Michael Philipp (* 1962) ist ein deutscher Historiker, Literaturwissenschaftler und Chefkurator des Museum Barberini in Potsdam.
Leben und Wirken Michael Philipp studierte Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Neuere Geschichte und Literaturwissenschaft an der Universität Hamburg. 1991 erstellte er eine wissenschaftliche Dokumentation über das bis dahin weitgehend unbekannte Internierungslager Gurs in Südfrankreich für eine Ausstellung der Sammlung Elsbeth Kasser mit Kunstwerken der internierten Emigranten im Hamburger Institut für Sozialforschung und war nach der Promotion 1992 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hamburger Arbeitsstelle für deutsche Exilliteratur (heute Walter-A.-Berendsohn-Forschungsstelle für deutsche Exilliteratur) an der Universität Hamburg. Dort war er u. a. als Redakteur zuständig für das von Frithjof Trapp, Werner Mittenzwei, Henning Rischbieter und Hansjörg Schneider herausgegebene Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters 1933–1945.
Danach arbeitete er von 1995 bis 2005 als Lektor und Redakteur bei Verlagen in Amsterdam und in Berlin. 2001 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Moses Mendelssohn Zentrums in Potsdam, wo er bereits im Vorjahr die Tagung „Verkannte brüder“? Stefan George und das deutsch-jüdische Bürgertum zwischen Jahrhundertwende und Emigration organisiert hatte, auf der u. a. Günther C. Behrmann, Rainer Kolk, Marita Keilson-Lauritz, Ulrich Raulff und Daniel Weidner gesprochen hatten. Den Tagungsband gab er mit Julius H. Schoeps und Gert Mattenklott heraus.siehe Jens Bisky: Der Meister lässt ausrichten, er sei krank. Ein Sammelband über das Verhältnis des Dichters Stefan George zu seinen jüdischen Jüngern. In: Süddeutsche Zeitung, 21.1.2002
Von 2005 bis 2007 arbeitete er mit einem Stipendium der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur an einer 2007 erschienenen Studie über politische Rücktritte in der Bundesrepublik.
Von 2007 bis 2016 war Michael Philipp Kurator des von der Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius getragenen Bucerius Kunst Forums in Hamburg und gab mit der Direktorin Ortrud Westheider die Kataloge des Ausstellungshauses heraus. Zu den Autorinnen und Autoren gehörten u. a. Marion Ackermann, Nils Büttner, Werner Hofmann, Bernhard Maaz, Ernst Osterkamp, Silvie Patry, Uwe M. Schneede, Gary Schwartz und Martin Warnke.
Am Bucerius Kunst Forum kuratierte er u. a. die Epochenausstellungen Zwischen Himmel und Hölle. Kunst des Mittelalters von der Gotik bis Baldung Grien, Die Erfindung des Bildes. Frühe italienische Meister bis Botticelli, Verkehrte Welt. Das Jahrhundert von Hieronymus Bosch, Sturz in die Welt. Die Kunst des Manierismus in Europa und Rubens. Van Dyck, Jordaens. Barock aus Antwerpen (die 2011 auch im norwegischen Nationalmuseum in Oslo zu sehen war), sowie die ikonographischen Ausstellungen Schrecken und Lust. Die Versuchung des heiligen Antonius von Hieronymus Bosch bis Max Ernst und Dionysos. Rausch und Ekstase, die die künstlerische Rezeption des antiken Gottes bis ins 20. Jahrhundert dokumentierte. Letztere entstand in Kooperation mit den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und wurde 2014 auch im Residenzschloss Dresden gezeigt.
Im September 2016 wechselte er als Kurator an das von der Hasso Plattner Foundation getragene Museum Barberini in Potsdam, das im Januar 2017 eröffnet wurde und von Ortrud Westheider geleitet wird. Mit ihr, Daniel Zamani (2022–2024) und Nerina Santorius (seit 2025) gibt er die Publikationen des Museums heraus. Zu den Autorinnen und Autoren gehörten bisher u. a. Dominique de Font Réaulx, Mayken Jonkman, Stefan Koldehoff, Jill Lloyd, Victoria Noel-Johnson, James H. Rubin, Martin Schieder, Beate Söntgen, Richard Thomson, Paul Hayes Tucker und Marije Vellekoop.
Am Museum Barberini kuratierte er zunächst die Ausstellung Hinter der Maske. Künstler in der DDR (mit Valerie Hortolani), für die Bundespräsident Frank Walter Steinmeier die Schirmherrschaft übernahm, und die dokumentarische Präsentation Dürfen Kommunisten träumen? Die Galerie im Palast der Republik, danach Van Gogh. Stillleben , Wolken und Licht. Impressionismus in Holland und Sonne. Die Quelle des Lichts in der Kunst (in Kooperation mit dem Musée Marmottan Monet in Paris, wo die Ausstellung ab September 2022 zu sehen war). Im Zusammenhang mit der Ausstellung entstand im Auftrag von Arte der 52-minütige Dokumentarfilm Ode an die Sonne. Eine Kunstgeschichte von Matthias Frick, der am 5. März 2023 Premiere hatte.
Seit 2019 Arbeit an der Ausstellung Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst, die im Oktober 2025 im Museum Barberini Potsdam und 2026 im Musée de Cluny in Paris gezeigt wird.
Michael Philipp ist Mitglied im Vorstand der Wilhelm Fraenger Gesellschaft und im Kuratorium des Gerhard Altenbourg-Preises; seit 2018 gehört er auch dem von Eckart Conze geleiteten wissenschaftlichen Beirat des Archivs der deutschen Jugendbewegung an.
Publikationen (Auswah) Gurs. Ein Internierungslager in Südfrankreich 1939–1943. Literarische Zeugnisse, Briefe, Berichte. Hamburger Institut für Sozialforschung 1991, 2. Aufl. 1993, ISBN 978-3-926736-06-2. „Vom Schicksal des deutschen Geistes“. Wolfgang Frommels Rundfunkarbeit an den Sendern Frankfurt und Berlin 1933–1935 und ihre oppositionelle Tendenz. Verlag für Berlin-Brandenburg 1995, ISBN 3-930850-06-0. Nicht einmal einen Thespiskarren. Exiltheater in Shanghai 1939–1947. Hamburger Arbeitsstelle für Deutsche Exilliteratur 1996, ISBN 3-9802151-2-1. Persönlich habe ich mir nichts vorzuwerfen. Politische Rücktritte in Deutschland von 1950 bis heute. München: Süddeutsche Zeitung 2007, ISBN 3-86615-485-2. „Dürfen Kommunisten träumen? Die Galerie im Palast der Republik. Eine Dokumentation“. Prestel Verlag München 2017, ISBN 3-7913-5746-8. Herausgegebene Schriften mit Wilfried Seywald: Hans Schubert/Mark Siegelberg: Die Masken fallen. Fremde Erde. Zwei Dramen aus der Emigration nach Shanghai 1939–1947, Hamburger Arbeitsstelle für Deutsche Exilliteratur 1996. Friedrich Wolters: Frühe Aufzeichnungen nach Gesprächen mit Stefan George. Zur Blättergeschichte. Castrum Peregrini, Amsterdam 1996. Stefan George – Friedrich Wolters. Briefwechsel 1904–1930. Castrum Peregrini, Amsterdam 1998. Wilhelm Fraenger: Das Bild der Niederländischen Sprichwörter. Pieter Bruegels Verkehrte Welt. Castrum Peregrini, Amsterdam 1999. Israel Nussbaum: „Gut Schabbes!“. Jüdisches Leben auf dem Lande. Aufzeichnungen eines Lehrers (1869–1942). Jüdische Verlagsanstalt Berlin 2002, ISBN 978-3-934658-40-0. Richard Feder: Jüdische Tragödie – Letzter Akt. Theresienstadt 1941–1945. Bericht eines Rabbiners. Verlag für Berlin-Brandenburg 2004. Herausgegebene Sammelbände und Ausstellungskataloge mit Gert Mattenklott und Julius H. Schoeps: „Verkannte brüder“? Stefan George und das deutsch-jüdische Bürgertum zwischen Jahrhundertwende und Emigration. Georg Olms Verlag, Hildesheim/Zürich/New York 2001. mit Ortrud Westheider: Schrecken und Lust. Die Versuchung des heiligen Antonius von Hieronymus Bosch bis Max Ernst. Hirmer Verlag München 2008. mit Vilmos Tátrai und Ortrud Westheider: Sturz in die Welt. Die Kunst des Manierismus in Europa. Hirmer Verlag München 2008. mit Ortrud Westheider: Zwischen Himmel und Hölle. Kunst des Mittelalters von der Gotik bis Baldung Grien. Hirmer Verlag München 2009. mit Ortrud Westheider: Rubens, van Dyck, Jordaens. Barock aus Antwerpen. Hirmer Verlag München 2010. mit Ortrud Westheider: Täuschend echt. Illusion und Wirklichkeit in der Kunst. Hirmer Verlag München 2010. mit Ortrud Westheider: Die Erfindung des Bildes. Frühe italienische Meister bis Botticelli. München 2011. mit Ortrud Westheider: Gerhard Richter. Bilder einer Epoche. Hirmer Verlag 2011. mit Ortrud Westheider: William Turner. Maler der Elemente. Hirmer Verlag München 2011. mit Ortrud Westheider: New York Photographie 1890–1950. Von Stieglitz bis Man Ray. Hirmer Verlag München 2012. mit Ortrud Westheider: Mondrian. Farbe, Hirmer Verlag München 2014. mit Ortrud Westheider: Über Wasser. Malerei und Photographie von William Turner bis Olafur Eliasson. Hirmer Verlag München 2015. mit Franz Wilhelm Kaiser: Verkehrte Welt. Das Jahrhundert von Hieronymus Bosch. Hirmer Verlag München 2016. mit Ortrud Westheider: Impressionismus. Die Kunst der Landschaft. Prestel Verlag München 2017. mit Ortrud Westheider: Hinter der Maske. Künstler in der DDR. Prestel Verlag München 2017, ISBN 978-3-7913-5694-5. mit Ortrud Westheider: Gerhard Richter. Abstraktion. Prestel Verlag München 2018. mit Frédéric Frank, Marina Ferretti Bocquillon und Ortrud Westheider: Farbe und Licht. Der Neoimpressionist Henri-Edmond Cross. Prestel Verlag München 2018. mit Stephan Koja und Ortrud Westheider: Götter des Olymp. Aus der Dresdner Skulpturensammlung. Prestel Verlag München 2018. mit Ortrud Westheider: Picasso. Das späte Werk. Aus der Sammlung Jacqueline Picasso. Prestel Verlag München 2019. mit Ortrud Westheider: Wege des Barock. Die Nationalgalerien Barberini Corsini in Rom. Prestel Verlag München 2019. mit Bodo Brinkmann, Gabriel Dette und Ortrud Westheider: Rembrandts Orient. Westöstliche Begegnung in der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts. Prestel Verlag München 2020. mit Ortrud Westheider und Henning Schaper: Impressionismus in Russland. Aufbruch zur Avantgarde. Prestel Verlag München 2020. mit Ortrud Westheider und Daniel Zamani: Eine neue Kunst. Photographie und Impressionismus. Prestel Verlag München 2022. mit Ortrud Westheider und Daniel Zamani: Sonne. Die Quelle des Lichts in der Kunst. Prestel Verlag München 2023, ISBN 3-7913-7964-X. mit Ortrud Westheider und Daniel Zamani: Wolken und Licht. Impressionismus in Holland. Prestel Verlag München 2023, ISBN 978-3-7913-9104-5. mit Nathalie Lachmann, Christiane Lange, Ortrud Westheider und Daniel Zamani: Modigliani. Moderne Blicke. Prestel Verlag München 2023. Aufsätze Hilfsaktionen für die Internierten von Gurs. Die Internierung deutscher Juden aus Baden und der Pfalz im französischen Lager Gurs im Spiegel der Berichterstattung der New Yorker Wochenzeitung Aufbau 1940–1943. In: Exil, Nr. 2/1990, S. 31–44. Der Freund des Freundes. Erich Heckel und Ernst Morwitz. In: Castrum Peregrini 209–210, 1993, S. 55–104. Distanz und Anpassung. Sozialgeschichtliche Aspekte der 'Inneren Emigration'. In: Aspekte der künstlerischen Inneren Emigration 1933–1945, Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch, Bd. 12, München 1994, S. 11–30. Exiltheater in Shanghai 1939–1947. In: Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters 1933–1945. Hrsg. Frithjof Trapp u. a., München 1999, S. 457–476. Wandel und Glaube. Friedrich Wolters – Der Paulus des Georgekreises. In: Stefan George. Werk und Wirkung seit dem ‚Siebenten Ring‘. Hrsg. Bernhard Böschenstein/Wolfgang Braungart/Ute Oelmann, Tübingen 2001, S. 283–299. „Im Politischen gingen halt die Dinge anders“. Die Thematisierung des ‘Jüdischen’ im George-Kreis vor und nach 1933. In: ‘Verkannte Brüder’? Stefan George und das deutsch-jüdische Bürgertum zwischen Jahrhundertwende und Emigration. Hrsg. Gert Mattenklott / Michael Philipp / Julius H. Schoeps, Hildesheim/Zürich/New York 2001, S. 31–53. Mythos ‚Germania‘. Berlin im Nationalsozialismus, In: Berlin – Geschichte einer Stadt. Hrsg. Julius H. Schoeps, Berlin 2001, S. 150–175. „Gibst du duft aus sternenräumen“. Melchior Lechter und der Kreis um Stefan George. In: Melchior Lechter. Gegen-Welten. Kunst um 1900 zwischen Münster, Indien und Berlin. Hrsg. Jürgen Krause/Sebastian Schütze, Münster 2006, S. 178–192. „Aus Respekt vor ungeschriebenen Regeln der Demokratie“. Rücktritte aus politischer Verantwortung. In: Die Kunst des Vernetzens. Festschrift für Wolfgang Hempel. Hrsg. Botho Brachmann u. a., Berlin 2006, S. 461–478. Amigo-Affäre. In: Skandale in Deutschland nach 1945. Begleitbuch zur Ausstellung im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, Dezember 2007 bis März 2008. Red. Petra Rösgen, Bielefeld 2007, S. 172–179.