mini|Das 1791 eingeweihte Accouchierhaus, Ansicht von Nordosten (2018) Das Accouchierhaus der Georg-August-Universität Göttingen wurde 1785–1791 nach Plänen von Georg Heinrich Borheck als universitäre Gebäranstalt in der Innenstadt von Göttingen in Niedersachsen errichtet (Kurze-Geismar-Straße 1). Die Göttinger Accouchiranstalt war Ende 1751 an gleicher Stelle in einem Vorgängerbau des heutigen Barockgebäudes begründet worden. Sie war damit – nach der bereits kurz vorher im Februar 1751 in der Berliner Charité ins Leben gerufenen Hebammenschule – die zweite universitäre Entbindungsanstalt im deutschsprachigen Raum.Yvonne Schwittai: Zur Geschichte der Frauenkliniken der Charité in Berlin von 1710 bis 1989 unter besonderer Berücksichtigung baulicher und struktureller Entwicklungen. Dissertation an der Medizinischen Fakultät Charité – Universitätsmedizin Berlin, 2012 (Digitalisat auf d-nb.info, abgerufen am 9. September 2023), S. 30.Jürgen Schlumbohm: Ledige Mütter als „lebendige Phantome“ – oder: Wie die Geburtshilfe aus einer Weibersache zur Wissenschaft wurde, in: Kornelia Duwe, Carola Gottschalk und Marianne Koerner (Hrsg.): Göttingen ohne Gänseliesel. Texte und Bilder zur Stadtgeschichte, Wartberg Verlag, Gudensberg-Gleichen, zweite Auflage 1989, ISBN 3-925277-26-9, S. 150–159, hier S. 154.Alexia Lange: Gründung der Geburtshilflichen Abteilungen in Göttingen, Jena und Kiel. Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Dissertation am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, 2010, S. 14. Allerdings gilt den Göttingern ihre Entbindungsanstalt und das heutige Accouchierhaus irrtümlich oftmals gar als „erster Frauenklinikbau in Deutschland“.Christian Freigang: Architektur und Städtebau von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis 1866. In: Ernst Böhme, Rudolf Vierhaus (Hrsg.): Göttingen, Geschichte einer Universitätsstadt. Band 2: Vom Dreißigjährigen Krieg bis zum Anschluss an Preußen – Der Wiederaufstieg als Universitätsstadt (1648–1866). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002, ISBN 3-525-36197-1, S. 765–812 (Digitalisat auf archiv.ub.uni-heidelberg.de, abgerufen am 7. September 2023), hier S. 765–812, hier. S. 783.Alfred Oberdiek: Göttinger Universitätsbauten. Die Baugeschichte der Georg-August-Universität. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Verlag Göttinger Tageblatt, Göttingen 2002, ISBN 3-924781-46-X, S. 20.Bettina Kratz-Ritter: Das Accouchierhaus. Geschichte der ersten deutschen Universitäts-Frauenklinik. Hrsg. von der Präsidentin der Universität Göttingen. Göttingen (o. J., zwischen 2011 und 2019), S. 4.

Bezeichnungen Die vom französischen accoucher (entbinden) herrührende und heute in Göttingen übliche Bezeichnung Accouchierhaus (1788: AccouchirhausDie älteste Verwendung der Bezeichnung Accouchirhaus findet sich nebenbei in den Seitenüberschriften (des selbst allerdings anders bezeichneten Kapitels „Accouchiranstalt“) bei Johann Stephan Pütter: Versuch einer academischen Gelehrten-Geschichte von der Georg-Augustus-Universität zu Göttingen; Zweiter Theil, Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1788, S. 259, 261, 263.) war früher selten; gebräuchlich in Göttingen waren vor allem die Bezeichnungen Accouchir-HospitalNiedersächsisches Landesarchiv Hannover, Signatur: Hann. 92 Nr. 1025 (Das zu Göttingen zu erbauende Accouchier-Hospital (Gebärhaus), 1784–1786); Nachweis auf arcinsys.niedersachsen.de, abgerufen am 6. September 2023., AccouchiranstaltUniversitätsarchiv Göttingen, Signatur Kur. 5397 (Anlegung und Einrichtung der Accouchiranstalt und Accouchir-Neubau, 1751–1786); Nachweis auf arcinsys.niedersachsen.de, abgerufen am 6. September 2023. oder Accouchir-Institut.Stadtarchiv Göttingen, Signatur: AA Nr. 1943 (Das Accouchier-Institut. Ankauf des St. Crucis-Kirchplatzes. Bau des Accouchierhauses, 1756–1785); Nachweis auf arcinsys.niedersachsen.de, abgerufen am 14. September 2023. Die offizielle Bezeichnung lautete ursprünglich Königliche Entbindungsanstalt an der Universität Göttingen.

Vorgängerbau und Geschichte bis 1896 mini|Die 1783Alfred Oberdiek: Göttinger Universitätsbauten. Die Baugeschichte der Georg-August-Universität. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Verlag Göttinger Tageblatt, Göttingen 2002, ISBN 3-924781-46-X, S. 27. – Zeitgenosse Johann Stephan Pütter nannte wohl irrtümlich 1787 als Abbruchjahr: Versuch einer academischen Gelehrten-Geschichte von der Georg-Augustus-Universität zu Göttingen vom geheimen Justizrath Pütter und nach ihm vom Professor Saalfeld; fortgesetzt vom Universitätsrath Dr. Oesterley. Vierter Theil, Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1834, S. 155, Fußnote 1. abgebrochene Hospitalkapelle St. Crucis am Geismartor, rechts dahinter das Armenhospital als eingeschossiger Fachwerkbau mit dem „alten Accouchirhospitale zu Göttingen“. Retrospektiver Kupferstich von Christian Andreas Besemann, 1809Versuch einer academischen Gelehrten-Geschichte von der Georg-Augustus-Universität zu Göttingen vom geheimen Justizrath Pütter und nach ihm vom Professor Saalfeld; fortgesetzt vom Universitätsrath Dr. Oesterley. Vierter Theil, Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1834, nach S. 154 (Digitalisat auf dfg-viewer.de, abgerufen am 8. September 2023). In der 1734 gegründeten und 1737 eingeweihten Universität Göttingen wurde 1751 auf Initiative des Professors für Anatomie, Chirurgie und Botanik Albrecht von Haller die Königliche Entbindungsanstalt an der Universität Göttingen ins Leben gerufen. Die Anstalt war in den ersten Jahrzehnten Teil des mittelalterlichen Armenhospitals St. Crucis,Jürgen Schlumbohm: Ledige Mütter als „lebendige Phantome“ – oder: Wie die Geburtshilfe aus einer Weibersache zur Wissenschaft wurde, in: Kornelia Duwe, Carola Gottschalk und Marianne Koerner (Hrsg.): Göttingen ohne Gänseliesel. Texte und Bilder zur Stadtgeschichte, Wartberg Verlag, Gudensberg-Gleichen, zweite Auflage 1989, ISBN 3-925277-26-9, S. 150–159, hier S. 150.Vgl. Günter Beer: Paulinerkloster mit altem Gymnasium, Barfüßerkloster, Hospital St. Crucis in Göttingen und deren Umgebungen. In: Göttinger Jahrbuch, Bd. 32, 1984, S. 71–98, hier S. 92 ff., auf S. 92. Abb. 8 ein Hospital-Lageplan von 1782, dort bezeichnet als „Acuchement“. das am südlichen Stadtausgang beim Geismartor lag, zwischen dem Stadtwall und der später danach benannten Hospitalstraße (bis 1790 Rähmenstraße).Gerd Tamke, Rainer Driever: Göttinger Straßennamen (= Veröffentlichung des Stadtarchivs Göttingen, 2). 3. neu überarbeitete, wesentlich erweiterte Auflage, Göttingen 2012. – Digitalisat (PDF, 2,9 MB) auf stadtarchiv.goettingen.de, abgerufen am 16. Oktober 2025 (ohne Seitenzählung, PDF-Seite 115).Zur Straßengeschichte vgl. auch Heinrich Troe: Straßennamen und Straßennetz der Stadt Göttingen im späten Mittelalter. In: Dietrich Denecke, Helga-Maria Kühn (Hrsg.): Göttingen, Geschichte einer Universitätsstadt. Band 1: Von den Anfängen bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1987, ISBN 3-525-36196-3, S. 107–160, hier S. 114, Nr. 5. Die Entbindungsanstalt selbst war zwar nur in einem bescheidenen, eingeschossigen Fachwerkgebäude neben der Kapelle untergebrachtAlfred Oberdiek: Göttinger Universitätsbauten. Die Baugeschichte der Georg-August-Universität. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Verlag Göttinger Tageblatt, Göttingen 2002, ISBN 3-924781-46-X (, 30. Januar 2023), S. 21, Abb. 16 mit Lageplanzeichnung von 1782., aber gleichwohl im Rückblick betrachtet die historische Keimzelle der späteren Universitätsmedizin Göttingen, denn erst drei Jahrzehnte später wurde an der Kurze-Geismar-Straße, gerade gegenüber der Hospitalkapelle St. Crucis, das Akademische Hospital begründet. Ziel der ersten Entbindungsanstalt war zunächst die Ausbildung von ärztlichen Geburtshelfern und von Hebammen, aber letztlich auch „daß arme, eheliche und uneheliche Schwangere eine sichere Unterkunft über die Zeit ihrer Geburt und damit alle Unterstützung, Beistand und Hülfe finden, welche zu Erhaltung ihrer selbst und ihrer Leibesfrucht erforderlich sein können“.Jürgen Schlumbohm: Ledige Mütter als „lebendige Phantome“ – oder: Wie die Geburtshilfe aus einer Weibersache zur Wissenschaft wurde, in: Kornelia Duwe, Carola Gottschalk und Marianne Koerner (Hrsg.): Göttingen ohne Gänseliesel. Texte und Bilder zur Stadtgeschichte, Wartberg Verlag, Gudensberg-Gleichen, zweite Auflage 1989, ISBN 3-925277-26-9, S. 150–159, hier S. 153. Die Gründung der Accouchiranstalt „stand im Einklang mit dem politischen Projekt der Medikalisierung der Entbindung“.Alexia Lange: Gründung der Geburtshilflichen Abteilungen in Göttingen, Jena und Kiel. Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Dissertation am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, 2010, S. 19.

Zum ersten Klinikleiter und Geburtshilfe-Dozenten der Göttinger Accouchiranstalt wurde am 28. Juli 1751Alexia Lange: Gründung der Geburtshilflichen Abteilungen in Göttingen, Jena und Kiel. Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Dissertation am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, 2010, S. 45. der 25 Jahre junge und kurz zuvor promovierte Johann Georg Roederer aus Straßburg als außerordentlicher Professor nach Göttingen berufen; er übernahm den neu errichteten Lehrstuhl am 18. Dezember 1751. Sein Auftrag lautete, nach dem Muster des Accouchierzimmers in Straßburg eine solche Anstalt auch in Göttingen einzurichten.Alexia Lange: Gründung der Geburtshilflichen Abteilungen in Göttingen, Jena und Kiel. Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Dissertation am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, 2010, S. 26. Roederer hatte sich in Anatomie und Geburtshilfe spezialisiert und verfasste zu diesem Gebiet 1753 das Lehrbuch Elementa artis obstetriciae in usum auditorium (Grundzüge der Hebammenkunst zum Gebrauch im Hörsaal).Bettina Kratz-Ritter: Das Accouchierhaus. Geschichte der ersten deutschen Universitäts-Frauenklinik. Hrsg. von der Präsidentin der Universität Göttingen. Göttingen (o. J), S. 4. Er wurde 1754 zum ordentlichen Professor und zum Leibarzt von König Georg II. ernannt. Die fachliche Reputation des jungen Gelehrten war also exzellent, nicht allerdings die baulich-hygienischen Verhältnisse in seiner baufälligen Entbindungsanstalt. Roederer begann in den Räumlichkeiten des Armenhospitals mit zunächst nur zwei ZimmernJürgen Schlumbohm: „Die Schwangeren sind der Lehranstalt halber da“: Das Entbindungshospital der Universität Göttingen, 1751 bis ca. 1830. In: Jürgen Schlumbohm, Claudia Wisemann (Hrsg.): Die Entstehung der Geburtsklinik in Deutschland 1751–1850. Göttingen, Kassel, Braunschweig. Wallstein, Göttingen 2004, ISBN 3-89244-711-X, S. 31–62, hier S. 34., für die in den verbleibenden Wochen des Jahres 1751 nach der Gründung immerhin schon drei Geburten verzeichnet werden konnten.Alexia Lange: Gründung der Geburtshilflichen Abteilungen in Göttingen, Jena und Kiel. Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Dissertation am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, 2010, S. 27. In den ersten Jahren betreute Roederer mit seinen Studenten in dieser beengten Situation etwa 10 bis 30 Geburten jährlich. Aus dem Jahr 1752 ist bekannt, dass zu den Entbindungen nur ältere Studenten zugelassen wurden und bis zu 14 von ihnen während einer Geburt anwesend waren.Alexia Lange: Gründung der Geburtshilflichen Abteilungen in Göttingen, Jena und Kiel. Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Dissertation am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, 2010, S. 34. Roederer beklagte sich in seiner nur zwölf Jahre währenden und durch einen frühen Tod 1763 beendeten Amtszeit wiederholt über Platzmangel und den desolaten baulichen Zustand des Hospitals. Da die Anstalt vor allem der Lehre diente, musste hierfür Raum geschaffen werden. Doch auch unter der Leitung seines Nachfolgers Heinrich August Wrisberg blieben die baulichen Probleme weiter bestehen.