Sturm auf den Spicherer Berg ist der Titel eines Historiengemäldes aus dem Saarbrücker Rathauszyklus von Anton von Werner. Der Zyklus entstand bis 1880 als Auftragswerk für einen neuen Ratssaal am damaligen Rathaus von Saarbrücken, dem heutigen Alten Rathaus. Das Gemälde zeigt eine Szene aus der Schlacht bei Spichern im Deutsch-Französischen Krieg. Dargestellt ist der preußische Generalmajor Bruno von François, wie er am 6. August 1870 Soldaten der 9. Kompanie des Niederrheinischen Füsilier-Regiments Nr. 39 einen Sturmangriff auf französische Artilleriestellungen auf dem Roten Berg bei Spichern befiehlt, während Soldaten des 1. Hannoverschen Infanterie-Regiments Nr. 74 bereits vorangestürmt sind. Die militärisch waghalsige Operation, die nach einem französischen Angriff auf Saarbrücken den dortigen Übergang Preußens in die Kriegsoffensive symbolisiert, wurde von der Publizistik ihrer Zeit überwiegend als Heldentat gerühmt. Ihre realistische und momenthafte, trotz Kolossalformats in den Augen von schreibenden Zeitgenossen wenig erhabene Darstellung fand hingegen eine zurückhaltende bis negative Aufnahme durch die Kunstkritik, während das breitere Publikum sie durchaus goutierte.

Beschreibung und Bedeutung Das Gemälde zeigt eine Gruppe der 9. Kompanie des Niederrheinischen Füsilier-Regiments Nr. 39 (unten, mit Pickelhauben) und Soldaten des 1. Hannoversches Infanterie-Regiments Nr. 74 (oben links, in hellen Drillichhosen) beim Ansturm auf den Roten Berg in der Schlacht bei Spichern am 6. August 1870. Die Infanteristen stehen unter dem Beschuss von Einheiten der französischen Armee, die unter dem Kommando von General Charles Frossard auf der Anhöhe Stellung bezogen hatten. Inmitten der Soldaten ist der preußische Brigadekommandeur Bruno von François zu sehen, wie er der 9. Kompanie durch einen Trompeter das Kommando zum Sturmangriff blasen lässt. Während sich am rechten Bildrand mit der Darstellung einer Fabrik eine Tiefenperspektive auf die Ebene vor Saarbrücken auftut, zieht eine weitere Perspektive, die durch den ausgestreckten Arm und gezogenen Säbel des Kommandeurs vorgegeben wird, den Blick des Betrachters über den steilen, spärlich von einigem Gebüsch bewachsenen Hang auf die Bergspitze, wo Rauchwolken das Abwehrfeuer aus Stellungen der französischen Artillerie und Infanterie markieren.

Die Formation der Soldaten wirkt ungeordnet und gegenüber der doppelreihigen Formation der französischen Armee geradezu schwach. Deutlich wird, dass der Anstieg unter dem Feuer der Franzosen eine kühne Operation ist, deren Gelingen mehr als fraglich erscheint. Soldaten straucheln, Verwundete sind zu sehen, es liegen bereits Tote im Gebüsch. Im Vordergrund kippt ein Soldat – von einer Kugel tödlich getroffen – rücklings. Die Farbe ist ihm aus dem Gesicht gewichen, zum Ausdruck seiner Kampfmoral erhebt er noch seinen rechten Arm zur Faust. Sein Körper ist Teil einer Bilddiagonalen, die durch eine Linie mehrerer Gewehre gebildet wird und der Kampfrichtung entgegengesetzt ist.

Generalmajor von François, der im weiteren Verlauf der Operation fallen wird, nimmt in ausgreifender Befehlshaberpose zusammen mit dem Trompeter den Mittelpunkt der Figurengruppe ein und wird im Dreiviertelprofil herrschaftlich porträtiert. In Kenntnis seines Todes und des siegreichen Ausgangs der Schlacht führt ihn der Maler als Kriegshelden in Lebensgröße vor. Bei aller Heroisierung der Handlung im Kolossalformat (335 cm × 372 cm) kam es dem Künstler jedoch auf einen realistischen Ausdruck des Kampfgeschehens an. So stellte er die Soldaten in ihren verschiedenen Bewegungen und in den Einzelheiten ihrer Kampfausrüstung (Pickelhauben, Gewehre mit Bajonette etc.) en detail dar und wählte als sein Motiv bewusst einen kleinen Ausschnitt der Schlacht. Auch durch Anschneiden der Figuren am rechten und unteren Bildrand unterstrich er das Moment- und Ausschnitthafte der Bildhandlung. Dadurch ähnelt die Komposition eher einem fotografischen Schnappschuss als einem traditionellen Schlachtengemälde. Wie der Illustrator eines Unterhaltungsblatts vorgegangen zu sein, war daher ein Vorwurf der Kunstkritik.

Militärhistorische Einordnung des Geschehens mini|hochkant|Schlacht bei Spicheren am 6. August 1870, Stellungen um 6 Uhr abends, 1890 Die Schlacht bei Spichern fand am 6. August 1870 statt und bildete neben der gleichzeitigen Schlacht bei Wörth sowie der zwei Tage zuvor beendeten Schlacht bei Weißenburg eine Eröffnungsschlacht des Deutsch-Französischen Kriegs. Kleinere Kriegshandlungen verübte Frankreich bereits am frühen Morgen des 19. Juli 1870 auf preußisches Gebiet, obwohl der französische Geschäftsträger die Kriegserklärung in Berlin noch nicht überbracht hatte. Am 2. August nahm Frankreich die Bellevue, einen freien Hügel unmittelbar vor Alt-Saarbrücken und St. Johann ein, und begann damit, den Bahnhof St. Johann-Saarbrücken unter das Feuer von konventioneller Artillerie und Mitrailleusen zu nehmen. Mittags erschien am Schauplatz Kaiser Napoleon III. mit dem 14-jährigen Kronprinzen Lulu, der durch Abschuss einer Salve hier seine Feuertaufe erhielt.

Unter dem Eindruck der für Frankreich verlustreichen Schlacht von Weißenburg, bei der General Abel Douay gefallen war, befahl der vor Saarbrücken kommandierende General Charles Frossard, dem eine vor Ort angewachsene gegnerische Truppenstärke von 40.000 Mann gemeldet worden war und der von der schleppend verlaufenden Mobilmachung der eigenen Armee wusste, am 4. August den Rückzug. Eine neue Aufstellung nahmen sein II. Korps unter anderem auf dem Roten Berg bei Spicheren, einem spornartigen Gebirgsausläufer auf lothringischem Gebiet vor Saarbrücken.

Mittels Eisenbahntransporten war den deutschen Truppen unterdessen ein erfolgreicher Aufmarsch an der preußisch-französischen Grenze gelungen. Dort standen Einheiten der 1. und 2. Armee von Karl Friedrich von Steinmetz bzw. Friedrich Karl von Preußen unter dem Divisionskommando von Georg von Kameke bzw. Constantin von Alvensleben. Am Morgen des 6. August trafen Meldungen der preußischen Kavallerie über Rückzugsbewegungen der Franzosen ein. Obwohl aus dem Generalkommando bis zu diesem Tag noch kein Befehl erteilt worden war, auf französisches Gebiet vorzurücken, gab Kameke seinem Brigadekommandeur Bruno von François, der mit seinen Einheiten mittags durch Saarbrücken hindurch bis an die Staatsgrenze vorgerückt war, daraufhin den Auftrag, die französischen Stellungen einzunehmen. Zuvor ließ er sich von General August Karl von Goeben die Unterstützung des VIII. Armee-Korps zusichern. mini|hochkant|Carl Röchling: Erstürmung des Roten Berges, Illustration, 1890 Da Generalmajor von François ein direkter, frontaler Angriff auf die gut ausgebauten französischen Artilleriestellungen am freiliegenden Bergsporn aussichtslos erschien, ließ er zwei Bataillone des 1. Hannoverschen Infanterie-Regiments Nr. 74 und sieben Kompanien des Niederrheinischen Füsilier-Regiments Nr. 39 zu einem Zangenangriff über die bewaldeten Flanken des Höhenzugs am Drahtzug und am Giffertswald antreten. Die beiden Gefechtsfelder lagen fast eine Meile voneinander entfernt. Unterstützt wurden die Fußtruppen durch sich in der Nähe formierende Batterien der deutschen Artillerie, die die französischen Stellungen unter Beschuss nahmen. Mit dieser Schützenhilfe gelang es dem Infanterie-Regiment Nr. 74 unter erheblichen Verlusten bis an den Rand des Roten Berges vorzurücken. Hier erschien bald Generalmajor von François, um seinen Leuten zum Erfolg zu gratulieren, als ihm gemeldet wurde, dass der Angriff am Giffertswald, der von dem Regimentskommandeur Gustav Eskens mit sieben Kompanien des Infanterie-Regiments Nr. 39 vorgetragen werden sollte, zurückgeworfen worden war. Mit der von dort soeben eingetroffenen 9. Kompanie des Infanterie-Regiments Nr. 39 entschloss sich der Generalmajor spontan zum Frontalangriff auf die Bergspitze. Er kostete nicht nur vielen seiner Soldaten das Leben, im Verlauf fiel auch François durch fünf gegnerische Kugeln. Das kühne Vorhaben, das angesichts der örtlichen Überlegenheit der französischen Artillerie und anrückenden französischen Bataillonen gescheitert wäre, führte bis zum Abend dennoch zu einem preußischen Sieg, weil am Schauplatz eingetroffene Einheiten unter dem Befehl von Alvensleben unter hohem Personal- und Artillerieeinsatz dem französischen General Frossard eine ungebrochene preußische Kampfstärke signalisierten und damit begannen, westlich bei Stiring-Wendel in Richtung auf Forbach einen weiteren Zangenangriff zu starten. Hierdurch im Glauben, vom Nachschub und einem Rückweg abgeschnitten zu werden, befahl Frossard den Rückzug nach Saargemünd, so dass deutsche Infanterie den Roten Berg bis zur eintretenden Dämmerung vollständig einnehmen konnte. Die Gelegenheit, französische Truppen bei ihrem Rückzug mit bereitstehender preußischer Kavallerie zu schlagen, wurde nicht ergriffen.

Als Schlacht bei Spichern ging die Operation in die Geschichte ein. Wie deutsche Militärhistoriker bald einräumten,Eduard von Schmid: Das französische Generalstabswerk über den Krieg 1870/71. Wahres und Falsches. Heft 3: Die Schlacht bei Spichern. F. Luckhardt, Berlin 1903Wilhelm Rintelen: Geschichte des Niederrheinischen Füsilier-Regiments Nr. 39 während der ersten fünfundsiebenzig Jahre seines Bestehens 1818 bis 1893. Ernst Siegfried Mittler & Sohn, Berlin 1893, S. 266 ff. (Digitalisat) waren ihr strategischer Nutzen gering und die Verluste hoch. Allerdings hatten die deutschen Siege in den Schlachten von Weißenburg, Spichern und Wörth einen bedeutenden Effekt auf die deutsche Kampfmoral und die patriotische Berichterstattung der Presse, die damit begann, um die Schlacht bei Spichern einen Geschichtsmythos zu kreieren.

Entstehung Ende 1870 erhielt der junge in Karlsruhe bei Carl Friedrich Lessing geschulte Maler Anton von Werner vom preußischen Kultusminister Heinrich von Mühler ein Schreiben, worin ihm dieser die Idee darlegte, das im Krieg zerstörte, zum Wiederaufbau vorgesehene Bahnhofsgebäude von St. Johann-Saarbrücken mit Darstellungen aus den Kriegsereignissen um Saarbrücken zu schmücken. Der Künstler war bereits im Begriff, dazu nach Saarbrücken zu reisen, um sich mit den Örtlichkeiten vertraut zu machen, als ihn im Januar 1871 der deutsche Kronprinz Friedrich Wilhelm zu sich nach Versailles einlud. Dort erhielt er den Auftrag für das Staatsgemälde Die Proklamierung des deutschen Kaiserreiches, dessen Entwürfe und Fassungen ihn in den 1870er Jahren weitgehend beschäftigen und seine Karriere bis zum Direktorat der Berliner Kunstakademie bahnen sollten.

mini|hochkant|Anton von Werner: Entwurf zur Wanddekoration im Rathausfestsaal: Victoria, Aquarell auf Pappe, 1875 mini|hochkant|Studie eines sterbenden Soldaten Erste Entwürfe für die Ausmalung des Saarbrücker Bahnhofes fertigte Werner bis zum Jahr 1872. Schon damals hatte er neben der Darstellung einer Ankunft König Wilhelms I. in Saarbrücken, einem genrehaften, primär an das örtliche Publikum gerichteten Erinnerungsbild, die Erstürmung der Spicherer Höhen als Hauptmotiv festgelegt. Dieses Bild sollte dem Eintretenden als erstes ins Auge fallen.

1874 schlug die Stadt Saarbrücken dem mittlerweile von Adalbert Falk geführten Berliner Ministerium vor, die zuvor für den Bahnhof in Erwägung gezogenen Bilder für einen neuen Ratssaal auszuführen, den sie in einem Anbau des Rathauses zu errichten gedachte. Nach einer Zustimmung aus Berlin erstellte Werner 1875 einen Vorentwurf mit aquarellierten Ansichten für die gesamte Innenausstattung, an deren Entwicklung im Stil der Neorenaissance das Berliner Architekturbüro von Heinrich Joseph Kayser und Karl von Großheim beteiligt war.