Die Aue «Plaun la Greina» ist eine Flusslandschaft in den Hochalpen im Schweizer Kanton Graubünden und ein Naturschutzgebiet von nationaler Bedeutung. Sie bildet den Kernbereich des Hochlands «Plaun la Greina» (rätoromanisch für «Greina-Ebene») und ist als Objekt der IUCN-Kategorie IV in der Weltdatenbank geschützter Gebiete registriert.

Der Raum im Hochgebirge mit der alpinen Flussaue ist ein bedeutender Ort des Naturschutzes in der Schweiz, seit er nach langen Auseinandersetzungen durch einen Ausgleich verschiedener Interessen vor der Nutzung durch die Energiewirtschaft bewahrt wurde. Die Gegend ist als schöne, unverbaute Landschaft mit abwechslungsreichen Bergwanderrouten bekannt. In naturwissenschaftlicher Hinsicht gilt die Greina-Ebene mit ihrer weiteren Umgebung als «Schlüssel der Alpengeologie».

Die geschützte Aue am Oberlauf des Rein da Sumvitg (deutsch «Somvixer Rhein») umfasst ungefähr einen Viertel der Fläche der Hochebene «Plaun la Greina», die sich zwischen drei Bergmassiven an der Grenze vom Bündnerland zum Kanton Tessin befindet. Die Flusslandschaft liegt in der Mitte des viel grösseren Landschaftsschutzgebiets «Greina – Piz Medel» des Bundesinventars der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung und im 2004 verordneten eidgenössischen Jagdbanngebiet «Pez Vial/Greina».Besserer Schutz für die Bündner Greina-Hochebene auf admin.ch. In der Nähe der alpinen Aue befindet sich ausserdem das Naturschutzgebiet Crap la Crusch, eine Moorlandschaft von nationaler Bedeutung.

Name Das rätoromanische Wort «plaun» kommt von lat. planum und bedeutet auf Deutsch «Ebene». Der Flurname «Greina» bezeichnet mehrere geografische Objekte: einmal im Italienischen den Passübergang () westlich der Hochebene, der den rätoromanischen Namen «Pass Crap» hat, dann den Berggipfel «Piz Greina» () 2,5 Kilometer nördlich davon, und die alpine Ebene «Plaun la Greina» sowie neben dieser den Bergklotz «Muot la Greina» und nördlich davon den Grat «Crest la Greina».

An der Greina berühren sich die historischen Sprachgebiete des Rätoromanischen (Surselvisch) und des Alpinlombardischen, der traditionellen Sprache des Tessins. Über zwei Gebirgssättel an der Greina führen alte Passwege vom Vorderrheintal in das südliche Bleniotal: Neben dem Greinapass bietet drei Kilometer östlich davon auch der flache Sattel des «Crap la Crusch» (deutsch «Stein mit dem Kreuz») einen Weg in den Süden. Die Greina-Passroute ist im Habsburger Urbar aus dem frühen 14. Jahrhundert erstmals in der Namensform «Agren» bezeugt.A. Wäber: Bündner Berg- und Paßnamen vor dem XIX. Jahrhundert. In: Die Alpen, 1911. Der Bergweg könnte mit dem vom griechischen Geografen Strabon erwähnten Mons Aduelas identisch sein.

Die Herkunft des Flurnamens «Greina» ist nicht sicher geklärt. Der Berner Ethnologe Albert Samuel Gatschet nahm als Ursprung den Namen des Baumes Ahorn (lat. acer) an.Albert Samuel Gatschet: Ortsetymologische Forschungen als Beiträge zu einer Toponomastik der Schweiz. Bern 1867, S. 246. Bäume wachsen jedoch in der hohen Gebirgslandschaft nicht. Das bündnerromanische Wörterbuch Dicziunari Rumantsch Grischun weist auf den Zusammenhang mit dem romanischen Wort grein hin, das in Quellen der Surselva aus dem 19. Jahrhundert vorkommt und «Berg, Berggipfel» bedeutet.Lemma GREIN I im Dicziunari Rumantsch Grischun.

Geografie Das 39 Hektar grosse Schutzgebiet «Plaun la Greina» liegt in der Surselva im Gebiet der Gemeinde Lumnezia auf am Oberlauf des Rein da Sumvitg (deutsch «Somvixer Rhein»). Es umfasst die Auenböden am Fluss und damit nur ungefähr einen Zehntel des ganzen Hochtales, das sich zwischen drei Bergmassiven der Adula-Alpen an der Grenze vom Bündnerland zum Kanton Tessin ausbreitet. Als Hochebene angesprochen, gleicht das Berggebiet der «Plaun la Greina» dennoch eher einer Hügellandschaft mit Anhöhen, Terrassen und Felsrippen beidseits des Rheins, dem das flache Auengebiet auf etwa drei Kilometer Länge mit einem geringen Sohlgefälle von nur etwa 15 Metern folgt. In der Ebene liegen neben dem Fluss einige Feuchtgebiete und Weiher.

Von der nächstgelegenen Ortschaft Vrin im Glennertal ist die Greina durch die Bergkette Piz Tgietschen-Piz Stgir-Piz Canal-Piz Terri getrennt. Der Piz Terri ist mit der höchste Gipfel östlich der Greina. Über den Diesrutpass () führt ein Fussweg von Vrin in das Tal des Somvixer Rheins und in das Schutzgebiet. mini|Die Schwemmebene

Im Nordwesten steigt von der Ebene die Berggruppe Piz Miezdi-Piz da Stiarls-Piz Greina-Piz Valdraus empor. Drei Kilometer weiter westlich bildet der Piz Medel () den höchsten Gipfel in der Umgebung des Schutzgebiets. Über den Sattel «Fuorcla Sura da Lavaz» besteht ein Übergang vom Greinapass in nördlicher Richtung nach Sumvitg.

Auf der Südseite begrenzt westlich des «Crap la Crusch» der Pizzo Corói () mit seinen gerundeten, schuttbedeckten Hängen das Hochtal. Über die Berge im Süden und im Westen der Greinaebene verläuft etwas ausserhalb des Naturschutzgebiets die Wasserscheide zwischen dem Rhein und dem Fluss Tessin im Gebiet des Po; dabei ist bemerkenswert, dass nahe bei der Quelle des Somvixer Rheins die nördlichste Stelle der Linie zwischen dem Rhein- und dem Po-Gebiet liegt.Flurin Mausen: Greina. In: Die Alpen, 1975. Die Höhenzüge bilden einen Abschnitt der Europäischen Hauptwasserscheide. Die weite Berglandschaft der Greina öffnet sich über die Bergsättel zum Grenzgebiet in der Tessiner Gemeinde Blenio. Westlich des Greinapasses fliesst der Greinabrenno gegen Süden zum Tessin, und im Moor an der Wasserscheide beim «Crap la Crusch» entspringt der Ri di Mutarasc, der bei Campo Blenio in den Brenno mündet.

mini|Der Sumvitger Rhein unterhalb der Auenlandschaft Im Auengebiet am Oberlauf des Somvixer Rheins sammelt sich das Wasser aus zahlreichen Wildbächen in einem etwa 14 Quadratkilometer grossen Berggebiet. Sie entspringen teilweise den ausgedehnten Schuttfeldern an den Berghängen oder aus Quellen weiter unten im Tal. Schmelzbäche fliessen von den letzten im Gebiet noch vorhandenen Gletscherrelikten, dem Glatscher dalla Greina und dem Glatscher da Gaglianera im Nordwesten und dem Glatscher dil Terri im Südosten in die Flussaue. Unter dem Terrigletscher ist südöstlich der Hochebene in einer weiten Mulde auf zwischen dem Piz Ner und dem Piz Canal, gut einen Kilometer vom Naturschutzgebiet entfernt, der grosse, abgelegene Bergsee Laghet la Greina eingebettet.

Der Somvixer Rhein durchquert nahe am Greinapass eine Schlucht im zerklüfteten Talboden, bevor er die Schwemmebene erreicht. Diese ist in der Mitte durch hohe eiszeitliche Moränenwälle in zwei Abschnitte unterteilt. Am nördlichen Ende des Schutzgebiets beginnt bei «La Camona» eine weitere, etwa zwei Kilometer lange Schlucht, durch die der Rhein gegen Nordwesten das Tal «Val Sumvitg» erreicht. Beim Eingang in die Schlucht und am Rand des Schutzgebiets überquert der Bergweg vom Diesrutpass zur Terri-Hütte den Fluss auf einer älteren Brücke und neuerdings auch auf der Hängebrücke «Punt la Greina».

Tourismus Ein Netz von Fusswegen erschliesst das Naturschutzgebiet und verbindet die Passübergänge und die Täler der Umgebung. Es gibt keine Fahrstrassen oder Seilbahnen auf die Hochebene, deren Überschreitung wegen der langen Zugangswege normalerweise einer zwei- oder mehrtägigen Bergwanderung bedarf.

Mehrere Berggasthäuser bieten in der Nähe der Greinaebene eine Unterkunft (keines steht jedoch auf dieser selbst): Terrihütte (SAC), Rifugio Scaletta (SAT) und Capanna Motterascio (SAC).

Geologie Die Landschaftsform der Greina ist durch bemerkenswerte erdgeschichtliche Vorgänge entstanden. Die Gesteine des Hochtals dokumentieren den besonderen Charakter des Gebirges, von der die «Erläuterungen zum Geologischen Atlas der Schweiz» sagen, es stelle «in geologischer Hinsicht ein Schlüsselgebiet der Alpengeologie dar».Stefan Vögeli (U. a.): Geologischer Atlas der Schweiz 1:25000. Blatt 1233 Greina. Erläuterungen. Wabern 2013. Aufgrund der Erosion sind verfaltete und überschobene Schichten und verformte Schuppen aufgeschlossen, an denen die Metamorphose der Mineralien und die tektonischen Vorgänge bei der Alpenbildung rekonstruiert werden können.Vögeli 2013, S. 12. mini|Die Auenlandschaft von Südwesten Seit dem 18. Jahrhundert untersuchten zahlreiche Gelehrte die bodenkundlichen Verhältnisse um den Piz Medel. Auf den Benediktiner Placidus a Spescha im Kloster Disentis folgten zuerst Arnold Escher von der Linth und Johann von Charpentier und später noch viele weitere Forscher. Der ETH-Professor Albert Heim entwarf 1885 eine geologische Karte des Gebiets. Zahlreiche Forschungen und auch Sondierbohrungen in der Greinaebene fanden im 20. Jahrhundert wegen eines Kraftwerksprojekts statt.Vögeli 2013, S. 107.

In der Umgebung der Greina treffen unterschiedliche Gebirgsformationen aufeinander. Aus Nordwesten sinkt das kristalline Massiv der aufgefalteten Gottharddecke ab, die vor allem aus Gneis besteht und teilweise von Jurasedimenten überdeckt ist.Greina-Lumbrein-Trias auf strati.ch (Lithostratigraphisches_Lexikon_der_Schweiz). Von Süden stösst die Adula-Decke mit penninischen Sedimenten und Bündnerschiefer an die Gottharddecke.Vögeli 2013. Schwarze Ton- und Glimmerschiefer fallen besonders am Piz Corói und am «Piz Ner» (deutsch «Schwarzer Berg») auf.Walter Jung: Die mesozoischen Sedimente am Südostrand des Gotthard-Massivs (zwischen Plaun la Greina und Versam). In: Eclogae Geologicae Helvetiae, 1963. Im westlichen Greinagebiet überragen senkrecht gestellte Bänke aus hellem Dolomit, Marmor und Rauwacke den Talboden. Sie bilden eine Trennzone zwischen der Gottharddecke und dem Adulagestein.Adrian Baumer: Geologie der gotthardmassivisch-penninischen Grenzregion im oberen Bleniotal. Geologie der Blenio-Kraftwerke. Zürich 1964.

Das Auenschutzgebiet ist auch für die Quartärgeologie ergiebig. Seit dem Eiszeitalter bildete sich im Hochtal eine bunt gemischte Schotterfläche aus Material verschiedener Herkunft. Die Gletscheroberfläche lag beim Höchststand auf etwa und damit mehr als 600 Meter über der Greinaebene. Vom «Eisdom Vorderrhein», einem Ursprung des Rheingletschers, der gegen Norden mehrmals über die Bodenseegegend hinaus floss, glitt eine Eiszunge über die Bergsättel an der Greina gegen Süden in die Poebene.D. Florineth, C. Schlüchter: (1998): Reconstructing the Last Glacial Maximum (LGM) ice surface geometry and flowlines in the Central Swiss Alps. In: Eclogae Geologicae Helvetiae, 91, 1998, S. 391–407. Der bekannte erratische Block aus Augengneis «Crap la Crusch» wurde vom Gletscher aus dem Gotthardgebiet herangeführt.Cristian Scapozzo: Le Alpi bleniesi. Storia glaciale e periglaciale e patrimonio geomorfologico. Società_ticinese_di_scienze_naturali. Lugano 2009. Erst am Ende des Eiszeitalters floss auch der Greinagletscher nur noch gegen Norden zum Vorderrheintal hinab. Im Schutzgebiet «Plaun la Greina» liegt ein mächtiger Moränenwall, der von einem sehr späten Gletscherstadium vor etwa 8000 Jahren zeugt.Vögeli 2013, S. 96. Die Gebirgsbäche schwemmten weiterhin Geröll in das Tal. Grundwasser führendes Lockergestein ist gemäss den Bohrungen stellenweise mehr als 50 Meter mächtig und besteht zum grössten Teil aus Moränenmaterial und nur zu etwa einem Fünftel aus Alluvionen. In der jüngeren Zeit verkleinerten lokale Hangrutschungen und Bachschuttkegel die Auenfläche am Rhein, wo sich auf den Böden langsam Flechten und viele Alpenpflanzen und in Senken Sumpf- und Moorvegetation ansiedelten. mini|Ebene bei Crap la Crusch; links der Pizzo Corói

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