mini|Informationstafel am Hyrtlplatz nahe der Wienerstraße am linken (östlichen) Schutzlöwen des ehem. Waisenhausareals. (Foto: Walter Jirka) Die St.-Martins-Kirche ist der romanische bzw. um 1744 barock umgestaltete Vorgängerbau der heutigen Waisenhauskirche (St.-Josefs-Kirche) auf dem Areal des ehemaligen Waisenhauses in der Stadt Mödling, Hyrtlplatz, Bezirk Mödling, in Niederösterreich. Sie bestand von etwa bzw. vor 900, also möglicherweise seit karolingischer ZeitVgl. Ronald Kurt Salzer: Die Babenberger und die Herrschaft Mödling. In: Helmut Scharsching, Roland Kurt Salzer: Burg und Herrschaft Mödling. Die Zeit der Babenberger 976–1246. Bibliothek der Provinz, Weitra o. J. (2020), ISBN 978-3-99028-977-8, S. 123–167, S. 95., bis 1787 und zählte bis nach 1475 auf Grund der Größe des Pfarrbezirks zu den bedeutendsten Pfarrkirchen im südlichen Niederösterreich bzw. auch in Österreich.

mini|Romanisches Taufbecken (9. Jahrhundert?) der St.-Martins-Kirche mit erneuertem Säulenfuß, heute im Eingangsbereich der Waisenhauskirche situiert. (Foto: Walter Jirka)

Von der ursprünglichen romanischen Einrichtung ist die Schale des Taufbeckens erhalten. Die St.-Martins-Kirche ist als die älteste nachgewiesene Kirche im Raum Mödling anzusehen.Vgl. Karl Giannoni: Geschichte der Stadt Mödling. Stadtgemeinde Mödling, Mödling 1905, S. 20 f.

Die Kirche war umgeben vom bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts betriebenen Friedhof von Mödling. Dieses Gelände, welches erhöht über dem Mödlingbach liegt, wurde schlussendlich 1889 durch den Hyrtlplatz und den östlichen Trakt, bzw. durch den auf dem höheren Gelände gelegenen Teil des Waisenhaus überbaut.

Architektur Die St.-Martins-Kirche war eine romanische geostete Ostturmkirche. Im 12 Jhdt. ist die St.-Martins-Kirche als romanischen Quaderbau durch den Fund (1974) eines rotgebrannten Quaders der Kirche nachweisbar Die Kirche hat ein zweijochiges Schiff mit etwa 120 cm dicken Mauern. Das Chorquadrat mit dem Turm an der Ostseite weist gleich starke Mauern auf und war geringfügig vom Kirchenschiff abgesetzt. Eine Apsis war bei diesem frühen Bau nicht gegeben. Nach der Zerstörung 1529 wurde der Bau restauriert, nach der Devastierung 1683 wurde um 1744 die romanische Baustruktur durch einen barocken Zu- bzw. Ergänzungsbau samt Apsis erweitert.Vgl. Alfred Weiss: Dorf und Markt Mödling 800 bis 1875. In: Stadtgemeinde Mödling (Hrsg.): Mödling, Landschaft, Kultur und Wirtschaft. Stadtgemeinde Mödling, Mödling 1975, S. 89–156, S. 91 f.

Geschichte bis ca. 1530 903 findet sich die früheste Nennung von Mödling („Ultra montem commigenum […] et ad Medilihha“).Vgl. Salzer, S. 131 f. Mödling besitzt zu diesem Zeitpunkt mit Sicherheit eine Kirche östlich des heutigen Zentrums an der heutigen Wienerstraße oberhalb des Mödlingbachs an der Stelle, wo heute die Waisenhauskirche steht, möglicherweise gab es eine zweite am Ostabhang des Kalenderberges. Es konnte ein genaues Gründungs- oder Baudatum des Erstbaus der St.-Martins-Kirche bisher nicht eruiert werden.Der Vorgängerbau der St.-Othmar-Kirche ist nach neueren Forschungen möglicherweise erst mit dem 11. oder 12. Jhdt. anzusetzen. Vgl. dazu Salzer, S. 158.

Martinskirchen reichen in Österreich allgemein bis ins 9. Jahrhundert zurück, also bis in die Zeit der Karolinger. Dies dürfte auf diese St.-Martins-Kirche zutreffen.Vgl. Salzer, S. 95, 156 und 160. Vgl. weiters Weiss: Dorf und Markt Mödling, S. 90 f. Die Zuordnung der Kirche zum fränkischen Nationalheiligen Martin von Tours spricht in Verbindung mit der ersten Erwähnung Mödlings 903 deutlich dafür, dass es sich dabei um eine der Urpfarren Niederösterreichs handelt. Im Volksmund wird die St.-Martins-Kirche schon früh als die „große Pfarre in Österreich“ bezeichnetVgl. Freunde der Geschichte (Hrsg.). Historische und topographische Darstellung von Medling und der Umgegend. Doll, Wien 1824, S. 37. Vgl. geringfügig unterschiedlich formuliert („große Pfarrkirche in Österreich“ Adolf Schmidl: Wien‘s Umgebungen auf zwanzig Stunden im Umkreise. Gerold, Wien 1835, S. 260., nicht allein wegen ihrer reichen Zehenten, sondern auch wegen des umfangreichen dazugehörigen Pfarrbezirks und zur Zeit der Babenberger von den Babenbergern reichlich dotiert. Bedenkt man, dass außer Wien in dieser Frühzeit keine weitere Pfarre bestand und dass die Stola-Gebühren für jede liturgische Handlung den Pfarren abgegolten werden mussten, so dass die geistliche Gerichtsbarkeit mehrere Orte umfassten und dass von dem Grundeigentümer den Geistlichen auch der Zehent abgeführt wurden, so muss St. Martin eine reiche Pfarre gewesen sein.Vgl. Johann Sarenk: Geschichte und Topographie des landesfürstlichen Marktes Mödling und seiner reitzenden Umgebungen. Doll, Wien 1817, S. 27 und an mehreren Stellen. Ab dem 9. Jahrhundert ist die St.-Martins-Kirche eine Urpfarre, spätestens ab 1113 Mutterpfarre Niederösterreichs, 1178 als bereits länger bestehende (Mutter-)Pfarre dokumentiert.Vgl. Salzer, S. 129, 144 und 156. Vgl. Bundesdenkmalamt (Hrsg.): Dehio-Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs. Niederösterreich südlich der Donau. Teil 2. M bis Z. Mödling. Pfarrkirche hl. Othmar. Berger, Horn/Wien 2003, ISBN 3-85028-365-8, S. 1465. 1113 dotiert Markgraf Leopold der Heilige (Leopold III.) die St.-Martins-Kirche mit dem Patronat Stift Melk, darin wird die Martins-Kirche erstmals urkundlich als „die große Pfarre“ erwähnt, was sich auf den umfangreichen Pfarrbezirk bezieht.Vgl. Freunde der Geschichte, S. 35 f. In einer Urkunde Herzog Friedrichs II. von 1236 heißt es weiters: „Ad notitiam omnium, in scripto duximus relinquendum: quod nos monasterio Mellicensi recognoscimus plenum jus eligendi clericum et etiam praesentandi in ecclesia S. Martini parochiali, quae dicitur Medlinek, in praedictis nullum jus, nos aut potestatem aliquam profitentes habere.“ Das heißt übersetzt: „Zur Kenntnis aller erachteten wir schriftlich hinterlassen zu müssen: dass wir dem Kloster Melk das volle Recht zuerkannt haben, einen Geistlichen zu bestimmen und auch einzusetzen in der Pfarrkirche des Hl. Martin, die Mödling genannt wird, wobei wir erklären, dass wir an Vorbesagtem kein Recht oder irgendeine Verfügungsgewalt haben.“Zitiert nach: Freunde der Geschichte, S. 35.

1256 wird die Kirche in einer Schenkungsurkunde von König Přemysl Ottokar II. erwähnt, in welcher dem Stift Melk ein Hof, der spätere „Freihof“ K. Nr. 9, in Mödling und Weingärten zu dem Zwecke geschenkt wurden, die alte, damals offenbar bereits halbverfallene Martins-Kirche wieder herzustellen und zu erhalten.Vgl. Salzer, S. 144. Vgl. weiters Koloman Götzl: Festschrift zur 100-jährigen Wiederkehr der feierlichen Eröffnung der „Dr.-Josef-Hyrtl’schen Waisen-Stiftung in Mödling am 1. Oktober des Jahres 1886“. Stadtgemeinde Mödling, Mödling 1986, S. 35. Vgl. weiters Freunde der Geschichte, S. 34.

1374 wird die Pfarre Mödling und damit die St.-Martins-Kirche dem Stift Melk inkorporiert.Vgl. Salzer, S. 156. Noch 1475 ist die St.-Martins-Kirche als Pfarrkirche nachzuweisen und wird zur Dotation an das Domdekanat Wien bestimmt. Papst Sixtus IV. spricht in einer Bulle vom Jahre 1475 von der St.-Martins-Kirche in „Medling“: „Etsi beatae Mariae in Perchtoldsdorf, quae de jure Patronatus praefati Imperat. (Friderici IV.) ratione Ducatus Austriae existit Praepositurae, et S. Martini in Medling, quae ad collationem et provisionem Abbatis et Convent. Monasterii S.M.V. in Mellico Ord. S. Bened. paroch. ecclesiae Pataviensis et civitati Viennensi contiguae et vicinae existunt, Decanatatui praedicto – incorporentur etc.“Zitiert nach bzw. vgl. dazu Freunde der Geschichte, S. 46. Das heißt übersetzt: „Aber [jene Kirche] der seligen Maria in Perchtoldsdorf, die nach dem Recht der Schirmherrschaft des vorgenannten Kaisers (Friedrich IV. [heute bez. als Friedrich III.]) eine Propstei des Herzogtums Österreich ist, und [jene] des hl. Martin in Mödling, die Pfarren der Passauer Kirche zur Pfründe und Versorgung des Abtes und Konventes des Klosters S. M. V. vom Orden des hl. Benedikt in Melk und der Stadt Wien angrenzend und benachbart sind, sollen dem vorerwähnten Dekanat einverleibt werden usw.“

Im Laufe der Zeit wurden mehrere Orte aus der Mutterpfarre Mödling/St. Martin herausgenommen, auch dadurch wird der Umfang des ursprünglichen Pfarrgebiets deutlich: Guntramsdorf 1200, Perchtoldsdorf 1217, weiters im 13. und 14. Jahrhundert Münchendorf,Vgl. Salzer, S. 156 f. Biedermannsdorf, Achau und LaxenburgVgl. Alfred Weiss: Othmarskirche, romanische Kirche, Martinskirche. Stadtgemeinde Mödling, Mödling o. J. (1979), S. 5 f..

In der weiteren Folge wird die St.-Martin-Kirche durch die nun baulich vergrößerte St.-Othmar-Kirche ( Pfarrkirche Mödling-St. Othmar) nahe dem Ortszentrum in der Funktion als Pfarrkirche abgelöst, dient nun vor allem als Friedhofskirche und Orientierungspunkt in der Ebene östlich von Mödling. 1529 werden St. Martin und St. Othmar von osmanischen Streifscharen zerstört.

Geschichte von ca. 1530 bis 1787 St. Martin wird in der Folge wieder in Stand gesetzt, wobei vor allem das Kirchendach erneuert werden musste.Vgl. Giannoni, S. 53 f. 1582 wird am Torbogen zum Friedhof von St. Martin eine Steintafel mit folgender Inschrift angebracht, die noch 1823 dokumentiert ist: „Richter und Rath lassen die Kirche und den Turm der Martinskirche renovieren.“Weiss: Othmarskirche, romanische Kirche, Martinskirche, S. 6. Vgl. weiters Sarenk, S. 40; mit einem geringfügig unterschiedlich formulierten Text.

mini|Burgfriedensplan, um 1610, St.-Martins-Kirche, Mödling (Foto: Walter Jirka)

Im Burgfriedensplan von Mödling 1610 sind Kirche und Friedhof von einer Mauer mit Strebepfeilern umgeben. Die gerade Nordmauer auf der Straßenseite deutet auf einen ehemaligen Wehrgraben hin, die Schießscharten in der Mauer lassen vermuten an, dass die St.-Martins-Kirche eine Wehrkirche ist. 1683 wird die St.-Martins-Kirche ebenso wie St. Othmar von Osmanischen Truppen neuerlich zerstört. Näheres über die darauf folgende Wiederherstellung ist derzeit nicht belegt.

1720 vermacht Frau Maria Clara Mazin der St.-Martins-Kirche laut Testament vom 19. Dezember 1720 zwanzig Gulden zur Erhaltung und Ausbesserung des Kirchendaches sowie einen silbernen Kelch und verordnet, dass jährlich drei Heilige Messen auf den drei Altären, dem Mariae-Empfängnis-Altar, dem St.-Martins-Altar und dem Aller-Seelen-Altar, für sie gelesen werden.Vgl. Doležal: Die St. Martinskirche in Mödling. Ihre Demolierung im Spiegel von Pfarrchronik und Ratsprotokoll. In: Kulturzeitschrift medilihha, 2015 (7. Jg.), Nr. 14, ISSN 2073-123X, S. 2–6., S. 3.

mini|„Ratsherr und Baumeister Johann Georg Kirchhofer“, mit dem Bauplan der St.-Martins-Kirche, Gemälde, anonym, 1744, Museum Mödling, Mödling. (Foto: Walter Jirka)

1738 erweitert Rudolph Graf Korzensky (Korschensky), böhmischer Hofvicekanzler, durch die Schenkung eines anschließenden Weingartens den Kirchengrund, lässt eine Allee, einen Brunnen und eine Einsiedelei anlegen und den Turm und das Kirchendach renovieren. Zugleich „erhebt“ er den Hauptaltar.Vgl. Doležal, S. 2 f. 1744 schenkt er weitere notwendige Utensilien: „1744, Zur St Martins Kürchen, hat H[err] Lesetarius von Herrn Graffen v[on] Korsinski zwey Meßbiecher vor die lebendige, und 2. vor die Todte od[er] abgestorbene eingeschickt, und lauth Bericht will er noch einen Kelch, und ciborium überschickhen: die Buecher sollen dem Einsidler behändtiget werd[en] zum aufheben.“Stadtarchiv Mödling, 1744 Ratsprotokoll Handschrift: 1742-44, 9/14, S. 19/20. Vgl. weiters Doležal, S. 2.

mini|„Ratsherr und Baumeister Johann Georg Kirchhofer“, Gemälde, anonym, 1744, Ausschnitt, Museum Mödling, Mödling. Ausschnitt mit dem Grund- und Aufrissplan der St.-Martins-Kirche für die Wiedererrichtung, dunkel eingefärbt die romanischen Mauerzüge. (Foto: Walter Jirka)