mini|hochkant=1.4|alt=Zwei Hähne im Kampf, in flächigem Rot, Gelb und Blau auf dunklem Grund|Galos de Briga (Hahnenkampf), 1983. Acryl auf Leinwand, 50 × 70 cm Francisco Domingos da Silva (* um 1910 in Alto Tejo, damaliges Territorium Acre; † 6. Dezember 1985 in Fortaleza), genannt Chico da Silva, war ein brasilianischer Maler.Galvão 1986, S. 11. Er blieb zeitlebens Analphabet und begann um 1937, mit Kohle, Kreide und Ziegelscherben auf die gekalkten Wände der Hütten an der Praia Formosa in Fortaleza zu zeichnen.Galvão 1989, S. 90–91.Galvão 1986, S. 36–37. Seine Bilder signierte er mit „F. D. Silva“ und setzte einen Daumenabdruck daneben.Estrigas 1988, S. 40.Galvão 1986, S. 87.

1943 wurde der Schweizer Maler Jean-Pierre Chabloz, der im Auftrag der brasilianischen Kautschukkampagne in Fortaleza arbeitete, auf die Wandbilder aufmerksam und suchte deren Urheber.Estrigas 1988, S. 27. Er versorgte ihn mit Gouachefarben, Papier und Pinseln, kaufte ihm seine Arbeiten ab und nahm sie mit nach Europa, wo er im Dezember 1952 in der Pariser Zeitschrift Cahiers d’Art den Aufsatz Un indien brésilien ré-invente la peinture veröffentlichte.Galvão 1989, S. 52–53.Galvão 1986, S. 12. 1959 stellte Chabloz ihn nach seiner Rückkehr nach Fortaleza dem Rektor der Universidade Federal do Ceará vor, der ihn verpflichtete, in den Räumen des damals im Aufbau befindlichen Kunstmuseums zu malen.Galvão 1986, S. 13. Aus diesen rund vierzig Arbeiten stammten die zwölf Gouachen, mit denen Brasilien 1966 auf der 33. Biennale von Venedig vertreten war, wo er eine lobende Erwähnung erhielt.Galvão 1986, S. 13, 16–17. Im Jahr darauf nahm er an der 9. Biennale von São Paulo teil.Galvão 1986, S. 18.

Sein Repertoire veränderte sich in vier Jahrzehnten kaum: Drachen, fliegende Fische, Vögel und Schlangen in flächigem Farbauftrag, ohne Tiefenwirkung und ohne leere Fläche, zunächst in Gouache auf Papier, später in Acryl auf Leinwand.Galvão 1986, S. 73.Oliveira 2017b, S. 309Galvão 2005, S. 70–71. Die Kritik ordnete ihn nacheinander als primitiv, naiv und folkloristisch ein; die am häufigsten wiederholte Deutung seiner Motive, sie seien Erinnerung an eine Kindheit im Amazonasgebiet, wies er zurück.Galvão 1986, S. 72. Die größte öffentliche Werkgruppe befindet sich im Kunstmuseum der Universidade Federal do Ceará; weitere Arbeiten besitzen die Tate, das Museu de Arte do Rio und das Museum für naive Kunst in Laval in Frankreich.Herkenhoff 2014, S. 195–207.

Die Nachfrage überstieg bald, was er selbst malen konnte. Im Stadtteil Pirambu entstand um ihn eine Gemeinschaftswerkstatt, in der Schüler und Verwandte die Bilder in Arbeitsschritten ausführten; er vollendete, signierte und verkaufte sie. Die Werkstatt wurde als Escola do Pirambu (Schule von Pirambu) bekannt.Galvão 1986, S. 15, 53.Muluc 2024, Kap. 1. Öffentlich wurde diese Praxis 1969, als die damals fünfzehnjährige Maria Augusta do Carmo Moreira gegenüber der Presse erklärte, sie habe von ihm signierte Bilder gemalt. Es folgte ein Jahrzehnt der Fälschung in industriellem Ausmaß, in dem Bilder mit seinem Namen an den Hoteleingängen von Fortaleza zu Souvenirpreisen verkauft wurden; die Urheberschaft seines Werkes ist bis heute umstritten.Oliveira 2017a, S. 70. Krank und verarmt verbrachte er die letzten zehn Jahre zwischen Klinikaufenthalten wegen Leberzirrhose und Alkoholkrankheit und starb 1985.Galvão 1986, S. 24–26. In den 2020er Jahren kehrte sein Werk in die Museen zurück, als Kuratoren begannen, ihn als indigenen Künstler zu präsentieren, eine Einordnung, die die Soziologin Gerciane Oliveira in Frage stellt.Oliveira 2024, S. 707, 718Oliveira 2025.

Leben

Herkunft und Jugend Chico da Silva wurde in Alto Tejo am gleichnamigen Fluss geboren, im Territorium Acre nahe der peruanischen Grenze, in einem Gebiet, das damals zur Gemeinde Cruzeiro do Sul gehörte und heute Teil von Marechal Thaumaturgo ist.Chico da Silva vê Chabloz vê Chico da Silva. Centro de Artes Visuais Raimundo Cela / Secretaria da Cultura e Desporto do Estado do Ceará, Fortaleza 2001, Kapitel Cronologia. Eine Geburtsurkunde gab es nie, und die Quellen nennen Daten, die fast zwanzig Jahre auseinanderliegen: 1910 laut Personalausweis, das Jahr, dem Roberto Galvão und die gängige Literatur folgen; 1914 oder 1916 in Interviews des Malers mit demselben Autor; der 16. März 1922 im Katalog seiner ersten Einzelausstellung; und der 2. Mai 1928 in einem Gespräch mit dem Kritiker Luiz Ernesto Kawall von 1972.Galvão 2005, S. 6Estrigas 1988, S. 33.Luiz Ernesto Kawall: No Ceará, glória e dor do primitivo Chico da Silva. In: Artes Reportagem. São Paulo, 22. Oktober 1972. Dasselbe Jahr hatte er bereits im Juni 1966 dem Correio da Manhã genannt, wo er außerdem angab, die Familie sei nach Fortaleza gezogen, als er elf Jahre alt war.Pintor diz que sua arte é explorada por dono de galeria. In: Correio da Manhã. Rio de Janeiro, 12. Juni 1966, S. 13. Der Kritiker Estrigas plädierte für 1922 oder 1923 und führte die Jahreszahl 1910 auf einen Fehler zurück, der von Katalog zu Katalog weitergereicht worden sei, darunter das Dicionário das Artes Plásticas no Brasil von Roberto Pontual.Estrigas 1988, S. 92–93.

Seine Mutter Minervina Félix de Lima stammte aus Ceará und war dem Kautschuk nach Amazonien gefolgt; sein Vater war ein peruanischer Caboclo mit dem Familiennamen Domingos da Silva, dessen Herkunft Galvão für kampa hält. Ein Katalog von 1961 nennt den Vater Luiz Domingos da Silva. Nach Aussage des Sohnes besaß der Vater Boote und nahm ihn auf seine Flussfahrten mit. Die Familie kehrte in die Heimat der Mutter zurück, als er noch ein Kind war; der Vater starb in Ceará an einem Klapperschlangenbiss.Estrigas 1988, S. 36. Er lebte in Quixadá und danach im Bergland von Guaramiranga, wo er auf dem Landgut Canabrava arbeitete. Als junger Mann kam er nach Fortaleza und ließ sich in Pirambu nieder, einem Streifen aus Dünen und Fischerhütten im Westen der Stadt.Galvão 1986, S. 11.

Lesen und Schreiben lernte er nie. Erst als Erwachsener lernte er im Universitätsmuseum, die eigene Unterschrift zu zeichnen; der Daumenabdruck kam später hinzu. Bevor er von der Malerei leben konnte, fertigte er Holzschuhe, flickte Schuhe, arbeitete als Barbier, reparierte Regenschirme und verkaufte selbstgebaute Blechkocher.Galvão 1986, S. 70; Estrigas 1988, S. 66–67. Ein Porträt in der Tageszeitung Unitário aus Fortaleza stellte ihn 1967, als er bereits über Galerien verkaufte, immer noch als den Schuhmacher vor, der in seiner freien Zeit zu malen begonnen hatte.Hilton Oliveira: Êles fazem a vida da cidade: o Chico „Chic“. In: Unitário. Fortaleza, April 1967, S. 90 (online). Um 1937 begann er, die gekalkten Wände der Hütten an der Praia Formosa zu bemalen, in der Nähe des Passeio Público und des Poço da Draga.

Chabloz und die ersten Gouachen 1943 unternahm der Schweizer Maler Jean-Pierre Chabloz, der im Auftrag der Kautschukkampagne (Campanha da Borracha) in Fortaleza arbeitete, mit anderen Künstlern einen Ausflug zur Praia Formosa und sah die Wandbilder. Auf seine Frage, wer sie male, antwortete man ihm, das sei ein Indio, der komme, zeichne und wieder verschwinde. Er hinterließ seine Adresse bei den Bewohnern, und Monate später trafen die beiden einander. Chabloz gab Arbeiten auf Papier in Auftrag, stellte das Material und zahlte im Voraus: Bristolkarton, Tusche, Gouache, Pastellfarbe, Bleistifte, Federn und Pinsel. Während seiner Aufenthalte von 1943 bis 1945 und von 1947 bis 1948 kam so eine Sammlung von etwa zwanzig Gouachen zusammen.Galvão 1986, S. 37–38.

Bevor er bekannt wurde, hieß es im Viertel, er sei schwachsinnig. Estrigas wies diese Einschätzung später zurück und beschrieb ihn als aufgeweckt und geschickt, wenn auch ohne Schulbildung. Die ersten Gouachen gelangten 1944 in die Ausstellungen von Fortaleza, in den III. Salão Cearense de Pintura.Galvão 1986, S. 11; Estrigas 1988, S. 95. 1945 richtete Chabloz in der Galeria Askanasy in Rio de Janeiro eine Ausstellung mit Künstlern aus Ceará aus, an der auch er beteiligt war; sie brachte die erste überregionale Besprechung.Mário Baratta: Exposição cearense. In: O Estado. Fortaleza, 1. Juli 1945 (Digitalisat, abgerufen am 1. August 2026).Galvão 1989, S. 12–13.

In diesem Jahrzehnt wurden kaum Bilder verkauft. Da es in Fortaleza keinen Kunstmarkt gab, zirkulierten sie als Geschenke an Angehörige der kulturellen Elite der Stadt; ein spezialisierter Handel entstand erst in den 1960er Jahren, und er selbst gehörte zu den Namen, die ihn trugen.Silberstein 1977, S. 224.Oliveira 2019, S. 442–443.

1948 kehrte Chabloz mit der Sammlung nach Europa zurück, und Chico da Silva legte die Pinsel für etwa zehn Jahre beiseite. Die Tageszeitung O Nordeste aus Fortaleza vermeldete die Abreise im August jenes Jahres.Letras & Artes. In: O Nordeste. Fortaleza, 13. August 1948, S. 1 (online). Die Bilder reisten ohne ihn: 1949 nach Genf in den Salon Beauregard, wo das Journal de Genève eine Ausstellung von „gouaches primitives“ des amazonischen Indio-Malers Francisco Silva ankündigte, zu sehen bis zum 12. Oktober,Société mutuelle artistique (Salle Beauregard). In: Journal de Genève. Genf, 5. Oktober 1949, S. 5 (online). 1950 nach Lausanne in die Galerie Pour l’Art, 1951 nach Lissabon in die brasilianische Botschaft und 1952 nach Paris, wo Chabloz sie André Malraux und dem Kritiker Christian Zervos zeigte. Malraux antwortete brieflich, man möge dem Maler Wände anvertrauen.Jean-Pierre Chabloz: Francisco Silva ou a ingenuidade perdida. In: Jornal do Brasil. Rio de Janeiro, 23. August 1969, Caderno B, S. 25. Im Dezember 1952 veröffentlichte Chabloz in der Pariser Zeitschrift Cahiers d’Art den Aufsatz Un indien brésilien ré-invente la peinture. Von November 1955 bis Februar 1956 war das Werk in Le Brésil zu sehen, dem Überblick über brasilianische primitive, volkstümliche und moderne Kunst, mit dem das Ethnographische Museum von Neuenburg in der Schweiz seinen Ausstellungssaal eröffnete.Le Brésil: arts primitifs indigène, afro-brésilien, populaire; arts modernes. Musée d’ethnographie, Neuchâtel 1955 (Katalogaufnahme RERO 1613895).

Universitätsmuseum und Kunstmarkt Im November 1959 traf Chabloz nach seiner Rückkehr nach Fortaleza auf einen Maler, der nicht mehr malte, und stellte ihn Antônio Martins Filho vor, dem Rektor der Universidade Federal do Ceará, der gerade das Kunstmuseum der Hochschule aufbaute. Von der Universität angestellt, malte Chico da Silva fortan in den Räumen des Museums; dort entstanden die rund vierzig Arbeiten, die den Kern jener Sammlung bilden. Der Maler selbst schilderte die Anstellung anders: Dem Correio da Manhã sagte er 1966, er habe zwei Tage durchgehalten und sei gegangen, weil man ihn angeschrien habe; ein Porträt aus Fortaleza von 1967, das die Anstellung durch den Rektor samt gutem Gehalt bestätigt, lässt ihn mit der Bemerkung gehen, er sei kein Mann, der für einen Chef arbeite. An der Eröffnungsausstellung des Museums am 25. Juni 1961 war er mit sechs Gouachen beteiligt.Estrigas 1988, S. 39. Seine erste Einzelausstellung hatte zwei Monate zuvor, am 10. April, im Haus der Diários Associados eröffnet und war eine Woche lang zu sehen.Estrigas 1988, S. 33, 36. Übersichten über Künstler aus Ceará, 1965 und 1967 in Fortaleza erschienen, schrieben den Diários Associados weiterhin seine Einführung beim Publikum zu.Hilton Oliveira: 100 anos de Iracema inspira artista. In: Unitário. Fortaleza, August 1965, S. 164 (online).