mini|Musizierende Huzulen, ca. 1918–1935 Die Volksmusik in den Karpaten umfasst die traditionellen Musikformen der Karpatenregionen Polens, Rumäniens, Serbiens, Ungarns, der Slowakei und der Ukraine. Der Begriff bezeichnet keinen einheitlichen Musikstil, sondern einen von der vergleichenden Volksmusikforschung konstituierten Untersuchungsraum. Die Repertoires der beteiligten Sprach- und Ethniengruppen weisen über die Staatsgrenzen hinweg zahlreiche Übereinstimmungen auf, die auf jahrhundertelangen Kontakt, Transhumanz und Mehrsprachigkeit zurückgeführt werden.
Begriffliche Grundlagen In der Forschungsliteratur sind zwei Raumbegriffe zu unterscheiden, die häufig verwechselt werden. Der Karpatenbogen bezeichnet das Gebirge, welches sich von den Kleinen Karpaten bei Bratislava über die Beskiden, die Waldkarpaten und die Ostkarpaten bis zu den Süd- und Westkarpaten in Rumänien erstreckt. Das Karpatenbecken (ungarisch Kárpát-medence) bezeichnet das von den Karpaten umschlossene Tiefland einschließlich der Pannonischen Tiefebene.
In der seit den 1950er Jahren etablierten Forschungstradition erscheint der Karpatenraum regelmäßig gemeinsam mit dem Balkan als zusammenhängendes Untersuchungsgebiet. Philip V. Bohlman betont, dass eine Aufteilung der Musikrepertoires entlang des Karpatenbogens in nationale Stile kaum möglich sei. Die Staatsgrenzen hätten die Entstehung gemischter Stile nicht verhindert, so etwa in den russinischen Musiktraditionen beiderseits der slowakisch-ukrainischen Grenze.
Historischer Hintergrund Die walachische Kolonisation mini|Walachische Familie auf dem Weg zum Markt, Gemälde von Miklós Barabas, 1844Ein in der Forschung verbreitetes Erklärungsmodell führt einen Teil der überregionalen Gemeinsamkeiten auf die sogenannte walachische Kolonisation zurück. Zwischen dem 14. und dem 17. Jahrhundert breiteten sich Hirtengruppen mit einer spezifischen Form der Transhumanz und mit „walachischem Recht“ von den Ostkarpaten nach Nordwesten bis in die Mährische Walachei aus. Mit ihnen verbreiteten sich Hirtenterminologie („Karpatismen“), Weidepraktiken sowie Instrumente und Melodietypen der Hirtenmusik. Der Umfang des musikalischen Austauschs lässt sich nicht sicher belegen.
Melodien und Traditionen wanderten zwischen rumänisch-, ungarisch-, slowakisch-, polnisch- und ostslawischsprachigen Gruppen sowie zwischen diesen und der Bevölkerung der Roma, Deutschen und Juden. Die umherziehenden Musikanten der Regionen und Migrationsbewegungen wirkten dabei als wesentlicher Übertragungsweg. Daher ergeben sich regionale Besonderheiten, wie z. B. die Musik in Podhale, die musikalisch den übrigen Karpatenregionen nähersteht als der Volksmusik des polnischen Tieflands.
Brüche im 20. Jahrhundert Die Koexistenz der verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen und Musiktraditionen wurde im 20. Jahrhundert mehrfach gewaltsam unterbrochen. Die jüdische Community der Karpatenregion wurde im Holocaust nahezu vollständig vernichtet. Die Lemken wurden 1945/46 in die Ukrainische SSR umgesiedelt und 1947 in der Aktion Weichsel aus dem polnischen Karpatenraum nach Nord- und Westpolen deportiert. Kollektivierung, Abwanderung und der Rückgang der Weidewirtschaft entzogen der Hirtenmusik zugleich ihren funktionalen Kontext, während teilweise staatlich geförderte Folkloreensembles Musik in bearbeiteter Form weiterführten.
Musikalische Merkmale
Tonalität und Skalen Zentrale Gemeinsamkeiten von Instrumental- und Vokalstücken sind die Melodieführung (z. B. Ostinato-Melodien), spezielle Akkordfolgen (z. B. c-Moll / f-Moll / g-Moll / G-Dur), Akkordbrechungen (Brechungsmelodik) und Synkopen, Polyphonie im Gesang und parallele Zweistimmigkeit in der Instrumentalisierung. Bisweilen gibt es Stücke mit langen, tranceartigen, improvisierten Instrumentalpassagen. Neben äolischen, dorischen und mixolydischen Bildungen sowie pentatonischen Schichten im ungarischsprachigen Bestand ist für den Westkarpatenraum die sogenannte Podhale-Skala (auch „Goralen-“ oder „Walachen-Skala“) kennzeichnend: eine siebenstufige Skala mit erhöhter vierter (lydische Quart) und erniedrigter siebter Stufe. Sie ergibt sich naturtonbedingt aus dem Spiel auf grifflochlosen Hirteninstrumenten wie Trombita und Obertonflöte und prägt das Hirtenrepertoire in Podhale, der Orava, der Zips und der Liptau.
Die Akkordbegleitung der Streicherkapellen folgt Stufenverbindungen, nicht festen absoluten Tonarten. Verbreitet sind Wechsel zwischen Grundstufe, Quart- und Quintstufe sowie Dur-Quintstufen über moll-basierter Melodik.
Instrumente und Besetzungen Zu den wichtigsten Instrumenten, die teilweise zur Standardinstrumentalisierung der nationalen Volksmusiktraditionen gehören, zählen Geige, Bratsche, Kontrabass, Koboz, Blasinstrumente, z. B. Sopilka, Panflöte, Fujara, Trembita, Tilincă und andere Flötenarten, Zymbal, Maultrommel, verschiedene Schlaginstrumente, Dudelsack und Akkordeon.
Rhythmus und Form Kennzeichnend für verschiedene Volksmusiktraditionen des Karpatenraums sind wiederkehrende melodische und rhythmische Verfahren wie Ostinato-Bildungen, Akkordbrechungen und Synkopierungen. Besonders deutlich tritt der Gegensatz zwischen einem frei deklamierenden parlando-rubato-Vortrag und einem metrisch gebundenen Tempo giusto hervor. Parlando rubato bezeichnet dabei eine nahezu rhythmisch freie Vortragsweise, die insbesondere in älteren ungarischen Volksliedern und Klageliedern begegnet. Auch bestimmte rumänische Formen wie die Doina weisen eine frei-rhythmische und improvisatorisch geprägte Melodieführung auf. Instrumentalstücke können ausgedehnte improvisierte Passagen enthalten. Zur Rhythmusgruppe gehören in der Regel Kontrabass und/oder Violine bzw. Bratsche sowie Zymbal.
Mehrstimmigkeit Mehrstimmiger Gesang tritt in unterschiedlichen Ausprägungen auf: als Bordunbegleitung, als Heterophonie, als Parallelführung in Terzen sowie – etwa im slowakischen Horehronie – in einer Vorsänger-Chor-Struktur mit variabler Solomelodie und statischeren Chorantworten, die in verflochtene Parallelstimmen mündet.
Tanzmusik und regionale Besonderheiten mini|Rumänische Tänzer Der Bestand an traditionellen Tänzen im Karpatenraum ist relativ überschaubar und erstaunlich einheitlich. Die Tanzmusik stellt einen einheitlichen Teil des instrumentalen Musikrepertoires dar. So finden sich immer wieder ähnliche Muster: der von Gesang begleitete Reigen, der den Tanzzyklus einleitende Männertanz, der langsame und schnelle Paartanz und die Hirtentänze. Jede Ethnie und Sprache kann andere Namen für identische Tanztypen verwenden, die jedoch durch Elemente von regionaler Bedeutung ergänzt werden können. Im Gegensatz zu Liedern, die melodienreich und rhythmisch sehr strukturiert sind, weisen Tänze zumeist doppeltes Tempo auf und basierend auf symmetrischen Musikperioden. Die wichtigsten Tänze sind wenig mit der Musik verbunden, nur die unterschiedlichen Akzente legen ihre choreographischen Besonderheiten fest. Tänze waren gewöhnlich in rituellen Handlungen wie Hochzeiten und Feiertagen integriert. Das mitteleuropäische Tanzmaterial vermischt sich im südlichen und südöstlichen Teil des Gebietes mit der charakteristischen südeuropäischen Kettentanzkultur. Das Tanzprogramm setzt sich wie folgt zusammen: in den rumänischen Dörfern der Süd- und Südostkarpaten dominieren die Tänze Hora, Sîrba, Briul. Darüber hinaus finden wir als lokale Besonderheiten in der Bukowina und der Karpatenukraine die Huzulka, Kolomyjka und die Coraghească. Im westlichen Teil des ungarischen Sprachraums gibt es Weiterentwicklungen, die auf dem Schweinehirtentanz (kanásztánc), dem Mädchenreigen (körtánc), dem Verbunkos und dem in einem kräftigen 2/4- oder 4/4-Takt getanzten Csárdás, den Stocktanz der Hirten (botol) basieren; die Ungarn in Siebenbürgen kennen den Burschentanz (legényes) oder Verbunkos, aber auch Paartänze in verschiedenen Tempi. Der charakteristische Tanzbestand der Rumänen in Siebenbürgen besteht wiederum aus dem Stocktanz (haidăul), dem Mädchentanz (feciorească) und Männertänze (bărbărtesc), der langsamen țiganească, der mittelschnellen invartița und schnelle hațegana. Ein vergleichbares Tanzprogramm gibt es bei den Slowaken, so den der Odzemok oder Hajduch, die Karika, den Verbunk, die Cardas und die Friska; und bei den Goralen in der Tatraregion tanzt man den Männertanz zbojnicky und den Paartanz goralski. Die Roma kennen ebenso Männer- und Paartänze, die an einigen Orten durch den Stocktanz (botolo) ergänzt werden.
Minderheiten mini|Gorale mit Geige mini|Huzulen in Polen in den 1930er Jahren
Die Musik der polnischen Goralen Die Musik der ukrainischen und polnischen Huzulen Die Musik der Ruthenen, Lemken, Russinen in Polen, der Slowakei und der Ukraine sowie der Bojken und Doljanen in Polen und der Ukraine Die Musik der jüdischen und Roma-Bewohner der Karpaten Die Musik der Walachen aus Serbien und Mähren
Forschung Erste Aufzeichnungen aus dem Karpatenraum liegen seit dem 18. Jahrhundert vor. Systematische Sammlungen entstanden im 19. und frühen 20. Jahrhundert mit Oskar Kolberg für den polnischen Bergraum, Adolf Chybiński und Stanisław Mierczyński für Podhale, Béla Bartók für die rumänische Musik der Maramureș, Constantin Brăiloiu für Rumänien und Filaret Kolessa für den ukrainischen Raum. In den 1950er Jahren entstand unter der Schirmherrschaft der Internationalen Kommission zur Erforschung der Volkskultur der Karpaten und des Balkans mit Sitz in Bratislava ein länderübergreifendes Forschungsprojekt, das neben Wirtschafts- und Sozialforschung auch die Musikethnologie umfasste. 1961 wurde die Problemstellung der Volksmusikforschung auf einer Tagung dargelegt. Es folgten Beiträge auf der Karpaten-Balkan-Konferenz in Krakau und 1965 das erste musikethnologische Symposium in Bratislava. Untersucht wurden unter anderem Hirtenrufe und -lieder, Instrumententypen, mehrstimmiger Gesang und Fragen der Stilstratigraphie. Neuere Arbeiten betonen, dass der Gegenstand selbst forschungsgeschichtlich mitkonstituiert ist. Timothy J. Cooley zeigt für Podhale, dass die Vorstellung einer abgegrenzten „Tatra-Musik“ im Zusammenspiel von Ethnographen, Tourismus und lokalen Musikern entstand. Bohlman ordnet die nationale Systematisierung von Volksmusik in den Zusammenhang der europäischen Nationsbildung ein.
Folklorismus und Gegenwart Seit den 1970er Jahren prägen Revival-Bewegungen die Präsenz des Karpatenmusik. In Ungarn entstand ab 1972 der ungarische Táncház. Ihre Vermittlungsmethode wurde 2011 in das UNESCO-Register guter Praxisbeispiele aufgenommen. In Polen knüpften Ensembles an die Podhaler und das lemkisch-huzulische Musiktradition an. Die Orkiestra św. Mikołaja arbeitet seit den 1990er Jahren mit huzulischen Musikern zusammen. Folkloristische Musiker sind u. a. Gheorghe Zamfir und Grigore Leșe und der Hudaki Village Band bis zu Pop- und Weltmusikprojekten der ukrainischen Sängerin Ruslana.
UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit Elemente der Volksmusik in den Karpaten wurden bereits in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen:
Rumänien
2005/2008 – Der Căluș-Ritualtanz 2009 – Die Doina-Musik
Slowakei
2005/2008 – Die slowakische Langflöte Fujara 2013 – Die Musik von Terchová 2015 – Die Dudelsack-Kultur 2017 – Der mehrstimmige Gesang aus Horehronie
Literatur
Weblinks Volksmusik in den Karpaten (Kompilation auf YouTube)
Einzelnachweise
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