mini|Donald Tusk und Dmitri Medwedew (2010) Die polnisch-russischen Beziehungen gehören zu den ältesten und wichtigsten in Europa. Sie gehen bis auf das Mittelalter zurück, als das Königreich Polen und die Kiewer Rus und später das Großfürstentum Moskau um die Vorherrschaft in Osteuropa konkurrierten. Im Laufe der Jahrhunderte gab es mehrere polnisch-russische Kriege, wobei Polen einst Moskau besetzte und später Russland große Teile Polens kontrollierte, was zu angespannten Beziehungen und mehreren polnischen Versuchen führte, die eigene Unabhängigkeit wiederzuerlangen. Nach dem für beide Länder sehr verlustreichen Zweiten Weltkrieg waren die Volksrepublik Polen und die Sowjetunion nominell Verbündete im Warschauer Pakt. Diese Zeit wurde von den Polen im Nachhinein allerdings als russische Oberherrschaft und Unterdrückung der eigenen Souveränität angesehen. Die polnisch-russischen Beziehungen traten nach dem Ende des Ostblocks ab 1989 in eine neue Phase ein, als sich die Beziehungen unter dem sowjetischen Premierminister Michail Gorbatschow und dem späteren russischen Präsidenten Boris Jelzin verbesserten. Mit dem erneuten russischen Expansionismus unter Wladimir Putin, beginnend mit dem Kaukasuskrieg 2008 und dem Russisch-Ukrainischen Krieg ab 2014 verschlechterten sie sich allerdings wieder und erreichten nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 ihren Tiefpunkt im 21. Jahrhundert.
Geschichte Mittelalter Eines der frühesten bekannten Ereignisse in der russisch-polnischen Geschichte geht auf das Jahr 981 zurück, als der Großfürst von Kiew, Wladimir I., dem Herzogtum Polen das Tscherwener Burgenland entriss. Im Jahr 966 nahm Polen das römische Christentum an, während die Kiewer Rus von Konstantinopel christianisiert wurde. Im Jahr 1054 wurde die christliche Kirche durch die innerchristliche Spaltung formell in einen katholischen und einen orthodoxen Zweig geteilt, wodurch die Polen von den Ostslawen getrennt wurden, was einen großen Einfluss auf die spätere kulturelle Entwicklung beider Länder haben sollte. 1018 wandte sich der aus Kiew geflohene Swjatopolk der Verfluchte hilfesuchend an den polnischen König Bolesław I. den Tapferen, der Jaroslaw den Weisen in der Schlacht am Bug besiegte. Der Kiewer Feldzug von Bolesław I. wurde mit der Einnahme der Stadt gekrönt, doch anstatt die Macht an Swjatopolk zu übertragen, begann Bolesław, selbst in der Stadt zu regieren. Daraufhin kam es zu einem Aufstand der Kiewer Bevölkerung, welche Bolesław aus der Stadt vertrieben. Eine ähnliche Geschichte ereignete sich 1069, als der Kiewer Großfürst Isjaslaw I. nach Polen zu seinem Neffen Bolesław II. dem Tapferen ging und dieser nach einer Reise nach Kiew in den dynastischen Streit der Rus zugunsten von Isjaslaw eingriff. Der Legende nach wurde ein Reliquienschwert namens Szczerbiec, das bei den Krönungen der polnischen Könige verwendet wurde, eingekerbt, als entweder Boleslaw I. oder Boleslaw II. das Goldene Tor in Kiew durchschlug. Daneben war auch der Kampf um die Kontrolle über das Tscherwener Burgenland ein Grund für verschiedene Konflikte zwischen den beiden Staaten.
Gleichzeitig gab es auch in der Kiewer Rus und in Polen lange Perioden der friedlichen Koexistenz und des kulturellem Austauschs. Die Herrscherhäuser beider Staaten heirateten untereinander und es wurden auch militärische Bündnisse geschlossen. So schloss der polnische König Kasimir I. im Jahr 1042 ein Bündnis mit Jaroslaw und heiratete seine Tochter Maria Dobroneg. Der Chronik zufolge schloss der Fürst von Smolensk Wladimir Wsewolodowitsch Monomach 1074 in Suteisk Frieden mit Bolesław II. und kam 1076 zusammen mit dem Fürsten von Wolhynien Oleg Swjatoslawitsch den Polen bei einem Feldzug gegen die Tschechen zu Hilfe. Der Großfürst von Kiew, Swjatopolk II., schloss Frieden mit dem polnischen König Bolesław III. Schiefmund, der 1103 seine Tochter Zbysława von Kiew heiratete; als in Polen ein Kampf zwischen Boleslaw III. und seinem Bruder Zbigniew ausbrach, kamen die Truppen der Rus dem König zu Hilfe und zwangen Zbigniew zur Anerkennung seiner Macht.
Wie die Fürstentümer, die aus dem Zerfall der Kiewer Rus hervorgingen, erlebte auch Polen im 13. Jahrhundert mehrere Mongoleneinfälle, doch trotz der Verwüstungen setzte sich das mongolische Joch nicht durch, was Polen in der Folge einen Vorteil bei der Entwicklung von Handel und politischen Institutionen verschaffte. Im Jahr 1340 starb Wladimir Lwowitsch, der letzte galizische Erbe der Rurikidendynastie, woraufhin das galizische Fürstentum von Kasimir III. dem Großen erobert und dem Königreich Polen angegliedert wurde.
Neuzeit mini|Polnisch-litauische Garnison kapituliert im Moskauer Kreml 1612 vor dem russischen Volkssturm Während der Mongolenherrschaft bildete sich das Großfürstentum Moskau nach und nach als stärkster ostslawischer Staat heraus, während zwischen dem Königreich Polen und dem Großfürstentum Litauen 1385 mit der Union von Krewo eine Personalunion vereinbart wurde, welche 1569 mit der Lubliner Union zu einer Realunion (Polen-Litauen) wurde. Laut dem polnischen Historiker Andrzej Nowak war es die polnische Union mit Litauen, die das nach Westen orientierte katholische Polen und das orthodoxe Moskowien auf einen Jahrhunderte anhaltenden Konfrontationskurs brachte. Der Kampf um die Gebiete der Rus zwischen den unterschiedlichen Reichen hatte dabei auch eine starke religiöse und ideologische Komponente. Die Beziehungen zwischen Polen und Russland waren angespannt, da das zunehmend verzweifelte Großfürstentum Litauen das Königreich Polen in die Russisch-Litauischen Kriege verwickelte. Zwar gab es gelegentlich Versuche, ein Bündnis zwischen Polen-Litauen und Russland zu schließen (einschließlich mehrerer Versuche, die russischen Zaren auf den polnischen Thron zu setzen und eine Polnisch-Litauisch-Russische Union zu gründen), doch scheiterten sie alle. Stattdessen kam es zu mehreren Kriegen. Insbesondere während des Polnisch-russischen Krieges (1605–1618) nutzte Polen die durch die Zeit der Wirren verursachte Schwächung Moskaus aus und unterstützte mehrere Hochstapler (siehe Pseudodimitri I. und Pseudodimitri II.), die sich als Thronerben inszenierten. Schließlich kam es zum direkten Krieg, im Zuge dessen die Polen 1610 Moskau einnahmen und die Russen den polnischen Königssohn Władysław IV. Wasa als Zaren krönten. 1612 wurden die Polen jedoch im Zuge eines Volksaufstandes aus Moskau vertrieben, den Thron bestieg die Romanow-Dynastie. Russland revanchierte sich, indem es den kommenden machtpolitischen Niedergang von Polen-Litauen ausnutzte (insbesondere infolge des Chmelnyzkyj-Aufstandes der Saporoger Kosaken und des Vertrages von Perejaslaw) und seine Grenzen nach dem Russisch-Polnischen Krieg (1654–1667) nach Westen verlagerte.
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts verkam das politische System der Rzeczpospolita (Goldene Freiheit) zur Anarchie, während Russland unter dem autokratischen Modell Peters des Großen und seinen Reformen zur europäischen Großmacht mit der Vormachtstellung im Ostseeraum aufstieg. Die Russen konnten nach Belieben politisch und militärisch in die inneren Angelegenheiten Polens eingreifen (siehe Polnischer Erbfolgekrieg, Stummer Sejm). Das geschwächte Polen geriet so in zunehmende Abhängigkeit von Sankt Petersburg. mini|Teilungen Polens Nach dem Scheitern der Konföderation von Bar, die sich dem russischen politischen und militärischen Einfluss in Polen widersetzte, kam es 1772 zur Ersten Teilung, gefolgt von der Zweiten und der Dritten Teilung Polens. Bis 1795 hatten die drei Teilungen Polens das Land von der europäischen Landkarte verschwinden lassen und die polnisch besiedelten Gebiete gerieten unter preußische, österreichische und russische Herrschaft. Eine wichtige Rolle spielte dabei die sogenannte Dissidentenfrage, die sich um die Diskriminierung der Nichtkatholiken drehte. Sie gab den Nachbarn Polens die Möglichkeit, sich als Schutzmächte der in Polen-Litauen unterdrückten religiösen Minderheiten zu präsentieren. Insbesondere Russland begriff sich als Schutzmacht der zahlreichen orthodoxen ostslawischen Bevölkerung. Katharina die Große bestand darauf, dass sie lediglich Gebiete zurückholt, die Russland (als Fortsetzung der Rus) vor Jahrhunderten unrechtmäßig entrissen wurden.
Nach der Ersten Teilung erlebte Polen jedoch einen kulturellen und politischen Aufschwung, der in der Verfassung vom 3. Mai 1791 und dem Kościuszko-Aufstand von 1794 gipfelte. Viele polnische Auswanderer und Freiwillige stellten sich auf die Seite des revolutionären und napoleonischen Frankreichs in dessen Kämpfen mit denselben Mächten (Russland, Österreich und Preußen), die Polen geteilt hatten. Dies wiederum bestärkte die Russen in der Ansicht, dass sie der Sicherheit wegen auch das eigentliche Polen kontrollieren müssen. Nach dem Wiener Kongress von 1815 wurde Kongresspolen geschaffen, welches eine gewisse Autonomie gegenüber dem russischen Zaren besaß. Nach mehreren Aufständen (darunter dem Novemberaufstand und dem Januaraufstand), welche sich gegen die Russifizierung richtete, verstärkte Russland die Unterdrückung und führte eine Politik ein, die darauf abzielte, alle Spuren der früheren polnischen Herrschaft oder des polnischen kulturellen Einflusses zu beseitigen. 1867 wurde die lokale Autonomie aufgehoben und Polen wurde direkt von Moskau aus als Weichselland regiert. Erst durch die russische Niederlage im Ersten Weltkrieg (1914–1918) konnte Polen schließlich als Zweite Polnische Republik seine Unabhängigkeit wiedererlangen.
Polnisch-sowjetische Beziehungen
Nach dem Sturz der Romanow-Dynastie in der Russischen Revolution zwang das Deutsche Reich das neue bolschewistische Regime von Wladimir Lenin, den Vertrag von Brest-Litowsk zu unterzeichnen, in dem Russland seine Westgebiete in die Unabhängigkeit entlassen musste. Unmittelbar nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1918 nach der Niederlage Deutschlands an der Westfront sah sich Polen mit einem Krieg mit dem neuen bolschewistischen Russland konfrontiert, wobei der Polnisch-Sowjetische Krieg schließlich mit einem polnischen Sieg bei Warschau endete und Lenins Pläne, seine Rote Armee nach Westen zu schicken, um eine weltweite kommunistische Revolution zu beginnen, zunichtemachte. Allerdings scheiterte Polen mit seinen Kriegszielen, die von der Sowjetunion besetzten Gebiete wie die Ukraine, Weißrussland und Litauen zu annektieren und ein polnisch dominiertes Intermarum bis ans Schwarze Meer zu schaffen. Die Beziehungen zu Sowjetrussland blieben in der Zwischenkriegszeit angespannt und von beidseitigem Misstrauen geprägt. Die Sowjetunion unterstützte die Kommunistische Partei Polens und Polen schickte seinerseits Geheimagenten über die Grenze, um zur Rebellion gegen die sowjetische Herrschaft aufzurufen, was Stalin dazu veranlasste, die polnische Minderheit in der Sowjetunion mit nationalistischen Dissidenten und terroristischen Gruppen in Verbindung zu bringen. Der NKWD tötete während der Polnischen Operation über 100.000 Polen und deportierte viele Familien nach Kasachstan. Die Furcht vor einer polnischen Invasion und Spionage von außen rechtfertigte auch die allgemeinen internen Repressionen der Großen Säuberung in den 1930er Jahren. Dennoch schlossen die UdSSR und Polen 1932 einen formellen Nichtangriffspakt. mini|Molotow-Ribbentrop-Pakt (1939) mini|Briefmarke von 1970, welche das 25-jährige Jubiläum eines polnisch-sowjetischen Freundschaftsvertrages feiert