Die kulturhistorische Schule ist eine Schule in den Humanwissenschaften, die auf eine Gruppe russischer Psychologen und die von ihnen vertretenen Theorien und Ansätze zurückgeht. Protagonisten der kulturhistorischen Schule sind unter anderem Lew Semjonowitsch WygotskiYasnitsky, A. (2018). Vygotsky: An Intellectual Biography. London and New York: Routledge BOOK PREVIEW, Alexander Romanowitsch Lurija und Alexei Nikolajewitsch Leontjew.

Die später als „kulturhistorische Schule“ bekannt gewordenen Arbeitszusammenhänge entstanden ab den 1920er-Jahren in der damaligen Sowjetunion. Es handelte sich dabei nicht um eine einheitliche institutionalisierte Schule im engen Sinne, sondern um wechselnde Konstellationen von Forschern mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten.Yasnitsky, A. (2011). Vygotsky Circle as a Personal Network of Scholars. Restoring Connections Between People and Ideas (PDF; 617 kB). Integrative Psychological and Behavioral Science, 45, 422–457. Die mittlerweile etablierte Bezeichnung „kulturhistorische Schule“ ist entsprechend kein von den Beteiligten selbst gewählter Terminus.Keiler, P. (2012). . Institut für kritische Theorie. Eine der aus diesen Arbeitszusammenhängen entwickelten Theorien ist die Tätigkeitstheorie.

Historische Arbeitsfelder Die Mitglieder des Kreises sowjetischer Wissenschaftler um Lew S. Wygotski, Aleksandr R. Lurija und Aleksei N. Leontjew bildeten in den Jahren ab 1924 unterschiedliche Arbeits- und Forschungskonstellationen. Einzelne dieser personalen und inhaltlichen Zusammenhänge oder auch alle dieser Konstellationen zusammen werden heute als „kulturhistorische Schule“ bezeichnet. Die gemeinsame Arbeit dieser Gruppen fand hauptsächlich in Moskau, später aber auch in Charkow und Leningrad statt. Die jeweiligen Gruppen forschten zu unterschiedlichen, aber inhaltlich verbundenen Arbeitsfeldern.

Vorgeschichte Wygotski war vor seinem Umzug nach Moskau in Gomel als Literaturkritiker und Lehrer tätig. Seine Beschäftigung mit literarischen Texten weckte sein Interesse für den Zusammenhang von Sprache und Denken.Luria, A.R. 1979/2006. The Making of Mind. A Personal Account of Soviet Psychology. In Cole, M., Levitin, K. & Luria, A. (Hrsg.). The Autobiography of Alexander Luria. A Dialogue with The Making of Mind. S. 1–188. New York, London: Psychology Press. S. 39 Als Lehrer hatte er dort auch mit behinderten Kindern zu tun. Beides führte dazu, dass er sich für Psychologie zu interessieren begann.Luria, A.R. 1979/2006. The Making of Mind. A Personal Account of Soviet Psychology. In Cole, M., Levitin, K. & Luria, A. (Hrsg.). The Autobiography of Alexander Luria. A Dialogue with The Making of Mind. S. 1–188. New York, London: Psychology Press. S. 39

Lurija interessierte sich vor seiner Zeit in Moskau für Psychoanalyse und leitete einen psychoanalytischen Zirkel in Kasan. 1923 wurde er ans psychologische Institut der 1. Staatlichen Universität Moskau eingeladen. Er übernahm dort die Leitung des von K. N. Kornilow gegründeten Labors, um affektive Reaktionen zu erforschen.Leont’ev, A.A. 2003/2005. The life and creative path of A.N. Leontiev. Journal of Russian and East European Psychology, 43, 3. 8–69. S. 9 In dieser Zeit führte er auch zusammen mit unter anderem A. N. Leontjew Studien mithilfe der Methode der abbildenden bzw. verbundenen Motorik durch.Luria, A.R. 1979/2006. The Making of Mind. A Personal Account of Soviet Psychology. In Cole, M., Levitin, K. & Luria, A. (Hrsg.). The Autobiography of Alexander Luria. A Dialogue with The Making of Mind. S. 1–188. New York, London: Psychology Press. S. 39

Leontjew legte bereits sein Studium am psychologischen Institut von Georgi Iwanowitsch Tschelpanow an der 1. Staatlichen Universität Moskau ab. Das Institut wurde 1923 in Moskauer staatliches Institut für experimentelle Psychologie umbenannt, als Tschelpanow vertrieben und durch K. N. Kornilow ersetzt wurde. A. N. Leontjew wurde Lurijas wichtigster Mitarbeiter am Institut und sie publizieren mehrere gemeinsame Arbeiten.Leont’ev, A.A. 2003/2005. The life and creative path of A.N. Leontiev. Journal of Russian and East European Psychology, 43, 3. 8–69. S. 9 Leontjew entwickelte Lurijas Methode aber auch selbständig weiter. 1928 erschien als Ergebnis dieser Arbeit der Text Ein Experiment zur Strukturanalyse von Kettenassoziationsreihen (eine experimentelle Untersuchung).Leont’ev, A.A. 2003/2005. The life and creative path of A.N. Leontiev. Journal of Russian and East European Psychology, 43, 3. 8–69. S. 14

Arbeiten zu Sprechen und Denken und zu Reaktionen der Dominante: Wygotski und seine ersten Doktoranden

Nach seinem Umzug nach Moskau arbeitete Wygotski ebenfalls am Institut für experimentelle Psychologie sowie an verschiedenen defektologischen Institutionen. Seine ersten Doktoranden am Institut für experimentelle Psychologie waren L. V. Zankov, I. M. Solov’ev, L. S. Sacharov († 1928) und B. J. Varšava († 1927). Zankov arbeitete vor allem an den Reaktionen der Dominante nach Uchtomskij. Außerdem nutzte er die Unterscheidung zwischen Alltags- und wissenschaftlichen Begriffen, die auf die Arbeit von Sacharov zurückging.van der Veer, R. & Valsiner, J. 1991. Understanding Vygotsky. A quest for synthesis. Oxford & Cambridge: Blackwell. Solov’ev beschäftigte sich ebenfalls mit den Reaktionen der Dominante und mit der Beziehung von Sprechen und Denken. Sacharov forschte zur Entwicklung von Begriffen im Kindesalter und entwickelte die Methode der doppelten Stimulierung.Lompscher & Rückriem 2002Yasnitsky, A. 2011. Vygotsky Circle as a personal network of scholars. Restoring connections between people and ideas. Integrative Psychological & Behavioral Science, 45. 422–457. Er untersuchte die verallgemeinernde Funktion der Wortbedeutung, was später zur Reformulierung zentraler Konzeptionen der instrumentellen Psychologie führen sollte.Leont’ev, A.A. 2003/2005. The life and creative path of A.N. Leontiev. Journal of Russian and East European Psychology, 43, 3. 8–69. S. 17 Wygotski setzte diese Untersuchung nach Sacharovs Tod mit Ju. V. Kotelova und E. I Paškovskaja fort.Leont’ev, A.A. 2003/2005. The life and creative path of A.N. Leontiev. Journal of Russian and East European Psychology, 43, 3. 8–69. S. 17

Arbeiten zur Defektologie

Ein weiterer wichtiger Forschungsbereich, mit dem sich Wygotski und einige seiner Mitarbeiter beschäftigten war die sogenannte „Defektologie“. Mit dem Begriff der Defektologie wurde zu der Zeit traditionellerweise die Wissenschaft bezeichnet, die sich mit Kindern mit verschiedenen geistigen und körperlichen Behinderungen (sogenannten „Defekten“) befasste. Dazu wurden damals insbesondere gehörlose, blinde, sprachbehinderte und geistig behinderte Kinder gerechnet.van der Veer, R. & Valsiner, J. 1991. Understanding Vygotsky. A quest for synthesis. Oxford & Cambridge: Blackwell. S. 60 Wygotski und seine Mitarbeiter vertraten die Sicht, dass weniger die jeweilige Beeinträchtigung selbst problematisch sei, sondern deren soziale Konsequenzen, d. h. der Umgang der Mitmenschen mit behinderten Kindern. Gefordert wurde die Inklusion behinderter Kinder und später außerdem der pädagogische Fokus auf alternative kulturelle Entwicklungsmöglichkeiten, z. B. durch die Brailleschrift oder Gebärdensprachen.van der Veer, R. & Valsiner, J. 1991. Understanding Vygotsky. A quest for synthesis. Oxford & Cambridge: Blackwell. S. 60ff.Kozulin, A. & Gindis, B. 2007. Sociocultural Theory and Education of Children with Special Needs. From Defectology to Remedial Pedagogy. In Daniels, H., Cole, M. & Wertsch, J. (Hrsg.): Cambridge Companion to Vygotsky. In Moskau arbeitete Wygotski im defektologischen Bereich schon seit 1924 mit Daniuševskij zusammen, einem Freund aus Gomel, der ebenfalls in Moskau lebte. Vygotskijs Tätigkeit im Bereich Defektologie war zunächst beim Volkskommissariat für Bildungswesen (NKP, Narkompros) und an der 2. Staatlichen Universität Moskau angesiedelt. 1926 gründete er ein defektologisches Labor an der medizinisch-pädagogischen Abteilung des Volkskommissariats für Bildungswesen, das 1929 zum Institut für Experimentelle Defektologie ausgeweitet wurde.Keiler, P. 2002. Lev Vygotskij. Ein Leben für die Psychologie. Weinheim, Basel: Beltz. S. 219f.Kozulin, A. & Gindis, B. 2007. Sociocultural Theory and Education of Children with Special Needs. From Defectology to Remedial Pedagogy. In Daniels, H., Cole, M. & Wertsch, J. (Hrsg.): Cambridge Companion to Vygotsky. S. 332 Wygotskis Arbeit im Bereich der Defektologie zog sich durch die gesamte Zeit seines wissenschaftlichen Schaffens und stand immer in enger Verbindung mit seinen anderweitigen theoretischen und methodischen Forschungen. Am Institut für Experimentelle Defektologie arbeitete Wygotski unter anderem mit R. J. Levina und N. G. Morozova (Mitglieder der „Pjatërka“ genannten Gruppe von Wygotskis Studenten) sowie seinen ehemaligen Doktoranden L. V. Zankov und I. M. Solov’ev zusammen. Außerdem gehörten zu dieser Gruppe L. Gešelina,Luria, A.R. 1979/2006. The Making of Mind. A Personal Account of Soviet Psychology. In Cole, M., Levitin, K. & Luria, A. (Hrsg.). The Autobiography of Alexander Luria. A Dialogue with The Making of Mind. S. 1–188. New York, London: Psychology Press. S. 53 die zum Thema „Visuelles Denken“ forschte,Yasnitsky, A. 2011. Vygotsky Circle as a personal network of scholars. Restoring connections between people and ideas. Integrative Psychological & Behavioral Science, 45. 422–457. S. 435 und Ž. I. Šif, die sich mit Begriffsentwicklung beschäftigte, aber erst einige Zeit nach den anderen Mitgliedern der Gruppe vom Pädagogischen Institut Herzen in Leningrad zum Institut für experimentelle Defektologie wechselte.

Entwicklung der instrumentellen Psychologie: Wygotski, Lurija und Leontjew

Einige Zeit nach Wygotskis Umzug nach Moskau begann eine enge Zusammenarbeit von Lurija, Leontjew und Wygotski. Die drei Psychologen, die sich selbst als „Troika“ bezeichneten, trafen sich wöchentlich in Wygotskis Wohnung und lasen einschlägige Texte zu zentralen psychologischen Themen wie Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Sprache, Problemlösen oder Motorik.Luria, A.R. 1979/2006. The Making of Mind. A Personal Account of Soviet Psychology. In Cole, M., Levitin, K. & Luria, A. (Hrsg.). The Autobiography of Alexander Luria. A Dialogue with The Making of Mind. S. 1–188. New York, London: Psychology Press. S. 45 Ihr Ziel war es, Wygotskis Ansatz der instrumentellen bzw. kulturellen Psychologie als neue und umfassende psychologische Theorie auszuarbeiten und Forschungsdesigns zu entwerfen, mit deren Hilfe der Ansatz weiterentwickelt werden konnte.Luria, A.R. 1979/2006. The Making of Mind. A Personal Account of Soviet Psychology. In Cole, M., Levitin, K. & Luria, A. (Hrsg.). The Autobiography of Alexander Luria. A Dialogue with The Making of Mind. S. 1–188. New York, London: Psychology Press. S. 38ff. Zentral war die Annahme, dass die Entwicklung höherer psychischer Funktionen wie willkürliche Aufmerksamkeit oder Handlungsplanung durch die Interiorisierung von historisch und kulturell geformten Werkzeugen bzw. Instrumenten (inklusive psychischer Artefakte wie beispielsweise sprachliche und andere Zeichen) erklärt werden könne. Ab 1928 entstanden einschlägige wissenschaftliche Arbeiten zum instrumentellen bzw. kulturhistorischen Ansatz. Unter anderem reichten Wygotski, Leontjew und Lurija jeweils einen Artikel beim amerikanischen Journal of Genetic Psychology ein, das Luria mit herausgab.Cole 1976/2006, S. 208Luria, A.R. (1928): The Problem of the Cultural Behavior of the Child. Journal of Genetic Psychology 35. 493–506.Vygotski, L. S. (1929): The problem of the cultural development of the child II. Journal of Genetic Psychology, 36. 415–432.Leont’ev, A.N. (1932): The development of voluntary attention in the child, Journal of Genetic Psychology, 40, 2. 52–81.