alternativtext=Apostelarmreliquiar, 1180, Vergoldetes Silberblech, Cleveland Museum of Art|mini|Apostelarmreliquiar, 51 × 14 × 9,2 cm, 1180, Vergoldetes Silberblech, Cleveland Museum of Art
Armreliquiare () sind Gefäße oder Fassungen für Reliquien und gelten als Unterform der Körperteil-Reliquiare. Ihren Namen erhalten die Armreliquiare durch ihr prägnantes Äußeres: Sie haben die Form eines Armes mit Hand, sind oftmals reich geschmückt und in Gewänder gehüllt dargestellt. Die Blütezeit der Armreliquiare liegt im 14. bis 16. Jahrhundert. Sie waren heilige Objekte der mittelalterlichen Kirchen und wurden vorwiegend als Teil der Liturgie angewandt.
Armreliquiare gelten heute als häufigste Körperteil-Darstellung unter den Reliquiaren und sind daher nicht nur von enormer Bedeutung für die Geschichte kirchlicher Bräuche und Riten, sondern werden auch immer wieder in kunstgeschichtlicher Hinsicht untersucht.
Geschichte Nachweise und Verbreitung Ab dem 11. Jahrhundert sind Armreliquiare nachweisbar. In den Primärquellen werden die Armreliquiare sowohl als manum als auch als brachium bezeichnet, wobei manum sowohl Arm als auch Hand bedeuten kann. Das macht es an manchen Stellen schwer, die mittelalterlichen Quellen auszuwerten. Im Laufe der Zeit setzte sich jedoch die Bezeichnung brachium durch.
Während Armreliquien schon seit ca. dem fünften Jahrhundert nachweisbar sind, stammt das älteste noch erhaltene Armreliquiar aus dem 11. Jahrhundert. Es ist der Blasiusarm aus Braunschweig,https://kulturerbe.niedersachsen.de/objekt/isil_DE-MUS-026819_opal_herzanulm_kunshe_MA60/1/ der vermutlich um 1040–1050 gefertigt wurde. Er ist eines von fünf Armreliquiaren, die aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts überliefert sind und sich nun im niedersächsisch-westfälischen und rheinischen Raum finden.
mini|hochkant|Armreliquiar im Museum Schnütgen, Köln, 1100–1150 Ein Großteil der aus dem 12. Jahrhundert erhaltenen Armreliquiare ist vermutlich auf Heinrich den Löwen zurückzuführen. Der Herzog stiftete mit Vorliebe Armreliquiare. Weit verbreitet waren jene zu dieser Zeit jedoch noch nicht. Erst im 13. Jahrhundert scheinen sich Armreliquiare zu etablieren: Anfangs finden sich die armförmigen Behälter vorwiegend im nördlich-mitteldeutschen Raum; im Laufe des 13. Jahrhunderts sind sie immer mehr auch im süddeutschen Raum nachweisbar. Auch aus anderen europäischen Ländern, darunter Tschechien, Frankreich, Belgien, Italien und die Schweiz, ist die Verbreitung von Armreliquiaren überliefert.
Ihren Höhepunkt der Verbreitung fanden die Armreliquiare jedoch erst in den folgenden Jahrhunderten. In vielen Kirchen wurden sie zum festen Repertoire und das Aufkommen der Körperteil-Reliquiare war höher denn je. Dementsprechend stammen auch die meisten noch erhaltenen Stücke aus dieser Zeit. Das Ende fand die Produktion der Armreliquiare um das 18. Jahrhundert. Ab dieser Zeit sind nur noch vereinzelt Werke nachzuweisen. Wie viele andere Reliquiare fielen im Laufe der Jahrhunderte auch einige Armreliquiare dem Bildersturm zum Opfer. Als skulpturale Darstellung von Heiligen, wenn auch nur von einzelnen Körperteilen, wurden sie beispielsweise mit Kreuzen und anderem Bilderschmuck eingeschmolzen oder ganz zerstört. Teilweise wurden auch die Reliquien aus ihren Reliquiaren gestohlen, da man den Reliquienkult im Ganzen kritisierte. Nicht zuletzt infolge des Bildersturmes ist heute die ursprüngliche Anzahl an Objekten deutlich kleiner und viele Armreliquiare sind verschollen.
Theorien zur Entstehungs- und Gestaltungsgeschichte Die ersten Reliquiare waren eher unauffällige Aufbewahrungsmöglichkeiten für Reliquien. Mit der Zeit entwickelten sich immer vielfältigere Formen und Ausarbeitungen der Reliquienbehälter, die ihren Höhepunkt in den Körperteil-Reliquiaren fanden. Körperteil-Reliquiare an sich sind schon seit dem 9. Jahrhundert sicher belegt. Sie zeigen eine deutliche Hinwendung zur skulpturalen Darstellung und der künstlerischen Ausarbeitung von liturgischen Objekten. Es existieren zahlreiche Theorien und Vermutungen, weshalb sich die Reliquiare äußerlich derart entwickelt haben.
Sowohl Stephen Beissel als auch später Bruno Reudenbach nennen hier einen Beschluss des Vierten Laterankonzils. Er besagte, dass Reliquien nicht mehr aus ihrem Reliquiar entnommen werden durften. Die Autoren benennen hier die außerordentliche Ausschmückung der Reliquien als eine Reaktion auf diese Vorgabe: Die Heiligkeit der Reliquie musste nun auch nach außen hin sichtbar gemacht werden. Im Sinne der „Redenden Reliquiare“ (siehe Abschnitt „Kunstgeschichtliche Einordnung“) geben die Reliquiare das Antlitz ihres Inhalts an den Betrachter weiter. So entstanden nun auch die Armreliquiare, die mit der Zeit immer mehr geschmückt und wirklichkeitsgetreu gefertigt werden. Einen anderen Schwerpunkt in der Erklärung setzt Cynthia Hahn. Sie konzentriert sich auf den Aspekt, dass spezifisch Armreliquiare den Zweck haben sollten, liturgische Gesten nachzustellen, und sieht darin auch den Grund für die skulpturale Umsetzung (siehe Abschnitt „Verwendung“). In einem anderen Werk zieht sie jedoch auch biblische Vergleiche von Heiligen mit Körperteilen zur Klärung der Frage heran. Die Apostel werden hier mehrfach mit dem Fuß Gottes verglichen, was auf die seltenen Fußreliquiare schließen lässt und auch Anlass für die Darstellung eines Armes als weiterer Körperteil geben würde.
Aufbau Armtypen mini|hochkant|Armreliquiar eines unbekannten Heiligen, 15. Jahrhundert, Silber, Museum Schnütgen, Köln
Der grobe Aufbau ist bei den meisten Armreliquiaren übereinstimmend: Auf einem Sockel stehend ist der Arm im Gewand mit Hand dargestellt. Es sind rechte und linke Arme sowie Armpaare dokumentiert. Rechte Arme sind die häufigsten Exemplare. Dies ist mit der traditionellen Bedeutung von Rechts und Links zu verknüpfen. „In der Antike wird Rechts mit allem identifiziert, was groß, stark, ehrenvoll, gut und göttlich ist, während Links synonym für alles Geringe, Schwache, Niedrige, Böse und Dämonische gebraucht wird“. Junghans stellt in diesem Zusammenhang die These auf, linke Arme seien meist zur Darstellung weiblicher Heiliger genutzt worden. Eines der wenigen Beispiele für einen linken Arm eines männlichen Heiligen ist das Armreliquiar eines heiligen Unbekannten aus Köln.
Sockel links|mini|hochkant|Armreliquiar des hl. Sigismund, 13. Jahrhundert, Holz, Silberblech, Filigran, Edelsteine und Gläser, Kunstgewerbemuseum Berlin
Oftmals bildet ein Sockel das Fundament des Armreliquiars. Er wird meist einzeln bearbeitet und anschließend mit dem Arm mit Hilfe von Dübeln oder Stiften verbunden. Ein solcher Sockel kann verschiedenste Formen haben, schlicht oder reich verziert sein. Eines der ausgefallensten Beispiele ist der Sockel des Armreliquiars des hl. Sigismund. Neben seinem Steinbesatz und den Filigranornamenten bildet der Sockel hier auch ein Gegengewicht zum auffällig langen Unterarm.
Arm und Gewand Der Arm selbst ist in ein bis drei Gewänder gehüllt, wobei zwei Gewänder die am häufigsten vorliegende Darstellung sind. Das Gewand ist hier im Sinne eines durch Schmiedearbeit angedeuteten Ärmels zu verstehen, nicht aber als tatsächliches Kleidungsstück aus Stoff. Charakteristisch für Armreliquiare aus dem 11. und 12. Jahrhundert ist eine relativ zylindrische Grundform des Armes mit geringem oder fehlendem Faltenwurf. Hier lässt sich wieder der Blasiusarm aus Braunschweig als Beispiel nennen. Später findet man eher eine gestufte Form vor, bei der ein nach schräg-unten fallendes Gewand den Blick auf die darunter liegenden Schichten freigibt. Die Gewänder werden meist von aufwendig verzierten Bordüren geschmückt.
Der Unterarm ist ausgehöhlt und wird mit der Reliquie gefüllt. Er ist oft um eine Öffnungsklappe am Reliquienboden ergänzt. Die Krönung bildet die Hand, die in verschiedenen Posen vorzufinden ist. alternativtext=Armreliquiar St. Elisabeth Sayn|mini|Armreliquiar der hl. Elisabeth, Mitte 13. Jahrhundert, vergoldetes Silber, Edelsteine, Filigran, Schlosskapelle Sayn
Hand Die Hand nimmt am Armreliquiar eine besondere Rolle ein. Sie ist neben den offensichtlichen Darstellungen von Gesichtern an Kopf-Reliquiaren ein außerordentlich kommunikatives Körperteil-Reliquiar. Hände und Gesten können Botschaften übermitteln.
Tatsächlich sind zahlreiche Armreliquiare mit Bischofsringen und Handschuhen gekennzeichnet und spielen offenbar auf den Arm eines Bischofs an. Ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts werden den Händen auch immer mehr Gegenstände beigefügt. Hierzu lässt sich erneut der Arm des heiligen Sigismund heranziehen. Neben seinem Ring am Daumen hält er eine abgeflachte Kugel mit aufgesetzter Lilie, ein Lilienzepter, in Daumen, Zeige- und Mittelfinger. Die zwei häufigsten Gesten, die durch Armreliquiare wiedergegeben werden, sind die geöffnete Hand und die Segnungsgeste. Bei der Segnungsgeste sind der Zeige- und der Mittelfinger zusammen nach oben gestreckt, während die anderen Finger geschlossen bleiben. Eines der bekanntesten Beispiele hierfür ist das Armreliquiar der hl. Elisabeth. Die Gestik ist charakteristisch für das Kreuzzeichen in der römisch-katholischen Kirche und lässt sich mit großer Wahrscheinlichkeit darauf zurückführen. Es gilt als eines der wichtigsten Symbole und eine der bedeutendsten Heilsgesten bei einer Segnung.
Materialien mini|links|hochkant|Armreliquiar des hl. Nikolaus, 13. Jahrhundert, Speckstein, Silber, Kupfer, vergoldetes Silber, Domschatz Halberstadt
Die materielle Zusammenstellung ist in ihren Grundzügen oftmals gleich. Die Mehrzahl der Armreliquiare hat einen Holzkern. Es folgen die vier gängigsten Materialzusammenstellungen:
1. Arm und Hand aus Holzkern, mit Metallblech verkleidet 2. Arm aus Holzkern, Hand aus Metall 3. Ganz aus Metall 4. Ganz aus Holz
Armreliquiare sind also viel mehr durch vielseitige Handwerksarbeit hergestellt als innerhalb einer einzigen Werkstatt produziert. Der Goldschmied treibt das Metall auf den Kern, gestaltet es, indem er detailliert den Faltenwurf einarbeitet oder andere Strukturen andeutet. Ganzheitlich metallene Partien wurden teilweise aus Metallen gegossen. Einzelne Stücke haben einen Steinkern, wie beispielsweise das Armreliquiar des heiligen Nikolaus. Ganz aus Holz bestanden die meisten Armreliquiare erst um 1400. Dann breiteten sie sich jedoch aufgrund der schnellen Verarbeitung und der niedrigen Kosten rasch aus.
Die gängigsten Edelmetalle sind Kupfer, Silber und Gold, wobei das kostbare Gold häufig nur zum Überzug genutzt wurde. Der Blasiusarm aus Braunschweig ist eines der wenigen Armreliquiare, die ganz aus Gold gefertigt sind. Andere (unedle) Metalle wie Messing und Bronze kommen nur selten bis gar nicht vor. Polituren der Metalle führen zu hohem Glanz und Reflexion, was auch bei der Einbindung in liturgische Abläufe von Vorteil sein konnte.
Verzierungen Neben der grundlegenden Ausarbeitung und Materialien der Armreliquiare sind diese mit fortschreitender Zeit immer aufwendiger verziert. Martina Junghans führt in ihrer Dissertation von 2002 folgende Ziertechniken auf: Treibarbeit, Gravur, Punzierung, Stanztechnik, Filigranarbeit, Email, Niello, Braunfirst, Edelsteinbearbeitung, Steinfassung.
Verzierungen fanden sich vor allem an den Bordüren der Gewänder sowie an Sockel und Ringen. Das konnten Blumenranken, Schriftzüge sowie einfache Platzierungen wertvoller Edelsteine sein. Das Beispiel des Nikolausarms zeigt gravierte Finger- und Handlinien; die Ringe weisen jeweils Gravuren und eingestanzte Blättchen mit Steinschmuck auf. Das Gewand ist vollständig graviert, die Bordüren sind mit Filigranbändern besetzt. Ornamente am Unterkleidsaum entstehen aus Granulationen, Kerbdrähten und geperlten Rahmendrähten. Ansonsten finden sich Steinbesätze an Ärmelsaum und Abschluss-Saum. Blickfang ist der große, runde Bergkristalleinsatz, der den Blick auf die Reliquie freigibt.
Enthaltene Reliquien