mini|hochkant=1.2|Komponistenviertel: Bizet-/Ecke Smetanastraße

Das Komponistenviertel ist ein Wohngebiet (Stadtviertel und eine Ortslage) im Berliner Ortsteil Weißensee des Bezirks Pankow. Es entstand in drei größeren Bauabschnitten ab den 1870er Jahren. Zur Erinnerung an den Sieg Deutschlands im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/1871 wurden die neu angelegten Straßen nach bekannten eroberten Orten in Elsaß-Lothringen oder symbolträchtigen Kampfstätten wie Sedan und Wörth benannt. Deshalb hieß das Wohngebiet zuerst Französisches Viertel. Nachdem Elsaß-Lothringen als Folge des Ersten Weltkrieges 1919 wieder an Frankreich ging und sich nach dem Zweiten Weltkrieg eine kritischere Sicht auf Militarismus und Imperialismus durchsetzte, wurden die Straßen 1951 nach Komponisten benannt. Dadurch etablierte sich die heutige Bezeichnung Komponistenviertel.

Lage mini|hochkant=1.2|Lage der Straßen und Plätze des Komponistenviertels sowie des Erhaltungsgebiets Weißensee-Süd mini|hochkant=1.2|Straßen des Französischen Viertels nach Südwest an der Berliner Allee (1882)

Das Komponistenviertel wird folgendermaßen begrenzt: im Norden durch die Berliner Allee im Osten durch die Indira-Gandhi-Straße (bis 1985: Lichtenberger Straße) im Süden durch den 1880 angelegten Jüdischen Friedhof, der das größte und bedeutendste jüdische Geschichts- und Kulturdenkmal dieser Art in Europa ist, im Westen durch die Gürtelstraße Der südwestliche Teil bis zur Smetanastraße war anfangs das Französische Viertel, da die Straßen in der Gemeinde Neu-Weißensee bei der Planung nach 1870/1871 ihren Namen nach Kriegsschauplätzen des Deutsch-Französischen Krieges erhielten. Jenseits der Gürtelstraße befand sich der Schleipfuhl, der anfangs nach dem Viertel auch Franzosenpfuhl genannt wurde.

Gliederung und Bebauung Im älteren Teil gliedern dreispurige mit Straßenbäumen gesäumte Nebenstraßen das Viertel. Diese Verkehrswege dürfen beiderseits zum Parken genutzt werden, sodass der Gegenverkehr an Querstraßen warten muss. Im neueren Teil zwischen Smetanastraße und Indira-Gandhi-Straße findet sich eine enge Wohnbebauung mit grünen Innenhöfen aus den 1930er Jahren, und südlich der Gounodstraße stehen Neubauten von Q3A-Typenwohnbauten in offener Bebauung. Insgesamt ist aus der Zeit der Ausgestaltung durch die Vorortlage eine durchgängige Begrünung des Viertels vorhanden. Zwischen der Wohnbebauung finden sich Schulen und Kindereinrichtungen sowie in Randlage mehrere Gewerbebereiche.

Das Französische Viertel wurde von der Berliner Allee nach Südost fortschreitend zunehmend bebaut.

Besonders markant ist das durch die Meyerbeerstraße im Norden, die Gounodstraße im Süden sowie am mittleren Bereich der Lindenallee, der Mutziger und der Benfelder Straße entstandene Wohnquartier. Diese Flächen zur Lichtenberger Straße und nach Süden (zum Jüdischen Begräbnisplatz hin) blieben vor 1910 bei der Bebauung des „Französischen Viertels“ ungenutzt. Die Erschließungsstraßen trugen Plannamen wie Straße B und Straße C. Eine westlich der Lindenallee angedachte Fortsetzung der Blockbebauung (Straße A fehlt) am Solonplatz wurde nicht umgesetzt. Um 1929 sind die Straßburgstraße und Metzstraße vorhanden, und Benfelder und Mutziger Straße kamen hinzu, alle sind nach Orten benannt, die nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/1871 mit dem Elsaß an das Deutsche Reich kamen.

Die westlichen Straßenfronten der Mutziger und der Benfelder Straße sind durchgängig in einer Linie gebaut, während die Ostseite von zurückgesetzten Hauseingängen dominiert wird. Ursprünglich waren beide Straßen ohne Gehwege in einer Breite von fünfzehn Metern angelegt. Mit der aufkommenden individuellen Motorisierung erhielten sie mittig einen Fahrstreifen, für den fünfeinhalb Meter abgetrennt wurden. So entstanden beiderseits schmalere Gehwege und kleine von Hecken eingegrenzte Grünflächen vor den Gebäudezügen. Die beiden etwa 150 Meter langen Straßen sind als ein entgegengesetztes Einbahnstraßensystem gedacht, allerdings beidseitig befahrbar.

Die neueste Bebauung mit Eigentumswohnungen entstand seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts am Rand des Jüdischen Friedhofs entlang der Puccinistraße, teilweise wurden stillgelegte Gewerbegebäude oder -flächen einbezogen.

Geschichte Entstehung des Französischen Wohnviertels Der Bodenspekulant Gustav Adolf Schön hatte während der Gründerzeit 1872 das gesamte Rittergut Weißensee für 700.000 Taler von Friedrich Wilhelm Lüdersdorff, dem Neffen von Johann Heinrich Leberecht Pistorius abgekauft. Der Unternehmer Ernst Gäbler (1812–1876) erwarb von ihm einen 152 Morgen großen Teil, von dem er 1872 ein Gebiet von 106 Morgen als Bauland für seine Baugesellschaft für Mittelwohnungen nutzte. Südöstlich der ehemaligen Königs-Chaussee, der späteren Berliner Allee, ließ er 20 Häuser bauen. Die Straßen wurden nach Kriegsschauplätzen des Deutsch-Französischen Krieges benannt, und dieser Teil von Weißensee hieß nun Französisches Viertel. Sedan-, Lothringen-, Elsaß- und Metzstraße bildeten das Kerngebiet, um das herum weitere Gebäude entstanden. Die Bebauung endete zunächst an der Wörthstraße mit dem Begräbnisplatz der katholischen Gemeinde.

Im Jahr 1879 wurde der Gutsbezirk Weißensee vor den Toren der wachsenden deutschen Hauptstadt Berlin zur Landgemeinde Neu-Weißensee. 1880 erwarb die jüdische Gemeinde Berlins ein benachbartes Gebiet, um hier ihren Begräbnisplatz anzulegen.Anzumerken ist der Verlauf der Grenze des Gutsbezirks, wie dies aus der benachbarten Karte von 1882 ersichtlich wird. Dadurch gehörte der östliche Teil des Komponistenviertels nicht zum ursächlichen Französischen Wohnquartier. Der Ausbau des Viertels erfolgte infolge der Errichtung des S-Bahnhofs Weißensee (1875), durch die Pferde-Omnibus-Linie Alexanderplatz–Antonplatz (1873) und durch die Vereinigung der beiden Teile Weißensees (1905) rasch. 1905 wurde die Sedanstraße (seit 1951 Bizetstraße) zur Verlängerten Sedanstraße und das bis dahin unbebaute Gelände mit der Lindenallee als neuer Querstraße zur südlich (der Metzstraße) gelegenen Israelitischen Arbeiterkolonie geführt. Diese führte über das Gebiet der heutigen Wohnbebauung aus den 1960er Jahren, das Gewerbegebiet der Brauerei und des Gartenamtes Weißensee sowie der Gärtnerei in der nordöstlichen Erweiterung des Jüdischen Friedhofs zur damaligen Lichtenberger Straße hin.

Die Straßennamen Neu-Weißensees im Süden des (vor 1951) Französischen Viertels waren nach dem Sieg von 1871 gewählt worden. Das Karree um die Mutziger Straße war in den Straßennamen an diese Ereignisse angepasst, zumal die begrenzenden Straßen bis hin zur Lichtenberger Straße bereits als Metz- und Straßburgstraße benannt waren. Diese militaristische Ausrichtung führte – wie in anderen Ortsteilen – in der Nachkriegszeit 1951 zur Umbenennung der Straßen nach Komponisten. Durch ihre Lage östlich der Lindenallee blieben die Mutziger wie die Benfelder Straße dabei allerdings unbeachtet, obwohl auch sie auf Orte im Elsass verweisen.

Die Attraktivität der Lage entlang der Weißenseer Hauptgeschäftsstraße Berliner Allee und des Antonplatzes wuchs um 1920 durch die Eingliederung von Weißensee als Bezirk von Groß-Berlin. 1928 war das Quartier weitestgehend ausgebaut.

Umbenennung der Straßen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und weiterer Ausbau des Viertels mini|hochkant|Gedenktafel für Erich Neumann an seinem Wohnhaus Gürtel­straße 13

Die Umbenennung der Straßen des Französischen Viertels mit Namen von Komponisten erfolgte 1951: die Sedanstraße wurde zur Bizetstraße, die Elsaßstraße zur Mahlerstraße, die Metzstraße zur Gounodstraße, und die Lothringenstraße mit ihrem Endpunkt vor dem Eingang zum Jüdischen Friedhof wurde in Herbert-Baum-Straße umbenannt. Seither hat sich der Begriff Komponistenviertel durchgesetzt. Bemerkenswert ist jedoch, dass berühmte deutsche und österreichische Komponisten wie Bach, Beethoven, Mozart, Brahms und Schubert keine Berücksichtigung fanden, dafür jedoch mehrere deutlich weniger bekannte französische Komponisten wie Georges Bizet und Charles Gounod sowie Komponisten mit einem starken Bezug zu Frankreich wie Frédéric Chopin (hatte eine französische Mutter und verbrachte die zweite Hälfte seines Lebens in Frankreich) und Giacomo Meyerbeer (lebte jahrelang in Paris und gilt als Meister der französischen Grand opéra).

In den 1960er Jahren erfolgte die Bebauung zwischen der Gounodstraße und der Chopinstraße mit Plattenbauten des Typs Q3A. Dabei befinden sich typischerweise je vier Treppenhäuser in einem Block, die Wohnhäuser sind viergeschossig. Die oberen drei Geschosse haben Balkons, die Flächen zwischen den Häusern sind mit Rasen und Bäumen gestaltet. Der schräg durchlaufende Verlorene Weg wurde dabei aufgegeben, und die Zufahrten erfolgen durch die Otto-Brahm-Straße, die von der Chopinstraße als Ring zurück zur Chopinstraße führt.

Bis zur Wende blieb der Wohnungs- und Gebäudebestand in der Kommunalen Wohnungsverwaltung des Stadtbezirks Weißensee weitestgehend unverändert.

1990er Jahre Nach § 141 BauGB wurde für die Lage ein Untersuchungsgebiet geschaffen, um Instandhaltungsmängel und Ausstattungsdefizite an Wohn-, Gewerbe- und Nebengebäuden festzustellen. Das Ergebnis zeigte, dass 82,2 Prozent der Wohnungen vor 1919 errichtet worden waren, 224 Wohnungen waren bis 1945 und 455 nach 1946 entstanden. Dadurch hatten bei der Erfassung des Wohnraums nach der Wende 987 Wohneinheiten umfangreichen Sanierungsbedarf, für 1361 bestand mittlerer, für 1340 bestand geringer Bedarf und nur 122 oder 3,2 Prozent waren ohne Sanierungsbedarf. So verfügten im Untersuchungsgebiet noch 90 Prozent über eine Ofenheizung, fast 14 Prozent über eine Außentoilette und 62 Prozent besaßen ein Bad. Von den 3441 Wohnungen im Quartier waren 2564 Ein- und Zweiraumwohnungen. Insgesamt lebten 5181 Bewohner hier.Diese Zahlen sind in der Broschüre des Bezirksamtes über Ergebnisse des Sanierungsvorhabens enthalten.

Im Jahr 1994 wurde mit der „Zehnten Verordnung über die förmliche Festlegung von Sanierungsgebieten“ vom 18. November 1994 (rechtskräftig per 4. Dezember 1994) das Sanierungsgebiet Weißensee-Komponistenviertel festgelegt. Einbezogen waren 488 Grundstücke, von denen aus dem Besitz der Kommunalen Wohnungsverwaltung 235 Grundstücke treuhänderisch vom Bezirk verwaltet und schrittweise privatisiert wurden, 23 Grundstücke befanden sich im Landesbesitz, und auf 102 Grundstücke bestand ein Rückübertragungsanspruch.

mini|Gounodstraße, denkmalgeschütztes vormaliges Verwaltungsgebäude; seit 2010 Teil eines Wohnungskomplexes