mini|Das alte, 1548 verliehene Wappen von Sankt Joachimsthal|232x232px
Der Aufstand von Sankt Joachimsthal war eine Revolte von Bergarbeitern der erzgebirgischen Bergstadt Sankt Joachimsthal während der Pfingstwoche des Jahres 1525. Obwohl der Aufstand in Verbindung mit den zeitgleich stattfindenden Ereignissen des Deutschen Bauernkrieges im thüringischen und süddeutschen Raum stand, hatte die Erhebung spezifische Ursachen, nämlich die Auseinandersetzungen der Bergarbeiter mit der landesherrlichen Bergverwaltung. An der Auseinandersetzung beteiligten sich rund 10.000 bis 18.000 Aufständische, die für kurze Zeit die Kontrolle über die Stadt erringen konnten. Allerdings gelang es nicht, die Revolte auf weitere erzgebirgische Bergstädte auszuweiten. Die Grafen Schlick boten als Territorialherren eine Streitmacht von 2.500 bis 3.000 Bewaffneten gegen die Revolte auf. Schließlich konnte der Konflikt durch Verhandlungen unblutig bewältigt werden. Der ausgehandelte Vergleich forderte die konsequente Einhaltung der gültigen Bergordnung sowohl durch die Bergbeamten wie auch die Bergleute und wurde in einer Ergänzung zur Bergordnung von 1518 festgehalten.
Vorgeschichte Silberfund bei Conradsgrün Im Jahre 1516 wurden auf der böhmischen Seite des Erzgebirgskammes nahe des damaligen Dorfes Conradsgrün im Territorium der Grafen Schlick ein reiches Silbervorkommen entdeckt. Der Fund des Edelmetalls lockte zahlreiche Menschen an, sodass um das Dorf rasch eine Siedlung entstand. Meist waren es Bergleute aus den bereits erschlossenen sächsischen Revieren um Schneeberg, Annaberg, Geyer und Freiberg die nach Conradsgrün kamen. Aber auch aus Böhmen und dem Harz kamen Bergleute ins „Thal“.
Neben den Bergleuten rekrutierte sich ein wichtiger Teil der Zugezogenen aus der bäuerlichen Bevölkerung der Umgebung. Letztgenannte befanden sich in der aufstrebenden Siedlung zwar in einem niedrigeren sozialen Stand, waren aber als Haspelknechte und der gesamten nachgeordneten Bergindustrie ein unersetzlicher Quell an Arbeitskraft. Die Bevölkerung wuchs daher schnell. Lebten 1516 erst 1.050 Menschen in der Siedlung, waren es zum Zeitpunkt der Erhebung zur Stadt fünf Jahre später bereits 4.936 und im Jahr des Aufstandes sogar 13.411. Den Bevölkerungsscheitel erreichte Sankt Joachimsthal schließlich 1533. In diesem Jahr zählte die Bergstadt rund 18.000 Einwohner.
Voraussetzung für den Zuzug und das schnelle Wachstum war eine verhältnismäßig hohe Mobilität der Bevölkerung des Erzgebirges im engeren und des obersächsisch-thüringischen Raums im weiteren Sinne. Denn nicht nur den Bergknappen, sondern auch allen Bauern und Hintersassen wurde eine weitgefasste Freizügigkeit gewährt – vorausgesetzt, sie konnten die einer Abzugssteuer vergleichbare Lehnware an ihren Grundherrn entrichten.
Erhebung zur Bergstadt mini|Joachimstaler, Prägejahr 1525. Avers mit dem heiligen Joachim: AR(ma) : DOM(inorum) : SLI(ckorum) : STE(phani) : E(t) : 7 : FRA(trum) : COM(itum) : D(e) : BA(ssano). Revers mit doppelschwänzigem böhmischen Löwen: LVDOVICVS • PRIM(vs) D(ei): GRACIA REX BO(hemiae). Übersetzung: Wappen der Herren Schlick, Stephan und seiner Brüder, Grafen von Bassano / / Ludwig I. von Gottes Gnaden König von Böhmen.
Als Territorialherr förderten der Graf Stefan Schlick und seine Brüder den Aufstieg der Siedlung. Im Jahre 1517 wurde sie in Anlehnung an Annaberg in Sankt Joachimsthal, nach dem Heiligen Joachim, benannt. Zum Schutz und zur Verwaltung des Bergbaugebietes ließen die Grafen oberhalb der Stadt die Burg Freudenstein errichten. Am 6. Januar 1520 wurde Joachimsthal per Majestätsbrief durch König Ludwig II. zur „freien Bergstadt“ erhoben. Im gleichen Jahr erhielt Stefan Schlick von Ludwig II. das Münzprivileg. Wahrscheinlich hatte der Graf jedoch bereits ein Jahr zuvor angefangen, das Silber aus dem Joachimsthaler Bergbau vor Ort in Münzen prägen zu lassen. Der in der Bergstadt geprägte Guldengroschen sollte als Joachimsthaler, verkürzt zu Taler, zu einer der wichtigsten frühneuzeitlichen Währungen aufsteigen. Ebenso waren die Schlick bestrebt, den Bergbau auf ihrem Territorium zu fördern und das zunächst verhältnismäßig freie Bergwesen in geregelte Bahnen zu lenken. So wurde in der Stadt eine Bergverwaltung aufgebaut, ein Berghauptmann bestellt und ein Zehntamt eingerichtet.
Das Bergwesen in Sankt Joachimsthal nahm in den ersten Jahren nach der Stadtgründung sprunghaft zu und sollte bereits in der zweiten Dekade seinen Höhepunkt erreichen. So summierte sich die Ausbeute des aus dem Berg ausgebrachten Silbers im Jahr 1524 auf einen Gegenwert von 138.546 Talern. 1533, also das Jahr des Bevölkerungsscheitels, stellt mit einer Gegenwert von insgesamt 241.875 Talern gleichzeitig das Jahr der größten Ausbeute da. Das Lehnsbuch der Grafen vermerkt vor allem für den Anfang der 1520er-Jahre eine steigende Anzahl an vergebenen Schürfgenehmigungen. Insbesondere der sächsische Adel, aber auch Kaufleute aus den Handelsstädten Zwickau, Leipzig und Nürnberg sowie Köln, Basel und St. Gallen erwarben Kuxe, also Anteile, am Joachimsthaler Bergbau. Die so gegründeten Gewerkengesellschaften konnten größere Kapitalsummen aufbringen, um den Einbau und die Unterhaltung von Wasserkünsten zur Wasserhaltung in den Gruben zu ermöglichen. So konnte der Bergbau, nachdem die oberflächennahen Erze abgebaut waren, auch in größere Teufen vordringen.
+ Vergebene Schürfgenehmigungen Jahr Einzelgewerke Gewerkengesellschaften 1521 430 99 1522 321 56 1523 352 70 1524 734 116 1525 215 65
Konflikte vor 1525 Der schnelle Aufstieg Sankt Joachimsthals war bereits in den ersten Jahren von Konflikten durchzogen. Die Bergstadt wurde in einer klimatisch und landwirtschaftlich ungünstigen Region angelegt. Die stetig steigende Bevölkerung war daher besonders in den ersten Jahren abhängig von einer externen Versorgung. Gleichzeitig sorgte die Abhängigkeit von den Erfolgen des Bergbaus für enorme Konjunkturschwankungen und teils rapide Teuerungen. 1521 soll zudem das „große Sterben“, also die Pest, die Bergstadt heimgesucht haben. Das größte Konfliktpotential lag jedoch in der Auseinandersetzung der in einer Knappschaft organisierten Bergarbeiter einerseits mit den Bergbeamten andererseits. Einen ersten Aufruhr, der im Auszug der Joachimsthaler Bergarbeiter ins ernestinische Buchholz gipfelte, datieren sowohl der Schneeberger Chronist Petrus Albinus wie auch der Joachimsthaler Pfarrer Johannes Mathesius auf das Jahr 1518.Petrus Albinus: Meißnische Bergk Chronica: Darinnen fürnemlich von den Bergkwerken des Landes zu Meissen gehandelt wird… Dresden 1590, S. 563, DigitalisatJohannes Mathesius: Sarepta Oder Bergpostill Sampt der Jochimßthalischen kurtzen Chroniken, Nürnberg 1562. (Digitalisat) S. 688 Die Historikerin Ingrid Mittenzwei hat jedoch darauf hingewiesen, dass diese Empörung wahrscheinlich bereits ein Jahr früher stattfand, denn zur Schlichtung dieser Auseinandersetzung wurde der Erlass einer Bergordnung dringend notwendig. In Ermangelung der notwendigen Zeit zur Erarbeitung einer eigenen Bergordnung übernahm Graf Schlick die Annaberger Bergordnung von 1509 fast wortwörtlich und erließ sie am 2. August 1518 für Joachimsthal. Da diese erste Joachimsthaler Ordnung bereits zu Pfingsten 1518 bei Jobst Gutknecht in Nürnberg in Druck ging, ist anzunehmen, dass die vorangegangene Empörung sowie deren Schlichtung schon 1517 stattfanden.
Bereits im Winter 1519/20 kam es unter den Bergarbeitern zur Bestrebung, diese erste Joachimsthaler Ordnung erneut anzutasten. Konkret richteten sich die Bergleute gegen die Samstagsschicht, die es ihnen erheblich erschwerte, den an diesem Tag stattfindenden Wochenmarkt aufzusuchen, um sich mit Lebensmitteln zu versorgen. Zwar gelang die Abwendung eines erneuten Aufruhrs durch eine Konvention, die die Samstagsschichten, aber auch die für die Bergarbeiter wichtigen Doppelschichten verbot, doch war die Ruhe in der Bergstadt nur von kurzer Dauer. Mittenzwei zitiert aus einer Quelle, die für den 25. Juli 1521 von der Verhaftung von sechs Personen wegen der Vorbereitung eines Aufstandes berichtet. Aus derselben Quelle geht hervor, dass sich die Bergarbeiter im Jahr 1523 ein zweites Mal erhoben. Dieses Mal jedoch verließen sie nicht die Schlicksche Grafschaft, sondern lagerten außerhalb der Stadt auf dem nördlich gelegenen Türknerberg. Wie der Aufruhr geschlichtet wurde, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren.
Ursachen Soziale Lage bei den Bergarbeitern mini|305x305px|Zeitgenössische Darstellung eines Bergknappen mit Häckel in Hans Sachs’ Eygentliche Beschreibung Aller Stände auff Erden aus dem Jahre 1568. Die große Mehrheit aller im erzgebirgischen Bergbau des 16. Jahrhunderts tätigen Menschen – egal ob Häuer, Haspelknechte oder Bergjungen – waren gegen einen festgesetzten Lohn in den Zechen tätig. Die erste Joachimsthaler Bergordnung von 1518 beziffert den Schichtlohn der Häuer in Artikel 104 wie folgt:
Sankt Joachimsthaler BergordnungSankt Joachimsthaler Bergordnung 1518 (Transkription: )
Dabei handelte es sich jedoch nicht um den Wochenlohn, sondern den Tagesschichtlohn. Ein Joachimsthaler Häuer verdiente demnach in einer fünftägigen Arbeitswoche einen Lohn von insgesamt 60 Weißgroschen. Die Möglichkeit, diesen Lohn aufzubessern wurde zwar bereits in der 1518er Ordnung stark begrenzt. Artikel 85 verbot sowohl die Arbeit in mehreren Zechen als auch Doppelschichten bei Strafandrohung. Ein Vergleich zwischen den Revieren zeigt jedoch, dass im Silberbergbau die höchsten Löhne gezahlt worden sind und ein Hauer damit in Joachimsthal durchschnittlich zwei Groschen beziehungsweise rund 16 Prozent mehr verdienen konnte, als in den Zinnrevieren um Altenberg oder Geyer. Allerdings zeigen die Quellen auch, dass es dirigistische Bestrebungen gab, die Löhne in den unterschiedlichen Revieren auf gleichem Niveau zu halten. So ist in einer Konvention zwischen den sächsischen Fürsten, den Grafen Schlick und derer von Rabenstein festgehalten, dass „ein gleich lohn nach wert der muntz, so eins yeden land genge ist“ zu zahlen sei, um die Arbeitskraft im Revier zu halten.
Trotz des somit relativ klar fassbaren Einkommens der Bergarbeiter sind Rückschlüsse auf deren Reallohn und die damit verbundene Kaufkraft schwierig zu ermitteln, da Preislisten nur fragmentarisch überliefert sind. Demnach kostete 1539 ein Pfund Mastochsenfleisch sechs, ein Hecht 13 Pfennige. Stellt man nun dieser Auflistung Schätzungen des zeitgenössischen Pro-Kopf-Verbrauchs der gehobenen Nahrungsmittel Fisch und Fleisch – jährlich etwa 30 bis 60 Kilogramm Fleisch sowie fünf bis zehn Kilogramm Fisch – gegenüber, lässt sich folgender Schluss ziehen: Sowohl die Häuer als auch die etwas weniger verdienenden Haspelknechte waren durchaus in der Lage, einen durchschnittlichen Haushalt gut zu ernähren und zu versorgen. Sie gehörten damit zu den gehobenen sozialen Schichten der Bergstadt. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass nicht eine prekäre soziale Lage die Ursache, und die Verbesserung derselben Ziel des 1525er Aufstand der Joachimsthaler Bergarbeiter war. Sondern die Verteidigung der eigenen Stellung trieb die Bergknappen genau in dem Moment auf die Barrikaden, als ihnen empfindliche Verluste durch Übergriffe seitens der Bergbeamten drohten oder massive Unterschlagungen öffentlich gemacht aber ungenügend geahndet wurden.
Anhaltende Konflikte mit der Bergverwaltung