Die Kena-Upanishad (Sanskrit: केन उपनिषद् f. oder auch केनोपनिषद् – kenopaniṣhad) ist eine der früheren prinzipiellen (mukhya – मुख्य) Upanishaden des Hinduismus. Im aus 108 Upanishaden bestehenden Muktika-Kanon (muktikā – मुक्तिका) wird sie an zweiter Position geführt. Sie ist Teil des Samavedas (sāmaveda – सामवेद). Ihr Entstehungsdatum ist unsicher, sie wird aber in Indien meist dem 6. oder 5. vorchristlichen Jahrhundert zugewiesen.
Etymologie mini|hochkant=1.6|Die ersten vier Verse der Kena-Upanishad
Das Sanskritwort kena (केन) bedeutet je nach Objekt-Subjekt-Kontext wodurch, womit, woher, von wem oder durch wen, wie, warum, aus welcher Ursache. Es ist der Instrumentalis von ka (क – wer, was) oder kim (किम् – was, wie, warum). Die Wurzel von Kena mit der Bedeutung von wem oder weswegen findet sich im ersten, namensverleihenden Vers des ersten Khandas (khaṇḍa – खण्ड):
Einführung Die Kena-Upanishad hat einen ungewöhnlichen Aufbau, da die ersten 13 Verse in metrischer Gedichtform abgefasst wurden, die folgenden 15 Verse jedoch als Prosa. Im Epilog folgen dann erneut 6 Prosaverse. Paul Deussen ist der Ansicht, dass die 15 Prosaverse des Hauptteils wesentlich älter sind als die vorangestellten 13 poetischen Strophen. Die Kena-Upanishad stellt somit ein Bindeglied zwischen den älteren prosaischen und den jüngeren metrischen Upanishaden dar.
Die Upanishade ist bekannt für ihre Ausführungen über Brahman mit Attributen, aber auch über Brahman ohne Attribute. Sie stellt außerdem eine Abhandlung über rein konzeptverhaftetes Wissen dar. Sie behauptet, dass die letztendliche Ursache der Götter – die gewöhnlich als Symbole von Naturkräften betrachtet werden – im Brahman zu suchen ist. Aus diesem Grund wurde die Kena-Upanishad innerhalb des Hinduismus zu einer der grundlegenden Schriften des Vedantas – sowohl in theistischen als auch in monistischen Schulrichtungen. Bedeutend in ihr sind auch die Vorstellungen des spirituellen Menschen, des wundervollen Selbsts, das selbst die Götter beneiden und des Trachtens nach Wissen und Spiritualität, das sämtliche Lebewesen gemein haben.
Zeitliche Stellung Wie auch bei anderen vedischen Texten liegt die zeitliche Stellung der Kena-Upanishad im Dunkeln und ist daher von Sanskritgelehrten umstritten. Ihre Standpunkte beruhen hierbei auf sehr lückenhaftem Beweismaterial. Oft werden auch Archaismen im Stil und Textwiederholungen heranbemüht, oder es werden Vermutungen über Ideenentwicklungsgeschichte angestellt. Auch Vermutungen über die gegenseitige Beeinflussung indischer Philosophien werden herangezogen, um die Upanishade chronologisch einordnen zu können.
Stephen H. Phillips stellt das Erscheinungsdatum der Kena-Upanishad hinter die Brihadaranyaka-Upanishad, die Chandogya-Upanishad, die Isha-Upanishad, die Taittiriya-Upanishad und die Aitareya-Upanishad (die alle noch vor dem 6. Jahrhundert erschienen waren), jedoch vor die Katha-Upanishad, die Mundaka-Upanishad, die Prashna-Upanishad, die Mandukya-Upanishad, die Svetasvatara-Upanishad und die Maitrayaniya-Upanishad. Sie ist außerdem älter als die frühesten Kanons des Buddhismus und des Jainismus.
Sehr ähnlicher Anschauung ist auch Ramachandra Dattatreya Ranade, der jedoch eine etwas unterschiedliche Anordnung vornimmt. Er platziert die Kena-Upanishad in die dritte Gruppe der alten Upanishaden. Wie bereits erwähnt sieht Paul Deussen in der Kena-Upanishad eine Brücke zwischen prosaischer Dichtung und ideenreicher poetischer Kreativität. Auch Moriz Winternitz sieht die Upanishade als vorbuddhistische und vorjainistische Literatur
Die Kena-Upanishade stammt wahrscheinlich aus der Mitte des ersten vorchristlichen Jahrtausends. Viele ihrer Ideen gehen aber auf wesentlich ältere Wurzeln zurück. So finden sich beispielsweise die im Vers 2 geäußerten Vorstellungen bereits im 4. Kapitel, Vers 4 der Brihadaranyaka-Upanishad, aber auch im 8. Kapitel, Vers 12 der Chandogya-Upanishad.
Aufbau Die Kena-Upanishad hat insgesamt 4 Kapitel oder Khandas. Der erste Khanda enthält 8 Verse, der zweite Khanda 5 Verse, der dritte Khanda 12 Verse und der vierte Khanda 9 Verse. Somit sind insgesamt 34 Verse vorhanden. Die letzten 6 Verse im vierten Khanda bilden dabei den Epilog. Diese Kernstruktur verteilt sich hierbei über die bereits angesprochenen 13 metrischen Gedichtsverse und über die 15 Prosaverse des Haupttextes sowie über 6 Prosaverse des Epilogs.
Die ersten beiden Khandas der Kena-Upanishad sind Gedichte und die letzten beiden mit einer einzigen Ausnahme Prosa. Vers 9 ist Prosa und daher deplatziert – was Gelehrte vermuten ließ, dass Vers 9 später eingefügt wurde oder dass er eine korrumpierte Version des Originals darstellt. Eine weitere Ungereimtheit stellt der dritte Vers der poetischen Khandas dar (wird gewöhnlich als Vers 3a und Vers 3b gekennzeichnet), da er über 8 Zeilen verfügt, wohingegen alle anderen Verse nur 4 Zeilen in mathematisch-metrischer Anordnung besitzen.
In aufgefundenen Manuskripten Indiens wird die Kena-Upanishad teils unterschiedlich eingeordnet. In südindischen Manuskripten beispielsweise bildet es das neunte Kapitel des Talavakara Brahmana – was auch von Adi Shankara bestätigt wird. Das Burnell Manuskript über den Samaveda ordnet es dem Jaiminia Brahmana zu und platziert es ins 10. Anuvaka des vierten Kapitels.
Generell wird die Kena-Upanishad dem Samaveda zugerechnet, es kann aber auch in Manuskripten des Atharvavedas auftauchen. Der Unterschied zwischen diesen beiden Versionen ist nur gering. In Manuskripten des Samavedas besteht die Upanishade aus vier Khandas, wohingegen der Atharvaveda keinerlei Unterteilungen kennt.
Inhalt Eröffnung mini|hochkant=1.6|Friede
Wie andere Upanishaden beginnt auch die Kena-Upanishad mit einer Eröffnung, die aus zwei Friedensformeln besteht:
Und weiter:
1. Khanda – Natur der Erkenntnis mini|hochkant=1.6|Der Schwan (Haṃsa – हंस) ist ein Symbol für Brahman-Atman in der hinduistischen Ikonographie
Am Beginn der Kena-Upanishad steht die Frage nach des Menschen Natur, nach seinen Ursprüngen und nach seinem Verhältnis zur Erkenntnis und den Sinneswahrnehmungen. Die Erkenntnis findet auf zweierlei Weise statt – empirisch und konzeptuell. Empirisches Wissen ist durch Lehre vermittelbar, es kann beschrieben und auch diskutierend erörtert werden. Bei axiomatischem, konzeptuellen Erkennen ist dies jedoch nicht der Fall. Stattdessen können rein abstrakte Begriffe nur erfahren werden – so auch die höchste Wirklichkeit des Brahmans.
Im vierten bis achten Vers erklärt die Kena-Upanishad, dass Brahman nicht angebetet bzw. verehrt werden kann, da es keine Attribute besitzt und eine unvorstellbare, unbeschreibbare, ewige und allgegenwärtige Wirklichkeit darstellt. Was der Mensch anbetet ist weder Atman-Brahman noch der Weg zu diesem. Brahman ist vielmehr, was nicht als empirische Realität erfahren werden kann. Es ist die Hörkapazität in den Ohren, es sieht mit den Augen Wahrgenommenes, es erkennt die Worte des Gesprochenen, es riecht den Duft des Atems und es versteht den Sinn der Gedanken. Das Atman-Brahman befindet sich im Menschen und nicht außerhalb als Andachtsobjekt.
So beispielsweise:
Und:
A. S. Woodburne meint, dass der erste Khanda der Kena-Upanishad das Brahman in einer Weise beschreibt, welche der Beschreibung des Begriffs Glauben im Christentum ähnelt. Adi Shankara sieht jedoch den ersten Khanda als rein monistisch an.
2. Khanda – Selbsterkenntnis ist die Quelle innerer Stärke Der 2. Khanda besteht aus insgesamt 5 Versen (Vers 9 bis Vers 13 inklusive).
Zu Beginn des 2. Khandas schiebt sich Vers 9 als Prosa mit einer theistischen Thematik ein. Behauptet wird hier, dass die im 1. Khanda vorgestellte Brahman-Verehrung eine Täuschung darstellt, da sich bei ihr Brahman in phänomenaler Form unter die Götter einreiht.
Die Verse 10 bis 13 kehren dann wieder zum Poetischen zurück und beschreiben, was Brahman ist und was Brahman nicht ist. Die Verse 12 und 13 behandeln den Zustand der Selbstverwirklichung (Moksha) und weisen darauf hin, dass Menschen, bei denen das innere Selbst erwacht ist, an innerer Stärke gewinnen, die spirituelle Einheit in allen Lebewesen erkennen und schließlich zur Unsterblichkeit aufsteigen. Charles Johnston bezeichnet diesen Zustand als spirituelles Menschsein.
Und:
3. Khanda – Allegorie dreier Götter und einer Göttin mini|hochkant=1.6|Die Göttin Uma als Aparna
Der dritte Khanda der Kena-Upanishad ist eine Fabel, die im Unterschied zu den ersten beiden Khandas in Prosaform erscheint. Er besteht aus insgesamt 12 Versen (Vers 14 bis Vers 25 inklusive).
Laut Paul Deussen stellt die Fabel eine Allegorie dar. Der Theosoph Charles Johnston bezeichnet diese Allegorie als vorzügliche Sanskritprosa, die in ihrem einfach gehaltenen Stil besticht und eine der tiefgründigsten Passagen aller Upanishaden enthält.
Die Fabel setzt mit dem Krieg zwischen Göttern und Dämonen ein, welchen das Brahman für die Götter gewonnen hatte. Die Götter beanspruchten den Sieg jedoch für sich selbst und stolz verkündeten sie: Dieser Sieg ist unser und unserer Stärke und unserem Ruhm zu verdanken. Das Brahman bemerkte dies natürlich. Es trat vor die Götter, die es aber nicht erkannten. Sie sagten vielmehr: was ist dieses seltsame Wesen? Sie schickten sodann den Feuergott Agni, um herauszufinden, womit sie es zu tun hatten.
Agni begab sich somit zum Brahman. Das Brahman fragte: wer bist du? Agni erwiderte: Ich bin Agni, der Kenner aller Lebewesen. Das Brahman fragte erneut: wenn dem so ist, was ist aber dann die Ursache deiner Kraft? Agni entgegnete: Ich verbrenne alles auf Erden. Das Brahman legte sodann etwas Gras vor Agni hin und meinte: Verbrenn dies hier doch! Agni ging zum Gras und versuchte es mit aller Kraft zu verbrennen. Es gelang ihm aber nicht. Er gab schließlich auf und kehrte zu den Göttern zurück. Er sagte ihnen: Mir ist nicht gelungen herauszufinden, was dieses seltsame Wesen ist. Die Götter erkoren dann den Luftgott Vayu und meinten: Oh Vayu, erkunde du doch dieses eigenartige Etwas!
Sodann begab sich Vayu zum Brahman. Auch jetzt fragte das Brahman erneut: wer bist du? Vayu antwortete: Ich bin Vayu, ich erfülle den Raum um Mutter Erde und bewege mich in den Lüften. Hierauf entgegnete das Brahman: schön, was ist die Ursache deiner Kraft? Hierauf Vayu: Alles was sich auf Erden befindet trage ich fort. Auch hier legte das Brahman etwas Gras vor Vayu und meinte: Probiere es doch mal hiermit! Vayu begab sich zum Gras und versuchte es unter Aufbietung aller Kräfte fortzubewegen. Aber es gelang ihm nicht. Auch er musste aufgeben und ging zu den Göttern zurück. Er gestand ihnen ein: Ich bin nicht in der Lage, dieses merkwürdige Wesen einzuordnen. Somit wandten sich die Götter an Indra, den furchtbaren Gott des Blitzes: Gehe doch du, oh Mächtiger, und erkunde dieses seltsame Wesen! Indra antwortete: So sei es!
Indra ging also zum Brahman. Aber an seiner statt fand er eine wunderschöne Frau voller Weisheit. Sie hieß Uma. Indra fragte sie daher: Was ist dieses eigenartige Wesen?
Die Göttin Uma antwortete: Das ist das Brahman. Es hat den Sieg errungen, obwohl die Götter diesen für sich beanspruchen. Indra war somit eingeweiht.
Der Tradition entsprechend überragen Agni, Vayu und Indra alle anderen Gottheiten und werden bei Zeremonien und Ritualen zuerst verehrt – denn sie waren die ersten, die das Brahman getroffen und erfahren hatten. Indra steht hierbei an erster Stelle, da er unter allen Göttern das Brahman als erster kannte.