mini|Alfred Herrhausen Am 30. November 1989 wurde Alfred Herrhausen in Bad Homburg in unmittelbarer Nähe seines Wohnhauses durch ein Sprengstoffattentat ermordet. Der wirtschaftlich und politisch äußerst einflussreiche 59-jährige Vorstandssprecher der Deutschen Bank befand sich auf der morgendlichen Fahrt zu seinem in Frankfurt am Main gelegenen Büro. Herrhausen verblutete noch am Tatort, sein Chauffeur überlebte den Anschlag verletzt.
Die linksterroristische Rote Armee Fraktion (RAF) bekannte sich zu der Tat mit einem Selbstbezichtigungsschreiben, dessen Echtheit jedoch angezweifelt wurde. Im Zuge der Ermittlungen wurde festgestellt, dass der Materialaufwand, die technisch präzise Ausführung sowie der Einsatz einer Bombe militärischer Bauart mit dem Sprengstoff TNT nicht der bisherigen Vorgehensweise der RAF entsprachen. Sprengstoff- und Terrorismusexperten sind der einhelligen Auffassung, dass die Herstellung der panzerbrechenden Bombe in jedem Falle von Außen übernommen wurde. Zahlreiche Auffälligkeiten rund um den Tatort im Vorfeld des Attentats wurden trotz einschlägiger und behördlich vorgeschriebener Sicherheitskonzepte durch die spezialisierten Sicherheitskräfte nicht wahrgenommen.
Des Weiteren versuchte das hessische Landesamt für Verfassungsschutz mittels fingierter Falschaussagen eines ehemaligen V-Manns, eine Tatbeteiligung von vier vermeintlichen RAF-Terroristen zu konstruieren, aus denen entsprechende Haftbefehle seitens der Bundesanwaltschaft resultierten. Im Zuge von Recherchen mehrerer WDR-Journalisten widerrief der vom Bundeskriminalamt als Kronzeuge präsentierte V-Mann seine Aussagen und die Haftbefehle mussten wieder aufgehoben werden. Die bis heute ausstehende Aufklärung der Umstände und Urheberschaft des Attentats, aber auch das umstrittene Vorgehen der Ermittlungsbehörden, führten zu Kritik und Mutmaßungen über eine Beteiligung von Angehörigen des hessischen Verfassungsschutzes, weiteren westlichen und östlichen Geheimdiensten sowie der im Libanon beheimateten Terrororganisation PFLP.Vor 30 Jahren: Ermordung von Alfred Herrhausen. Bundeszentrale für politische Bildung, 26. November 2019; abgerufen am 5. Oktober 2024Friederike Sattler: Herrhausen. Banker, Querdenker, Global Player. Siedler, München 2019, S. 626–628.
Personenschutz Herrhausens durch LKA und Sicherheitsdienst mini|Alfred-Herrhausen-Mahnmal am Tatort in Bad Homburg Herrhausen war sich der potentiellen Bedrohung durch terroristische Anschläge bewusst. Nach der Entführung und Ermordung des Arbeitgeberverbands-Präsidenten Hanns Martin Schleyer im September 1977 hatte er nach Angaben seiner Ehefrau schriftlich verfügt, dass man bei seiner möglichen Entführung und eventuellen Erpressung der Bundesrepublik Deutschland den Forderungen nicht nachgeben solle.Andres Veiel: Black Box BRD. DVA, Stuttgart, München 2002, S. 118. Seit September 1989 gab es mehrere Anzeichen, dass die RAF Herrhausen ins Visier nahm.Andres Veiel: Black Box BRD. DVA, Stuttgart, München 2002, S. 252–259. Herrhausen galt als der bestgeschützte Wirtschaftsmanager der Bundesrepublik. Der direkte Schutz Herrhausens lag in den Händen des Personenschutzes der Deutschen Bank, dessen eigener Sicherheitsdienst aus ehemaligen Polizeibeamten bestand. Für Herrhausens Villa, für das Umfeld und für die Fahrtstrecke war das Hessische Landeskriminalamt in Wiesbaden zuständig. Es setzte dafür ein Mobiles Einsatzkommando ein. Dieses bestand aus einem Sondereinsatzkommando und aus einem Präzisionsschützenkommando. Das Mobile Einsatzkommando des Landeskriminalamtes war auch in Observation ausgebildet und zu dessen Aufgaben zählte, terroristische Gewalttäter bei der Ausspähung gefährdeter Personen zu ergreifen. Als Weisung galt für diese Spezialisten das so genannte „Fahndungskonzept 106“, kurz „K 106“, ein 1986 vom Bundeskriminalamt eingeführtes Sicherheitskonzept. Nach diesem Sicherheitskonzept sollten verdächtige Personen beobachtet werden. Außerdem mussten an den Fahrstrecken Baustellen, Grabungen und die Verlegung von Kabeln besonders überprüft werden.Paul Kohl: „Wir wissen definitiv, wer die Täter waren.“ Das Attentat auf Alfred Herrhausen. Rekonstruktion einer Spurenverwischung. Feature, Co-Produktion DLF/SR/SFB/WDR, Sendetermin 7. Januar 1997, 19:15 Uhr () Tonaufzeichnung bei YouTube. In einer Sicherheitsanalyse der Strecke von Bad Homburg nach Frankfurt wurde in besonderem Maße betont, dass der Seedammweg, der Ort des späteren Attentats, aufgrund seiner Straßenführung und baulichen Gegebenheiten ein klares Sicherheitsdefizit aufwies. Der Seedammweg führte als relativ enge Passage am östlichen Rand des Bad Homburger Kurparks vorbei, wobei die Straße hier zusätzlich an der Bushaltestelle für das Kaiserin-Friedrich-Gymnasium bzw. die nahe gelegene Taunus-Therme künstlich verengt wurde. Dadurch mussten Fahrzeuge nochmals ihre Geschwindigkeit reduzieren.Friederike Sattler: Herrhausen. Banker, Querdenker, Global Player. Siedler, München 2019, S. 622.»Wir können jeden erledigen« Der Spiegel, Ausgabe 49/1989 vom 3. Dezember 1989
Am Donnerstagmorgen des 30. November 1989 verließ Herrhausen sein Wohnhaus im Ellerhöhweg in Bad Homburg, um sich von seinem Chauffeur in seiner mit der höchsten Widerstandsklasse (B6/B7) gepanzerten Mercedes S-Klasse-Limousine 500 SE W 126 ins Büro der Deutschen Bank nach Frankfurt am Main fahren zu lassen.Friederike Sattler: Herrhausen. Banker, Querdenker, Global Player. Siedler, München 2019, S. 619. Nur in wenigen hundert Metern Entfernung von seinem Wohnhaus nach einer Fahrzeit von etwa drei Minuten detonierte um 8:34 Uhr im Seedammweg () zwischen Taunus-Therme und Seedammbad eine technisch höchst raffiniert konstruierte Bombe, die sich auf dem Gepäckträger eines präparierten Kinderfahrrads am Straßenrand befand. Herrhausen, der im Fahrzeug auf dem Rücksitz hinter dem Beifahrersitz saß, kam bei dem technisch präzise ausgeführten Attentat ums Leben, sein Chauffeur wurde durch das Geschoss verletzt. Die Personenschützer in den beiden Begleitfahrzeugen blieben unverletzt.Eine Rekonstruktion der Ereignisse findet sich bei Matthias Kliem (Hrsg.): Das Herrhausen-Attentat in Bad Homburg. Zeitzeugen berichten. Societäts-Medien, Frankfurt am Main 2011, insbesondere S. 13 f. Bei Andres Veiel: Black Box BRD. DVA, Stuttgart, München 2002, S. 9, wird als Tatzeit 8:37 genannt.ARD-Film präsentiert neue Theorie zum Herrhausen-Mord. Der Spiegel (online), 29. November 2014; abgerufen am 5. Oktober 2024
Attentat Attentatsvorbereitungen mini|Der Anschlagsort im Dezember 2024. Das Fahrrad mit der Bombe befand sich in Höhe der auf der linken Straßenseite befindlichen Büsche gegenüber der Bushaltestelle. Herrhausen und seine Wagenkolonne fuhr aus dem Ellerhöhweg kommend – wie der PKW auf dem Foto – den Seedammweg herunter Anfang Oktober 1989 richtet eine als Bauarbeitertrupp getarnte fünfköpfige Vorbereitungsgruppe des Attentats auf dem asphaltierten Bürgersteig des Bad Homburger Seedammwegs in Höhe des Freizeitbades Taunus-Therme eine Baustelle ein. „Ordnungsgemäß“ wird die Baustelle mit rot-weißen Markierungsbändern abgesperrt. Unter dem Bürgersteig soll ein Kabel verlegt werden, um für das Attentat auf Herrhausen eine Lichtschranke zu installieren. Statt mit einem professionellen Asphaltschneider meißelten die „Bauarbeiter“ die Asphaltdecke laienhaft mit Hammer und Meißel auf. Sie legten das Kabel in die aufgemeißelte Rille, schmierten sie wieder zu und führten das Kabel durch die Grünanlage des Freizeitbades bis zu einem Gebüsch. Nach Abschluss der Arbeiten wurde vom Vorbereitungstrupp ein Hammer liegengelassen. Der Hausmeister der Taunus-Therme entdeckte das 86 Meter lange Kabel auf dem Grundstück und entfernte es. Als Gartenarbeiter getarnt verlegten die Attentäter das Kabel neu. Noch wenige Tage vor dem Anschlag hantierten die Attentäter tagelang mit Messlatten am späteren Tatort. Sie richteten die Lichtschranke ein, die den Sprengstoff zünden sollte. Zudem schlossen ein Mann und eine Frau in Joggerkleidung an mehreren Tagen Ende November 1989 ein Fahrrad stets am selben Straßenbegrenzungspfahl an, wieder an der Stelle, wo letztlich die Explosion stattfand. Auf dem Gepäckträger des Fahrrades war, wie am Tag des Anschlags, ein Paket befestigt.Paul Kohl: „Wir wissen definitiv, wer die Täter waren.“ Das Attentat auf Alfred Herrhausen. Rekonstruktion einer Spurenverwischung. Feature, Co-Produktion DLF/SR/SFB/WDR, Sendetermin 7. Januar 1997, 19:15 Uhr () Tonaufzeichnung bei YouTube.»Wir können jeden erledigen« Der Spiegel, Ausgabe 49/1989 vom 3. Dezember 1989
Attentatsausführung mini|Schema 1 Herrhausen-Attentat (Übersicht Attentatsausführung) mini|Schema 2 Herrhausen-Attentat (Sprengfalle) mini|Schema 3 Herrhausen-Attentat (Funktionsweise der Bombe und Darstellung des Attentats) mini|thumbtime=00|Rekonstruktion der letzten Fahrt von Alfred Herrhausen Am Morgen des 30. November vor dem Attentat wurden fünf Attentäter und zwei Autos der Attentäter im Umfeld der Tatstelle beobachtet. Darunter befanden sich zwei in Jogginganzügen gekleidete und mit Kopfhörern ausgestattete Attentäter sowie zwei Attentäterinnen. Als Fluchtwagen diente ein weißer Lancia Y10 Fila. Unter anderem trugen die Attentäter eine batteriebetriebene Vorrichtung zur Zündung des Sprengsatzes in ein Gebüsch der Taunus-Therme an der Straße „Im Rosengarten“. Zudem justierten sie die an einem Straßenbegrenzungspfahl montierte Infrarot-Lichtschranke inklusive des auf der anderen Straßenseite befindlichen Reflektors gegenüber des Lichtschrankengeräts. Eine halbe Stunde vor dem Attentat „bestreiften“ die in Observation geschulten Spezialisten – wie in den Wochen zuvor – den Seedammweg und bemerkten weder das Jungen-Kinderfahrrad der Marke »Globus 2000« mit dem Sprengstoffpaket auf dem Gepäckträger, nicht das Lichtschrankengerät an einem Straßenbegrenzungspfahl, nicht das eineinhalb Meter lange, frei hängende Kabel zwischen dem Lichtschrankengerät und dem Sprengstoff und auch nicht den Reflektor an einem Straßenbegrenzungspfahl auf der anderen Straßenseite.Paul Kohl: „Wir wissen definitiv, wer die Täter waren.“ Das Attentat auf Alfred Herrhausen. Rekonstruktion einer Spurenverwischung. Feature, Co-Produktion DLF/SR/SFB/WDR, Sendetermin 7. Januar 1997, 19:15 Uhr () Tonaufzeichnung bei YouTube.»Wir können jeden erledigen« Der Spiegel, Ausgabe 49/1989 vom 3. Dezember 1989
Der Wagenkonvoi von Herrhausen bestand wie immer aus drei Fahrzeugen: Ein Wagen fuhr vor Herrhausens gepanzertem Mercedes, ein weiteres Fahrzeug hinter ihm. Der erste Personenschutzwagen der Deutschen Bank fuhr an diesem Morgen fast zweihundert Meter weit voraus, viel weiter als sonst üblich ist. In dem Moment, als der Führungswagen die noch unaktivierte Lichtschranke passiert hatte, sendete ein als Jogger verkleideter Terrorist einem ebenfalls als Jogger verkleidetem Terroristen ein Signal. Dieser Terrorist befand sich in rund 85 Meter Entfernung zur Lichtschranke in einem Gebüsch der Taunus-Therme und aktivierte daraufhin mit einem batteriebetriebenen, zweckentfremdeten Voltmeter die mit einem zweiadrigen Kabel verbundene Lichtschranke. Als Herrhausens Führungswagen der Kolonne rechts um die Ecke vom Seedammweg auf die Kaiser-Friedrich-Promenade gebogen war, fuhr ein Wagen der Attentäter auf die Ecke der Straßeneinfahrt zum Seedammweg, um eventuell herannahenden Verkehr zu blockieren, der wiederum die Lichtschranke hätte passieren können.Dennis Pluchinsky RAF Assassination of Alfred Herrhausen. In: Terrorist Tactics and Security Practices, U.S. Department of State Bureau of Consular Affairs, Februar 1994; S. 7–9