alt=Holocaust-Überlebender Albrecht Weinberg|mini|Albrecht Weinberg mit Bundesverdienstkreuz (2017) Albrecht Weinberg (geboren 7. März 1925 in Rhauderfehn; gestorben 12. Mai 2026 in Leer) war ein deutscher Überlebender des Holocaust, der als Zeitzeuge öffentlich in Erscheinung trat.
Leben mini|Stolpersteine für Alfred, Flora, Diedrich, Friedel und Albrecht Weinberg in Rhauderfehn, Untenende 74
Albrecht Weinberg wuchs im Fehndorf Rhauderfehn in Ostfriesland in einer jüdischen Familie auf. Der Vater war Viehhändler und Schlachter. Die Eltern Flora (geb. Grünberg, Jg. 1886) und Alfred Weinberg (Jg. 1889) wurden 1942 von Berlin aus ins KZ Theresienstadt gebracht und von dort im Oktober 1944 in das KZ Auschwitz, wo sie von den Nationalsozialisten umgebracht wurden. Albrecht Weinberg hatte einen Bruder, Dieter (Jg. 1922) und eine Schwester, Friedel (Jg. 1923). Alle drei Geschwister überlebten das KZ Auschwitz. Der Bruder starb 1946 bei einem Unfall im heimischen Leer (Ostfriesland).
Die Familie musste bereits 1936 vom Land in die nächstgrößere Stadt Leer ziehen, weil die Kinder nicht mehr die reguläre Schule besuchen durften. In Leer besuchten sie die jüdische Schule.Menna Hensmann (Bearb.): Dokumentation Leer 1933–1945. Stadt Leer, Leer 2001. Nach den Novemberpogromen 1938 wurden Albrecht Weinberg und seine Schwester Friedel auf das schlesische Landgut Groß Breesen geschickt. Dort vermittelte die Hachschara-Bewegung jüdischen Jugendlichen Grundkenntnisse der Landwirtschaft für die spätere Alija nach Palästina. Doch als die Auswanderung dorthin erfolgen sollte, war es Juden schon untersagt, Deutschland zu verlassen. Die Geschwister mussten später bei Berlin in einem Lager bei Fürstenwalde arbeiten, mit einem Osttransport wurden sie im April 1943 ins KZ Auschwitz deportiert.Heinz J. Giermanns: Einer von uns: Albrecht Weinberg - Leiden an Deutschland. Rhauderfehn 2014.
Albrecht Weinberg musste zwei Jahre im KZ Buna/Monowitz arbeiten. Er überlebte drei Todesmärsche. Im Februar 1945 gelangte er ins KZ Mittelbau-Dora. Im April 1945 wurde er in Bergen-Belsen befreit, als dort die Briten ankamen. Nur wenige Familienmitglieder überlebten den Holocaust. Allein mütterlicherseits gab es vor dem Krieg neun Onkel und Tanten. Lediglich eine dieser Tanten – Marie Grünberg – konnte in den Niederlanden in einem Versteck überleben.
Zusammen mit seiner Schwester Friedel wanderte Weinberg 1947 in die USA aus. Beide heirateten nie und lebten mehr als 60 Jahre in New York. Albrecht Weinberg betrieb mit einem anderen Überlebenden des Holocaust eine Fleischerei.
1985 kamen sie auf Einladung ihrer Heimatstadt Leer erstmals wieder zu Besuch. Zahlreiche jüdische Überlebende waren zu einer Erinnerungswoche gekommen. Die Geschwister nahmen auch an weiteren Treffen teil. Nachdem die Schwester Friedel 2011 in Florida einen Schlaganfall erlitten hatte, kamen die Geschwister 2012 nach Leer zurück. Friedel Weinberg starb im Mai 2012. Albrecht Weinberg berichtete bis zuletzt als Zeitzeuge in Schulen aus seinem Leben.
mini|hochkant=0.9|Stolperstein für Albrecht Weinberg
2011 wurden in Rhauderfehn am Untenende vor dem ehemaligen Wohn- und Geschäftshaus der Familie Stolpersteine verlegt.Bernd-Volker Brahms: Eine Dokumentation zur Verlegung von Stolpersteinen am 9. November 2011. Rhauderfehn. 2012. In Rhauderfehn gibt es seit 2006 eine Geschwister-Weinberg-Straße. Seit 2020 gibt es eine solche auch in Leer. Albrecht Weinberg gab 2022 den Anstoß, dass in Leer Stolpersteine für Verwandte von ihm verlegt werden. Sie wurden am 22. Oktober 2022 gesetzt.Stolperstein-Initiative Leer: Die ersten Stolpersteine für Leer, 15 Steine für die Familien Grünberg und Cohen. Leer 2022.
Am 30. Januar 2025 gab Weinberg bekannt, dass er das ihm 2017 verliehene Bundesverdienstkreuz zurückgeben werde, um dagegen zu protestieren, dass am Vortag im Bundestag ein Entschließungsantrag der CDU/CSU zur Migrationspolitik durch die Stimmen der AfD eine Mehrheit erhalten hatte. Luigi Toscano, ein mit der Bundesverdienstmedaille ausgezeichneter, mit Weinberg befreundeter Fotograf, schloss sich ihm an. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier äußerte in einem persönlichen Gespräch Weinberg gegenüber Verständnis für seinen Entschluss, bat ihn allerdings, diesen noch einmal zu überdenken. Weinberg blieb aber bei seiner Entscheidung, das Bundesverdienstkreuz zurückzugeben. Am 11. Februar 2025 machte er seine Ankündigung wahr.
Albrecht Weinberg starb am 12. Mai 2026 im Alter von 101 Jahren. Er wurde neben seiner Schwester und seinem Bruder auf dem jüdischen Friedhof Leer beigesetzt.
Ehrungen 2016: Erster Ehrenbürger seines Geburtsortes Rhauderfehn 2017: Bundesverdienstkreuz am Bande für unermüdlichen versöhnenden Einsatz (Rückgabe 2025 erfolgt) 2020: Umbenennung des Gymnasiums Rhauderfehn in „Albrecht-Weinberg-Gymnasium“Website des Albrecht-Weinberg-Gymnasiums 2023: Ernennung zum Ehrenbürger von Leer 2023: Verleihung der Hermann-Tempel-Medaille 2024: Ernennung zum Ehrenbürger von Nordhausen 2026: Die Jüdische Gemeinde zu Oldenburg verleiht ab 2026 den Albrecht-Weinberg-Preis für besonderes soziales Engagement und Verdienste um die Gemeinschaft.
Literatur Bernd-Volker Brahms: Eine Dokumentation zur Verlegung von Stolpersteinen am 9. November 2011. Rhauderfehn 2012. Heinz J. Giermanns: Einer von uns: Albrecht Weinberg – Leiden an Deutschland. Rhauderfehn 2014. Nicolas Büchse: Mit 97 auf Klassenfahrt – Holocaust-Überlebender begleitet Schulklasse nach Israel. In: Stern, Jg. 2022, Heft 52. Nicolas Büchse: Albrecht Weinberg - »Damit die Erinnerung nicht verblasst wie die Nummer auf meinem Arm«. Penguin Verlag, München 2024, ISBN 978-3-328-11144-3. Joachim Käppner: Albrecht Weinberg über Leben. Interview. In: Süddeutsche Zeitung, 2./3. März 2024, S. 46.
Dokumentarfilme Im September 2026 kam der Dokumentarfilm Albrecht Weinberg – Es ist immer in meinem Kopf von Güner Yasemin Balcı und Jesco Denzel in die deutschen Kinos. Die Filmschaffenden begleiteten Weinberg vier Jahre lang und porträtieren seine letzten Lebensjahre in Ostfriesland. Der Film zeigt unter anderem seine Gespräche mit Schülerinnen und Schülern sowie sein Zusammenleben mit seiner Pflegerin und Vertrauten Gerda Dänekas. Er behandelt Weinbergs fortwirkendes Trauma, sein Verhältnis zu Deutschland und seinen Einsatz gegen das Vergessen.
Bernd-Volker Brahms, Nicole Nocon: Interview mit Albrecht Weinberg für die Shoa Foundation. (247 Minuten), aufgezeichnet 2. Mai 2023 in Leer/Ostfriesland. Güner Yasemin Balcı: Die Nummer auf meinem Arm – Albrecht Weinberg und seine Geschichte. 37 Grad, ZDF, Erstausstrahlung: 4. Juni 2024, rund 30 Min. Länge, in der ARD-Mediathek abrufbar bis 4. Juni 2029. Stephanie Fäustel, Marion Janßen: Holocaust-Überlebender aus Leer über die AfD. ostfriesen.tv, Videoredaktion der Zeitungsgruppe Ostfriesland, aufgezeichnet am 21. Februar 2024.
Weblinks
Kristin Hunefeld: In: Radio Bremen, 14. April 2021. Holocaust-Überlebender Albrecht Weinberg feiert 100. Geburtstag. NDR am 7. März 2025.
Einzelnachweise
Kategorie:Überlebender des Holocaust Kategorie:Zeitzeuge des Holocaust Kategorie:Häftling im KZ Auschwitz Kategorie:Häftling im KZ Mittelbau-Dora Kategorie:Häftling im KZ Bergen-Belsen Kategorie:Bundesverdienstkreuz zurückgegeben Kategorie:Ehrenbürger in Niedersachsen Kategorie:Person (Leer (Ostfriesland)) Kategorie:Rhauderfehn Kategorie:Person, für die in Niedersachsen ein Stolperstein verlegt wurde Kategorie:Deutscher Emigrant in den Vereinigten Staaten Kategorie:Hundertjähriger Kategorie:Deutscher Kategorie:Preuße Kategorie:Geboren 1925 Kategorie:Gestorben 2026 Kategorie:Mann