Stradivari ist die übliche Bezeichnung für Musikinstrumente aus der Werkstatt des italienischen Geigenbauers Antonio Stradivari. Im Englischen und vielen anderen Sprachen wird die Bezeichnung Stradivarius bevorzugt (die latinisierte Form des Namens Stradivari), die auch im Deutschen manchmal verwendet wird. Im Englischen wird umgangssprachlich auch die Kurzform Strad (Aussprache: ) verwendet, so auch im Namen der Fachzeitschrift The Strad.Website der Zeitschrift The Strad.

Musikinstrumente, die Stradivari genannt werden, sind in den meisten Fällen Violinen und nahezu immer Streichinstrumente (die Stradivari ist eine Violine oder eine Bratsche, das Stradivari ist ein Cello). Deshalb werden in diesem Artikel nur Streichinstrumente behandelt. Antonio Stradivari baute aber auch Zupfinstrumente – erhalten sind fünf Gitarren, zwei Mandolinen und eine Harfe. Diese sind in der Liste der Instrumente von Antonio Stradivari mit aufgeführt.

Streichinstrumente von Antonio Stradivari gelten als Meisterwerke von höchstem Rang und als Inbegriff der Kunst des Geigenbaus. Sie sind heute extrem teuer, die meisten sind im Besitz von Stiftungen oder vermögenden Sammlern, andere werden in verschiedenen Museen aufbewahrt. Vielfach wurde versucht, das Geheimnis ihrer Klangqualität wissenschaftlich zu ergründen. Andererseits haben Hörtests ergeben, dass Stradivari-Violinen ebenso wie andere alte Meistergeigen nicht besser klingen als sehr gute moderne Instrumente.

Antonio Stradivari

mini|Die „Messiah“ im Ashmolean Museum, Oxford. 1716 gebaut, zählt sie zu Stradivaris „goldener Periode“.

Antonio Stradivari (* um 1644; † 1737) lebte und arbeitete in Cremona. Wahrscheinlich war er ein Schüler von Nicola Amati. Dies besagt jedenfalls der Geigenzettel in einer Geige aus dem Jahr 1666, die als die früheste erhaltene Stradivari gilt.

Stradivari war zweimal verheiratet. Mit seiner ersten Frau Francesca bekam er sechs Kinder, mit seiner zweiten Frau Antonia fünf weitere Kinder. Zwei Söhne aus seiner ersten Ehe, Francesco (1671–1743) und Omobono (1679–1742), wurden Geigenbauer und seine Mitarbeiter.

Stradivaris Werk als Geigenbauer wird üblicherweise in vier Perioden eingeteilt: Die erste Phase, bis ca. 1680, wird „Amatise“ genannt, weil Stradivaris Violinen aus dieser Phase denen von Nicolo Amati sehr ähnlich sind. Einige sind auffällig klein. Eine Ausnahme ist die „Hellier“ aus der Übergangszeit (Baujahr ca. 1679), die ungewöhnlich groß ist und außerdem zu den wenigen verzierten Instrumenten Stradivaris zählt. In der zweiten Phase, bis ca. 1700, experimentierte Stradivari mit einem etwas längeren Modell. Diese Zeit wird deshalb englisch long pattern genannt. In den 1680er Jahren suchte Stradivari nach seinem eigenen Modell. Er experimentierte mit den Formen, mit der Stärke der flächigen Holzteile und dem Geigenlack. Die f-Löcher wurden länger und steiler, die Schnecke bekam eine kräftigere Form. Als Beginn der „goldenen Periode“ gilt das Jahr 1700, als deren Ende wird meist das Jahr 1725 genannt. In dieser „goldenen“ Zeit baute Stradivari seine besten Instrumente. Zu ihren Merkmalen gehören breite Ränder und breite Ecken, der Lack hat eine typische rote Färbung. Beispiele sind die Violinen „Soil“ (1714) und „Lady Blunt“ (1721). Die Spätphase dauert bis zu Stradvaris Tod im Jahr 1737. In diesen späten Jahren ließ die handwerkliche Qualität etwas nach. Stradivari baute auch mit mehr als 90 Jahren noch Geigen.

Zahlreiche erhaltene Werkzeuge, Modelle und Arbeitsvorlagen aus Stradivaris Werkstatt können im Museo del Violino in Cremona besichtigt werden.

Liste der erhaltenen Instrumente

Laut dem Handelshaus Tarisio baute Stradivari in seiner 71 Jahre langen Schaffenszeit fast 1000 Streichinstrumente. Davon sind noch etwa 650 erhalten:Antonio Stradivari, Kurzbiografie auf tarisio.com (englisch). vor allem Violinen, aber auch „ungefähr elf“ Bratschen und rund 60 Celli, ferner zwei Tanzmeistergeigen.

Wert Seit etwa 1800 sind Stradivaris Instrumente sehr beliebt und erzielen Höchstpreise bei Verkäufen. Seit dieser Zeit wurden deshalb viele Nachbildungen seiner Instrumente angefertigt und mit seinem Namenszug versehen. Gute Nachbildungen sind selbst für Fachleute nur schwer zu identifizieren. Der Stradivari-Nimbus hat auch zu unrealistischen Vorstellungen bezüglich des vermeintlich unübertrefflichen Wohlklangs dieser Instrumente geführt.

Für nachweislich originale Stradivari-Instrumente zahlen Liebhaber außerordentliche Preise: 1998 wurden bei einer Versteigerung bei Christie’s in London für die „Kreutzer“ 947.500 Pfund Sterling bezahltKreutzer Stradivarius sold for record pounds 947,500. In: The Independent, 1. April 1998. (etwa 1,5 Millionen Euro). Einen weiteren Rekordpreis erzielte die von Christie’s in New York versteigerte „Lady Tennant“ im April 2005: Ein unbekannter Bieter bezahlte 1,53 Millionen Euro. Am 16. Mai 2006 wurde dieser Preisrekord neuerlich in den Schatten gestellt, als Christie’s in New York die Stradivari mit dem Namen „Hammer“ für 3,544 Millionen US-Dollar (rund 2,7 Millionen Euro) versteigerte. Den bis heute höchsten Preis erzielte die vom Auktionshaus Tarisio in London im Juni 2011 versteigerte „Lady Blunt“: Ein unbekannter Bieter bezahlte bei der Internetauktion 9,8 Millionen Pfund Sterling (rund 11 Millionen Euro).Rekordpreis: Stradivari für elf Millionen Euro versteigert. manager-magazin.de, 21. Juni 2011.

Die enorme Preisentwicklung nährt heute ein „Instrumentenspekulantentum“, an dem sich neben Händlern auch Banken und private Investoren beteiligen. Der Stradivari-Händler Dietmar Machold, ein Schwergewicht der Branche, wurde zum Betrüger. Im Konkursverfahren häuften sich im Jahr 2012 Forderungen von Gläubigern über rund 100 Millionen Euro an.Vergeigt. In: Der Spiegel, 7. Mai 2012, über den Konkurs von Dietmar Machold.

Verleihung an Künstler Viele Stradivari-Instrumente sind immer noch in Gebrauch. Viele hochtalentierte Künstler haben jedoch nicht die Mittel, ein solches Instrument selbst zu erwerben. Einige von ihnen profitieren von einem Mäzen, der ihnen sein Instrument leihweise überlässt, manchmal lebenslang. Zahlreiche Institutionen bemühen sich, Stradivaris und andere wertvolle Instrumente zu kaufen und sie herausragenden Musikern für eine begrenzte Zeit zur Verfügung zu stellen, damit sie ihnen und dem Publikum zugutekommen (siehe die Angaben zu Verleihungen in der Liste der Instrumente von Antonio Stradivari). Einige Vereinigungen haben es sich zur Aufgabe gemacht, Eigentümer zu motivieren, ihre Instrumente als Mäzene an Künstler zu verleihen. Die Stradivari Society ist das bekannteste Beispiel für diese Art der Vermittlung.Become a Patron of the Stradivari Society Darstellung des Anliegens der Stradivari Society, siehe dort auch Liste der Instrumente und der jeweiligen Mäzene sowie Bildergalerie der Empfänger.

Die Unterstützung durch Stiftungen hat es einigen Streichquartetten und Streichtrios ermöglicht, ausschließlich auf Stradivari-Instrumenten zu spielen. Die Nippon Music Foundation hat seit 1995 vier Stradivari-Instrumente, die zusammen als „Paganini-Quartett“ bezeichnet werden, nacheinander an verschiedene Streichquartette verliehen, zuletzt seit 2019 an das Goldmund Quartett. Von 2017 bis 2021 stattete die Stradivari-Stiftung Habisreutinger das Trio Oreade mit Stradivaris aus.Vita trio-oreade.ch

Klang Charakteristik Speziell die Violinen Stradivaris sind nicht nur bei Sammlern, sondern auch bei Musikern hochgeschätzt und begehrt. Ihr Spiel wird oft als „sehr lebhaft“ beschrieben, sie „flackern“, der Ton „bewegt sich wie ein Kerzenlicht“. Eine weitere Besonderheit einer Stradivari ist, dass sie äußerst gut im Bereich zwischen 2000 und 4000 Hertz spielt, dem Klangbereich, in dem das menschliche Gehör am empfindlichsten ist.Am Geheimnis der Stradivari scheitert die Physik nzz.ch. 21. Januar 2007 Dies führt dazu, dass selbst ein sehr leise gespielter Ton in einer großen Konzerthalle weithin hörbar ist, wenn er auf einer Stradivari gespielt wird.

Untersuchungen und Theorien zur Klangqualität Es wurden verschiedenste Untersuchungen durchgeführt, um die Klangeigenschaften von Stradivaris Instrumenten zu ergründen, und diverse Theorien entwickelt. Holzuntersuchungen der Instrumente Stradivaris zeigen, dass diesem ein akustisch ungewöhnlich gutes Material zur Verfügung stand. So zeigte etwa der Münchner Geigenbaumeister und Physiker Martin Schleske im Jahr 2002, dass das Fichtenholz einer von Stradivari hergestellten Decke eines Cellos eine Dichte von nur 390 kg/m3 aufweist, was sich auf die Klangqualität des Instrumentes günstig auswirken soll.Martin Schleske: Empirical Tools in Contemporary Violin Making: Part I. Analysis of Design, Materials, Varnish and Normal Modes. In: CAS Journal, Bd. 4, Nr. 5, Mai 2002 (PDF). Die Dichte von „normalem“ Fichtenholz schwankt um den Wert 450 kg/m3. Nach einer 2005 kolportierten Theorie waren die besonderen klimatischen Verhältnisse in Europa während der sogenannten „Kleinen Eiszeit“ (16.–18. Jahrhundert) dafür verantwortlich, dass zum Instrumentenbau Holzqualitäten mit geringer Dichte verwendet werden konnten, die es heute nicht mehr gibt. Die geringeren Durchschnittstemperaturen führten zu verändertem Baumwachstum mit geringerem Jahresringabstand und reduziertem Spätholzanteil (dunkler Jahresring). Je weniger Spätholz pro Jahresring gebildet wird, desto geringer ist die Rohdichte. Im Jahr 2008 brachten Berend Stoel von der Universität Leiden und der Geigenbauer Terry Borman die Theorie der „Kleinen Eiszeit“ erneut ins Spiel, und zwar mit Bezug auf die Gleichmäßigkeit der Dichte. Sie untersuchten fünf alte Geigen aus Cremona und sieben moderne Geigen im Computertomographen und fanden heraus, dass bei den alten Geigen die Holzdichte gleichmäßiger war als bei den modernen Instrumenten.Mediziner will Geheimnis der Stradivari-Geigen gelüftet haben spiegel.de, 2. Juli 2008Das kalte Geheimnis der Stradivari. in: Epoc, Heft 5/2008, Spektrum, Heidelberg.

Doch kann der besondere Klang von Stradivari-Geigen nicht nur am Holz liegen, da dieses auch anderen damaligen Geigenbauern zur Verfügung stand. Er kann auch nicht an einer extrem langen Trocknungszeit der Hölzer liegen: Die Zeitdifferenz zwischen dem Schlagen des Holzes, das sich mit Hilfe der Dendrochronologie datieren lässt, und dem auf dem Geigenetikett vermerkten Baujahr betrug nur etwa 20 Jahre oder weniger. Untersuchungen von Grundierung und Lack mit dem Rasterelektronenmikroskop lassen einen ungewöhnlich hohen Anteil und eine große Schichtdicke mineralischer Stoffe erkennen.C. Y. Barlow, J. Woodhouse: Firm ground? A detailed analysis of ground layers under the microscope. In: The Strad 1989. Teil 1: März 1989, S. 195–197. Teil 2: April 1989, S. 275–278.