Topik (abgeleitet von altgriechisch τόπος (topos) = Ort, Stelle Landstrich, Grund, Grundlage der Beweisführung, Thema, Terminus technicus der Rhetorik) ist ein übergreifendes Modell, das sowohl in der Psychologie als auch in den klassischen Naturwissenschaften und in den Geisteswissenschaften gültig ist. Abgeleitet ist der Begriff auch aus der Topik des Aristoteles als den allgemeinen Gesichtspunkten, die zur ‚Erörterung‘ eines Themas dienen. Kant verwendet den Begriff ›Topik‹ sowohl in logischer als auch in transzendentaler Hinsicht. Mit „transzendental“ ist bei ihm der „Ort“ zwischen Sinnlichkeit und dem reinem Verstand gemeint. Der Begriff ›Topik‹ hat somit eine Bedeutungserweiterung bzw. Zunahme seiner Extension erfahren. Im engeren Sinne des Artikels wird sowohl von

topischer Diagnostik in der Neurologie und von topographischer Anatomie

als auch von

metaphorischer psychologischer Topik

gesprochen. Diese Gemeinsamkeit ist u. a. auch auf die Erfolge der Psychophysik im 19. Jahrhundert zurückzuführen, die gesetzliche Zusammenhänge u. a. in der Wahrnehmungsphysiologie zum Gegenstand hatten, → Experimentalpsychologie, Psychodynamik.

Zum Verständnis Neurologie und Psychiatrie haben trotz mannigfacher Berührungspunkte in ihrem wissenschaftlichen Selbstverständnis unterschiedliche Ansätze. Neurologen wie Robert Bing (1878–1956) oder Paul Dubois (1848–1918) führten einen Kampf um die Verselbständigung ihres Fachgebietes, das sich erst langsam von der Psychiatrie abzulösen begann. Während für die Neurologie lokalisatorische Gesichtspunkte von ausschlaggebender Bedeutung für die naturwissenschaftliche Ausrichtung dieses Fachs sind, gilt für die Psychiatrie diese Forderung zwar ebenfalls, aber es gewannen auch andere Tatsachen zunehmend an Bedeutung, wie etwa die von Sigmund Freud (1856–1939) aufgestellte Unterscheidung verschiedener Systeme des „psychischen Apparats“, siehe Kap. Psychische Topik. Diese Unterscheidung beruht weniger auf anatomischen als vielmehr auf abstrakten, ggf. auch als hypothetisch oder psychogenetisch bzw. geistes- und kulturgeschichtlich aufzufassenden Prinzipien. Freud hat die topische Terminologie eingeführt, um auf die Unterschiede und Gemeinsamkeiten beider Sichtweisen hinzuweisen, die ihm hierbei sehr bewusst waren. Da er ursprünglich neuropathologische Tätigkeiten ausübte, ist ihm die Anatomie des Nervensystems keineswegs fremd. In seiner Topik ist zwar weniger von Lokalisation als vielmehr von gleichnishafter bzw. metaphorischer Bedeutung die Rede, aber weder topische noch lokalisatorische Erkenntnisse können sich gegenseitig ganz ausschließen. Es besteht vielfach eine Komplementarität zwischen psycholoigsch-metaphorischen und neurologischen Gesichtspunkten, die um so mehr erforderlich ist, als den vielfältigen psychologischen Erkenntnissen und auch den neuesten Forschungsergebnissen auf den Gebieten der Neurophysiologie, Biochemie und Neuroradiologie Rechnung zu tragen ist. Auch der ursprünglich philosophische Begriff der Topik besitzt diese doppelte Bedeutung.

Anatomische Topik Die engen Beziehungen zwischen psychischen Phänomenen und Neuroanatomie begründeten die noch heute anhaltende Ära des engen Zusammenhangs von Neurologie und medizinischer Psychologie / Psychiatrie. Viele inzwischen erforschte neuropsychologische Syndrome begründen den Erfolg dieser naturwissenschaftlich-anatomischen Anschauungsweise. Der topographische Gesichtspunkt hat sich in der Anatomie als wesentlicher Gesichtspunkt einer funktionellen Anatomie herausgestellt neben deskriptiver und systematischer Anatomie. Mit funktioneller Anatomie sind die strukturellen anatomischen Vorkenntnisse gemeint, die zum Verständnis der Körperfunktionen und damit der Physiologie erforderlich sind (→ Strukturfunktionalismus).

Der aus der Soziologie entlehnte Begriff des Strukturfunktionalismus trifft insofern auf die Anatomie zu, als es sich im Falle der Topik eben nicht um einen rein anatomischen, sondern in erster Linie um einen fachübergreifenden Begriff handelt. Das auch die Gesellschaft umfassende Modell des „Zusammenlebens von Lebewesen in einem räumlich abgegrenzten Bereich“ lässt sich auch auf biologische Organismen übertragen, die als ein System zusammenwirkender Organe und Zelleinheiten beschreibbar sind, ähnlich wie es die Anatomie tut.

Topistische Hirnforschung ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts bemüht, Regionen innerhalb des makro- und mikroskopischen Bauplans des Gehirns zu beschreiben und zu umgrenzen, die mit qualitativen Sonderfunktionen nach dem Prinzip der Selbstorganisation ausgestattet sind. Die Beschreibung solcher Sonderfunktionen wird gestützt durch strukturelle Besonderheiten cyto-, myelo-, angio-, fibrillo- und glioarchitektonischer Art.

Psychische Topik Psychoanalyse Der psychologische Begriff ›Topik‹ wurde von Sigmund Freud als eine von drei Betrachtungsweisen seiner Metapsychologie angesehen. Topik im psychophysiologischen Sinne, also sowohl die „Verortung“ der psychischen Vorgänge als auch ihre „Erörterung“ in systematischer Hinsicht, gehört somit neben der Psychodynamik und der Ökonomie des psychischen Vorgangs zu den wesentlichen Bestandteilen der Metapsychologie.Freud, Sigmund (1915): Das Unbewusste. GW, X. Frankfurt a. M., S. Fischer. Bei dieser grundlegenden Annahme verwendete Freud sowohl den Begriff der anatomischen Topik als auch den der psychischen Topik. Dieser letztere Begriff sollte unabhängig von der impliziten Forderung nach anatomischer Topik bzw. nach Lokalisation aller psychischen Phänomene gebraucht werden.Freud, Sigmund: Das Unbewußte. In: Das Unbewußte. Schriften zur Psychoanalyse. S. Fischer Verlag 1963, S. 15. Bereits in seiner Schrift „Die Traumdeutung“ wurde der Begriff Topik verwendet. Von der Forderung nach allzu konkreter Lokalisierbarkeit wird er insofern befreit, als Freud ihn als „ideell“ oder als „virtuell“ bezeichnet. Die psychische Leistung wird häufig nicht allein von einem einzigen streng lokalisierbaren Zentrum ausgeführt, sondern ist das Ergebnis der Interaktion verschiedener Zentren, Instanzen oder Systeme. Freud vergleicht den Begriff Topik mit dem in einem Fernrohr entstehenden virtuellen Bild, wie es durch die Linsen des Fernrohrs entworfen wird. Das Fernrohr und die Linsen sind in diesem Vergleich als der „psychische Apparat“ anzusehen, der aus den lokalisierbaren Nervenzellen des Gehirns gebildet wird, die Leistung resultiert „sozusagen zwischen ihnen“.

Der psychoanalytische Begriff ›Topik‹ bezeichnet ein Konzept der Organisation von Vorstellungsinhalten, sogenannten Repräsentanzen innerhalb der menschlichen Psyche.

Nach diesem Konzept sind Vorstellungen nicht durch zeitliche oder physiologische Grenzen getrennt, sondern durch assoziative Schranken, insbesondere „Zensurmechanismen“ und Verdrängungen. Durch diese Mechanismen werden Bewusstseinsinhalte in das Unbewusste abgeschoben bzw. abgespalten, sofern sie dem Bewusstsein nicht von vornherein schon unzugänglich sind (vgl. psychophysisches Niveau).

Freud entwickelte zwei verschiedene topische Modelle der Psyche: zuerst die als „erstes topisches Modell“ bekannte Unterscheidung von Bewusstseinsformen, mit denen Freud der bisher eher ausschließlich gepflegten Bewusstseinspsychologie entgegentrat, indem er zwischen Bewusstem/Unbewusstem/Vorbewusstem unterschied. Später beschrieb Freud dann das einflussreichere Strukturmodell der Psyche, das die Instanzen Es/Ich/Über-Ich voneinander abgrenzte. Es wird auch als „zweites topisches Modell“ Freuds bezeichnet. Nachfolger Freuds modifizierten es oder ersetzten es durch eigene Modelle, insbesondere im Kontext der Selbstpsychologie und der Objektbeziehungstheorie.

Freud stand ab 1907 bis zu seinem Tode in jahrelanger Verbindung mit Ludwig Binswanger (1881–1966). Dieser begründete eine eigene psychotherapeutische Richtung, die an die Existenzphilosophie Heideggers und an die Phänomenologie Husserls angelehnt war. Sie wird als Daseinsanalyse bezeichnet und zeigt begriffliche Parallelen mit den eigenen psychischen Konzeptionen Freuds, siehe etwa den Begriff der Eigenwelt.Peters, Uwe Henrik: Lexikon Psychiatrie, Psychotherapie, Medizinische Psychologie. 5. Auflage, Urban & Fischer, München 2000; ISBN 3-437-15060-X, S. 81 zu Lemma „Binswanger, Ludwig *1881“.

Tiefenpsychologie Auch die Bezeichnung ›Tiefenpsychologie‹ ist Ausdruck topischer Sichtweisen. Hier zeigt sich der Vorteil eines eher allgemeinen oder übergreifenden Modells, das kaum von Abstraktionen beengt oder durch Reduktionismus belastet ist. Ähnlich wie die Bezeichnung Psychodynamik ist sie nicht auf eine bestimmte psychologische Schule bzw. auf eine bestimmte Lehrmeinung festgelegt. Das zugrundeliegende Bild von „Oberfläche und tieferem Grund“ war sowohl Gegenstand von Kontroversen im Hinblick auf eine lediglich Vigilanzstörungen Rechnung tragenden und daher zu „oberflächlich“ angesetzten Bewusstseinspsychologie der Wundtschen Schule, als auch einer zusammenfassenden Betrachtungsweise der verschiedenen späteren psychologischen Schulen. Ihre Gemeinsamkeit besteht in der Beachtung der Bedeutung des Unbewussten, der Psychodynamik und damit einer Erklärung von psychischen Funktionsabläufen bzw. der Begründung einer Psychophysiologie.Peters, Uwe Henrik: Wörterbuch der Psychiatrie und medizinischen Psychologie. 3. Auflage, Urban & Schwarzenberg, München 1984; S. 564 zu Wb.-Lemma: „Tiefenpsychologie“.

Topische Betrachtungsweisen sind auch von Pierre Janet (1859–1947) in seinem Konzept des Abaissement du niveau mental (Niveaulehre) vorgetragen worden.Janet, Pierre: Les obsessions et la psychasthénie. , Paris 1908, 2. Auflage.

Gestaltpsychologie Der Begriff ›Topik‹ wurde jedoch auch von anderen psychologischen Richtungen und Schulen verwendet, so z. B. von der Gestaltpsychologie. Kurt Lewin (1890–1947) sprach von topologischer Psychologie.

Sozialpsychologische topische Modelle Auch hier ist die Feldtheorie von Kurt Lewin (1890–1947) zu nennen, die auch als topologische Psychologie bezeichnet wird. Lewin ging von der Gestaltpsychologie aus. Nach der Feldtheorie geht das individuelle Verhalten aus einer Anordnung psychologisch relevanter Kräfte (Vektorkräfte) hervor, die sowohl in einem räumlich konkret zu denkenden System (dem Nervensystem) von Teilen eines sich im Raum entwickelnden Ganzen zu verstehen ist, als z. B. auch metaphorisch als Methode der Überwindung von Hindernissen in der Denkpsychologie etwa bei der Lösung von Problemen durch die Wahl von „Umwegen“. Lewin sprach dann von „aus dem Feld“ gehen. Die Feldtheorie ist ebenso anwendbar auf Gruppenprozesse, insbesondere auf die Gruppendynamik, weshalb Lewin auch als Pionier der Sozialpsychologie gilt.

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