Die Geschichte Guatemalas umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet der Republik Guatemala von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Das Gebiet Guatemalas war Siedlungsgebiet der Maya. Im 16. Jahrhundert wurde es Teil des spanischen Kolonialreiches. Nach dem Ende der Kolonialzeit im 19. Jahrhundert wurde es 1839 eine selbständige Republik.
Maya
Präklassische Periode mini|Takalik Abaj mini|Tikal mini|Iximché mini|Die Stadt Flores wurde auf den Trümmern von Tayasal errichtet
Erste Besiedlungsspuren durch die Maya im Gebiet des heutigen Guatemala lassen sich bereits für die Mitte des zweiten Jahrtausends vor Christus nachweisen. Entsprechende archäologische Befunde finden sich sowohl im nordöstlichen Tiefland Guatemalas, im heutigen Departamento Petén, als auch im Hochland, beispielsweise auf dem Gebiet der heutigen Hauptstadt Guatemala-Stadt. Mit dem Übergang von der frühen zur mittleren präklassischen Periode der Mayakultur entstanden die ersten urbanen Zentren.Bertina Olmedo Vera: The Mayas of the Classic Period, in A. Arellano Hernández: The Mayas of the Classic Period. Consejo Nacional para la Cultura y las Artes (CONACULTA), Mexiko-Stadt 1997, ISBN 970-18-3005-9, S. 26. Die nach derzeitigem Stand der Forschung älteste größere Mayastadt war Nakbé, das sich im Norden des Departamento Petén nahe der Grenze zu Mexiko befindet.Robert J. Sharer, Loa P. Traxler: The Ancient Maya. 6. Auflage. Stanford University Press, Stanford, Ca. 2006, ISBN 0-8047-4817-9, S. 214. Hier begann die architektonische Entwicklung um das Jahr 1000 v. Chr. und die Stadt erlebte ihre Blüte in der Zeit von etwa 800 bis 400 v. Chr. Parallel dazu und von den Anfängen her nur unwesentlich später als Nakbé entwickelten sich auch im westlichen guatemaltekischen Küstentiefland in den heutigen Departamentos Retalhuleu und Suchitepéquez Städte, von denen Takalik Abaj und Chocolá besondere Bedeutung erlangten,Sharer/Traxler: The Ancient Maya, S. 236. und im zentralen Hochland, auf dem Gebiet der heutigen Hauptstadt, die Stadt Kaminaljuyú.Marion Popenoe de Hatch, Christa Schieber de Lavarreda: Una revisión preliminar de la historia de Tak'alik Ab'aj, departamento de Retalhuleu. In: Juan Pedro Laporte, Ana Claudia Monzón de Suasnávar, Bárbara Arroyo: XIV. Simposio de Investigaciones Arqueológicas en Guatemala, 2000. Museo Nacional de Arqueología y Etnología, Guatemala-City 2001, S. 991. Takalik Abaj, das anfangs noch unter dem Einfluss der Olmeken stand,Richard E. W. Adams: Prehistoric Mesoamerica. 3. Auflage. University of Oklahoma Press, Norman, Ok. 2005, ISBN 0-8061-3702-9, S. 88. und Chocolá verdankten ihre Bedeutung wohl in erster Linie dem Anbau von Kakao, Kaminaljuyú seiner strategischen Lage an der Handelsroute von der Pazifikküste zum Kernland der Maya im Tiefland von Petén.Hatch/Lavarreda: Una revisión preliminar de la historia de Tak'alik Ab'aj, departamento de Retalhuleu, S. 991. Dort im nordöstlichen Tiefland folgte mit El Mirador, Uaxactún, Tikal, Seibal, Cival und anderen schon bald eine Reihe weiterer Städte, die in der Zeit der späten Präklassik ab etwa 400 v. Chr. bedeutende Zentren wurden.Olmedo Vera: The Mayas of the Classic Period, S. 28.Simon Martin, Nikolai Grube: Chronicle of the Maya Kings and Queens: Deciphering the Dynasties of the Ancient Maya. Thames & Hudson, London 2000, ISBN 0-500-05103-8, S. 25–26. In diesen Städten bildeten sich Herrschereliten heraus, so dass sie sich zu Stadtstaaten entwickelten.
Klassische Periode Insbesondere Tikal hatte bereits in der präklassischen Zeit die Rolle einer regionalen Hegemonialmacht im Nordosten des heutigen Guatemala eingenommen. Und während die meisten Städte der präklassischen Periode bis zum Ende des 2. Jahrhunderts nach Christus aus bislang ungeklärten Gründen vom Großteil ihrer Bevölkerung verlassen wurden und in die Bedeutungslosigkeit versanken,Martin/Grube: Chronicle of the Maya Kings and Queens: Deciphering the Dynasties of the Ancient Maya, S. 8. überlebte Tikal diese Phase und blieb auch in der klassischen Periode die vorherrschende Macht im südöstlichen Teil Mesoamerikas. Dabei geriet es jedoch zeitweilig in die Abhängigkeit von Stadtstaaten auf dem Gebiet des heutigen Mexiko. So eroberte im Jahr 378 eine Armee der im zentralmexikanischen Hochland gelegenen Stadt Teotihuacán Tikal, wobei der damalige Herrscher getötet und ein neuer eingesetzt wurde.Arthur Demarest: Ancient Maya: The Rise and Fall of a Forest Civilization. Cambridge University Press, Cambridge 2004, ISBN 978-0-521-53390-4, S. 218.Francisco Estrada-Belli: The First Maya Civilization: Ritual and Power Before the Classic Period. Routledge, Abingdon 2011, ISBN 978-0-415-42994-8, S. 123–126.Sharer/Traxler: The Ancient Maya, S. 324. Die von den Eroberern eingesetzte Herrscherdynastie verschmolz allerdings schon bald mit der alten und Tikal behielt seine vorherrschende Stellung in der Region bei. Bedeutender war ein Konflikt mit der Kaan-Dynastie, die in der auf der Halbinsel Yucatán im heutigen mexikanischen Bundesstaat Quintana Roo gelegenen Stadt Dzibanche residierte. Diese hatte sich ab dem Jahr 546 zunehmend in die inneren Angelegenheiten von Stadtstaaten eingemischt, die eigentlich im Machtbereich von Tikal lagen. Die Intervention der Kaan-Dynastie in einen Konflikt zwischen Tikal und seinem Vasallen Caracol zugunsten Caracols im Jahre 562 mündete schließlich in einem offenen Krieg. Tikal wurde vernichtend geschlagen und durchlebte infolgedessen eine mehr als hundert Jahre andauernde Schwächephase. Der Grund für die Niederlage Tikals dürfte unmittelbar mit dem zeitgleichen Niedergang Teotihuacáns zusammengehangen haben, mit dem es seit dem 4. Jh. verbündet war.Nikolai Grube: Maya, Gottkönige im Regenwald. Könemann, Köln 2000, ISBN 3-8290-1564-X, S. 103. Erst im Jahr 695 gelang es Tikal, seinerseits Calakmul, den nunmehrigen Residenzort der Kaan-Dynastie, zu erobern und seine alte Machtposition wiederzuerlangen. In den folgenden gut hundert Jahren erlebte Tikal seine größte Blütezeit. Zu dieser Zeit lebten vermutlich etwa 50.000 Menschen im Stadtkern und etwa 200.000 Menschen in der Metropolregion von Tikal (eine Größe, die wohl kaum eine Stadt in Europa zu dieser Zeit erreichte). Die Ausgrabungen in Tikal haben bislang etwa 3000 Gebäude, darunter mehrere Tempelpyramiden, zutage gefördert, die sich über eine etwa 15 km² große Fläche ausbreiten. Aus bis heute nicht abschließend geklärten Gründen verließen die Maya das Gebiet jedoch etwa im 10. Jh. Nach der vorherrschenden Theorie waren Klimaveränderungen, Dürren und ökologische Zerstörungen die Ursache.Michael D. Coe: The Maya. 6. Auflage. Thames & Hudson, New York 1999, ISBN 0-500-28066-5, S. 151–155.
Postklassische Periode In der Folge entstanden im Hochland im Süden des heutigen Guatemala kleinere Reiche,Sharer/Traxler: The Ancient Maya, S. 717. die nun mehr den Charakter von Flächenstaaten annahmen. Zu erwähnen sind vor allem die Reiche der Quiché mit der Hauptstadt Q'umarkaj (Utatlán), der Tzutuhil um den Atitlán-See sowie der Cakchiquel mit der Hauptstadt Iximché. Diese drei Reiche hatten einen gemeinsamen Ursprung. Sie entstanden, als um das Jahr 1200 n. Chr. herum ein fremdes Volk vom Golf von Mexiko her entlang des Río La Pasión in das guatemaltekische Hochland vordrang und die dort lebenden Quiché Maya unterwarf. Bei den Eroberern handelte es sich vermutlich um ein Nahua-Volk. Dieses bestand aus sieben Clans: den Begründern der drei Abstammungslinien der Quiché (Nima K’iche‘, Tamub und Ilok’ab), den Vorfahren der Cakchiquel, der Tzutuhil und der Rabinal, sowie einem siebten Clan namens Tepew Yaki.Robert M. Carmack: The Quiché Mayas of Utatlán. University of Oklahoma Press, Norman, Ok. 1981, ISBN 0-8061-1546-7, S. 49.John W. Fox: Maya Postclassic State Formation: Segmentary Lineage Migration in Advancing Frontiers. Cambridge University Press, Cambridge 1987, ISBN 0-521-32110-7, S. 90–95. Nachdem die genannten Reiche aufgrund ihres gemeinsamen Ursprungs anfangs eng miteinander verbunden waren, entfremdeten sie sich mit der Zeit und lieferten sich angesichts der zunehmenden Expansionsbestrebungen des Quiché-Reiches diverse kriegerische Auseinandersetzungen. Neben den vorgenannten Reichen war im guatemaltekischen Hochland noch das der Mam mit der Hauptstadt Zaculeu sowie das der Pocomam mit der Hauptstadt Mixco Viejo von Bedeutung.
Auch im nordöstlichen Tiefland von Guatemala kam es noch einmal zur Bildung von Mayastaaten, als sich zunächst Ende des 12. Jh. die Itzá und in der ersten Hälfte des 14. Jh. die Ko’woj von Yucatán aus nach Süden zurückzogen.Ralph L. Roys: The Book of Chilam Balam of Chuyamel. Carnegie Institution, Washington D.C. 1933 (; 3,2 MB), S. 103. Die Itzá siedelten sich im Gebiet des Petén-Itzá-Sees an und errichteten ihre neue Hauptstadt Tayasal auf einer Insel in diesem See.Ruben E. Reina: A Peninsula That May Have Been an Island: Tayasal, Peten, Guatemala. University of Pennsylvania Museum of Archaeology and Anthropology, Philadelphia, Pa. 1966 (), S. 16–29. Die Ko’woj ließen sich etwas weiter östlich nieder. Ihre Hauptstadt befand sich zunächst bis etwa 1450 in Topoxté und später in Zacpetén.
Kolonialzeit Conquista 1511 landeten die Spanier in Südamerika und eroberten 1524 unter Pedro de Alvarado von Mexiko aus die genannten Reiche im Hochland. Dabei kam Pedro de Alvarado der Umstand zugute, dass sich die Cakchiquel zu dieser Zeit im Konflikt mit den Quichés und den mit diesen verbündeten Tzutuhil befanden. So riefen die Cakchiquel die Spanier zu Hilfe und unterwarfen mit diesen gemeinsam die Quiché, verloren zugleich aber auch ihre eigene Unabhängigkeit. Als Anführer der Quiché im Kampf gegen die Spanier und die Cakchiquel gilt der legendäre Tecun Uman, der bis heute insbesondere von großen Teilen der indigenen Bevölkerung Guatemalas als ein Nationalheld verehrt wird. Nach Unterwerfung der Quiché errichteten die Spanier in unmittelbarer Nachbarschaft von Iximché, der alten Hauptstadt der Cakchiquel, ihren ersten Verwaltungssitz, das heutige Tecpán. Mit Unterbrechungen leisteten die Cakchiquel noch bis 1535 Widerstand.
Während Pedro de Alvarado gegen die Reiche im südlichen Hochland Guatemalas zog, nahm der Eroberer Mexikos, Hernán Cortés, den Weg weiter nördlich vom Golf von Mexiko über das Gebiet um den Petén-Itzá-See zum Golf von Honduras. Auf diesem Weg kam er auch durch das Reich der Itzá und traf in Tayasal mit deren Herrscher (Halach Huinik) Ah Kaan Ek zusammen,Scharer/Traxler. The Ancient Maya, S. 761 mit dem er eine katholische Messe feierte. Er unternahm aber keinen Versuch, die Itzá zu unterwerfen. In der Folge blieben die Itzá und Ko'woj in Petén noch über 150 Jahre fast unbehelligt durch die Spanier. Lediglich im Jahr 1618 besuchten zwei Franziskanerbrüder Taysal, wobei sie unter anderem feststellten, dass das von Cortés errichtete Kreuz noch stand. Erst ab Mitte der 1680er Jahre gab es ernsthafte Versuche, sie zu unterwerfen, die zunächst aber scheiterten. Im Jahr 1697 gelang es schließlich dem Gouverneur von Yucatán, Martín de Urzúa y Arizmendi, Tayasal als letzte noch freie Maya-Stadt zu erobern.Reina. A Peninsula That May Have Been an Island: Tayasal, Peten, Guatemala, S. 19. Die schwer zugängliche Westküste des Golfes von Honduras wurde bereits 1527 von Francisco de Montejo und 1531 von Alonso Dávila erkundet.
Kolonialherrschaft Das Land wurde Teil des 1535 gegründeten Vizekönigreiches Neuspanien, wobei sich die 1524 erbaute Stadt Ciudad Vieja zu einem regionalen Verwaltungszentrum des Generalkapitanats Guatemala entwickelte. Die Stadt wurde 1542 durch Überschwemmungen und ein Erdbeben zerstört, so dass der Sitz der Regionalregierung 1543 nach Santiago de los Caballeros (das heutige Antigua) verlegt werden musste. Da auch diese Stadt 1773 zerstört wurde, musste erneut ein neuer Verwaltungssitz gefunden werden; seit 1776 befand sich aber die regionale Verwaltung im heutigen Guatemala-Stadt.