mini|hochkant=1.5|Die „Hamburger Hydra“ in Albert Sebas „Thesaurus“ von 1734 (Band 1, Tafel 102, Nr. 1) im Großfolio-Format (48 × 32 cm)Albertus Seba: Locupletissimi rerum naturalium thesauri accurata descriptio. Band 1, 1734, Tafel 102 (online). mini|Darstellung der siebenköpfigen Schlange aus Lycosthenes’ Werk Prodigiorum ac ostentorum chronicon von 1557 mini|Lycosthenes’ Darstellung wurde in leicht veränderter Form drei Jahre später von Boaistuau wiederverwendet. Die Illustration wurde in den Werken von Conrad Gessner (1587), Edward Topsell (1608) und Ulisse Aldrovandi (1640) kopiert. mini|Darstellung einer weiteren siebenköpfigen Hydra aus Ulisse Aldrovandis postumer Schrift Serpentum, et draconum historiae von 1640 Die Hamburger Hydra oder Sebas Hydra war eine präparierte, siebenköpfige, zweibeinige, flügellose Hydra, die sich als Sammlerstück in einer Hamburger Naturaliensammlung befand. Im Mai 1735 wurde sie dem nach Holland durchreisenden jungen Carl von Linné präsentiert und von ihm als Fälschung entlarvt. Man hatte auf eine Schlangenhaut sieben Wieselköpfe aufgenäht.
Linnés Aufenthalt in Hamburg Linné, begleitet von seinem Studenten Clas Sohlberg (1711–1773), hielt sich vom 9. bis 27. Mai 1735 in Hamburg auf. Aus seinem Reisetagebuch Iter ad exteros geht hervor, dass er am 13. Mai 1735 nach dem Besuch der Bibliothek gemeinsam mit Johann Peter Kohl, dem Herausgeber der Zeitschrift Hamburgische Berichte von den neuesten Gelehrten Sachen, die von Albert Seba in dessen „Thesaurus“ von 1734 beschriebene „Hydra“ begutachten konnte. Anschließend besichtigten sie noch das Naturalienkabinett von Johann Friedrich Natorp und statteten Gottfried Jacob Jänisch einen Besuch ab.Felix Bryk: Linnaeus im Auslande: Linnés gesammelte Jugendschriften autobiographischen Inhaltes aus den Jahren 1732–1738. Stockholm 1919, S. 192–194 (online).
In Kohls Zeitschrift erschien kurz nach Linnés Abreise eine, wahrscheinlich von ihm selbst verfasste, Darstellung seines Besuchs:
In seinem Reisetagebuch vermerkt Linné eine genauere Beschreibung: „Die Füsze hatten 4 einzelne Zehen, ohne Hufe. 7 Köpfe und Hälse, ohne Flügel. Zähne wohlbemerkt dem Marder ähnlich […] Länge 2 Ellen (1,50 Meter), keine Ohren, keine Nasenlöcher. Was innen ist, weiß ich nicht.“ Stolz merkt er an „Nemo ante me fallaciam detegere potuit!“ (Niemand vor mir hat entdeckt, dass es eine Fälschung ist!).Gabriele Peters: Hamburgs hehre Hydra. In: Die Zeit. Nr. 53, 25. Dezember 1987 (online).
Am 26. Mai besichtigte Linné das Antiquitäten- und RaritätenkabinettKaspar Friedrich Jencquel: Museographia oder Anleitung zum rechten Begriff und nützlichen Anlegen der Museorum oder Raritäten-Kammern. Michael Hubert, Leipzig / Breslau 1727, S. 199 (online). des Hamburger Bürgermeisters Johann Anderson. Am darauffolgenden Tag verließ er Hamburg. Am 15. Juni, zwei Tage nach seiner Ankunft in Amsterdam, besuchte Linné schließlich Sebas Sammlung.
Eigentümer Im Sommer 1648, kurz vor dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, eroberte Hans Christoph von Königsmarck den westlichen, am linken Ufer der Moldau gelegenen Teil von Prag. Die junge Königin Christina von Schweden wies ihn daraufhin an, dortige Kunstschätze der schwedischen Krone zuzuführen (Prager Kunstraub). Unter den geraubten Schätzen befand sich die „Hydra“, die dort auf dem Altar einer Kirche gestanden haben soll. Sie verblieb im Besitz der Familie Königsmarck, bis der letzte männliche Erbe, Philipp Christoph von Königsmarck, 1694 unter ungeklärten Umständen verschwand. Seine Schwester Amalie Wilhelmine war mit dem 1703 in Hamburg verstorbenen Carl Gustav von Löwenhaupt verheiratet. Deren Tochter Ulrika Augusta (1691–1735) hatte Jakob Axel Staël von Holstein geheiratet. Das auf 40.000 Reichstaler geschätzte und zum Verkauf stehende Objekt wurde bei einem Hamburger Handelshaus deponiert und konnte dort, nach Absprache mit von Holstein, besichtigt werden.Ole Andreas Øverland: Fra Kristian V’s reise i Norge 1685 til Fredrik IV’s død. (= Illustreret Norges Historie Band 8) Folkebladets, Oslo 1894, S. 313–314 (online). Jencquel gibt 1727 in seiner Museographia an, nichts über dessen Verbleib zu wissen.Kaspar Friedrich Jencquel: Museographia oder Anleitung zum rechten Begriff und nützlichen Anlegen der Museorum oder Raritäten-Kammern. Michael Hubert, Leipzig / Breslau 1727, S. 200 (online). Seba nennt in seinem „Thesaurus“ von 1734 die Hamburger Kaufleute Dreyer und Hambel als Eigentümer.Albertus Seba: Locupletissimi rerum naturalium thesauri accurata descriptio. Band 1, 1734, S. 159 (online).
Von seinem Besuch am 9. November 1765 bei Linné überliefert Johann Beckmann die Darstellung, dass sich die „Hydra“ im Besitz des Bruders des Hamburger Bürgermeisters befand und ihm Johann Heinrich von Spreckelsen riet, Hamburg schnell zu verlassen.Theodor Magnus Fries (Hrsg.): Johann Beckmanns Schwedische Reise 1765–1766. (= Uppsala universitets årsskrift Band 2) Almqvist & Wiksell, Upsala 1911, S. 106–107 (online). Diedrich Heinrich Stöver (1767–1822), der die erste umfassende Biografie Linnés verfasste, gab Spreckelsen als Eigentümer an.Dietrich Heinrich Stöver: Leben des Ritters Carl von Linné. Hoffman, Hamburg 1792, S. 132–133 (online). Aus Linnés eigenen Aufzeichnungen lässt sich, anders als von ihm später behauptet, nicht ableiten, dass sich die „Hydra“ im Besitz des Hamburger Bürgermeisters Anderson (oder dessen Bruders Paulus) befunden hat.Felix Bryk: Linnaeus im Auslande: Linnés gesammelte Jugendschriften autobiographischen Inhaltes aus den Jahren 1732–1738. Stockholm 1919, S. 50–51 (online). Gabriele Peters (1936–1992) gibt Natorp als Eigentümer an.
Nachwirkung mini|„Paradoxa“ in der 1. Auflage von Systema Naturæ (1735) Linnés erste Ausgabe seines Werkes Systema Naturæ von 1735 enthält einen Abschnitt „Paradoxa“. Im ersten Eintrag „Hydra“ verwies er auf das in Hamburg begutachtete Exemplar:
Mit dem „Frosch-Fisch“ („Rana-Piscis“, ein Frosch, der sich in einen Fisch verwandelt) führte Linné ein weiteres „Paradoxon“ auf, das auf einer Abbildung Sebas beruht.Albertus Seba: Locupletissimi rerum naturalium thesauri accurata descriptio. Band 1, 1734, Tafel 78 (online).Jan Frederik Gronovius an Carl Linnaeus, 12. Oktober 1735, Brief L0048 in The Linnaean correspondence (abgerufen am 2. November 2023). In einem frühen Entwurf von Systema naturae übte Linné harsche Kritik an Seba. Auf Anraten seines Gönners Jan Frederik Gronovius strich Linné diese Kritik wieder heraus.Jan Frederik Gronovius an Carl Linnaeus, 19. Oktober 1735, Brief L0047 in The Linnaean correspondence (abgerufen am 30. Oktober 2023).Felix Bryk: Linnaeus im Auslande. Linnés gesammelte Jugendschriften autobiographischen Inhaltes aus den Jahren 1732–1738. Stockholm 1919, S. 19 (online).
Die „Paradoxa“ blieben bis zur 5. Auflage ein Bestandteil seines Werkes. Bei der Erstbeschreibung des Gemeinen Flugdrachens (Draco volans) in der 10. Auflage von Systema Naturae erwähnte Linné in einer Fußnote Sebas Abbildung der Hydra: „Dracones omnes reliqui authorum fabulosi sunt, ut HYDRA, Seb. mus. 1. t. 102. f. 1. Hamburgi a nobis visa, non naturae, sed artis opus eximium.“Carl von Linné: Systema naturæ per regna tria naturæ, secundum classes, ordines, genera, species, cum characteribus, differentiis, synonymis, locis. 10. Auflage, Band 1, Lars Salvius, Stockholm 1758, S. 199 (online). Den „Frosch-Fisch“ beschrieb er dort als Rana paradoxa.Carl von Linné: Systema naturæ per regna tria naturæ, secundum classes, ordines, genera, species, cum characteribus, differentiis, synonymis, locis. 10. Auflage, Band 1, Lars Salvius, Stockholm 1758, S. 212 (online).
Vorherige Darstellungen Konrad Lykosthenes berichtet 1557 in seinem Prodigienbuch Prodigiorum ac ostentorum Chronicon, dass eine „Monströse Schlange“ („serpens monstrosus“) 1530 aus dem Osmanischen Reich nach Venedig gelangte und das schätzungsweise 6000 Dukaten teure Objekt in den Besitz von König Franz I. von Frankreich überging. Ein Holzschnitt der Kreatur begleitete den Bericht.Konrad Lykosthenes: Prodigiorum ac ostentorum Chronicon quae praeter naturae ordinem, motum, et operationem, et in superioribus et his inferioribus mundi regionibus […] acciderunt. Heinrich Petri, Basel 1557, S. 538–539 (online).Konrad Lykosthenes: Wunderwerck Oder Gottes unergründtliches vorbilden, das er inn seinen geschöpffen allen, so Geystlichen, so leyblichen, in Fewr, Lufft, Wasser, Erden, … erscheynen, hören, brieven lassen … / auß Herrn Conrad Lycosthenis Latinisch zuosammen getragner Beschreybung, mit grossem fleiß, durch Johann Herold, uffs treuwlichst inn 4 Bücher gezogen unnd Verteütscht. Heinrich Petri, Basel 1557, S. 490–491 (online). Autoren wie Pierre Boaistuau (Histoires prodigieuses les plus memorables, 1560)Pierre Boaistuau: SERPENT MONSTRVEVX achapté par les Veniciens en Afrique, puis enuoyé en France embasmé, comme aucuns modernes ont écrit. In: Histoires prodigieuses les plus mémorables qui ayent esté observées depuis la nativité de Jésus-Christ jusques à nostre siècle. Paris 1560, S. 147 (online)., Conrad Gessner (Historiae animalium lib. V., 1587)Conrad Gessner: De Hydra Fabulosa. In: Historiae animalium lib. V., qui est de serpentium natura […] adjecta est ad calcem Scorpionis insecti historia […]. Froschow, Zürich 1587, S. 62 (online).Conrad Gessner: Von einer anderen grausamen Wasser schlangen. In: Fischbůch. Das ist ein kurtze, doch vollkom[m]ne beschreybung aller Fischen so in dem Meer vnd suͤssen wasseren, Seen, Flüssen, oder anderen Baͤchen jr Wonung habend, […]. Christoph Froschauer, Zürich 1563, S. 202v (online)., Edward Topsell (um 1572–1625)Edward Topsell: Of the Hydra, supposed to be killed by Hercules. In: The historie of serpents. Or, The second booke of liuing creatures wherein is contained their diuine, naturall, and morall descriptions, with their liuely figures, names, conditions, kindes and natures of all venemous beasts: with their seuerall poysons. William Jaggard, London 1608, S. 201–102 (Volltext).Edward Topsell: Of the Hydra, supposed to be killed by Hercules. In: The history of four-footed beasts and serpents. London 1658, S. 735–736 (online). und Ulisse Aldrovandi (Serpentum, et draconum historiae libri duo, 1640) verwiesen auf Lykosthenes’ Darstellung der „Hydra“.
Aldrovandi kannte ebenfalls eine siebenköpfige Hydra.Ulisse Aldrovandi: LIB II De Hydra Cap. IV. AEQVIVOCA. In: Serpentum, et draconum historiae libri duo. Bologna 1640, S. 386–401 (online). Aldrovandi berichtet überdies, dass ein Gonzaga in Mantua zwecks Prüfung der Kritik sein Exemplar seziert habe. Joseph Furttenbach, der während seiner Italienreise Mantua passierte, beschrieb 1627 in seinem Reisebericht die Wunderkammer der Gonzaga in Mantua und vermerkte zu einem Sammlungsstück: „Ein Hydria oder Drachen / die hat 7 Koͤpff / vnd auch so viel Haͤlß / Ihr laͤnge ist 3 Schuch / die ist gar zierlich außgefuͤlt / vnd Curiosisch zu sehen.“Joseph Furttenbach: Newes Itinerarium Italiae. Ulm 1627, S. 240 (online).
Giambattista Basiles Pentameron-Drachentöter-Geschichte Der Kaufmann (Lo mercante) war womöglich von diesem Artefakt inspiriert.Suzanne Magnanini: Foils and Fakes: The Hydra in Giambattista Basile's Dragon-Slayer Tale, “Lo mercante”. In: Marvels & Tales. Band 19, Nr. 2, 2005, S. 167–196.
Literatur Wilfrid Blunt: The Compleat Naturalist: A Life of Linnaeus. 2001, ISBN 0-7112-1841-2, S. 90. Felix Bryk: Linnaeus im Auslande: Linnés gesammelte Jugendschriften autobiographischen Inhaltes aus den Jahren 1732–1738. Stockholm 1919 (online). Gunnar Broberg: The Dragonslayer. In: Tijdschrift voor Skandinavistiek. Band 29, Nr. 1/2, 2008, S. 35–36 (online). Gunnar Broberg: The man who organized nature. The life of Linnaeus. Princeton University Press, Princeton / Oxford 2023, ISBN 978-0-691-21342-2, S. 107.
Weblinks Daniel Belteki: Redacting the Hamburg hydra. In: royalsociety.org, 11. Januar 2022
Einzelnachweise
Kategorie:Fälschung Kategorie:Hamburger Geschichte (18. Jahrhundert)