Die Wellblech-Hütte ist ein 1928/29 entstandener Text von Anna Seghers, versehen mit dem Untertitel Bruchstücke einer Erzählung. Die Erstveröffentlichung erfolgte 1929 in der von Hermann Kesten herausgegebenen Kiepenheuer-Anthologie 24 neue deutsche Erzähler.Aufbau-Verlag: Zu Band IX. In: Anna Seghers: Erzählungen 1926–1944. (=Gesammelte Werke in Einzelausgaben, Band 9.) 2. Auflage. Aufbau-Verlag, Berlin 1981. S. 363–366. Hier S. 364. Kurzbeschreibung Ein kürzlich zu einem in der Wüste isolierten Arbeitslager-Außenposten deportierter politischer Häftling versucht seinen einzigen Mitgefangen zu schulen; der Mitgefangene „lehnt den Plan nicht ab, zeigt aber wenig Interesse“,„does not reject the plan, but shows little interest.“ – K. V. Alward: Die Wellblech-Hütte. In: K. V. Alward: Anna Seghers and Socialist Realism. (Doktorarbeit.) McGill University, Montreal 1972. S. 45–55. Hier S. 46 (pdf). was zu durch Äußerlichkeiten und Angewohnheiten ohnehin angeheizten Spannungen zwischen dem lehrwütigen Neuankömmling und dem öfter lernunwilligen Alt-Insassen beiträgt. Inhalt Der politische Häftling L. wird per Zug ebenso wie dreißig andere Häftlinge entlang einer Telefonkabel-Neubaustrecke verteilt.Anna Seghers: Die Wellblech-Hütte. In: Anna Seghers: Erzählungen 1926–1944. (= Gesammelte Werke in Einzelausgaben, Band 9.) 2. Auflage. Aufbau-Verlag, Berlin 1981. S. 120–141. Hier S. 120. Nach und nach werden es immer weniger Häftlinge, bis nur noch L. mit zwei Wächtern an einer Bahnstation im Nirgendwo zurückbleibt: „Sie setzten sich mit ihm unter das Dach. Offenbar erwarteten sie etwas, der Zug konnte es nicht sein, die Schienen waren zu Ende.“Seghers, Die Wellblech-Hütte, S. 122. Nach Sonnenuntergang marschieren die beiden Wächter mit L. in „den Sand“ – die Wüste. Alsbald „gab es keine Fahrstraße mehr, nur die Andeutung eines Weges unter der Drähten“, den sie weiter und weiter gehen. Schließlich kommen L. und die zwei Wächter am Zielort an: „eine kleine flache Baracke, hinter der Fensteröffnung brannte Licht […]. Aus der Baracke trat ein Mensch und sah ihnen entgegen. Er war nackt bis auf eine weiße, hochgekrempelte Hose.“Seghers, Die Wellblech-Hütte, S. 124. Die beiden Wächter lassen L. an der Wellblech-Baracke zurück, was L. maßlos erstaunt. Der halbnackte Baracken-Bewohner, ein Südstaatler namens Brekoly, der von „einer gelben Mutter“ abstammt,Seghers, Die Wellblech-Hütte, S. 125. erklärt: „Warum nicht? Wohin sollten wir laufen?“, mitten in der Wüste, in der erst „im vorigen Monat“ zwei Mexikaner bei einem Fluchtversuch umgekommen seien.Seghers, Die Wellblech-Hütte, S. 124–125. In Brekoly erblickt L. eine Aufgabe für sich: „Brekoly sollte nicht mit ihm umsonst unter einem Dach liegen. Vielleicht kam er nie aus dem Sand, aber Brekoly kam heraus. Das war nicht viel, was er tun konnte, aber doch genug.“Seghers, Die Wellblech-Hütte, S. 126. L. will Brekoly politisch unterrichten, im Gegenzug soll Brekoly ihm Spanisch beibringen. „Brekoly lächelte. Besser als seine Hautfarbe verriet das Lächeln seine Herkunft. In diesem Lächeln war keine Heiterkeit, kein Vertrauen. Wie ein Wirt das Tor aufmacht, so öffnete Brekoly höflich und mißtrauisch die Pforten seines Angesichtes.“ Außer dem höflich-distanzierten Verhalten des Halb-Asiaten stört L. auch noch dessen „fremder, süßlicher Körpergeruch“, der L. dermaßen zuwider ist, dass er lieber im Freien als in der Wellblech-Hütte schläft.Seghers, Die Wellblech-Hütte, S. 129. Die emotionalen Spannungen werden beinahe zu Tätlichkeiten, als Brekoly eines Tages die Kreide-Notizen aus L.‘s Unterricht von den Wänden abwischt: „L. bezwang sich und sah ihn fest an. Aber Brekolys Blick war auch fest. Fest waren ihre Blicke vor Verachtung. Er verachtete Brekoly wie Brekoly ihn. Er verachtete Brekolys Trägheit wie Brekoly seine Kraft, er verachtete Brekolys Blut wie Brekoly das seinige.“Seghers, Die Wellblech-Hütte, S. 130. Wenig später stellt sich heraus, dass Brekoly die Kreide-Aufschriebe wegen einer bevorstehenden Kontrolle durch die Wachmannschaften gelöscht hatte.Seghers, Die Wellblech-Hütte, S. 131. L. entschuldigt sich nicht, aber bei den folgenden Lerneinheiten hört Brekoly „gespannter zu, die Wände füllten sich.“ Als sie während eines Unwetters essen, stört sich L. wieder an Brekolys Körpergeruch: „Ein süßlicher Geruch erfüllte die Hütte, jeder Bissen schmeckte danach, jeder Atemzug. L. hörte mit dem Essen auf und spielte mit dem Konservenöffner“, gibt sich Mordfantasien hin darüber, mit dem Dosenöffner als Tatwaffe.Seghers, Die Wellblech-Hütte, S. 132. Dann wirft L. den Dosenöffner weg. „Brekoly räumte alles geduldig auf“; er „hat nichts getan, um den mörderischen Traum von L. zu entfachen, außer zu existieren.“„Brekoly has done nothing to incite the murderous dream of L. except to exist.“ – Alward, Die Wellblech-Hütte, S. 51. Zu seiner Existenz gehört auch, dass er aus Langeweile gegen die Wand trommelt, zum Häftlingskoller auch, dass L. ihn auffordert, das zu lassen, Brekoly dennoch weitermacht, beide miteinander zu kämpfen beginnen bis Brekoly fast von L. erwürgt wird, L. ihn aber loslässt und auf die Pritsche wirft. „Sie waren nackt, auf dem Boden lagen ein paar blutige Kleidungsstücke.“ Brekoly gibt für diese Eskalation später dem Unwetter die Schuld. L. wird autoaggressiv: Einmal will er in den Sand hinauslaufen, „soweit er konnte, und umkommen“, verliert aber die Orientierung und landet wieder bei der Wellblechhütte: „Er war im Kreis gelaufen, wie ein Tier am Pflock.“Seghers, Die Wellblech-Hütte, S. 133. Ein andern Mal – Brekoly liegt schwerkrank in der Hütte – verlässt L. trotz eines weiteren Unwetters die Hütte: „Harter scharfer Sand riß ihm die Haut. Es war vollkommen dunkel. Er tappte blind weiter, fiel um, bekam einen Schutt Sand in den Nacken und kam wieder hoch“, doch während dieses weiteren faktischen Selbstmord-Versuchs packt L. plötzlich doch die Todesangst, er findet in die Hütte zurück.Seghers, Die Wellblech-Hütte, S. 135–136. „Einige Tage später weigerte sich Brekoly aufzustehen. Als L. hereinkam, hing sein Kopf auf dem Boden in einer Blutlache. L. zog ihn herauf, wusch ihn und pflegte ihn.“Seghers, Die Wellblech-Hütte, S. 136. Der Hass zwischen den beiden Gefangenen schwindet. Als endlich zwei Wächter Brekoly holen, um ihn zur Krankenstation zu bringen, weigert sich Brekoly anfänglich mitzugehen, tut es dann aber doch.

„Nach vielen Jahren“, die L.‘s Freilassung und wieder aufgenommener politische Aktivität folgten, trifft L. seinen ehemaligen Mitgefangenen in einem Gasthaus zufällig wieder. „Sie umarmten einander über den Tisch. In den letzten zwanzig Jahren war L. acht Jahre frei gewesen. Mit vielen war er eingesperrt – mit manchen war schwer auszukommen und mit manchen leicht, aber auszukommen war schließlich mit allen. Er erinnerte sich dunkel, daß Brekoly einer von den Schwierigen war.“Seghers, Die Wellblech-Hütte, S. 138. Brekoly erzählt unter anderem, dass er jetzt verheiratet und in L.‘s Partei aktiv wäre,Seghers, Die Wellblech-Hütte, S. 139. lädt L. zu sich nach Hause ein. Der Hof jenes Mietshauses löst bei L. „die gleiche Reaktion aus wie einst Brekolys es tat – ihm wird übel vom Geruch“.„the courtyard at Brekoly's elicits the same response in him that Brekoly once did - he ist nauseated by the odour“ – Alward, Die Wellblech-Hütte, S. 47. Dann aber tauscht L. mit Brekoly Blicke und Berührungen aus, und die Geruchsempfindung ändert sich: „Der Geruch war da, fremd, aber nicht unerträglich“, und in einer Art Umkehrung des Verhaltens Brekolys beim letzten Abschied will L., der eben noch zu gehen trachtete, nun bleiben, „nicht allein sein, für immer hierbleiben.“Seghers, Die Wellblech-Hütte, S. 141. Textanalyse Bei Die Wellblech-Hütte handelt es sich um eine auktorial verfasste Erzählung, die im späten 19. oder frühen 20. Jahrhundert„the late nineteenth or early twentieth century.“ – Alward, Die Wellblech-Hütte, S. 45. auf dem Weg zu einem Arbeitslager-Außenposten oder in diesem selbst spielt, im „Südwesten der Vereinigten Staaten“.„location is the south-western United States“ – Alward, Die Wellblech-Hütte, S. 45. Die näher angegebenen Ortsnamen sollen „offensichtlich den Zweifel an der Authentizität des Dargestellten ausschließen“,Friedrich Albrecht: Die Wellblech-Hütte. In: Friedrich Albrecht: Bemühungen. Arbeiten zum Werk von Anna Seghers 1965–2004. (=Convergences, Band 36.) Lang, Frankfurt am Main 2005. ISBN 3-03910-619-8. S. 35–72. Hier S. 61. doch „klingen künstlich für jeden, der sich in den Vereinigten Staaten auskennt“.„sound artificial to anyone knowledgeable about the United States.“ – Alward, Die Wellblech-Hütte, S. 53. Ohnehin sind diese Ortsangaben unwesentlich: Die beiden Hauptfiguren sind „faktisch in ein Vakuum gestellt“,Albrecht, Die Wellblech-Hütte, S. 56. die Handlung „entfaltet sich in einer von der Außenwelt abgetrennten Atmosphäre. Die Hütte ist nicht nur geografisch isoliert, auch die Arbeitsbedingungen werden nicht erwähnt; Wachen sind vermerkt, aber nicht beschrieben. […] Der eigentliche Handlungsraum […] ist die menschliche Psyche. Dem untergeordnet ist jedoch eine zweite Ebene, auf der sich die Geschichte bewegt, die den Kampf des Menschen gegen die Elemente darstellt: die Hitze der Wüste, die Stürme, die Isolation und die Unfähigkeit zu entkommen.“„unfold in an atmosphere removed from the outside world. Not only is the hut geographically isolated, but no mention is made of conditions of work; guards are noted but not described. […] The real arena of action […] is the human psyche. Subordinates to this, however, is a second plane on which the story moves, depicting the battle of man against the elements: the heat of the desert, the storms, the isolation and the inability to escape.“ – Alward, Die Wellblech-Hütte, S. 53. Diese Naturelemente, „die hier erstmalig im Werk von Anna Seghers eingesetzt werden“, ergeben „von der Umwelt ein subjektiv gefärbtes Bild […], in dem sich der innere Zustand L.s widerspiegelt.“Albrecht, Die Wellblech-Hütte, S. 62. Form-Kritik