mini|400px|Animierte Darstellung des Verlaufs der russischen Invasion in der Ukraine ab dem 24. Februar 2022
Diese Chronik stellt eine Übersicht zur Chronologie des russischen Überfalls auf die Ukraine von Anfang April bis Ende September 2023 dar.
1. April Laut russischen, ukrainischen und westlichen Quellen wurde das Ziel der russischen Winteroffensive, die Besetzung der Verwaltungsgrenzen der ukrainischen Oblaste Donezk und Luhansk bis Ende März, nicht erreicht; in den ersten drei Monaten des Jahres 2023 wurden weniger als 0,2 % des ukrainischen Staatsgebiets zusätzlich erobert. In der Ostukraine konnten ukrainische Streitkräfte begrenzte Geländegewinne westlich von Tscherwonopopiwka (Rajon Sjewjerodonezk) und nordöstlich von Werchnjokamjanske (Rajon Bachmut) erzielen. Dem vom russischen Verteidigungsminister Sergei Schoigu am 11. Januar 2023 zum Befehlshaber der russischen Truppen in der Ukraine ernannte Generalstabschef Waleri Gerassimow war nach Vermutungen des Institutes for the Study of War der Auftrag erteilt worden, bis zum 31. März den Donbas einzunehmen.
Die Ukraine erließ weitere Sanktionen gegen Personen und Unternehmen aus Russland, die den russischen Angriffskrieg unterstützt haben sollen, darunter gegen Rüstungsbetriebe und militärische Forschungseinrichtungen.
2. April In der Nacht zum 2. April konnten die Söldner der Gruppe Wagner weitere Fortschritte im Zentrum von Bachmut erzielen und das Gebäude der Stadtverwaltung besetzen. Laut dem Kyiv Independent sind bei einem russischen Angriff in Kostjantyniwka drei Zivilisten getötet und sechs verletzt worden. Nach Angaben des britischen Militärnachrichtendienstes sind bis zu 200.000 russische Kämpfer gestorben oder bis zur Kampfunfähigkeit verwundet worden. Der Dienst zitierte auch einen russischen Telegram-Kanal, laut dem verbreiteter Alkoholmissbrauch zu Unfällen, Straftaten und Todesfällen führe und eine „signifikante Minderheit“ der Verluste ausmache. Der Nationale Sicherheits- und Verteidigungsrat der Ukraine gab einen zwölf Punkte umfassenden Deokkupationsplan für die Krim bekannt, der unter anderem vorsieht, nach der Annexion 2014 zugezogene Russen auszuweisen und die Krim-Brücke abzureißen.Oleksiy Danilov: 12 steps of deoccupation of Crimea. Odessa Journal, 2. April 2023.Ukrainian official offers plan for a Crimea without Russia. Associated Press, 2. April 2023.
In Sankt Petersburg kam es zu einem tödlichen Attentat auf den russischen Militärblogger Wladlen Tatarski. Dieser hatte 2014 als Straftäter im Gefängnis gesessen und war durch die Aufstände in Donezk in Freiheit gelangt, bevor er sich auf der separatistischen Seite engagierte und militaristische Propaganda verbreitete.Darya Trepova: Russia releases video of suspect in cafe killing of Vladlen Tatarsky – BBC News, 3. April 2023 (englisch) Die laut russischen Behörden verdächtige 26-jährige Darja Trepowa wurde am Folgetag festgenommen.Russland: Attentat auf Tatarski – Wer ist seine mutmaßliche Mörderin? | Politik | Ostthüringer Zeitung (otz.de), 3. April 2023 Das Nationale Antiterrorkomitee Russlands bezichtigte ukrainische Geheimdienste und die von Alexei Nawalny gegründete Stiftung für Korruptionsbekämpfung, das Attentat geplant zu haben, und behauptete, dass Trepowa eine Anhängerin Nawalnys sei. Dessen Pressesprecherin Kira Jarmysch sagte, der Kreml habe nicht nur nun einen Vorwand, um Nawalny wegen Extremismus anzuklagen – wofür bis zu 35 Jahre Haft drohen –, sondern wolle ihn auch noch wegen Terrorismus belangen.https://twitter.com/Kira_Yarmysh/status/1642824335923576833 Tatarski wurde später mit militärischen Ehren in Moskau in Anwesenheit von Jewgeni Prigoschin beigesetzt, der als Grabbeilage einen Vorschlaghammer niederlegte. Auf diesem war das Logo von Prigoschins Wagner-Söldnertruppe eingraviert; in einem Video war die – offenbar von Hand geschriebene – Widmung „Für Wladlen Tatarsky von den Kämpfern.“ lesbar.t-online: Prigoschin bringt Vorschlaghammer mit – Bei diesem Begräbnis taucht der Wagner-Chef auf, 8. April 2023
3. April mini|Lagebild des britischen Verteidigungsministeriums vom 3. April 2023 Der russische General Rustam Muradow, dessen Streitkräfte im Januar und Februar 2023 bei der Schlacht um Wuhledar hohe Verluste und eine Niederlage erlitten hatten, wurde laut The Moscow Times von der Position des Kommandeurs des östlichen Militärbezirks enthoben. Er soll durch Andrei Kusmenko ersetzt worden sein. Die ukrainischen Luftstreitkräfte bestätigten den Erhalt von MiG-29-Kampfflugzeugen, die von Polen und der Slowakei zugesagt worden waren. Seitdem würden sie über drei MiG-29- und zwei Su-27-Brigaden verfügen (Anmerkung: früheren Angaben der ukrainischen Luftwaffe nach besteht eine vollständige Brigade aus 36 Flugzeugen). Laut The Military Balance verfügte die Ukraine zu Jahresbeginn außerdem über 30 unterschiedliche Bombermodelle. Ein Sprecher der ukrainischen Luftstreitkräfte gab an, dass Russland mindestens fünfmal mehr Militärflugzeuge zur Verfügung stünden. In der Nacht attackierte Russland nach ukrainischen Angaben die Hafenstadt Odessa mit 17 Drohnen, davon habe die Flugabwehr 14 zerstört. Nach Angaben des Militäranalysten Marcus Keupp habe die Ukraine in den letzten Wochen die feindliche elektronische Kriegsführung und Artillerie „sehr erfolgreich“ zerstört. Dies wirke sich „schädlich auf die Möglichkeit der Russen aus, überhaupt noch Offensiven zu führen“.
4. April Als Reaktion auf den russischen Überfall auf die Ukraine ist Finnland als 31. Mitglied der NATO beigetreten. Die ukrainische Vizeministerpräsidentin Iryna Wereschtschuk rief jene Ukrainer, die sich in Russisch besetzten Gebieten befinden, vor dem Hintergrund einer geplanten ukrainischen Offensive zur Flucht aus den besetzten Gebieten auf. Für die Offensive wurden in der Ukraine ab Februar 2023 etwa 40.000 Soldaten rekrutiert, trainiert und auf acht Kampfbrigaden verteilt.
Erstmals ist (im Oktober 2022) ein Offizier aus dem Schutzdienst des Präsidenten der russischen Föderation (FSO) ins Ausland geflohen. Dort gab dieser ein am 4. April 2023 veröffentlichtes ausführliches Interview zu seiner Flucht, zur Arbeit des FSO und zur Lebensweise des russischen Präsidenten Wladimir Putin.
5. April Die spanische Verteidigungsministerin Margarita Robles kündigte die Lieferung von sechs Leopard 2A4 in der zweiten Aprilhälfte an. Präsident Wolodymyr Selenskyj reiste zu einem Staatsbesuch nach Warschau und traf dort Präsident Andrzej Duda und Ministerpräsident Mateusz Morawiecki zu Beratungen. Ebenfalls traf Selenskyj ukrainische Geflüchtete im Königlichen Schloss. Die Ukraine bestellte 100 Radschützenpanzer in Polen.
6. April Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs sind neben Bachmut auch die Städte Awdijiwka, Lyman und Marjinka besonders umkämpft. Nach Angaben des stellvertretenden Leiters des Präsidialamts der Ukraine, Andrij Sybiha, ist ein Ziel der geplanten ukrainischen Offensive, mit den ukrainischen Truppen bis zur [nördlichen] Verwaltungsgrenze der Krim vorzustoßen. Sybiha ergänzte, dass sich die ukrainische Regierung im Erfolgsfall auch eine diplomatische Lösung bezüglich der Halbinsel Krim vorstellen könnte. Dem widersprach Präsidentenberater Mychajlo Podoljak; mit Russland würde erst dann verhandelt, wenn sich russische Truppen aus dem gesamten Staatsgebiet der Ukraine zurückgezogen hätten.
Als geheim eingestufte Dokumente des US-Verteidigungsministeriums erregten öffentliches Aufsehen. Die Dokumente betreffen Planungen der Vereinigten Staaten und der NATO, das ukrainische Militär in der Vorbereitung auf die Offensive zu unterstützen. Unter Berufung auf Analysten sind die veröffentlichten Dokumente laut der New York Times nachträglich teilweise bearbeitet worden und könnten somit auch zur Desinformation veröffentlicht worden sein. Jedoch konnten aus den Originaldokumenten Schlussfolgerungen über Zeitpläne für Waffenlieferungen gezogen werden. Das Pentagon startete eine Untersuchung zu dem Geheimnisverrat.Ukraine War Plans Leak Prompts Pentagon Investigation. The New York Times, 6. April 2023. (englisch) Laut CNN hat die Ukraine wegen der geleakten Geheimdokumente militärische Pläne ändern müssen.
Laut einer Erklärung des französischen Präsidenten Emmanuel Macron nach einem Gespräch mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping, zu dem auch die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nach Peking gereist ist, haben sich die beiden Staatspräsidenten dafür ausgesprochen, dass die Ukraine und Russland „so bald wie möglich“ Friedensgespräche aufnehmen. Der Sprecher der russischen Regierung, Dmitri Peskow, erklärte darauf angesprochen u. a., bislang gebe es „keine Aussichten auf eine politische Lösung“ und „keine anderen Möglichkeiten als die Fortsetzung der Spezialoperation“.
7. April Nach dem Verteidigungsministerium des Vereinigten Königreichs haben russische Streitkräfte das westliche Ufer des Flusses Bachmutka in Bachmut erobert und gefährden damit die Versorgungslinien der Ukraine. Laut dem russischen Außenminister Sergei Lawrow sind Friedensgespräche nur in Verbindung mit einer „neuen Weltordnung“ ohne Vorherrschaft der USA möglich.
Laut einer repräsentativen Umfrage des Lewada-Zentrums in Russland unterstützte im März 2023 eine Mehrheit von 74 % aller Befragten weiterhin das militärische Vorgehen in der Ukraine. 48 % aller Befragten sprachen sich im März 2023 dennoch für Verhandlungen aus.
9. April Ein russischer Raketenangriff auf Saporischschja zerstörte ein Wohngebäude und beschädigte Dutzende andere, wobei zwei Zivilisten getötet und ein weiterer verletzt wurde. Es wurden auch russische Angriffe in Orichiw, Huljajpole sowie in 15 anderen Siedlungen gemeldet.
10. April Von der Slowakei gelieferte MiG-29 sollen wegen Sabotage russischer Wartungstechniker nicht kampffähig sein. Laut ihrem Verteidigungsminister Jaroslav Naď hat die Ukraine aber die Ressourcen, die Flugzeuge zu reparieren. Die Ukraine und Russland tauschten über Ostern mehr als 200 Kriegsgefangene aus. Laut dem Institute for the Study of War wird in von russischen Truppen besetzten Gebieten die Orthodoxe Kirche der Ukraine enteignet, ihre Priester willkürlich festgenommen und Gottesdienste verboten. Die von Russland losgesagte Ukrainisch-Orthodoxe Kirche beklagt wiederum massive Repressionen durch die ukrainische Regierung.
11. April Der dänische Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen erklärte, Dänemark werde der Ukraine noch vor dem Sommer Leopard 1A5-Panzer liefern und hoffe, innerhalb von sechs Monaten bis zu 100 Stück bereitstellen zu können.
Die russische Duma verabschiedete ein Gesetz, mit dem die Art der Einberufung zur Wehrpflicht und die Art ihrer Zustellung geändert wurden. Zuvor musste eine Einberufung dem Einberufenen persönlich zugestellt werden. Jetzt gilt eine Vorladung als zugestellt, sobald sie auf dem Portal der staatlichen Dienste namens „Gosuslugi“ erscheint. Wird einer solchen Vorladung nicht Folge geleistet, kann dies bedeuten, dass „Fahrverbote, die Eintragung eines Unternehmens, die Aufnahme einer selbständigen Tätigkeit, die Aufnahme eines Kredits oder eines Darlehens, der Verkauf einer Wohnung, der Kauf einer Immobilie oder die Gewährung von Sozialleistungen“ drohen.
13. April In der Schlacht um Bachmut haben russische Kämpfer nach übereinstimmenden Angaben das Stadtzentrum erreicht. Zugleich behauptete das russische Verteidigungsministerium, die Stadt eingekesselt zu haben. Dem widersprach der Chef der russischen Söldnergruppe Wagner, Jewgeni Prigoschin: Es sei „noch zu früh, […] von einer völligen Einkreisung […] zu sprechen“.