mini|Der zwölfjährige Muhammad sucht Schutz vor den Schüssen hinter seinem Vater, Denkmal in Bamako, Mali Am 30. September 2000 wurde der zwölfjährige Muhammad al-Durrah () während Protesten im Gazastreifen getötet. Einige Sekunden, während derer auf al-Durrah und seinen Vater gefeuert wurde, waren gefilmt worden und wurden bei France 2 mit einem Kommentar des Journalisten Charles Enderlin gesendet. Laut seiner Darstellung war er von israelischen Kugeln getötet worden. Der Vorfall entwickelte sich für die israelische Armee zu einem PR-Desaster, die Aufnahmen zu „einem der schädlichsten Medienvorfälle in der Geschichte Israels.“ Laut den ersten israelischen Statements war unklar, wer ihn getötet hatte, die Letzverantwortung habe aber bei den Palästinensern gelegen. In den folgenden Jahren entwickelten pro-israelische Autoren mehrere alternative Interpretationen, laut denen er stattdessen entweder von Palästinensern getötet worden oder gar nicht getötet und die Tötung inszeniert worden war. Diese lebten zunächst am Rand der verschwörungsorientierten pro-israelischen Blogosphäre; mit den Jahren wanderten sie aber in den Mainstream pro-israelischer Apologetik und wurden zuletzt auch vom israelischen Staat vertreten.
Hergang laut France 2 und Guardian mini|Karte der Netzarimkreuzung. Unten rechts: Israelischer Wachtposten. Oben links: Palästinensische Polizeistation. Links davon in Grün: Position der al-Durrahs hinter einem Betonfass. Unten links in blau: Position des Kameramanns hinter einem Auto.
Am 30. September 2000, dem zweiten Tag der Zweiten Intifada – zur Zeit vor der Abkoppelung, als sich noch israelische Siedlungen und Truppen im Gazastreifen befanden – fanden im Gazastreifen Proteste statt. Einer dieser Proteste ereignete sich an einem israelischen Militärposten an der Netzarim-Kreuzung, der dort die namengebende, westlich gelegene Siedlung Netzarim schützte. An diesem Ort war es bereits wiederholt zu Spannungen gekommen; bei Palästinensern hatte er den Spitznamen „Märtyrer-Kreuzung“ erhalten. Auch in den folgenden Tagen sollte er noch häufiger Schauplatz von Auseinandersetzungen werden.
Nachdem Anfangs mit Molotowcocktails geworfen und mit Gummigeschossen geschossen wurde, führte der Protest zu einem Schusswechsel mit scharfer Munition zwischen Israelis und Palästinensern, den laut Auskunft der israelischen Soldaten Palästinenser von der Polizeistation, der Kreuzung und von den beiden Gebäuden hinter dem Wachtposten aus eröffneten. Der Journalist James Fallows berichtete Jahre später, dass sich außerdem die längste Zeit des Tages auf dem freien Feld gegenüber den al-Durrahs bewaffnete Palästinenser befunden hätten.Vergleiche
Jamal al-Durrah hatte, um seinen Sohn Muhammad von den Protesten fernzuhalten, diesen zu einer Auktion für Gebrauchtwagen mitgenommen. Auf dem Rückweg mussten sie die Netzarim-Kreuzung passieren. Ihr Taxi geriet in die Auseinandersetzungen, der Taxifahrer weigerte sich, die Kreuzung zu überqueren, und setzte die al-Durrahs dort ab, wo sie nach Eröffnung des Schusswechsels Schutz hinter einem Betonfass suchten.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hatte Talal Abu Rahma, ein palästinensischer Kameramann des französischen Senders France 2, ebenfalls Schutz hinter einem Auto gesucht. Er filmte mehrere Sekunden, in denen auf die al-Durrahs gefeuert wurde und der Sohn im Schoß seines Vaters niedersank. Auf den Aufnahmen war nicht zu sehen, wie sie von Kugeln getroffen wurden. Abu Rahma sandte sein Filmmaterial an Charles Enderlin, den französisch-israelischen Auslandskorrespondenten von France 2, der knapp eine Minute davon senden ließ, unterlegt mit seinem Audiokommentar: „Hier sind Jamal und sein Sohn Muhammad das Ziel von Schüssen, die von der israelischen Position kommen. […] Eine neue Salve … Mohammed ist tot, und sein Vater ist schwer verletzt.“Transkription bei
Ein Sanitäter wurde beim Versuch, die al-Durrahs abzutransportieren, erschossen; ein weiterer wurde verletzt. 15 bis 30 Minuten nach dem tödlichen Treffer wurden beide abtransportiert. Laut Bericht der Sanitäter war Muhammad zum Zeitpunkt des Abtransports noch am Leben, wurde dann aber bei Ankunft im Al-Schifa-Krankenhaus für tot erklärt. Muhammads Vater wurde später von diesem Krankenhaus in ein jordanisches Krankenhaus verlegt. Nach mehreren Monaten Krankenhausaufenthalt blieb ihm, so berichtete er, eine steife Hand zurück.
Abu Rahma bezeugte später, dass von der palästinensischen Position aus bereits nicht mehr geschossen worden sei, als Jamal und Muhammad al-Durrah durch das fortgesetzte israelische Feuer getroffen wurden. Laut Enderlin bestätigten dies auch andere der anwesenden Journalisten, laut Human Rights Watch passte es zum Verhalten der israelischen Streitkräfte auch an anderen Tagen der Proteste an der Netzarim-Kreuzung. Abu Rahma und ebenso der Vater des Jungen bezeugten außerdem, dass gezielt auf den Jungen geschossen worden sei. Laut der Journalistin Suzanne Goldenberg und Amnesty International deuteten darauf auch die Einschusslöcher hin: Goldenberg inspizierte unmittelbar nach dem Feuergefecht die Stelle und beschrieb einen Kreis von 15 Einschusslöchern in der Betonwand sowie eine BlutlacheVergleiche – die meisten Löcher befanden sich unterhalb der Hüfthöhe, was auf gezieltes Feuer auf Vater und Sohn hindeute.
Muhammed al-Durrah wurde öffentlich begraben und von vielen Menschen aus der muslimischen Welt als Märtyrer angesehen.David Cook: Martyrdom in Islam, Cambridge University Press, 2007,
Frühe israelische Medienstrategien
Die Szene von der Tötung al-Durrahs wurde breit rezipiert und wiederholt gesendet. Die israelische Medienstrategie dagegen entwickelte sich erst im Lauf von mehreren Tagen. In den ersten beiden Statements von IDF-Sprechern wurde noch offen gelassen, wer die Schüsse abgegeben hatte; die Letztverantwortung läge aber bei den Palästinensern, die „Frauen und Kinder auf zynische Weise nutzten.“ Diese Sprachregelung wurde im Zuge einer israelischen Rechtfertigungsoffensive ausgebaut zum Narrativ, Palästinenser missbrauchten ihre Kinder entweder als menschliche Schutzschilde oder als zu Propagandazwecken dargebrachte Menschenopfer.Beispiele bei Ein weiteres Beispiel auf der Website der IDF: Auch bei anderen erschossenen Kindern; so etwa am 18. Oktober 2000 von einem weiteren IDF-Sprecher: „We are dealing with a situation in which kids are cynically being used by being put on the front lines where they may be killed, maimed or injured. … If a young boy falls, it gives the Palestinians a lot of propaganda points.“ Zitiert nach Gegenüber UN-Vertretern: Von israelischen Lobbyorganisationen: Ähnlich Gerald Steinberg (NGO Monitor): Im Winter 2000 beispielsweise veröffentlichte das israelische Außenministerium einen Aufsatz zweier Anwälte der International Association of Jewish Lawyers and Jurists:
Mit einer anderen MedienstrategieZu beiden Medienstrategien vergleiche erklärte am Abend der Tötung ein Militärsprecher im israelischen Fernsehen kategorisch, dass der Junge jedenfalls nicht durch israelisches Feuer gestorben war. Diese Erklärung wurde am Folgetag wiederholt, ergänzt um einen Hintergrund des Todes: Muhammad hätte sich zur Netzarim-Kreuzung begeben, um an den gewaltsamen Demonstrationen teilzunehmen, bei denen zwölf- bis dreizehnjährige Kinder üblicherweise mit Steinen nach Soldaten würfen; sein Vater sei später hinzugekommen, um ihn von dort wegzuholen.
Ab dem 2. Oktober schließlich erklärten Vertreter der israelischen Streitkräfte, nach einer ersten Untersuchung sei es doch plausibel, dass israelische Kugeln den Jungen getötet hätten, sprachen dabei aber anders als dessen Vater und der Kameramann davon, dass sie ins „Kreuzfeuer“ geraten und unbeabsichtigt erschossen worden seien. Manche westliche Medien hielten sich an die Darstellung von Goldenberg und Amnesty (bis hin zur Formulierung bei Time: „Die flehenden Bitten [des Vaters] an die israelischen Soldaten, das Feuer einzustellen, werden mit einem Kugelhagel beantwortet, sodass der schlaffe Körper des Jungen im Schoß seines schwer verletzten Vaters zurückbleibt.“); die meisten aber übernahmen diese letzte Sprechweise vom unbeabsichtigten Tod im beiderseitigen Kreuzfeuer.
Berichten zufolge kam das israelische Außenministerium danach zum Schluss, eine weitere Diskussion des Vorfalls sei kontraproduktiv, und empfahl, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Als unmittelbare Konsequenz auf die Tötung al-Durrahs wurde zudem ein neues PR-Team gebildet und dem Sprecher des Premierministers unterstellt, das künftig Handlungen des Militärs erklären sollte. Längerfristig wurde außerdem, ebenfalls vor dem Hintergrund des Medienfiaskos, eine neue grundlegende Medienstrategie entwickelt, die erstmals bei der Militäroperation in Dschenin von 2002 zum Einsatz kam: Internationale Journalisten wurden zunächst vollständig von Dschenin ferngehalten und dann nur in Form von Embedded Journalism in die Stadt gelassen, um nicht die Kontrolle über die Bilder zu verlieren wie bei der Tötung al-Durrahs.
Alternative Erklärungen
Während das israelische Außenministerium den Vorfall nicht weiter diskutieren wollte, entwickelten sich in der verschwörungsorientierten pro-israelischen Blogosphäre bereits kurz nach dem Vorfall verschiedene alternative Theorien zu den Aufnahmen, bei denen man unterscheidet zwischen einer „Minimal-“ und einer „Maximalversion“. Richard Landes, einer der Maximalisten, und James Fallow, einer der Minimalisten, untergliedern noch genauer in folgende Interpretationen der Aufnahmen: Israelische Soldaten töteten den Jungen gezielt. Israelische Soldaten töteten ihn unbeabsichtigt. Palästinenser töteten ihn unbeabsichtigt. Palästinenser töteten ihn gezielt. Niemand tötete ihn; sein Tod war inszeniert.
Fallows selbst vertrat die „Minimalversion“, dass jedenfalls Interpretation (1) und (2) nicht richtig sein könne. Interpretationen (3) bis (5) dagegen bezeichnete er als unterschiedliche Varianten der „Maximalversion“, die jeweils ebenfalls von verschiedenen Stimmen vertreten würden. Sie entwickelten sich nach und nach, indem verschiedene Blogger, später auch pro-israelische Aktivisten und schließlich auch Mainstream-Autoren auf verschiedene „verdächtige Elemente“ von Enderlins Darstellung hinwiesen.
Der ehemalige IDF-Sprecher Nachman Shai sah rückblickend in der Tötung al-Durrahs die Geburtsstunde einer neuen Form israelischer Hasbara: In der sich in den folgenden Jahren entwickelnden Debatte seien mit Nichtregierungsorganisationen und bloggenden Einzelpersonen neue Medienakteure in Erscheinung getreten, die begonnen hatten, die Deutungshoheit der Mainstream-Medien zu untergraben. Der Vorfall habe gezeigt, wie mächtig diese neuen Kräfte sein könnten. Shai empfiehlt daher eine Hasbara-Strategie, die darauf abzielt, NGOs, Einzelpersonen und jüdische Diaspora-Organisationen bewusst als informelle Botschafter des israelischen Staates zu nutzen.
Der Jerusalem-Post-Journalist Larry Derfner beschrieb die Situation 2008 so, dass sämtliche seriöse Journalisten den Fall bereits ad acta gelegt hatten, weshalb nun im Internet ein weitgehend einseitiger Diskurs geführt werde, bei dem rechte Verschwörungstheoretiker einander Indizien für ihre Theorien vortrugen; er allein sehe sich noch in der Pflicht, Einspruch gegen diese Theorien zu erheben.Ähnlich zur Mediensituation bereits im Vorjahr
Unstrittig ist – abgesehen von Israel – die Maximalversion eine Mindermeinung. Umstritten ist, nachdem verschiedene Autoren zur Debatte beigetragen hatten, ob weiterhin Enderlins Version oder mittlerweile die „Minimalversion“ die Mehrheitsmeinung ist: Die US-amerikanische Antisemitismusforscherin Hanna Johnson (University of Pittsburgh) schrieb 2012, letztere sei „mittlerweile mehr oder weniger allgemein akzeptiert“; der israelische Kommunikationswissenschaftler Jérôme Bourdon (Universität Tel Aviv) dagegen berichtete 2014, die „journalistische Welt sei überwiegend mit Enderlin solidarisch“.Ähnlich