Der Volksentscheid „Gesetz zur Erhaltung der kommunal verankerten Sparkassen im Freistaat Sachsen“, umgangssprachlich auch Sparkassenentscheid, fand am 21. Oktober 2001 im Freistaat Sachsen statt. Ausgelöst wurde er durch ein gleichnamiges erfolgreiches Volksbegehren. Im Volksentscheid wurde das Begehren mit einer sehr hohen Zustimmung von 85,2 % „Ja“-Stimmen angenommen. In Sachsen unterliegen Volksentscheide keinem Quorum, sodass die einfache Mehrheit der Abstimmenden entschied.
Der Weg zum Volksentscheid Im Jahr 1999 wurde durch das vom Sächsischen Landtag beschlossene „Gesetz zur Neuordnung der öffentlich-rechtlichen Kreditinstitute im Freistaat Sachsen einschließlich der Sächsischen Aufbaubank GmbH“ die Möglichkeit geschaffen, dass sich Sparkassen gemeinsam mit der Landesbank Sachsen und der Sächsischen Aufbaubank zum „Sachsen Finanzverband“ zusammenschließen können. Das Ziel war es, die landeseigene Sachsen LB über den Sachsen Finanzverband mit genug Eigenkapital auszustatten, um den direkten Handel an internationalen Finanzplätzen zu ermöglichen. Die Mitgliedschaft war freiwillig, zehn Sparkassen in kreisfreien Städten und Landkreisen traten dem Finanzverband bei. Das Gesetz wurde vom Verfassungsgerichtshof des Freistaates Sachsen, nicht zuletzt wegen der Freiwilligkeit der Mitgliedschaft, für verfassungsgemäß befunden.
Gleichwohl formierte sich in der Bevölkerung Widerspruch gegen die geplante Neuordnung der Sparkassen, da vielfach die Selbständigkeit der Sparkassen als gefährdet angesehen wurde. Ein entsprechendes Volksbegehren wurde am 17. Mai 2001 im Sächsischen Amtsblatt bekannt gemacht. Die Bürgerinitiative wurden von den Fraktionen der SPD und der PDS im Sächsischen Landtag unterstützt.
Volksentscheid Der Volksentscheid wurde am Sonntag, den 21. Oktober 2001 abgehalten, er war mit keiner anderen Abstimmung oder Wahl zusammengelegt. Die Abstimmungsfrage lautete:
Von den knapp 3,6 Millionen Stimmberechtigten nahmen 925.115 (25,9 %) an der Abstimmung teil. Die sehr große Mehrheit der Abstimmenden (85,2 %) stimmte im Sinne des Volksbegehrens mit „Ja“ und unterstützte damit den Erhalt der kommunal verankerten Sparkassen.
Sowohl der Anteil der Abstimmenden als auch das Maß der Zustimmung schwankte je nach Landkreis beziehungsweise kreisfreier Stadt erheblich. Während im Landkreis Torgau-Oschatz 40 % der Stimmberechtigten teilnahmen, waren es in der Stadt Hoyerswerda nur 16,3 %. Die Unterstützung für das Volksbegehren war allgemein sehr hoch, lag jedoch lag in Zwickau und dem Zwickauer Land bei über 96 %, während im Weißeritzkreis „nur“ 66,9 % mit „Ja“ stimmten. Die Zahl der ungültigen Stimmen war mit 0,4 % auf ganz Sachsen gerechnet insgesamt gering, und lag nur im Mittlerem Erzgebirgskreis und im Weißeritzkreis bei über 1 %.
Da in Sachsen im Volksentscheid die einfache Mehrheit der Abstimmenden entscheidet, war der Gesetzentwurf damit angenommen. Er wurde am 7. Februar 2002 verkündet und trat zehn Tage später in Kraft.
Amtliches Endergebnis des Volksentscheids vom 21. Oktober 2001 in SachsenStatistisches Landesamt des Freistaates Sachsen (Hrsg.): Volksentscheide im Freistaat Sachsen. Volksentscheid am 21. Oktober 2001, S. 4–5. GebietReihenfolge gemäß gedruckter Publikation des Statistischen Landesamts. Stimmberechtigte(a) Abstimmende(b) gültigeStimmen (c) ungültigeStimmen Ja Nein Anzahl Anzahl Anteil(an a) Anzahl Anteil(an b) Anzahl Anteil(an b) Anzahl Anteil(an c) Anzahl Anteil(an c) Chemnitz (Stadt) 212.351 46.464 21,88 % 46.341 99,74 % 123 0,26 % 41.924 90,47 % 4.417 9,53 % Dresden (Stadt) 386.440 74.485 19,27 % 74.129 99,52 % 356 0,48 % 55.369 74,69 % 18.760 25,31 % Görlitz (Stadt) 49.139 13.236 26,94 % 13.196 99,70 % 40 0,30 % 11.409 86,46 % 1787 13,54 % Hoyerswerda (Stadt) 40.048 6.509 16,25 % 6.485 99,63 % 24 0,37 % 4.760 73,40 % 1.725 26,60 % Leipzig (Stadt) 387.745 91.793 23,67 % 91.476 99,65 % 317 0,35 % 72.818 79,60 % 18.658 20,40 % Plauen (Stadt) 58.878 14.200 24,12 % 14.157 99,70 % 43 0,30 % 12.578 88,85 % 1.579 11,15 % Zwickau (Stadt) 85.225 27.736 32,54 % 27.694 99,85 % 42 0,15 % 26.687 96,36 % 1.007 3,64 % Annaberg 72.090 15.650 21,71 % 15.567 99,47 % 83 0,53 % 12.081 77,61 % 3.486 22,39 % Aue-Schwarzenberg 114.986 26.628 23,16 % 26.519 99,59 % 109 0,41 % 20.485 77,25 % 6.034 22,75 % Bautzen 126.748 43.954 34,68 % 43.838 99,74 % 116 0,26 % 39.306 89,66 % 4.532 10,34 % Chemnitzer Land 115.807 31.124 26,88 % 30.977 99,53 % 147 0,47 % 27.967 90,28 % 3.010 9,72 % Delitzsch 102.421 32.029 31,27 % 31.951 99,76 % 78 0,24 % 28.927 90,54 % 3.024 9,46 % Döbeln 62.853 15.239 24,25 % 15.166 99,52 % 73 0,48 % 13.053 86,07 % 2.113 13,93 % Freiberg 122.665 34.993 28,53 % 34.760 99,33 % 233 0,67 % 30.379 87,40 % 4.381 12,60 % Kamenz 124.988 30.765 24,61 % 30.602 99,47 % 163 0,53 % 24.783 80,98 % 5.819 19,02 % Leipziger Land 124.442 32.954 26,48 % 32.862 99,72 % 92 0,28 % 27.777 84,53 % 5.085 15,47 % Löbau-Zittau 124.797 38.459 30,82 % 38.336 99,68 % 123 0,32 % 34.362 89,63 % 3.974 10,37 % Meißen 123.861 39.159 31,62 % 39.047 99,71 % 112 0,29 % 35.631 91,25 % 3.416 8,75 % Mittlerer Erzgebirgskreis 76.601 16.990 22,18 % 16.800 98,88 % 190 1,12 % 13.797 82,13 % 3.003 17,88 % Mittweida 112.432 26.185 23,29 % 26.074 99,58 % 111 0,42 % 19.577 75,08 % 6.497 24,92 % Muldentalkreis 110.026 30.525 27,74 % 30.376 99,51 % 149 0,49 % 27.105 89,23 % 3.271 10,77 % Niederschlesischer Oberlausitzkreis 83.620 24.134 28,86 % 24.060 99,69 % 74 0,31 % 21.305 88,55 % 2.755 11,45 % Riesa-Großenhain 98.077 25.901 26,41 % 25.792 99,58 % 109 0,42 % 21.495 83,34 % 4.297 16,66 % Sächsische Schweiz 119.485 25.636 21,46 % 25.522 99,56 % 114 0,44 % 18.720 73,35 % 6.802 26,65 % Stollberg 77.141 21.908 28,40 % 21.831 99,65 % 77 0,35 % 19.447 89,08 % 2.384 10,92 % Torgau-Oschatz 81.810 32.745 40,03 % 32.563 99,44 % 182 0,56 % 29.907 91,84 % 2.656 8,16 % Vogtlandkreis 167.178 44.124 26,39 % 44.017 99,76 % 107 0,24 % 40.416 91,82 % 3.601 8,18 % Weißeritzkreis 100.999 21.163 20,95 % 20.930 98,90 % 233 1,10 % 14.011 66,94 % 6.919 33,06 % Zwickauer Land 110.756 40.427 36,50 % 40.359 99,83 % 68 0,17 % 39.060 96,78 % 1.299 3,22 % 3.573.609 925.115 25,89 % 921.427 99,60 % 3.688 0,40 % 785.136 85,21 % 136.291 14,79 %
Folgen Die regierende CDU erkannte den Erfolg der Bürgerinitiative im Volksentscheid an. Die Änderung des Sächsischen Sparkassengesetzes aus dem Jahr 1999 wurde aufgehoben. Die weitere Entwicklung des Sachsen Finanzverband war jedoch in einem eigenen Gesetz zu regeln.
Gleichwohl und entgegen der Intention des Volksbegehrens beschloss der Sächsische Landtag mit den Stimmen der CDU am 13. Dezember 2002 eine erneute Änderung des Sächsischen Sparkassengesetzes, wodurch ein vergleichbarer Zusammenschluss sächsischer Banken ermöglicht wurde. Der Sachsen Finanzverbund wurde 2003 in die „Sachsen-Finanzgruppe“ umgewandelt. Dieser schlossen sich erneut fünf Sparkassen im Land an. Im Zuge der Weltfinanzkrise machte die Sachsen LB im Jahr 2007 mit riskanten Anlageprodukten erhebliche Verluste, so dass die Regierung Mildbradt einen Notverkauf veranlassen musste. In der Folge wurde die Sachsen-Finanzgruppe aufgelöst und die angeschlossenen Sparkassen kehrten in die Unabhängigkeit zurück. Zwischen 2009 und 2017 musste das Land Sachsen zur Begleichung der aufgehäuften Verbindlichen der Sachsen LB insgesamt etwa 1,55 Milliarden Euro aufbringen.
Siehe auch Liste der Plebiszite in Deutschland Direkte Demokratie in Deutschland
Literatur
Weblinks
Einzelnachweise
#2001 Kategorie:Politikgeschichte (Sachsen) Sachsen Sachsen 2001