, ISBN 978-1-04-025747-0, S. 14 Nur so könne die ursprüngliche Harmonie des Menschen mit der Natur erneuert, das „unlösbare Band“ des Menschen mit dem „eigenen Boden“, dem „rassischen Erbe“, die auch gewaltsame und kriegerische Verteidigung eigener Gebiete und dort gelebter Werte wiederhergestellt werden. Dies stellte er als Lösung der sozialen und ökologischen Probleme der Industriegesellschaft und der Überbevölkerung dar. Dazu berief er sich auf den Anarchisten Murray Bookchin, verzerrte und benutzte dessen differenzierte emanzipative Idee von Inklusivität und Diversität jedoch zum rassistischen Ausschluss andersartiger Menschen.Adrian Parr: Birth of a New Earth: The Radical Politics of Environmentalism. Columbia University Press, New York 2017, ISBN 978-0-231-54245-6, S. 77
Southgate rief seine Anhänger dazu auf, britischen politischen Parteien beizutreten und sie dann umzulenken oder Teile davon zu den eigenen Absichten zu bekehren.Casey Sanchez: California Racists Claim They’re Anarchists. Southern Poverty Law Center (SPLC), Sommer 2009
In Frankreich vertritt Hans Cany ähnliche Ideen.Fouad Sabry: Nationalism and Gender: The Intersection of Identity Politics and Gender Dynamics. 2024, S. 84
Deutschland In Deutschland vertreten vor allem Andreas Röhler und Peter Töpfer den Nationalanarchismus. Beide wurden in der DDR geboren und gaben von 1995 bis 2000 die Zeitschrift „Sleipnir“ heraus, die sich als Forum für eine Querfront einer „nationalen Linken“ verstand. Das Blatt verbreitete unter anderem Texte radikaler Islamisten,Jan Riebe: Im Spannungsfeld zwischen Rassismus und Antisemitismus: Das Verhältnis der deutschen extremen Rechten zu islamistischen Gruppen. Diplomica, 2002, ISBN 3-8324-6858-7, S. 87 HolocaustleugnungInnenministerium NRW: Sleipnir – Zeitschrift für Kultur, Geschichte und Politik. 2010 und Artikel des Holocaustleugners Horst Mahler, die Töpfer ansatzweise kritisch kommentierte.Michael Fischer: Horst Mahler. Biographische Studie zu Antisemitismus, Antiamerikanismus und Versuchen deutscher Schuldabwehr. Institut für Technologie, Karlsruhe 2015, ISBN 978-3-7315-0388-0, S. 344f.
Andreas Röhler (* 1953) betrieb ab 1993 in Berlin den Verlag der Freunde, der Sleipnir herausgab, und trat im Hetzblatt Bauernschaft des Holocaustleugners Thies Christopherson mit verschwörungstheoretischen flüchtlingsfeindlichen Thesen hervor.Anton Maegerle: Blätter gegen Zeitgeist und Dekadenz. Profile und Beziehungen neurechter Periodika an Beispielen. In: Wolfgang Gessenharter, Thomas Pfeiffer (Hrsg.): Die Neue Rechte — eine Gefahr für die Demokratie? Springer VS, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-322-81016-8, S. 207 Mit Sleipnir versuchte Röhler, Linke für eine gemeinsame Verteidigung der Rede- und Meinungsfreiheit von Holocaustleugnern zu gewinnen.hugin und munin: Links? Rechts? - Revolutionär! jungle.world, 10. März 1999
Töpfer propagierte über Sleipnir und später auf eigenen Webseiten eine „nationale Anarchie“.Andreas Klärner: Moderner Rechtsextremismus in Deutschland. Hamburger Edition, Hamburg 2006, ISBN 3-936096-62-7, S. 146 Seine Ideen stehen dem völkischen Ethnopluralismus der Neuen Rechten nahe, der die Globalisierung als Angriff auf die ethnisch-rassisch verstandene Volksgemeinschaft betrachtet. Dazu korrespondierte er mit dem Neonazi Christian Worch und bezog sich wie dieser auf einen angeblich „linken“ Flügel des Nationalsozialismus.Mathias Brodkorb: Zwischen Hitlerismus und Ethnopluralismus: Ein etwas anderer Blick auf den deutschen Rechtsextremismus. In: Juliane Bohrer, Susanne Kischewski (Hrsg.): 60 Jahre Grundgesetz. LIT, Münster 2010, ISBN 978-3-643-10636-0, S. 236–265, hier S. 262 und Fn. 12
Seit 1998 nahm Töpfer regelmäßig an NPD-Demonstrationen teil und versuchte dort, mit der schwarz-roten Farbsymbolik einen anarchistischen Flügel bei rechtsextremen Nationalisten zu propagieren. Dies stieß dort auf Ablehnung. Seitdem warb Töpfer im Internet für ein strategisches Bündnis von Rechtsextremen mit „deutschen Anarchisten“ und unterstützte aktiv Neonazis wie Horst Mahler und Christian Worch.Peter Nowak: Schwarzrote Fahne. In: Endstation Rechts 25, 16. Dezember 1999 Er vertrat seine Ideologie auf den Webseiten nationale-anarchie.de und querfront.de und organisierte mehrere sogenannte Querfronttreffen, etwa mit Karl Nagel (damals Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands; APPD).Christoph Kluge: Neonazis und Friedensaktivisten, die Nordkorea lieben. Vice, 16. Mai 2016 Er bewarb auf querfront.de neben der APPD auch die Antiimperialistische Koordination aus Österreich, setzte sich für Antizionisten wie Norman Finkelstein oder Jamal Karsli ein und organisierte mit dem früheren Skinhead Erik Vogel einen „Freundeskreis Querfront“. Im April 2001 marschierten Anhänger Töpfers mit der NPD in Jena gemeinsam unter der Parole „Solidarität mit Irak und Palästina – für eine Welt freier Bürger“. Töpfers Flugblatt dazu begründete dies mit der antisemitischen Behauptung, wie die „palästinensischen Befreiungskämpfer“ würden auch die Deutschen „von jüdischen Bonzen und ihren philosemitischen Arschkriechern unterdrückt“.Fabian Lembke: Rot-braune Zusammenarbeit: Pogo fürs Volk. jungle world, 25. September 2002 Er arbeitete auch mit Michael Koth vom „Kampfbund Deutscher Sozialisten (KDS)“ zusammen, einer neonazistischen Querfrontorganisation, die aus nationalistischer Sicht unter anderem die DDR und Nordkorea verherrlichte.Ivo Bozic: Verquere Welt: Ein historischer Abriss deutscher Querfronten. jungle world, 2014
Ab 2004 standen Horst Mahler, Reinhold Oberlercher und Uwe Meenen wegen gemeinschaftlicher Volksverhetzung über ihr „Deutsches Kolleg“ in Berlin vor Gericht. Um Mahlers Strafprozess zu begleiten und ihn im Gefängnis zu unterstützen, gründete Töpfer mit Bernhard Heldt damals ein Komitee Freiheit für Horst Mahler.Michael Fischer: Horst Mahler, Karlsruhe 2015, S. 351 Zwei Jahre später nahm er an der Holocaustleugnungskonferenz im Iran 2006 teil, wo er sich als „Freiheitsaktivist“ vorstellte, den Staat Israel und die Juden beschimpfte.Rainer Erb: Sleipnir (1995–2002). In: Handbuch des Antisemitismus Band 6, De Gruyter / Saur, Berlin 2013, ISBN 978-3-11-025872-1, S. 648–651, hier S. 650
USA In den USA gründete Andrew Yeoman in Kalifornien 2007 die Bay Area National Anarchists (BANA). Die Gruppe lehnt wie andere autonome Nationalisten die Globalisierung, den Multikulturalismus, den Internationalen Währungsfonds und den Staat Israel ab und erwartet einen Rassenkrieg. Yeoman zufolge streben Nationalanarchisten „autonome Zonen“ ohne nichtweiße Minderheiten und eine nichtkapitalistische „Stammesgesellschaft“ mit homogener ethnisch-rassischer Identität und Lebensart an. Er plädierte in der rechtsextremen Zeitschrift Occidental Quarterly für die RassentrennungEmanuel Bergmann: Anarchos im Rassenwahn. jungle world, 27. Mai 2010 und rief auf der Webseite Stormfront zu Prepper- und Sezessionsaktivitäten auf, weil ein ökonomischer und politisch-sozialer Zusammenbruch der USA bevorstehe. BANA verehrt den italienischen Faschisten Julius Evola, die Quantrill’s Raiders (eine Guerillatruppe von Südstaatlern im Sezessionskrieg von 1861 bis 1865) und Separatisten wie die League of the South. BANA-Mitglieder demonstrierten mit Alt-Right und „weißen christlichen Nationalisten“ gegen die Folsom Street Fair in San Francisco, bildeten ein Bündnis mit der Skinhead-Gruppe American Front in Sacramento und sammelten Spenden für ein inhaftiertes Mitglied der verboteten Neonazigruppe The Order. 2009 demonstrierten sie mit Palästinenserflaggen gegen den Zionismus und gegen Israels Angriffe auf die Hamas im Gazastreifen. Nach Yeomans Angaben hatten sich bis dahin neben Skinheads, früheren Neokonservativen und Libertären auch einige ehemalige Linke BANA angeschlossen. 2010 hatte BANA in den USA rund 200 Mitglieder und Teilgruppen in Deutschland, England, Russland und Spanien.
Bei einer Demonstration gegen die Asiatisch-Pazifische Wirtschaftsgemeinschaft (APEC) im September 2007 in Sydney (Australien) traten Nationalanarchisten als „schwarzer Block“ mit der Parole „Globalisierung ist Genozid“ auf.Spencer Sunshine: Rebranding Fascism: National-Anarchists. In: The Public Eye 23 (4), 2008
Der wegen Teilnahme an einer Kundgebung des Ku Klux Klan (KKK) vorbestrafte ehemalige Soldat Jeremy T. Wilcox gründete unter dem Pseudonym Joe Hadenuff in Idaho eine nationalanarchistische Gruppe namens Folk and Faith. Diese lehnt anders als BANA die Aufnahme ehemaliger Linker strikt ab. – Keith Preston gründete die Webseite attackthesytem.com als Plattform für Nationalanarchisten, die sich gegen linken Anarchismus abgrenzen. Preston sucht taktische Bündnisse mit Separatisten aller Art, auch christlichen Fundamentalisten und Afroamerikanern.
Verhältnis zum Anarchismus Kenner und Vertreter des Anarchismus bestreiten, dass Nationalanarchismus eine Form davon sei, und grenzen sich strikt davon ab. 2005 warnten antirassistische Anarchisten in Oregon erstmals vor Querfront- und Infiltrationsversuchen der Nationalanarchisten: Diese seien wie KKK-Mitglieder oder Nazis zu behandeln.
Für Jonathan Eibisch schließen sich Anarchokapitalismus und Nationalanarchismus wegen ihres bürgerlichen Freiheitsbegriffs und ihrer Annahme einer natürlichen Ungleichheit von Menschen aus der anarchistischen Bewegung aus.Jonathan Eibisch: Politische Theorie des Anarchismus - Zum paradoxen Streben nach Autonomie, Selbstbestimmung und Selbstorganisation. transcript, Bielefeld 2024, ISBN 978-3-8376-7183-4, S. 60 und Fn. 58 In seiner Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus nannte Jochen Schmück diese und ähnliche Richtungen „seltsame ‚Sumpfblüten‘ von Pseudo-Anarchisten“: Das Label ‚anarchistisch‘ werde auch „von Nicht- oder Anti-Anarchisten aus taktischen oder sonstigen Gründen übernommen“.‚ALLES BLEIBT ANDERS‘: Interview mit Jochen Schmück zum zehnjährigen Bestehen der DadA-Website. dadaweb.de, 1. Mai 2006
Peter Nowak ordnet Töpfers Position als „braunen Anarchismus“ ein, der individuelle Freiheit verabsolutiere und zum Recht des Stärkeren umdeute. Töpfer definiere „Revisionismus“ (eine Eigenbezeichnung für Holocaustleugnung) nach eigener Aussage als „Kampf um totale Gedanken- und Meinungsfreiheit, gleich, ob es um Schuld, Geschichte … was auch immer geht: Freiheit als Selbstzweck, Freiheit um der Freiheit willen.“ Damit ermächtige sich Töpfer zu Flüchtlingsfeindlichkeit, indem er erklärte: „Ich als Anarchist brauche überhaupt keine Rechtfertigung. […] Ich habe keinen Bock auf ‘Asylanten’ aus aller Herren Länder: So einfach ist das.“