mini|hochkant|Thomas Jefferson (Rembrandt Peale, 1800)|alternativtext=Der ältere Thomas Jefferson in einem schwarzen Anzug und einem weißen Halstuch. mini|hochkant|James Madison (John Vanderlyn, 1816)|alternativtext=Ein Porträt des älteren Madison mit einem schwarzen Anzug, einer weißen Fliege und einer weißen Perücke vor dunklem Hintergrund. Die Kentucky and Virginia Resolutions (auch Resolves of 1798 und Virginia and Kentucky Resolutions genannt) sind eine Reihe von Beschlüssen, die Ende 1798 von der Virginia General Assembly und der Kentucky General Assembly gefasst wurden. Die beiden mehrheitlich republikanisch gesinnten Staatsparlamente reagierten damit auf die Alien and Sedition Acts, ein Gesetzespaket des von Föderalisten dominierten US-Kongresses, in dem sie einen schwerwiegenden Eingriff in die Rechte von Einwanderern und in die Meinungsfreiheit sahen.
In ihren Resolutionen warfen beide Parlamente der Bundesregierung vor, mit den Alien and Sedition Acts einen verfassungswidrig gehandelt zu haben. Zugleich skizzierten sie darin die „compact theory“, eine neue Auslegung der Verfassung der Vereinigten Staaten: Diese sei ein Vertrag zwischen den einzelnen Bundesstaaten beziehungsweise zwischen deren, in ihnen organisierten Bürgern. Demnach hätten die Bundesstaaten das Recht, Handlungen der Bundesregierung für verfassungswidrig und damit nichtig zu erklären. Die anonymen Autoren waren die späteren Präsidenten Thomas Jefferson im Falle der Kentucky und James Madison im Falle der Virginia Resolutions.
Die Föderalisten waren dagegen der Ansicht, die in den beiden Resolutionen vertretenen Prinzipien widersprächen klar denen der US-Verfassung. In der Präsidentschaftswahl 1800 siegte jedoch der Republikaner Jefferson. Zuvor hatte Madison mit dem Report of 1800 eine Rechtfertigung der beiden Resolutionen verfasst, die von der Virginia General Assembly verabschiedet wurde. Einige Jahre vor seinem Tod, während der Nullifikationskrise, distanzierte sich Madison aber von der Vorstellung, ein einzelner Bundesstaat könne gegen die Mehrheit des Landes ein Gesetz beibehalten oder für verfassungswidrig erklären.
In den folgenden Jahrzehnten, insbesondere vor und nach dem Sezessionskrieg, beriefen sich Befürworter der States’ Rights-Lehre immer wieder auf die Kentucky and Virginia Resolutions, auf den „Geist von ’98“ (Spirit of ’98) oder die „Prinzipien von ’98“ (Principles of ’98). Mit den Resolutionen wurden mehrfach rassistische Institutionen wie die Sklaverei und die Jim-Crow-Rassentrennung gerechtfertigt. Obwohl eine Mehrheit des Landes solche Rassengesetze nicht mehr duldete, beharrten einzelne Bundesstaaten, speziell im Süden, darauf, diese innerhalb ihrer Grenzen beizubehalten.
Hintergrund Die Verfassung Die erste Verfassung der Vereinigten Staaten, die ihre Unabhängigkeit 1783 im Frieden von Paris vom Königreich Großbritannien erhalten hatten, waren die Konföderationsartikel. Die Bundesregierung in Form des Konföderationskongresses war besonders schwach; die meiste Macht wurde den einzelnen Bundesstaaten überlassen. Dieses Ungleichgewicht führte schon bald zu Problemen, weshalb 1787 auf Initiative der Föderalisten ein Verfassungskonvent einberufen wurde. Die aus ihr hervorgegangene Verfassung stärkte die Bundesregierung entscheidend. Mit dieser Regierungsreform wollten die Föderalisten einen Staat etablieren, der Probleme wie die hohe Staatsverschuldung effektiv lösen könnte und nicht auf regionale Interessengruppen oder die „middling sorts“, also die aufstrebende Mittelschicht, achten müsste. Als Zugeständnis an die Anti-Föderalisten, also die Gegner der neuen Verfassung, wurden unter Anleitung des führenden Föderalisten James Madison zehn Zusatzartikel verabschiedet, die Bill of Rights. Der Zweck dieser „papierenen Barriere“ war es, die Grundrechte zu schützen. Zu ihnen zählt der Erste Zusatzartikel, der die Meinungs-, Religions-, Presse- und Versammlungsfreiheit unter Schutz stellt.Gordon S. Wood: Empire of Liberty: A History of the Early Republic, 1789–1815, S. 15, 67–70. Die Anti-Föderalisten fürchteten nämlich, dass eine starke Zentralregierung wie einst die britische Krone ihre „Rechte als Engländer“ (rights of Englishmen) verletzen könnte. Sie werden in der Forschung daher oft als „Männer ohne Vertrauen“ (men of little faith) bezeichnet; der Begriff geht auf eine einflussreiche Studie der Politikwissenschaftlerin Cecelia M. Kenyon zurück.Cecelia M. Kenyon: Men of Little Faith: The Anti-Federalists on the Nature of Representative Government In: The William and Mary Quarterly, Band 12 (1955), S. 3–43
Bereits während der Debatte um die neue Verfassung entstanden erste Vorläufer zu der 1798 von Madison und Thomas Jefferson entwickelten Verfassungsinterpretation der Kentucky and Virginia Resolutions. Im Federalist-Artikel Nr. 39 (Teil der von Madison, Alexander Hamilton und John Jay geschriebenen Federalist Papers, dem bekanntesten Verfassungskommentar aus der Zeit der Gründerväter) erläutert Madison, dass alle Bundesstaaten souverän und freiwillig an die Verfassung gebunden seien. Auch im Ratifikationskonvent von Virginia verglichen einige Föderalisten die Verfassung mit einem Vertrag. So sollte den Anti-Föderalisten die Angst vor der neuen Bundesregierung genommen werden. Schon 1790 machte die General Assembly von Virginia von der interposition Gebrauch. In einem Parlamentsbeschluss protestierte sie gegen die Handlungen der Bundesregierung. Eine extremere Form der interposition ist die Nichtigkeitserklärung (Nullifikation), bei der ein Einzelstaat ein Gesetz der Bundesregierung außer Kraft setzt.Kevin R. Gutzman: The Virginia and Kentucky Resolutions Reconsidered: “An Appeal to the Real Laws of Our Country” S. 473–496, hier: S. 475–477
Parteienbildung und Alien and Sedition Acts mini|hochkant|Die Alien and Sedition Acts von 1798|alternativtext=Der originale Gesetzestext der Alien and Sedition Acts. In den 1790ern führte der neue Finanzminister Hamilton eine Reihe an weitgehenden Finanzreformen aus, die eine eher laxe Auslegung der Verfassung voraussetzten. Mit seinen Reformen gewann er die Gunst der wohlhabenden Kaufleute der Atlantikküste, vor allem in Neuengland. Diese soziale Schicht bildete die Basis für die eher kaufmännisch-industriell orientierte Föderalistische Partei. Gegen Hamilton positionierten sich Außenminister Jefferson und dessen Freund und Helfer Madison, die für eine striktere Auslegung der Verfassung eintraten. Für sie war der Zweck der Verfassung, die Macht der Bundesregierung zu begrenzen. Die Wählerschaft ihrer Republikanischen Partei (Die Republikanische Partei Jeffersons ist eine andere Partei als die heutige Republikanische Partei, die erst Mitte des 19. Jahrhunderts entstand.) gründete auf der reichen Plantagenelite der Südstaaten und den Siedlern in der Frontier. Sowohl ehemalige Anti-Föderalisten als auch ehemalige Föderalisten unterstützten aus Unzufriedenheit mit Hamiltons Regierungspolitik die Republikaner. Zwischen diesen beiden Lagern fand eine politische Polarisierung statt.Ralph Ketcham: James Madison: A Biography. Taschenbuchausgabe der Erstauflage 1971. S. 331–333.
Neben den hamiltonischen Finanzreformen diskutierten Republikaner und Föderalisten vor allem die Französische Revolution und ihre außenpolitischen Konsequenzen. Die Republikaner hielten Frankreich auf Grund ihrer geteilten demokratischen Ideale für einen natürlichen Alliierten der Vereinigten Staaten. Hingegen schockierten die Hinrichtung Ludwig XVI. und die Schreckensherrschaft die Föderalisten, die eine Annäherung an das Königreich Großbritannien befürworteten. Auch nach der Amerikanischen Revolution stand das frühere Mutterland in einem regen wirtschaftlichen und kulturellen Austausch mit den Vereinigten Staaten. In die Koalitionskriege zwischen Frankreich und dem Rest Europas wollten sich weder Republikaner noch Föderalisten verwickeln.Ralph Ketcham: James Madison: A Biography. Taschenbuchausgabe der Erstauflage 1971. S. 337–340. Dennoch kam es zu Überfällen beider Kriegsparteien auf amerikanische Handelsschiffe. Verhandlungen darüber mit dem französischen Außenminister Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord führten 1798 zur XYZ-Affäre und zur Eskalation der Konflikte mit Frankreich im unerklärten Quasi-Krieg. Die föderalistische Regierung unter Präsident John Adams reagierte im Sommer 1798 mit den Alien and Sedition Acts. Neben einer Reihe fremdenfeindlicher Maßnahmen beinhaltete das Gesetzespaket auch den Sedition Act, ein Verbot jeglicher „falscher, skandalträchtiger oder boshafter Schriften“ gegen den Staat oder seine Amtsträger. In Folge dieses Gesetzes wurden mehrere republikanisch gesinnte Verleger wie Benjamin Franklin Bache sowie der Politiker Matthew Lyon verfolgt und verhaftet.Ralph Ketcham: James Madison: A Biography. Taschenbuchausgabe der Erstauflage 1971. S. 393–394.
Reaktion der Republikaner mini|hochkant|John Adams (Asher Brown Durand)|alternativtext=Der ältere John Adams vor schwarzem Hintergrund mit braunem Anzug und weißem Halstuch. Die republikanische Opposition zeigte sich über das Gesetzespaket schockiert. Viele fürchteten, dass die republikanische Presse nun mundtot gemacht würde und sie ausspioniert werden könnten; selbst Vizepräsident Jefferson warnte Madison, dass Agenten ihren Briefwechsel kontrollieren könnten. Besonders fremdstämmige Politiker wie der Schweizamerikaner Albert Gallatin fühlten sich bedroht. Die Republikaner hielten solch eine eklatante Einschränkung der Meinungsfreiheit für einen klaren Verstoß gegen den 1. Zusatzartikel der Verfassung, ebenso die Änderungen des Einwanderungsrechts – gemäß dem 9. Abschnitt des 1. Artikels der Verfassung durfte vor 1808 die Einwanderung oder der Import von Personen vom Kongress nicht unterbunden werden. Viele Republikaner wie John Page werteten die neuesten politischen Entwicklungen als einen Kampf zwischen den guten, tugendhaften Patrioten – ihnen – und den selbstsüchtigen Parteisoldaten – den Föderalisten. In ihren Augen hatten die Föderalisten sich gegen die Bürger der Vereinigten Staaten und deren Freiheit verschworen. Die Republikaner warfen den Föderalisten sogar vor, insgeheim die Rückkehr der Britischen Monarchie zu wünschen. Es kam daher schon vor der Verabschiedung der Alien and Sedition Acts zu Protesten und Petitionen, die teils zum zivilen Ungehorsam aufriefen. 4000 Personen nahmen an einer Massenkundgebung in Lexington in Kentucky teil – für die damalige Frontier eine immens hohe Zahl – und beschlossen, sich notfalls mit Waffengewalt zu wehren.Douglas Bradburn: A Clamor in the Public Mind: Opposition to the Alien and Sedition Acts, S. 565–600, hier: S. 567–568 Angesichts des herrschenden Kriegsfiebers fiel es den Republikanern jedoch schwer, etwas gegen das Gesetz zu unternehmen. Auch der Erzföderalist Hamilton, der seit den frühen 1790ern eine Hassfigur der Republikaner war, warnte, dass die Alien and Sedition Acts zu radikal seien. Der föderalistische Kongress sah sich jedoch vom Quasi-Krieg mit Frankreich zu radikalen Maßnahmen berechtigt.Ralph Ketcham: James Madison: A Biography. Taschenbuchausgabe der Erstauflage 1971. S. 393.Christian G. Fritz: Monitoring American Federalism: The History of State Legislative Resistance, S. 92James Roger Sharp: American Politics in the Early Republic: The New Nation in Crisis, S. 192Kevin R. Gutzman: The Virginia and Kentucky Resolutions Reconsidered: “An Appeal to the Real Laws of Our Country”, S. 473–496, hier: S. 484