Das Sturmtief Daniel, das sich später zum Medicane entwickelte, trat Anfang bis Mitte September 2023 im östlichen Mittelmeerraum auf und verursachte mit extremen Regenfällen schwere Überflutungen in Südosteuropa und Nordafrika. Betroffen waren insbesondere Griechenland, Bulgarien, die Türkei und Libyen. Dutzende Menschen kamen in Südosteuropa ums Leben, mehrere weitere wurden vermisst. In Libyen gab es nach dem Bruch zweier Staudämme mindestens 11.300 Tote, darüber hinaus wurden noch tausende Personen vermisst.
Meteorologie Vorhersagen Die Meteo-Abteilung des Nationalen Observatoriums Athen veröffentlichte zwischen dem 3. und 5. September 2023 Vorhersagen der zu erwartenden Niederschlagsmengen mit einem Zeithorizont von 72 Stunden aus 4 Berechnungen. Die Berechnungen basieren auf der Grundlage des Regional Precipitation Index (RPI). Die erste Ankündigung vom 3. September 12 Uhr, prognostizierte für ein großes Gebiet Thessaliens mehr als 200 mm Regen, mit Höchstwerten über 500 mm in den Bergregionen sowie der Einstufung als maximales Niederschlagsereignis der Kategorie 5 (extrem). In der zweiten Veröffentlichung vom 4. September wurden für die Regionalbezirke Fthiotida und Magnisia über 500 mm Regen erwartet. Das Niederschlagsereignis wurde weiterhin als Kategorie 5 (extrem) eingestuft. Als Maximalwert wurden für die Osthänge des Pindos und Ostthessalien innerhalb 72-Stunden 700 mm vorhergesagt. Am 5. September veröffentlichte Vorhersagedaten erwarteten für die beiden Tage Dienstag und Mittwoch im Pilio, wo es bereits zu Überschwemmungen gekommen war um 650–700 mm und für den Süden des Regionalbezirks Karditsa ~550–600 mm.
Der Deutsche Wetterdienst erklärte bereits angesichts der von Wettermodellen prognostizierten Niederschlagsmengen von teils über 1000 mm, dass diese „wohl so ziemlich jede Statistik“ sprengten und „außerhalb der bekannten Erwartungswerte und Wiederkehrzeiten“ lägen. Auch sprach er angesichts der erwarteten Regenmengen im übertragenen Sinn von einer „Sintflut“.
Verlauf mini|links|Niederschlagsmengen (blau, in mm) und Überschwemmungen (rot) in Thessalien und Mittelgriechenland (Stand 6. September)|alt=Kartenausschnitt von Thessalien und Mittelgriechenland auf dem farblich abgestuft die Gesamtniederschläge zwischen 3. und 5. September und die Überschwemmungsgebiete eingezeichnet sind. In diesen liegen die Niederschlagsmengen zwischen 50 und 100 bis über 250 (ohne Einheit). Bei Volos kam laut Karte ein Mensch ums Leben. Eingezeichnet ist zudem das am 5. September aktivierte Gebiet des Copernicus Emergency Mapping Service.
Die Unwetter begannen am 4. September 2023 und dauerten bis mindestens zum 7. September an. Zu dem Zeitpunkt herrschte über Teilen Europas eine stationäre Omegalage, bei der ein Hoch über Deutschland lag und zwei Kaltlufttropfen-Tiefs über Griechenland (Tief Daniel) und Spanien, die sich wegen der stationären Wetterlage kaum weiterbewegten. Durch die ungewöhnlich hohe Meeresoberflächentemperatur befand sich sehr viel Feuchtigkeit in der Luft. Daher prognostizierten Modelle Niederschlagsmengen von teils 500 bis 1500 mm. Es kam zu Extremregenfällen, bei denen die Niederschlagsmenge teilweise bei einem Mehrfachen der Flutkatastrophe im Ahrtal lag, bei der etwa 200 mm fielen. Begünstigt wurde die Flut in Griechenland durch die gebirgige Geographie. In zahlreichen betroffenen Regionen gab es binnen 12 Stunden doppelt so viel Niederschlag wie in Athen in einem durchschnittlichen Jahr. Für das Tief Daniel wurden auch deutlich höhere Niederschlagsmengen registriert als infolge des Medicane Ianos vom September 2020.
Meteorologen ordneten den Sturm als schlimmsten in Griechenland seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1930 ein. An zahlreichen Messstationen wurden Regenfallrekorde gemessen. In Zagora fielen alleine am 5. September binnen 18 Stunden 754 mm, was ein neuer griechischer Niederschlagsrekord war. Der weitere Regenfall konnte nicht gemessen werden, da die Station anschließend ausfiel.KSTA: Newsblog zu Unwettern: Zahlreiche überflutete griechische Dörfer weiter von Außenwelt abgeschnitten, 9. September 2023 Über drei Tage lagen die dort gemessenen Niederschlagsmengen trotz des mehrstündigen Ausfalls bei 909 mm. Stromausfälle verursachten auch an anderen Wetterstationen Übertragungsfehler oder Datenverluste. Allein in Larisa und Volos wurden zudem innerhalb von zwei Stunden rund 12.000 Blitze gezählt. In Bulgarien war vor allem der Südosten des Landes betroffen. Der Starkregen begann dort am Abend des 4. Septembers und akkumulierte innerhalb von 24 Stunden auf über 50 bis teils über 100 mm. In Kosti in der Gemeinde Zarewo wurden innerhalb von 14 Stunden bis zum 5. September 311 mm Regen verzeichnet und in einigen nicht bewohnten Gebiete bis zu 330 mm, was fast 40 % der jährlichen Norm ist. Zur gleichen Zeit wurden 275 mm in Gramatikowo, bei Malko Tarnowo und 196 mm in Achtopol verzeichnet. Im Norden Bulgariens, bei Tjulenowo bildete sich ein Tornado über dem Schwarze Meer. Auch in der Türkei fielen teils hohe Niederschlagsmengen. In der Westtürkei wurden am 4. September 94 mm Niederschläge in Ankara-Gölbasi, am 5. September 152 mm in Kırklareli und am 6. September 125 mm in Istanbul verzeichnet.
Nachdem das Sturmtief Griechenland verwüstet hatte, zog es über das Mittelmeer nach Süden und entwickelte sich zu einem Medicane, der über dem ungewöhnlich warmen Mittelmeerwasser an Energie gewann. Die durchschnittliche Oberflächentemperatur des Mittelmeeres lag sowohl im Juli als auch August 2023 höher als jemals zuvor und überschritt erstmals überhaupt den Wert von 28 °C. Am 10. September traf der Medicane auf Libyen, wo er ebenfalls große Schäden anrichtete. Nach Angaben des National Center of Meteorology in Libyen erreichte der Sturm an dem Tag seine höchste Intensität mit Windgeschwindigkeiten von 70 bis 80 km/h. Es fielen innerhalb von 24 Stunden bis 10. September im Munizip al-Dschabal al-Achdar 414,1 mm Regen in der Küstenstadt al-Baida und 170 mm in Marawa. In der östlich davon gelegenen Hafenstadt Darna wurden im selben Zeitraum laut WMO 73 mm Regen verzeichnet. Der durchschnittliche Gesamtniederschlag für September liegt dort bei lediglich 4 mm. Nach Angaben der libyschen Regierung in Tripolis handelte es sich um die schwersten Regenfälle im Land seit 40 Jahren.
Der Sturm schwächte sich im weiteren Verlauf nach Osten ab, wo er am 11. September Ägypten erreichte mit moderaten Niederschlägen.No need to panic! Storm Daniel brings no catastrophes to Egypt: EMA In: Ahram Online, 11. September 2023. Abgerufen am 12. September 2023
+ Niederschlagsmengen von 4. bis 7. September an Wetterstationen in Griechenland Station Niederschläge Lage Anmerkungen Zagora 1096 mm Portaria 885 mm für 6. Sep. keine Daten wegen Ausfalls der Wetterstation Anilio 695 mm Pezoula 660 mm ausstehende Datenerfassung für 6. und 7. Sep. Karditsa 659 mm Volos 617 mm 3-stündiger Datenverlust wird auf ~50 mm geschätzt Kofi 550 mm Chalkiades 466 mm
Beitrag des menschengemachten Klimawandels Experten sehen einen Zusammenhang mit der menschengemachten globalen Erwärmung. Die Ozeane waren 2023 außerordentlich warm und wiesen die höchsten jemals gemessenen Temperaturen seit Beginn der Aufzeichnungen auf. Die Ägäis war etwa 2 °C wärmer als üblich, das Schwarze Meer sogar 5 °C wärmer; die Monate Juli und August 2023 waren in Griechenland durch eine Hitzewelle mit ausgedehnten Waldbränden gekennzeichnet. Mit höherer Temperatur steigt die Verdunstung an und die Luft wird feuchter. Zudem kann die Luft pro Grad Erwärmung etwa 7 % mehr Feuchtigkeit aufnehmen, die dann unter entsprechenden Bedingungen wieder abregnet. Im Fall von Griechenland wurde diese sehr feuchte Luft von einem sich an Ort und Stelle drehenden Tief über lange Zeit gegen die Gebirgszüge gedrückt, wo es dann zu sehr schweren Regenfällen kam. Anders als die Intensität hat die Häufigkeit von Omega-Lagen über der Nordatlantik-Europa-Region für den Monat September in einem in einer Studie untersuchten Zeitraum von 1990 bis 2019 abgenommen.
Eine Zuordnungsstudie konnte zeigen, dass das Zusammenspiel von durch den Klimawandel verstärkten Niederschlägen, Gefährdungen und Anfälligkeiten die Ursache für die weitreichenden Auswirkungen im Mittelmeerraum war. Für Griechenland, Bulgarien und Türkei kam die Analyse zu dem Ergebnis, dass der menschengemachte Klimawandel das Starkregenereignis bis 10 mal wahrscheinlicher und bis 40 % intensiver machte verglichen mit einem 1,2 °C kälteren Klima ohne menschengemachte Erwärmung. Die extremen Regenfälle in Libyen wurde durch den Klimawandel um bis zu 50 Mal wahrscheinlicher und bis 50 % intensiver.
Folgen
Griechenland mini|Großflächige Überschwemmungen in Griechenland mini|Überfluteter Straßenzug in Larisa Erste Schätzungen gehen alleine in Griechenland von einem Schaden in Milliardenhöhe aus. Bis zum 11. September mussten fast 4500 Menschen aus Notlagen gerettet werden. Viele Dörfer waren zu dem Zeitpunkt noch von der Außenwelt abgeschnitten, da immer noch mehr als 73.000 ha Land überflutet waren. Es kamen 17 Menschen ums Leben.
Stark getroffen wurde die griechische Region Thessalien, in der etwa 700.000 Menschen leben. Griechischen Medien zufolge waren nahezu alle Menschen in der Region betroffen. Weite Gebiete der Thessalische Tiefebene in den Regionalbezirken Trikala und Karditsa wurden vom Pinios und seinen Nebenflüssen überflutet. In Ostthessalien erreichte der 1962 trockengelegte Karla-See nahezu seine damalige Fläche. Stellenweise reichte das Wasser bis in vier Meter Höhe, Strom- und Wasserversorgung brachen weitgehend zusammen, Menschen mussten mit Booten und Hubschraubern von Feuerwehr und Militär von Dächern gerettet werden. Orte und Kleinstädte wie Karditsa oder die Hafenstadt Volos mit fast 150.000 Einwohnern waren komplett oder größtenteils von der Außenwelt abgeschnitten. In Zentralgriechenland wurden Gebäude überflutet und Autos ins Meer gespült, Internet und Handynetze waren gestört oder ausgefallen. Die wichtigste griechische Autobahn 1 zwischen Athen und Thessaloniki wurde gesperrt und der Zugverkehr zwischen den beiden Städten wurde eingestellt. Der am Pilio entspringende Fluss Krafsidonas trat in Volos über die Ufer und zerstörte eine Brücke. In Larisa stieg das Wasser am 8. September, nach Ende der Regenfälle, immer weiter an, nachdem der Fluss Pinios über die Ufer getreten war, zeitweise lag der Pegel bei 9,5 m, normal sind ca. 4 m.
Am 5. September wurde der Rapid Mapping Service des Copernicus Emergency Management Service für das Überschwemmungsgebiet in Griechenland aktiviert, der auf Satellitenbeobachtungen gestützte Daten zur Situation liefert. Analysen der Sentinel-1-Daten vom 7. September ergaben ein geschätztes Überschwemmungsgebiet von rund 73.000 ha. Erwartet wird, dass verschiedene Siedlungen noch über Tage überflutet bleiben und nach Abfluss des Wassers noch weitere Tote entdeckt werden. Zudem wurden Versorgungsgüter wie Wasser, Nahrung, Medikamente usw. knapp. Zudem wurde vor dem Ausbruch von Seuchen gewarnt, da das Flutwasser verschmutzt und durch tote Tiere kontaminiert sei, Trinkwasserleitungen beschädigt wurden und sich zudem Mücken ausbreiteten.