Ichigenkin (, „ein-saitige Zither“), auch sumagoto (, aus suma und goto/koto, „japanische Zither“), dokugenkin („einsaitige kin/guqin“, gemeint „chinesische Zither“), hankin („halbe kin“), hitotsuo („eine Saite“), hitotsuo no koto („einsaitige koto“), ist eine einsaitige Brettzither, die in der traditionellen japanischen Musik solistisch, zur Gesangsbegleitung oder in einem kleinen Ensemble gespielt wird. In der frühen Edo-Zeit (1603–1868) wurde die ichigenkin – in ihrer Form und kulturellen Bedeutung der chinesischen guqin folgend – als ein der persönlichen Erbauung und geistigen Disziplinierung bei Meditationsübungen dienendes Musikinstrument eingeführt. Die einfache und leicht transportable ichigenkin sollte mit ihrem leisen Klang auch für das einsame Spiel und die Meditation in der Natur geeignet sein, anders als die konzertant verwendete koto.

Ursprünglich war die ichigenkin ein Musikinstrument der Männer. Die in der Meiji-Zeit (1868–1912) verlorengegangene Beliebtheit erlangte die seitdem fast ausschließlich von Frauen gespielte ichigenkin nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zurück, aber nur für einen kleinen Kreis von Musikerinnen, die in der Traditionslinie von einer der fünf Ichigenkin-Musikschulen (ryū) stehen. mini|hochkant=2|Ichigenkin mit Tisch im Metropolitan Museum of Art, 19. Jahrhundert

Herkunft Einsaitige Zithern mini|hochkant|Boethius (um 480 – um 525) mit einem Monochord, dessen Saite über einen Resonanzkasten gespannt ist. Manuskript aus Canterbury, um 1150 (US-CA I.,1.3, fol. 61v) Die einfachsten einsaitigen Saiteninstrumente sind Stabzithern, deren Saitenträger ein biegsamer Stab (Musikbogen) oder ein starrer Stab (Musikstab) sein kann. Beides sind trotz der Materialbeschränkung musikalisch vielseitige Instrumentengruppen. Eine Saite über ein Brett gespannt ergibt das in der griechischen Antike bekannte Monochord (aus griechisch monos und chorde, „Einsaiter“). Der Name bezeichnet nicht allgemein ein Saiteninstrument mit einer Saite, sondern bezieht sich seit Pythagoras im 6. Jahrhundert v. Chr. primär auf dessen Funktion als akustisches Messinstrument, unabhängig von der Saitenzahl. Seit dem 9. Jahrhundert wird das Monochord in zahlreichen mittelalterlichen Handschriften erwähnt, und Abbildungen des 12. Jahrhunderts zufolge war spätestens zu dieser Zeit aus der Brettzither eine lange schlanke Kastenzither geworden.Marianne Bröcker: Monochord. (1997) In: MGG Online, November 2016

Monochorde wurden in der Antike und im europäischen Mittelalter allenfalls selten als Musikinstrumente verwendet. Dagegen waren und sind Stab- oder Kastenzithern mit einer Saite – neben den vielen afrikanischen Musikbögen – in Ost- und Südostasien wesentlich zahlreicher verbreitet. Zu ihnen gehören die mittelindische Stabzither ekatantri (Sanskrit eka-tantri vina, „ein-saitige Stabzither“), die kinnari vina und die alapini vina. Von letzterer führt eine Entwicklungslinie zu der nur in einer bestimmten Volksmusik im indischen Bundesstaat Odisha verwendeten Stabzither tuila und nach Südostasien, wo in Kambodscha die einsaitige Stabzither kse diev (sadev) und in Nordthailand die zweisaitige phin phia vorkommen. Einige einsaitige Stabzithern gelangten außerdem mit dem indischen Kultureinfluss im 1. Jahrtausend in die Malaiische Inselwelt, wo sie auf Reliefs am Borobudur (9. Jahrhundert) auf Java abgebildet sind und sich unter anderem in der Volksmusik bis nach Sulawesi (dunde) und auf die ostindonesische Insel Halmahera (symmetrische Plattstabzither sulepe) verbreitet haben.Jaap Kunst: Hindu-Javanese Musical Instruments. (niederländische Originalausgabe: Weltevreden 1927) Martinus Nijhoff, Den Haag 1968, S. 18 Die vietnamesische đàn bầu ist eine einsaitige Kastenzither mit einer ungewöhnlichen Spielweise, weil die Spannung ihrer Saite während des Spiels verändert wird, sodass sich gleitende Tonfolgen ergeben.

Brettzithern mini|Archäologischer Fund einer japanischen Brettzither mit fünf Zacken aus dem 6. Jahrhundert. Dahinter Nachbau mit fünf Saiten. Shimane Museum in Izumo Aus der Jōmon-Zeit (14.000–300 v. Chr.) stammende schmale Bretter, die an einer Seite spitz zulaufen, könnten Brettzithern gewesen sein, falls die Interpretation zutrifft, dass die beiden Zacken (Zapfen) am breiteren Ende wie bei der wagon der Befestigung von zwei Saiten dienten. Die Bretterfunde aus dem 1. Jahrtausend v. Chr. sind 35 bis 55 Zentimeter lang.David W. Hughes: Japan. II. Instruments and instrumental genres. 2. Archaeology. In: Grove Music Online, 2001 Archäologisch nachgewiesen sind in Japan langrechteckige Brettzithern seit der Yayoi-Zeit (3. Jahrhundert v. Chr. – 3. Jahrhundert n. Chr.). Den erhaltenen Fundstücken nach gab es damals Zithern mit einem einfachen langrechteckigen Brett von 40 bis 50 Zentimetern Länge und 10 Zentimetern Breite sowie Zithern des zweiten Typs mit einem ebensolchen, 50 bis 160 Zentimeter langen Brett als Decke, unter der ein schalenförmiger Resonanzkörper befestigt war. Meist sechs an einer Schmalseite vorstehende Zacken dienten zur Befestigung der Saite. Beim dritten Typ war das Brett 55 bis 90 Zentimeter lang mit vier oder fünf Zacken an einem Ende. Zum anderen Ende verjüngte sich das Brett. An diesem schmalen Ende diente ein Loch zur Befestigung der Saiten. In der nachfolgenden Kofun-Zeit (um 300 – 538 n. Chr.) entwickelte sich eine Feudalgesellschaft mit einer herrschenden Schicht, die für sich große, Kofun genannte Grabhügel anlegen ließ. Einige der darin gefundenen Tonfiguren (haniwa) stellen musizierende Menschen dar. Zu diesen gehören rund 40 vornehm gekleidete männliche Figuren, die lange Brettzithern mit den Fingern oder mit einem Plektrum zupfen.Kasahara Kiyoshi: Archaeology of Musical Instruments in Japan. In: Robert C. Provine, Yosihiko Tokumaru, J. Lawrence Witzleben (Hrsg.): Garland Encyclopedia of World Music, Band 7: East Asia: China, Japan, and Korea. Routledge, London 2001, S. 561f

Kastenzithern mini|Chinesische Griffbrettzither guqin, in Japan kin, mit 7 Saiten mini|Japanische Wölbbrettzither wagon ohne Griffbrett. Metropolitan Museum of Art, 1804 Einen schlanken schalenförmigen Korpus, der auf einer Seite spitz zuläuft, besitzt auch die Schalenzither tonkori der Ainu auf der Insel Hokkaidō, als deren Vorläufer die Brettzithern in Frage kommen. Drei bis üblicherweise fünf Saiten führen bei der tonkori über zwei Stege, die auf einer flachen Decke aufgestellt sind. Die frühesten erhaltenen Exemplare von tonkori stammen vom Anfang des 20. Jahrhunderts, sodass über die frühere Entwicklung der Form nichts bekannt ist. Abgesehen von Bezügen zu den yayoi-zeitlichen Brettzithern besteht eine starke Ähnlichkeit zwischen der tonkori und der fünf- bis siebensaitigen Schalenzither narsyuk der Chanten im westlichen Sibirien. Die mutmaßlich aus Völkern, die aus Zentralasien und Sibirien eingewandert sind, hervorgegangenen Ainu könnten Elemente der narsyuk übernommen haben. Hingewiesen wurde außerdem auf gewisse Übereinstimmungen in der Spielweise zwischen der tonkori und der japanischen Wölbbrettzither wagon, die sich von der Spielweise anderer japanischer und chinesischer Zithern unterscheidet.Kumiku Uyeda: The Journey of the Tonkori: A Multicultural Transmission. (Dissertation) University of California, Santa Cruz 2015, S. 52f

Die meisten der heute in der traditionellen japanischen Musik gespielten Musikinstrumente stammen aus China und tragen chinesische Namen. Im 6. Jahrhundert n. Chr. bereits existierende Musikinstrumente, die in schriftlichen Quellen aus dem 8. Jahrhundert erwähnt werden, sind indigenen Ursprungs und haben japanische Namen, etwa koto für Zithern allgemein, fue für Flöten allgemein und tsuzumi für eine kleine Sanduhrtrommel. Der erste Kultureinfluss vom ostasiatischen Festland war die Einführung des Buddhismus über Korea im 6. Jahrhundert während der Asuka-Zeit, als auch der Maskentanz gigaku aus Korea auf die Inseln gelangte.Shigeo Kishibe: Japan. I. General.1. History. In: Grove Music Online, 2001 Die ab dieser Zeit aus China eingeführten Musikinstrumente gehen teilweise auf einen zentralasiatischen Ursprung zurück, so die japanische Kurzhalslaute biwa auf die chinesische pipa und diese auf den barbat, ebenso die japanische Winkelharfe kugo auf die chinesische konghou, die sich auf die persische tschang zurückführen lässt.

Die sechssaitige Wölbbrettzither wagon (auch yamato-goto) gilt als eines der wenigen ursprünglich japanischen Musikinstrumente. Sie basiert auf den in der mittleren Yayoi-Zeit entstandenen Brettzithern und hat seit etwa dem 8. Jahrhundert die heutige Form. Der Typus der Wölbbrettzithern hat sich wie die europäischen Monochorde vom ursprünglichen Brett als Saitenträger gewandelt und besitzt heute meist die Form einer langrechteckigen Kastenzither mit einer gewölbten Decke, wird aber wegen seiner mutmaßlichen Herkunft von den sehr alten Bambusröhrenzithern (wie der guntang in Indonesien) instrumentenkundlich zu den Halbröhrenzithern gezählt. Halbröhrenzithern bestehen in ihrer einfachsten, aber seltenen Form aus einer längs in zwei Hälften gespaltenen Bambusröhre. Wölbbrettzithern sind ebenfalls von Ostasien (guzheng in China, gayageum in Korea, yatga in der Mongolei) bis nach Zentralasien (jetigen in Kasachstan) verbreitet. Mit der ichigenkin nahe verwandt ist eine alte Form von Wölbbrettzithern, beispielsweise der früheren Form der kasachischen jetigen, deren Saitenträger aus einem an der Oberseite leicht gewölbten und an der Unterseite in der Mitte ausgedünnten Brett besteht. Das flache Brett der ichigenkin ist ebenfalls an der Unterseite muldenförmig ausgearbeitet.

mini|Fumi Hihara (* 1975) spielt koto zur Gesangsbegleitung bei einem Konzert in Paris, 2016 Die genannten japanischen Kastenzithern sind mehrsaitig. Eine einsaitige Kastenzither gab es in China zur Zeit der Wei-Dynastien im 5. und 6. JahrhundertMarianne Bröcker: Monochord. IV. Verwendungszweck. 3. Musikinstrument. In: MGG Online, November 2016 und in der späteren Tang-Dynastie (617–907). Die bekannteste japanische Zither, die dreizehnsaitige koto, wurde mit dem aus China eingeführten höfischen Musikstil Gagaku während der Heian-Zeit (794–1185) in Japan verbreitet. Die ichigenkin gelangte erst Ende des 17. Jahrhunderts von China nach Japan. In der Edo-Zeit (1603–1868) wurde sie in Japan zunächst unter Mönchen, Samurai und gebildeten Schichten für die Gesangsbegleitung beliebt.William Rice, 2021, S. 9f Die heutige Aufführungstradition begründete der zenbuddhistische Priester Kakuhō Risshi (1729–1815), der die ichigenkin für die Zen-Meditation einsetzte. Nach der Edo-Zeit verlor die ichigenkin ihre Bekanntheit, seit der Mitte des 20. Jahrhunderts wird sie in einem kleinen Kreis wieder häufiger eingesetzt.