mini|Haarausfall im Schwanzbereich („Rattenschwanz“) bei einem Labrador Retriever mit Schilddrüsenunterfunktion Die Schilddrüsenunterfunktion des Hundes (synonym canine Hypothyreose oder caniner Hypothyreoidismus) ist eine endokrinologische (hormonelle) Erkrankung der Haushunde. Sie ist wie die Schilddrüsenunterfunktion des Menschen durch eine unzureichende Produktion der Schilddrüsenhormone gekennzeichnet. Die häufigste Ursache ist die Zerstörung des Schilddrüsengewebes ohne erkennbare Ursache oder durch das körpereigene Immunsystem. Was Letzteres auslöst, ist allerdings ebenfalls unbekannt. Da diese Erkrankung bei einigen Hunderassen gehäuft auftritt, ist sie zumindest zum Teil erblich bedingt. Deutlich seltener ist der übergeordnete hormonelle Regelkreis der Schilddrüse im Hypothalamus oder in der Hypophyse (Hirnanhangdrüse) gestört.
Zumeist sind Hunde großer Hunderassen und mittleren Alters betroffen. Typische Anzeichen sind Abgeschlagenheit, Bewegungsunlust und Gewichtszunahme. Sehr häufig treten auch Hautprobleme wie Haarausfall („Rattenschwanz“), übermäßige Pigmentierung und trockene Haut auf, aber auch andere Organsysteme können betroffen sein. Zur Diagnostik werden routinemäßig die Blutspiegel des Schilddrüsenhormons Thyroxin und des Hirnanhangsdrüsenhormons Thyreotropin bestimmt. Es gibt aber Fälle, in denen keine eindeutige Diagnose möglich ist, insbesondere wenn der Thyroxinspiegel durch andere Erkrankungen erniedrigt ist (Euthyroid-Sick-Syndrom). Daher zählt die Hypothyreose beim Hund nicht nur zu den häufigsten endokrinologischen Krankheiten, sondern auch zu den am häufigsten überdiagnostizierten. Das bedeutet, dass sie oft fälschlicherweise als Schilddrüsenerkrankung eingestuft wird (Fehldiagnose). Die Behandlung erfolgt lebenslang durch die Gabe von Schilddrüsenhormon (Levothyroxin) in Tabletten- oder flüssiger Form. Wenn anhand der Laborbefunde keine eindeutige Diagnose möglich ist, das klinische Bild aber klar für eine Hypothyreose spricht, wird die Behandlung zunächst versuchsweise eingeleitet, anhand des Heilungserfolgs kritisch bewertet und bei ausbleibender Besserung wieder abgebrochen.
Fachbegriffe Das Adjektiv canin leitet sich von ‚Hund‘ ab. Hypothyreose ist eine Wortzusammensetzung aus ‚unter‘ und ‚Schild‘. Da die Schilddrüse wie ein Schild vor der Luftröhre liegt, ist der anatomisch-lateinische Fachbegriff für dieses Organ (lateinisch bedeutet ‚Drüse‘). Die Endung -(o)id ‚ähnlich‘ beziehungsweise -ose () stammt aus dem Griechischen und steht für Erkrankungen.
Biologische Grundlagen
mini|Regulation der Funktion der Schilddrüse (Thyreotroper Regelkreis) Die Schilddrüse ist eine endokrine Drüse (Hormondrüse), die bei Säugetieren in einen rechten und einen linken Lappen (Lobus dexter und sinister) unterteilt ist. Diese spindelförmigen Gebilde liegen beidseits an der Luftröhre brustwärts des Kehlkopfs. Zusammen haben beide Schilddrüsenlappen beim gesunden Golden Retriever ein Gesamtvolumen von etwa 950 mm3, beim Beagle von 300 bis 800 mm3 mit der Tendenz zur Größenabnahme mit zunehmendem Alter. Die Schilddrüsenmasse beträgt beim Hund zwischen 0,6 und 25 g und ist von Alter, Rasse, Geschlecht und klimatischen Verhältnissen abhängig. Beide Lappen sind gelegentlich durch eine sehr schmale Gewebsbrücke (Isthmus) miteinander verbunden. Das Funktionsgewebe (Parenchym) besteht aus vielen kleinen Bläschen, den Schilddrüsenfollikeln. Die Zellen der Wand dieser Bläschen nennt man Follikelepithel. Sie bilden Thyreoglobulin und geben es an das Innere der Bläschen ab, wo es als „Kolloid“ gespeichert wird. Über einen Natrium-Iodid-Symporter gelangt Jod in die Follikelepithelzellen und wird durch einen Ionenkanal namens Pendrin in das Innere der Bläschen transportiert. Das ebenfalls aus dem Follikelepithel stammende Enzym Thyreoperoxidase ermöglicht die Bindung von Jod an die Tyrosin-Anteile des Thyreoglobulins (für Bindung von Jod an ein Protein wird auch der Begriff Jodorganisierung verwendet). Neben der eigentlichen Schilddrüse findet man etwa bei der Hälfte der Hunde während der Organentstehung versprengtes (ektopes) Schilddrüsengewebe, meist an der Aorta im Bereich des Herzens.
Thyreoglobulin ist die Vorstufe des eigentlichen Schilddrüsenhormons Thyroxin (Tetraiodthyronin, T4). T4 ist zu 99 % an Plasmaproteine, vor allem an das Thyroxin-bindende Globulin gebunden, in geringer Menge an Transthyretin, Albumine und Apolipoproteine. Von diesen Plasmaproteinen wird das biologisch aktive freie Thyroxin (fT4) abgespalten. Das Schilddrüsenhormon Triiodthyronin (T3) wird nur zu etwa 20 % in der Schilddrüse gebildet, der überwiegende Teil entsteht im übrigen Körper durch Abspaltung eines Jod-Atoms vom äußeren Ring des Thyroxins. T3 ist bis zu 5-mal stärker wirksam als T4. Es ist ebenfalls größtenteils an Plasmaproteine gebunden und nur das freie Triiodthyronin (fT3) ist biologisch aktiv. Im Vergleich zum Menschen haben Hunde im Blutserum einen niedrigeren Spiegel an Schilddrüsenhormonen, aber einen höheren Anteil an fT4 und fT3. Nur die freien Schilddrüsenhormone können in die Körperzellen gelangen und somit eine Wirkung entfalten.
Schilddrüsenhormone haben eine Vielzahl von Wirkungen im Organismus. Sie stimulieren den Stoffwechsel nahezu aller Zellen, indem sie an Rezeptoren im Zellkern andocken. Dieser Hormon-Rezeptor-Komplex bindet an die Erbsubstanz Desoxyribonukleinsäure (DNA) und beeinflusst die Genexpression und damit die Bildung vieler Enzyme. Durch Erhöhung der Stoffwechselrate wird Wärme erzeugt, Fettreserven werden mobilisiert und die Fettverbrennung in vielen Geweben gesteigert. Darüber hinaus wird der Kohlenhydratstoffwechsel durch den verstärkten insulinabhängigen Eintritt von Blutzucker in die Zellen, eine gesteigerte Blutzuckerneubildung (Gluconeogenese) und Vielfachzuckerspaltung (Glykogenolyse) beeinflusst. Zudem werden viele Wachstums- und Entwicklungsprozesse durch Schilddrüsenhormone gefördert, die Herzleistung, Durchblutung und Blutbildung werden gesteigert, das Nervensystem stimuliert und Fortpflanzungsprozesse beeinflusst. In den Haarfollikeln hemmen die Schilddrüsenhormone die Apoptose der Matrixzellen und damit die Einleitung der Katagenphase des Haarzyklus. T4 fördert die Zellvermehrung der Matrixzellen und verlängert die Anagenphase und damit das Haarwachstum.
Die Abgabe des Thyroxins wird durch übergeordnete Steuerungszentren reguliert. Im Hypothalamus, der Schnittstelle zwischen Zentralnervensystem und Hormonsystem, liegt der primäre Taktgeber für die Schilddrüsenhormone. Spezialisierte Zellen im Nucleus paraventricularis produzieren bei Bedarf das Hormon Thyreoliberin (Syn. Thyrotropin Releasing Hormone, TRH). Dieses gelangt über die Hypophysenpfortader zur Adenohypophyse, einem Teil der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse). Hier stimuliert das TRH die Ausschüttung von Thyreotropin (Thyreoidea-stimulierendes Hormon, TSH), welches die Schilddrüse zur Abgabe von Thyroxin anregt. Man nennt dieses Steuerungssystem auch thyreotroper Regelkreis oder Hypothalamus-Hypophysen-Schilddrüsen-Achse. Ein hoher Spiegel von freiem T4 unterdrückt die Bildung der übergeordneten Hormone TRH und TSH (negative Rückkopplung). Darüber hinaus wird die gewebsspezifische Wirkung der Schilddrüsenhormone durch Membrantransporter, Jod-abspaltende Enzyme (welche T4 in das stärker wirksame T3 oder durch weitere Jod-Abspaltung in inaktive Formen umwandeln) und die Regulation der Hormonrezeptoren gesteuert.
Häufigkeit Die Hypothyreose ist eine relativ häufige Hormonerkrankung beim Haushund. Im Patientengut der Klinik der University of California, Davis hatten 0,24 % der Hunde eine Schilddrüsenunterfunktion, wobei eine deutliche Häufung bei einigen Rassen zu beobachten war. Je nach Rasse kann der Anteil der Schilddrüsenkranken (Prävalenz) bis zu 9 % betragen.
Ursache und Formen Primäre Hypothyreose Die primäre Hypothyreose ist die häufigste Form der Schilddrüsenunterfunktion bei Hunden und macht etwa 95 % der Fälle aus. Sie entsteht durch Zerstörung des Schilddrüsengewebes. In der Hälfte der Fälle ist sie Folge einer Entzündung (lymphozytäre Thyreoiditis). Bei der anderen Hälfte der Fälle tritt sie ohne erkennbare Ursache auf (idiopathisch). mini|Lymphoide Infiltrate mit Ausbildung von Sekundärfollikeln bei Hashimoto-Thyreoiditis, ein ähnliches histologisches Bild wird auch bei der lymphozytären Thyreoiditis des Hundes beobachtet
Die lymphozytäre Thyreoiditis ist eine Autoimmunerkrankung, das heißt, die Zerstörung des Gewebes wird durch das körpereigene Immunsystem hervorgerufen. Diese Autoimmunthyreopathie ähnelt der Hashimoto-Thyreoiditis des Menschen und ist durch Einwanderung von Lymphozyten, Plasmazellen und Makrophagen gekennzeichnet. Der Auslöser dieser Entzündung ist nicht genau bekannt, aufgrund der Häufung bei einigen Hunderassen und Zuchtlinien innerhalb dieser Rassen wird eine erbliche Komponente angenommen. Eine Studie konnte einen statistischen Zusammenhang zwischen einer Hypothyreose und einer Variante einer Nukleotidsequenz (Haplotyp) auf dem Chromosom 12 nachweisen. In einer finnischen Hovawart-Population wurde eine Heritabilität von 0,47–0,62 ermittelt, weshalb die Autoren einen Zuchtsausschluss betroffener Tiere empfehlen. Infektionen oder Impfschäden konnte man als Auslöser mittlerweile ausschließen. Die Gewebszerstörung verläuft schleichend, aber stetig. Es dauert häufig ein bis drei Jahre, ehe die Erkrankung klinisch zutage tritt. Besonders häufig treten Autoantikörper bei English Pointer, English Setter, Skye Terrier, Deutsch Drahthaar, Bobtail, Deutscher Boxer, Malteser, Kuvasz, Petit Basset Griffon Vendéen, Riesenschnauzer, Wolfsspitz, Bouvier des Flandres, Dobermann, Samojede und Eurasier auf. Auch Deutsche Dogge, Zwergpudel, Irish Setter, Basenji, Rhodesian Ridgeback, Chesapeake Bay Retriever, Beagle, Siberian Husky, Border Collie, Akita Inu und Shetland Sheepdog leiden überdurchschnittlich oft an einer Hypothyreose. Sehr selten kann die lymphozytäre Thyreoiditis mit anderen autoimmunbedingten Hormonstörungen kombiniert sein, etwa mit einer Nebennierenunterfunktion, einem Typ1-Diabetes mellitus, einer Nebenschilddrüsenunterfunktion oder einer lymphozytären Hodenentzündung.
Bei der idiopathischen Atrophie der Schilddrüse treten dagegen keine entzündlichen Infiltrate im Schilddrüsenrestgewebe auf. Das Schilddrüsengewebe ist durch Binde- und Fettgewebe ersetzt. Man nimmt an, dass es sich um eine primär degenerative Erkrankung oder um das Endstadium einer lymphozytären Thyreoiditis handelt. Frühe Läsionen treten herdförmig (fokal) auf, die Schilddrüsenfollikel sind klein, enthalten nur wenig Kolloid und die Epithelzellen sind zunächst hochprismatisch, später kubisch. Da allerdings Hunde mit einer Hypothyreose unter Behandlung eine normale Lebenserwartung haben und daher selten obduziert werden, beruhen die Kenntnisse über den Verlauf dieser Form nur auf einigen Laborhunden.
Sekundäre Hypothyreose