Die Antisemitismusforschung untersucht alle Ursachen und Formen des Antisemitismus. Ihre Vertreter entwickeln, diskutieren und veröffentlichen wissenschaftliche Theorien zu den Themen und dokumentieren antisemitische Tendenzen, Methoden und Praktiken. Die Definition und Merkmale des rund 2500 Jahre alten Phänomens, seine Haupttypen und ihr Verhältnis zueinander werden fortlaufend diskutiert, bisher ohne ein eindeutig umrissenes Endergebnis.
Überblick Erklärungen für Judenfeindlichkeit werden seit dem 18. Jahrhundert gesucht. Eine systematische wissenschaftliche Forschung entwickelte sich daraus erst nach dem Holocaust. Seither versucht die Antisemitismusforschung vieler Länder besonders dessen direkte und indirekte, kurz- und langfristige Ursachen aufzuklären.
Sie ist jedoch kein fest umrissenes Fachgebiet, sondern umgreift vielfältige Forschungsansätze und beteiligte Disziplinen, darunter Geschichtswissenschaft, Psychologie, Soziologie, Theologie und Literaturwissenschaft. Diese nähern sich dem Phänomen von verschiedenen Seiten und mit verschiedenen Fragestellungen. Sie thematisieren sowohl die Einzelepochen wie auch übergreifende Zusammenhänge – etwa zwischen christlichem Antijudaismus und Rassismus –, sowohl die Kontinuitäten in allen Formen von Judenfeindlichkeit wie auch ihre Differenzen und Transformationen im Lauf der Geschichte Europas.
Zudem widmet sich die Antisemitismusforschung der Analyse gegenwärtiger qualitativer und quantitativer Formen von Judenfeindlichkeit. Dabei wird auch der 1879 von Wilhelm Marr eingeführte Antisemitismusbegriff selbst immer neu und kontrovers diskutiert, etwa seine sprachliche Richtigkeit, die Anwendbarkeit auf frühere Epochen, die Breite der darunter zu behandelnden Phänomene und die Problematik seiner Abgrenzung zu verwandten Begriffen.
Die vielfältigen und multinationalen Forschungsansätze haben eine Institutionalisierung der Antisemitismusforschung lange Zeit erschwert. Erst 1982 kam es unabhängig voneinander zur Einrichtung zweier universitärer Zentren: dem Vidal Sassoon International Center for the Study of Antisemitism an der Hebräischen Universität Jerusalem und dem Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin. Das Jerusalemer Institut verwendet Antisemitismus als Oberbegriff für alle Formen von Judenfeindlichkeit und untersucht diesen weltweit von der Antike bis zur Gegenwart. Einen Überblick über seine wie auch amerikanische und deutsche Forschungsergebnisse bietet die vierbändige Reihe Current Research on Antisemitism, herausgegeben von Herbert A. Strauss und Werner Bergmann.
Das Berliner Institut dagegen verwendet den Begriff vorwiegend für die „moderne“, völkisch-rassistisch geprägte Judenfeindlichkeit, die im 19. Jahrhundert entstand. Sein Schwerpunkt liegt auf der europäischen, besonders der deutschen Geschichte. Dazu gibt es das Jahrbuch für Antisemitismusforschung heraus.Metropol Verlag: Jahrbuch für Antisemitismusforschung. Es wurde von 1982 bis 1990 von dem Historiker Herbert A. Strauss geleitet, dem von 1990 bis 2011 Wolfgang Benz folgte. Am 1. Juni 2011 trat Stefanie Schüler-Springorum seine Nachfolge an. Sie leitete zuvor das Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg.Antisemitismus ist ein geschlossenes Weltbild. Zeit Online, 4. Juli 2011.
Aufklärerische Vorurteilskritik Die christliche Theologie des Mittelalters begründete die Lage und das Leiden der jüdischen Minderheit in christlich dominierten Gesellschaften häufig als „Fluch Gottes“, zur „Bestrafung“ für die „Kollektivschuld“ des vorgeworfenen „Gottesmordes“. So wurden die mittelalterlichen Judenverfolgungen zur Zeit des Schwarzen Todes zur selbst erfüllenden Prophezeiung. Die Juden blieben als „Zeugen der Wahrheit des Christentums“, wie es die Päpstliche Bulle Cum nimis absurdum 1555 in Anlehnung an Augustinus formulierte,Augustinus: De civitate Dei, XVIII, 46. Deutsche Übersetzung online aus der christlichen Ständeordnung ausgeschlossen und wurden meist nur als „potentielle Christen“ toleriert. Die gegen sie gerichteten Diskriminierungen sollten sie zum Übertritt zum Christentum nötigen und somit die Erfüllung der christlichen Heilsgeschichte belegen.
Die Denker der Aufklärung begannen diese Deutungsmuster zu durchbrechen und als irrationalen Aberglauben zu kritisieren. Die soziale Sonderrolle der Juden wurde nun nicht länger als Naturgesetz, sondern als Ergebnis zweck- und interessenbestimmter Vorurteile betrachtet, die es durch Menschenbildung und sozialen Fortschritt aufzuheben galt. Dabei wurden Juden nicht mehr als heilsgeschichtlicher Gegenpol zur jenseitigen Erlösung im Christentum, sondern als gleichberechtigte und daher zu emanzipierende Staatsbürger eingeordnet. Ihre religiösen, sozialen und ökonomischen Besonderheiten, die auch viele Aufklärer zum Teil negativ bewerteten, führte man fortan auf die Jahrhunderte dauernde Diskriminierung und Verfolgung zurück.
Die aufgeklärte Kritik am mittelalterlichen Judenhass klammerte die jüdische Religion aus der Erklärung für die christlichen Vorurteilsstrukturen aus. Sie umfasste in der Ablehnung jeglicher Religion auch das Judentum und zielte auf seine Aufhebung in einer von einer religionslosen vernunftbestimmten Humanität.Jacob Katz: Vom Vorurteil bis zur Vernichtung. Der Antisemitismus 1700–1933. München 1990, S. 30 ff. Gotthold Ephraim Lessing formulierte diese säkulare Utopie in seinem Drama Nathan der Weise: Er beschwor die Toleranz der drei abrahamitischen Religionen und ließ gerade die jüdische Hauptfigur (eine Hommage an Lessings engen Freund Moses Mendelssohn) diese vertreten. Andererseits forderte Lessing wenige Jahre später in Die Erziehung des Menschengeschlechts die notwendige Aufhebung des „jüdischen Kinderglaubens“ und lehnte damit seinerseits das konkrete Judentum seiner Zeit ab.Gotthold E. Lessing: Die Erziehung des Menschengeschlechts. §. 20 und 51; Berlin 1780. Dtv, 1997, ISBN 3-423-02630-8.
Die Ambivalenz der aufklärerischen Kritik an Judenfeindlichkeit zeigte sich vor allem an den Plänen zur Judenemanzipation. Diese wurde vielfach nicht mit Philosemitismus oder den Menschenrechten, sondern mit politischen Interessen an der Wirtschaftsförderung und Homogenisierung des modernen Staates begründet. Die Assimilation der Juden, also die Aufgabe ihrer ethnischen und religiösen Besonderheiten, wurde als Gegenleistung oder Bedingung für ihre rechtliche Gleichstellung eingefordert.Rainer Erb, Werner Bergmann: Die Nachtseite der Judenemanzipation. Der Widerstand gegen die Integration der Juden in Deutschland 1780–1860. Berlin 1989. Für diese Position im deutschsprachigen Raum maßgebend war die Schrift Über die bürgerliche Verbesserung der Juden (1781) von Christian Wilhelm Dohm.Christian Wilhelm Dohm: Über die bürgerliche Verbesserung der Juden. Olms, 1973, ISBN 3-487-04631-8. In Frankreich wurde die rechtliche Gleichstellung der Juden 1791 in einem Gesetzesakt vollzogen, während sie sich in Deutschland von 1812 bis 1871 und nochmals bis 1918 auf kleine, oft revidierte Teilschritte ausdehnte. Der Anspruch von Juden auf gleiche Rechte wurde vom Fortgang ihrer Anpassung abhängig gemacht und vielfach trotz ihrer Anstrengungen verweigert.
Hieran knüpfte die Judenfeindlichkeit dieser Epoche an. Die verkürzte Aufklärung antijüdischer Vorurteile, welche die historische Eigenart des Judentums selbst vielfach nicht tolerierte, begünstigte die Entstehung ethnozentrischer und rassistischer Theorien, die den modernen Antisemitismus pseudowissenschaftlich zu untermauern versuchten. Diese erklärten einen irrationalen Judenhass in der Bevölkerung als angeblich unvermeidbaren Dauerkonflikt aus unveränderlichen Volkstums- und Rasse-Eigenschaften. Sie behaupteten also einen unaufhebbaren, durch keine Geistesbildung oder soziale Veränderung überwindbaren Gegensatz zwischen Juden und allen übrigen Völkern bzw. konstruierten Rassen. Dies war wesentlicher Bestandteil der antisemitischen Propaganda und gab ihr den Schein einer wissenschaftlichen Debatte, welche die sogenannte Judenfrage tief im öffentlichen Denken und Fühlen verankerte. So konstatiert zum Beispiel der 1921 erschienene, bis 1945 als Standardwerk geltende und in Hitlers Mein Kampf eingearbeitete Grundriss der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene von Fritz Lenz:Erwin Baur, Eugen Fischer, Fritz Lenz: Grundriss der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene. Band 1, J. F. Lehmanns Verlag, München 1923, S. 294, zitiert nach Das Standardwerk zur menschlichen Erblichkeitslehre und Rassehygiene von Erwin Baur, Eugen Fischer und Fritz Lenz im Spiegel der zeitgenössischen Rezensionsliteratur 1921–1941. „… und es ist klar, daß die Juden ihr so überaus günstiges Abschneiden in der sozialen Auslese nicht ihrer Konfession, sondern ihren Rasseanlagen verdanken.“ Die „Lösung“ erschien dann nur durch Vertreibung oder Ausrottung aller Juden vorstellbar, wie sie der Nationalsozialismus im Gefolge dieses aggressiven Nationalismus und Rassismus anstrebte.
Marxistische Ideologiekritik Karl Marx deutete mit seinem Aufsatz Zur Judenfrage (1843) den Antisemitismus erstmals im Rahmen einer allgemeinen Kapitalismuskritik. Über seine generelle Religionskritik hinaus wandte er sich auch gegen einen weltlichen Gehalt des Judentums. Die Judenemanzipation müsse als Emanzipation der Menschheit vom Judentum begriffen werden, da das weltliche Judentum den Kapitalismus repräsentiere:
Diese Problemlösung sei aber ausschließlich über den Klassenkampf und nicht über den antisemitischen Rassenkampf erreichbar. Der Antisemitismus sei als manipulative Ablenkung von realen Klassengegensätzen zu begreifen, als eine Ersatzideologie zur Kanalisierung sozialer Unzufriedenheit. Friedrich Engels distanzierte sich 1890 vom Antisemitismus als einer Abwehrreaktion vorkapitalistischer Gesellschaftsschichten:
Der Marxismus ordnete also das konkrete zeitgenössische Judentum – ebenso wie den Hass dagegen – als zu überwindende Begleiterscheinung und Ausdrucksform des Kapitalismus ein. Dabei wurde Antisemitismus zwar erstmals als Ausdruck gesellschaftlicher Interessen analysiert, dessen Entstehung jedoch fast ausschließlich als interessengebundene Manipulation des Bewusstseins erklärt. August Bebel prägte auf dem Kölner Parteitag der SPD 1893 die sozialdemokratische Parteiposition, dass der Antisemitismus eine innerkapitalistische Strategie zur Bekämpfung des Sozialismus sei. Antisemitismus räume den von Proletarisierung bedrohten Mittelschichten eine Möglichkeit systemkonformer Kapitalismuskritik ein, indem er mit den Juden einen Teil der Bourgeoisie dem Zorn der bedrohten Schichten preisgebe.
Diese Manipulationsthese wurde nach 1945 in der marxistisch-leninistischen Geschichtsschreibung zu einem statischen Erklärungsmuster verfestigt. So schrieb etwa der DDR-Historiker Walter Mohrmann 1972:
Die marxistischen Deutungen des Antisemitismus sahen diesen als überwiegend in reaktionären Interessengruppen verbreitet. Da er eine politische Funktion für deren Herrschaftsinteressen ausübe, eigne er sich zur Instrumentalisierung. Als Kritik an den marxistischen Analysen wurde vorgebracht, dass der Antisemitismus nicht auf eine „herrschende Klasse“ begrenzt war, sondern sich durch alle Bevölkerungsschichten zog. Er sei daher nicht als Manipulationsstrategie der Bourgeoisie zu verstehen. Vielmehr habe er auch dort bereitwillige „Abnehmer“ und Teilnehmer gefunden, wo Judenhass keine rationale Interessenbasis hatte, weil dort nur wenige Juden lebten und so kaum Einfluss auf die wirtschaftliche Situation der Bevölkerung hatten.
Außerhalb des Ostblocks entwickelten unter anderem Moishe Postone und Detlev Claussen mit ihrer These von der „halbierten Kapitalismuskritik“ eine abgeschwächte Version der marxistischen Deutung des Antisemitismus. Postone erachtete die einfachen, auf die Thesen marxistischer Klassiker aufbauenden Erklärungsmodelle besonders im Blick auf den Nationalsozialismus als zu einseitig und damit wenig fruchtbar: