mini|Eine Karabinerpistole aus Olbernhauer Produktion und ein als Meisterstück angefertigtes Radschloss aus dem 17. Jahrhundert. Die Gewehrmanufaktur Olbernhau war einer der ältesten Rüstungshersteller in Deutschland. Das Unternehmen entstand in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Olbernhau im Umfeld der Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří. Nach einem kurfürstlichen Befehl zur Gründung der Manufaktur und zweier Innungen für die Büchsen- und Schaftmacher vom 20. Dezember 1703 entwickelte sich der Ort im 18. Jahrhundert zu einem der wichtigsten Rüstungsstandorte im Kurfürstentum Sachsen. Hergestellt wurden vor allem Infanteriegewehre und Bajonette, Karabiner für Kavallerietruppen sowie Pistolen. Die Auswirkungen militärischer Konflikte, die Konkurrenz zum zeitweise ebenfalls zu Kursachsen gehörenden Rüstungsstandort Suhl sowie fehlende technologische Innovationen führten zum Niedergang des Industriezweiges im 19. Jahrhundert. Trotz Umstellung vom veralteten Verlagssystem der Manufaktur zur Fabrikproduktion mit staatlichen Hilfen ging das Werk 1857 in Konkurs und wurde versteigert.

Die Anfänge im 17. Jahrhundert Die Anfänge einer Hütten- und Metallindustrie um Olbernhau reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück. Bereits 1537 errichtete Hans Leonhardt bei Grünthal eine Saigerhütte. 1626 erwarb der Faktor dieser Saigerhütte, August Rothe, für eine jährliche Pacht von 40 Gulden eine Konzession für den Bau und Betrieb eines Eisenwerkes zur Herstellung von Weiß- und Schwarzblechen im heutigen Ortsteil Rothenthal. Mitte des Jahrhunderts wurde das Werk in einen Stabhammer umgewandelt. Verhüttet wurden zunächst Eisenerze aus der unmittelbaren Umgebung. Insbesondere die Gruben Weißer und Roter Löwe nahe dem Heidersdorfer Ortsteil Eisenzeche werden in einem Urteil vor dem Freiberger Berggericht als Zulieferer der Olbernhauer Eisenindustrie genannt. Ferner wurden Erzlager in den Tälern des Bärenbaches, der Rungstock und Natzschung abgebaut. Allerdings war die Ausbeute so gering, dass später auswärtige Erze aus Kühnheide, Schmalzgrube, Schmiedeberg, Johanngeorgenstadt verhüttet wurden. Das Werk überstand die für Olbernhau belegten Verwüstungen des Dreißigjährigen Kriegs. Nach dem Tod des Eigners August Rothe im Jahr 1652 litt es unter dessen Nachfolger und Schwiegersohn unter anhaltenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten.

1681 erhielt der letzte Lehnsrichter Olbernhaus, Johann Georg Oehmichen, von Kurfürst Johann Georg III. eine Konzession für die Errichtung einer Rohrschmiede zur Herstellung von Büchsen und Flinten. Als drei Jahre später die sächsischen Regimenter von der siegreichen Schlacht am Kahleberg heimkehrten, wurde auf kurfürstlichen Befehl hin die Ausrüstung der Armee modernisiert. Die Umstellung der veralteten Luntschlösser an den Waffen auf moderne Steinschlösser erfolgte daraufhin größtenteils in Olbernhau. Allerdings überstieg der Bedarf die Kapazitäten und Fähigkeiten der Olbernhauer Büchsenmacher. Carl Gottlob von Leubnitz, der 1697 als Amtshauptmann von Lauterstein das Lehngut Olbernhau übernommen hatte, förderte den Ausbau des Gewerbes. Er erwirkte die Umwandlung des Besitzes in ein Rittergut. Damit entfielen für die Bevölkerung einige Hand- und Spanndienste. Als Abgesandter wurde Johann Wolff Wagner in das Zentrum der thüringischen Waffenproduktion von Suhl geschickt, um Fachkräfte abzuwerben. Zehn Arbeiter, darunter auch ein Schleifer aus Solingen, siedelten daraufhin nach Olbernhau über. 1702 errichtete Hanns Meyer eine zweite Rohrschmiede am Niederlauf des Bärenbaches.

Konjunkturen und Krisen im 18. Jahrhundert Befehl zur Gründung einer Manufaktur mini|hochkant|Der sächsische Generalkriegszahlmeister Johann Lämmel war maßgeblich am Aufbau der Olbernhauer Gewehrindustrie beteiligt. Nach der Wahl August des Starken zum polnischen Monarchen 1697 wurde der zum König aufgestiegene sächsische Kurfürst an mehreren Fronten mit militärischen Auseinandersetzungen konfrontiert. Die Südgrenze Polens wurde bis zum Frieden von Karlowitz 1699 von den Osmanen bedroht. Nur ein Jahr später wurde im Ostseeraum der Nordische Krieg entfesselt, der für den sächsischen Herrscher den zwischenzeitlichen Verlust der polnischen Königskrone mit sich brachte. Der Bedarf an Schusswaffen stieg in dieser Zeit enorm. Um die Produktion zu erhöhen, erließ August der Starke am 20. Dezember 1703 vor seinem Geheimem Kriegsrat nachfolgenden Befehl:

Der mit der Gründung einer Gewehrmanufaktur in Olbernhau beauftragte Generalkriegszahlmeister Johann Lämmel hatte bereits Erfahrung in der Produktion von und dem Handel mit Waffen. Lämmel hatte selbst an den Türkenkriegen teilgenommen und auch maßgeblich zur Wahl August des Starken zum polnischen König beigetragen. Ihm gelang es, 50 auswärtige Rohrschmiede und Büchsenmacher in Olbernhau anzusiedeln und damit den Grundstein für eine Massenproduktion zu legen. Da zum Betrieb der Werke dringend Wasserkraft benötigt wurde, die Flöha als Hauptstrom jedoch der staatlichen Flößerei vorbehalten blieb, wurden Hammer und Rohrschmiede mit Bohrwerk im Seitental der Rungstock angelegt.

Die Innungsordnung An der Herstellung von Gewehren in Olbernhau wirkten mehrere Handwerke mit. Schlosser stellten die Mechanik her, Tischler und Schaftmacher besorgten die Holzteile der Waffen, Büchsenmachern oblag die Produktion der Läufe sowie die Montage und Verzierung der Gewehre. Zunächst wurden die Büchsen im Verlagssystem hergestellt, sodass sich die Produktion der Einzelteile auf mehrere Betriebe verteilte. Zur Organisation der Arbeit und der Ausbildung sowie zur Qualitäts- und Finanzkontrolle wurden die Tischler und Schaftmacher einerseits und die Büchsenmacher und Schlosser andererseits jeweils in einer eigenen Innung zusammengefasst. Am 25. Januar 1704 wurden die Innungen von landesherrlicher Seite bestätigt.

Die Innungsartikel legten in beiden Fällen fest, dass ein Lehrling vor der Aufnahme durch den Meister zwei Bürgen zu stellen und eine zweiwöchige Probezeit zu bestehen hatte. Die Ausbildung dauerte drei Jahre mit einer anschließenden ebenso langen Wanderzeit. Nach weiteren zwei Jahren im Stand eines Gesellen konnte die Meisterprüfung abgelegt werden. Dazu hatten die Büchsenmacher drei Meisterstücke anzufertigen. Die Schlosser mussten zwei Stücke vorlegen, während die Tischler einen fein gearbeiteten Kleiderschrank für den Meistergrad zu zimmern hatten.

Kam ein auswärtiger Meister nach Olbernhau, so musste er sich zwei Jahre bewähren, bevor sein auswärtig erworbener Meistertitel anerkannt wurde. Zog ein einheimischer Meister fort, so erlosch nach einem Jahr sein Meistergrad. Aus den Reihen der Innungsmeister wurden alle vier Jahre zwei Älteste und zwei Beisitzer als Vertreter gewählt. Ihnen oblag die Kontrolle der Handwerke sowie der Finanzen samt der Innungskasse.

Erste Großaufträge mini|hochkant|Die Leibgarde des sächsischen Herrschers wurde 1714 mit Karabinern aus Olbernhauer Produktion ausgerüstet. Der Zuzug auswärtiger Arbeiter sowie der Ausbau der Werke steigerte die Leistungskapazität der Olbernhauer Gewehrmanufaktur erheblich. Schon 1703 rechnete Generalkriegszahlmeister Johann Lämmel mit 200 Büchsen, die künftig pro Woche hergestellt werden könnten. Im selben Jahr erhielten die Olbernhauer Büchsenmacher den ersten Großauftrag über 2000 Gewehre samt Bajonetten für die sächsische Armee. Gezahlt wurden 4 Taler 10 Groschen je Waffe. 1705 wurden abermals 3000 Flinten mit Bajonetten nachgeordert. Als im selben Jahr ein neues Kavalleriekorps aufgestellt wurde, kamen zur Bestellung nochmals 272 Karabiner und ebenso viele Pistolenpaare hinzu. Einen ersten Höhepunkt erreichte die Olbernhauer Gewehrproduktion 1708, als der sächsische Generalfeldmarschall August Christoph von Wackerbarth 12.000 Flinten bestellen ließ.

Bereits der Gründungsbefehl vom 20. Dezember 1703 besagte, dass in Olbernhau Partisanen, Degen und andere Blankwaffen hergestellt wurden. Versuche, diese Waffen auch für die sächsische Armee herzustellen, schlugen jedoch fehl. 1708 wurden je ein Degen, Wolfsmesser und Säbel als Probestücke nach Dresden geschickt. Allerdings bemängelte das Zeughaus die niedrige Qualität der Proben. Die Produktion in Olbernhau konzentrierte sich in den folgenden Jahren daher auf Schusswaffen.

1714 wurden in Olbernhau 700 Karabiner und ebenso viele Pistolenpaare für die Leibgarde, die Garde du Corps, bestellt. Wenig später im selben Jahr wurde die Bestellung um 220 Karabiner samt Stiletts und ebenso viele Pistolenpaaren für die Chevaliergarde erhöht. Während die Kosten für die Karabiner und Pistolen der Garde du Corps sich auf 5950 Taler beliefen, wurden für die Ausrüstung der Chevalier-Garde 2640 Taler gezahlt. Die Auslieferung der Waffen zog sich über vier Jahre hin. Ein Bericht des Geheimen Kriegsrates Johann Bretschneider aus dem Jahre 1716 über die Olbernhauer Gewehrindustrie bemängelte eine zu geringe Auftragslage und beginnende Abwanderung der Büchsenmeister. Um diesem Prozess entgegenzuwirken, wurden noch im selben Jahr erneut 6000 Gewehre für die sächsische Armee bestellt.

Konkurrenz zur Suhler Gewehrindustrie Als 1718 die wettinische Nebenlinie im Herzogtum Sachsen-Zeitz ausstarb, fiel mit einem Teil der Herrschaft Henneberg auch die Stadt Suhl samt ihrer umfangreichen Gewehrindustrie an das Kurfürstentum Sachsen zurück. Der sächsische Herrscher verfügte nun über zwei bedeutende Zentren der Waffenproduktion. Allerdings war der Standort in Suhl sowohl in technologischer Hinsicht wie auch in der Leistungskapazität der Olbernhauer Gewehrmanufaktur überlegen. In Olbernhau wurde auf die entstehende Konkurrenzsituation reagiert, indem 1722 mehrere Beschränkungen der Innungsordnung abgemildert wurden. Fortan mussten die Büchsenmacher lediglich zwei Pistolen und einen Karabiner als Meisterstück vorlegen. Für auswärtige Meister wurde das zweite Bewährungsjahr durch eine einmalige Zahlung von 8 Talern in die Innungskasse ersetzt.

Dennoch verschärfte sich die Situation der Olbernhauer Büchsenmacher, da öffentliche Bestellungen in der Folgezeit ausblieben und private Aufträge nur in geringer Anzahl eingingen. Meist beschränkte sich die Arbeit auf Reparaturen. Der Versuch, neue Absatzmärkte in Polen oder Ungarn zu erschließen, blieb erfolglos. In der Folge mussten einige Olbernhauer Büchsenmacher ihre Gesellen entlassen. Andere Meister fassten die Absicht, nach Potsdam in die 1722 von Friedrich Wilhelm I. gegründete Königliche Preußische Gewehrfabrique zu wechseln. Rittergutsbesitzer Carl Gottlob Leubnitz gab diesem Ansinnen jedoch nicht statt und unterdrückte so die Abwanderung.

Zweite Blütezeit Erst 1728 gingen neue Großbestellungen für die sächsische Armee über 36.000 Taler in Olbernhau ein. Geordert wurden je 4500 Karabiner und Pistolen sowie 2250 Bajonette für die Ausrüstung von vier Dragonerregimentern. Als im Folgejahr nochmals 2200 Karabiner mit Bajonetten und ebenso viel Pistolenpaare nachbestellt wurden, wurde die Kapazitätsgrenze der Olbernhauer Gewehrindustrie überschritten. Ein Teil des Auftrages im Umfang von 1000 Karabinern und ebenso vielen Pistolenpaaren wurde daraufhin in Lüttich eingekauft. Zwar beschäftigte dieser Auftrag die Olbernhauer Büchsenmeister für mehrere Jahre, allerdings blieben weitere Großbestellungen bis zum Tode Carl Gottlob Leubnitz im Jahr 1741 aus.