Die Geschichte der ehemaligen Stadt Wattenscheid ist eng mit der Geschichte des Ruhrgebiets verbunden. Eine Missionskapelle aus dem 7. Jahrhundert war die Keimzelle von Wattenscheid. Die Erhebung zur Freiheit um das Jahr 1417 gilt als wichtigstes Datum in der Geschichte von Wattenscheid. Die Freiheit gehörte zur Grafschaft Mark und kam später mit ihr an Brandenburg-Preußen. Bis in die 1840er-Jahre war Wattenscheid ein provinzielles Dorf, welches allerdings als Niederamt eine übergeordnete Funktion über die umliegenden Siedlungen hatte.
Mit der Industrialisierung explodierte die Einwohnerzahl der Region. Wattenscheid erhielt 1876 die Stadtrechte. Bei einer Gebietsreform im Ruhrgebiet von 1926 konnte Wattenscheid seine Eigenständigkeit bewahren und auch viele ihm unterstehende Orte eingemeinden. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in den Zeiten des Wiederaufbaus noch einmal einen Boom der Montanindustrie. Trotz heftiger Gegenwehr in der Bevölkerung wurde „Bochum und Wattenscheid zu der neuen Stadt Bochum zusammengelegt“, was viele aus der Bevölkerung trotz der Wortwahl als eine de facto Eingemeindung verstanden. Wattenscheid ist seitdem der Stadtbezirk 2 in der Stadt Bochum.
Frühgeschichte vor der Ernennung zur Freiheit mini|Der westfälische Hellweg mit Orten an seiner Strecke Wattenscheid lag im Siedlungsgebiet mehrerer germanischer Stämme (Chattuarier, Brukterer, Marser), deren genaue Abgrenzung allerdings schwierig ist. Die Zeit des römischen Imperiums und dessen Versuch, eine rechtsrheinische Provinz zu errichten, haben in der Region fast keine Spuren hinterlassen. In dem schon zu den Franken zählende Stämme in der Region zwischen Lippe und Ruhr, dem Brukterergau wirkte Ende des 7. Jahrhunderts alten Überlieferungen nach der heilige Wanderbischof Swidbert missionarisch für das Christentum.JORDAN: Die Gründung einer Missionskirche im heutigen Wattenscheid soll in diese Zeit fallen. Die alten Stämme wurde kurze Zeit später von denen aus dem Norden einfallenden Sachsen erobert.Kortum-Gesellschaft Bochum: 2. Heimatbuch 1928, Beiträge zur Geschichte des Gerichtswesen in Bochum Stadt und Land in älterer Zeit, Dr. Höfken (online)
Wattenscheid bezeichnete sich selbst als die alte Stadt am Hellweg, welcher in der Stadtgeschichte auch eine wesentliche Rolle spielte. Der westfälische Hellweg war schon in der Bronzezeit eine wichtige Verbindung zwischen Ost und West und verlief auf dem Höhenrücken zwischen Ruhr und Emscher, im Wattenscheider Gebiet südlich des heutigen Stadtzentrums. Als die Franken unter Karl dem Großen das Land der Sachsen nach langwierigen Kämpfen eroberten (772–804), wurde entlang des Hellweges die Region planmäßig mit Reichshöfen, mit christlichen Missionskapellen erschlossen.
Die erste urkundliche Erwähnung von Wattenscheid als WattanscetheDARPE: findet sich um das Jahr 900Stefan Pätzold: Bochum. Kleine Stadtgeschichte. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2017, S. 14. im Heberegister des Klosters Werden (Werdener Urbar A), welches viele Bauernschaften (villae) im Borahtron-Gau auflistete. Im selben Dokument finden sich auch zum ersten Mal die Namen der Wattenscheider Stadtteile Eppendorf als Abbingthorpo, Höntrop als Hogingthorpe und Westenfeld als Westanfelda.
Freiheit Wattenscheid mini|Wattenscheid als Teil des Amtes Bochum auf einer Karte der Grafschaft Mark von 1775 Wattenscheid gehörte seit dem Mittelalter zu der Grafschaft Mark und darin zum Amt Bochum. 1398 kommt Wattenscheid unter Adolf III. von der Mark zur Grafschaft Kleve, ab 1417 das Herzogtum Kleve.Bochum und das Ruhrgebiet – Großstadtbildung im 20. Jahrhundert, Klartext, 1. Auflage 2005, S. 80 Vor 1417 erhielt Wattenscheid von Graf Adolf IV. von Kleve-Mark die stadtähnlichen Rechte einer Freiheit. Dies bedeutet einen rechtlich herausgehobenen Status gegenüber den Dörfern des Umlandes.Chronica Wattenschedensis - Abschrift von Texttafeln im Flur des ehemaligen Wattenscheider Archivs durch den Stadtarchivar Halwer. Im Jahr 1426 gehört Wattenscheid als eine von sechs Freiheiten, neben sieben größeren und vier kleineren Städten, zum Märkischen Städtebund.
In der jahrhundertelangen Feindschaft zwischen Kurköln und der Grafschaft Mark kam es mit der Soester Fehde (1444 bis 1449) zu einem letzten mehrjährigen großen militärischen Konflikt, bei dem es auch im Wattenscheider Umland zu mehrfachen empfindlichen Plünderungen und gelegentlichen Kämpfen zwischen verschiedenen Truppen kam.Darpe, S. 68–70 mini|Siegel der Stadt Wattenscheid Das älteste Siegel für Wattenscheid ist für das Jahr 1477 belegt. Es zeigt die heilige Gertrudis, Schirmheilige des Kirchspieles und Stadtpatronin als Halterin des Wappenschildes der Landesherren von Kleve und Mark. Ab 1554 war Wattenscheid Mitglied der Hanse. Allerdings waren sie nur, wie zahlreiche andere westfälischen Orte, ein „zugewandter Ort“ eine mindere Form der Beistädte, die zwar von Handelsprivilegien profitieren, aber innerhalb der Hanse nicht mitsprechen konnten. Seit 1549 nahm Hamm die Rolle einer Prinzipalstadt für die märkischen Städte an und vertrat die kleine Ortschaft.
Anfang des 17. Jahrhunderts war Wattenscheid mit ungefähr 700 Einwohnern die bevölkerungsreichste Freiheit der acht Freiheiten in der Grafschaft Mark. Spanische Truppen, die im Achtzigjährigen Krieg gegen die Niederlande kämpfen, beziehen mehrfach Winterquartier. Der Winter von 1598 / 99 wird auch „Spanischer Winter“ genannt. Vermutlich wurde in der Zeit der Brauch des Gänsereitens nach Wattenscheid gebracht.
Im Vertrag von Xanten von 1614 kann sich im Jülich-Klevischen Erbfolgestreit der Hohenzollern-Kurfürst Johann Sigismund durchsetzen, wodurch die Grafschaft Ravensberg, das Herzogtum Kleve und die Grafschaft Mark – und damit auch die Freiheit Wattenscheid – in den Besitz der Kurfürsten von Brandenburg kommt. 1618 wurde die kurfürstlich regierte Mark Brandenburg mit dem Herzogtum Preußen zu Brandenburg-Preußen vereinigt und Wattenscheid somit unter den Hohenzollern auch preußisch. Wattenscheid ist nun Teil einer kleinen fernen Westprovinz des späten preußischen Staates.
Während des Dreißigjährigen Krieges war Wattenscheid von 1623 bis 1629 von spanischen Reitern besetzt. 1633 plünderten kaiserliche Hilfstruppen Wattenscheid, später kamen noch hessische und schwedische Truppen. Das größte Unglück, welches das alte Wattenscheid traf, war der große Stadtbrand vom 15. September 1635, über den es nur spärliche Quellen gibt. Dabei wurde es nahezu vollständig zerstört. Es kam in der Region zwar zu keinen größeren Schlachten. Allein die Lage am Hellweg erwies sich jedoch als besonders nachteilig. Dieses wiederholte sich auch in folgenden Kriegszeiten, die durchziehenden militärischen Kräfte erpressten von den dortigen Städten unentgeltlich Kost und Logis.Klaus Basner: Unna. Historisches Porträt einer Stadt. Bönen 2014, S. 238. mini|Karte der Storksbänker Stollen und der Nachfolgezeche Engelsburg. Der Kohlebergbau begann auf dem Gebiet des Amtes Wattenscheid, wie an vielen Stellen an den Hängen und Siepen der Ruhr, in Munscheid und Eiberg. Urkundliche Erwähnungen lassen sich bis in das Jahr 1735 mit der Zeche Storksbank, dem Vorläufer der Zeche Engelsburg zurückverfolgen.
1763 wird die erste evangelische Kirche nach fast 90 Jahren Bauzeit eingeweiht. Preußen baute seit der Regierungszeit Friedrich des Großen seine westlichen Provinzen aus. Dazu gehörte auch das zwischen 1790 und 1800 Chausseen in der Region der Grafschaft Mark gebaut wurden, wobei zwischen 1791 und 1794 auch die für die Region wichtige Strecke zwischen Witten-Crengeldanz über Steele nach Essen entstand,Darpe, S. 395–400 die zum großen Teil über den alten Hellweg führte und damit durch den südlichen Teil des Niederamtes Wattenscheid. Die Benutzer dieser für ihre Zeit hervorragenden Straßen mussten Wegegeld entrichten. Von der Bevölkerung wurden diese Kunststraßen teils als Übel gesehen: Man fürchtete im Kriege mehr Durchmärsche und Einquartierung, im Frieden Kosten für den Unterhalt und weniger Übernachtungen von Reisenden, da sie schneller reisen können.Darpe, S. 396 Von 1835 war Wattenscheid mit der regelmäßigen Verbindung nach Bochum an das Postkutschensystem angeschlossen.
Zwischen 1811 und 1832 war Wattenscheid der Sitz eines Kommissariats, dem 36 Pfarreien angehörten, darunter Bochum, Gelsenkirchen, Dortmund, Unna, Hattingen, Hagen, Iserlohn und Hamm. 1821 wurde Wattenscheid dem westfälischen Bistum Paderborn zugeordnet. Die rund tausendjährige Zugehörigkeit zur nun rheinischen Erzdiözese Köln, dessen Erzbischof im Hochmittelalter einige Zeit der Landesherr des Amtes Bochum war, und damit des Niederamtes in dem Wattenscheid lag, endete. Am 1. August 1816 wurde Wattenscheid bei der Entstehung der preußischen Provinz Westfalen dem Landkreis Bochum im Regierungsbezirk Arnsberg zugeteilt. Wattenscheid wurde Sitz einer Bürgermeisterei (1844 umbenannt in Amt), zu der die Gemeinden Hessler, Schalke, Braubauerschaft (heute Bismarck), Bulmke, Hüllen, Gelsenkirchen, Ückendorf, Leithe, Günnigfeld, Westenfeld, Sevinghausen, Eiberg, Freisenbruch, Königssteele, Höntrop, Eppendorf und Munscheid gehörten.
In den Jahren 1829 wurde die Wattenscheider Synagoge errichtet Bis 1870 war man eine Filialgemeinde der israelitischen Gemeinde Hattingen. Die jüdische Gemeinde zählte 1834 102 Mitglieder, das waren 2 % der Gesamtbevölkerung.
Die große Windmühle in Höntrop wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts angelegt (1937 stillgelegt, 1968 abgebrochen).
Industrialisierung und Stadtrechte
Während der Zeit der Industrialisierung beschleunigte der Bergbau auch die Weiterentwicklung der Stadt, unter anderem mit dem Zuzug von Arbeitskräften. Um 1855 waren in sechs Bergwerken um die 1.000 Männer beschäftigt, so waren es um 1900 in acht Bergwerken schon über 10.000 Bergleute.
Allerdings führte die Köln-Mindener-Eisenbahn von 1847, die Erste, welche quer durch das Ruhrgebiet lief, durch den nördlichen Amtsbezirk durch Gelsenkirchen. Der Kohlenbergbau verlagerte sich von der Hellwegzone zur Emschermulde, und die Muttergemeinde Wattenscheid wurde durch die nördlichen Amtsgemeinden überflügelt. 1868 wurde Gelsenkirchen aus dem Amt Wattenscheid entlassen, 1876 und 1885 folgten das später von Gelsenkirchen eingemeindete Ückendorf und das später von Essen eingemeindete Königssteele, sodass das Amt fast zwei Drittel seiner Fläche verlor.
Seit dem 1. Januar 1868 war Wattenscheid mit dem Bahnhof Wattenscheid-Ückendorf an der Stadtgrenze auch an das schnell wachsende Schienennetz angeschlossen. Erst 1874 führte die Bergisch-Märkische-Bahn von Bochum nach Essen durch Wattenscheid, 27 Jahre nach dem Anschluss von Gelsenkirchen und 14 Jahre nach dem Anschluss von Bochum.
Durch das Bevölkerungswachstum von Wattenscheid im späten 19. Jahrhundert erhielt Wattenscheid am 15. Januar 1876 die Stadtrechte. 1883 entstand ein neues Rathaus, welches als Seitenanbau noch immer existiert. Von 1885 bis 1926 gehörte Wattenscheid als amtsfreie Stadt zum Landkreis Gelsenkirchen.
1869 wurde eine Feuerwehr gegründet. Die Märkische Schule wurde als Höheren Simultanen Bürgerschule für Jungen 1873 eröffnet und wurde Ende des 19. Jahrhunderts als vollwertiges Gymnasium anerkannt. Von Gelsenkirchen nach Bochum führt 1896 die erste Straßenbahn, die heutige Linie 302. In der wachsenden Stadt wurde 1896 ein neuer Platz angelegt, der Kaiserplatz (heute August-Bebel-Platz). Er war ca. 50 × 200 Meter groß, genug Raum für Markt, Aufmärsche und Kirmes. Als Erholungsraum wurde 1898 ein Stadtpark eingeweiht, und über die nächsten Jahrzehnte stetig ausgebaut, der heutige Stadtgarten. Der 1909 gegründete Ballspiel-Verein 1909 Wattenscheid ist einer der Vorläufer des heutigen SG Wattenscheid 09. Die prägnante Kirche Maria Magdalena in Höntrop wurde im Jahr 1915 eingeweiht.